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Pockenimpfung mit Impfpistole, 1950er Jahre || Bild: Yousuf Karsh
Die Pockenimpfung – eine Erfolgsgeschichte
13. November 2018 Impfen Lesezeit 6 min
Die erste Impfung, die es gab, war gegen die Pocken. Die Krankheit gilt heute als ausgerottet. Bei keiner anderen Krankheit ist das bisher gelungen.

Jahrtausendelang wurde die Menschheit von den Pocken geplagt. Während man der Krankheit in Europa bis Ende des 17. Jahrhunderts machtlos gegenüberstand, wurden in Indien schon vor mehr als 2.000 Jahren Versuche unternommen, Menschen zu immunisieren, indem man Pustelsekret in Hautschnitte einbrachte.

Im 18. Jahrhundert gelangte das Wissen aus dem Fernen und Nahen Osten langsam nach Europa. Der in Konstantinopel praktizierende griechische Arzt Emanuele Timoni berichtete von der Methode der Inokulation oder Variolation: Man infizierte gesunde Kinder mit einer milden Form der Pocken, indem man sie mit Kindern zusammenbrachte, die an mildem Pockenverlauf litten oder ihnen deren Pustelinhalt aufbrachte.

Durch die Initiative von Lady Mary Wortley Montagu, Ehefrau des britischen Botschafters in Konstantinopel, erlangte dieses Wissen weite Verbreitung. Sie ließ öffentlichkeitswirksam ihre eigenen Kinder inokulieren. In Folge überzeugten sich viele Ärzten von der Wirksamkeit dieser sogenannten griechischen Methode.

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Maria Theresia und die Impfungen in Österreich

Kaiserin Maria Theresia (1717–1780) führte nicht nur die Unterrichtspflicht ein und reformierte Verwaltung und Wirtschaft, sie ebnete auch den Weg dafür, weite Teile der Bevölkerung zu impfen. Sie hatte selbst drei Kinder durch Pocken verloren. Als sie von der neuen Methode der Inokulation erfuhr, ließ sie nicht nur ihre eigenen jüngeren Kinder impfen, sondern richtete ein „Inokulationshaus“ am Rennweg ein, wo sich die Bevölkerung kostenlos impfen lassen konnte.

Die Variolation ist eine Infektion mit abgeschwächten menschlichen Pockenviren und birgt für Menschen Risiken in sich: Die Viren können rückmutieren und so eine Erkrankung auslösen. Die Todesrate durch die Impfungen beträgt 0,5–3 Prozent, was noch immer wesentlich besser ist als die Todesrate der natürlichen Pocken mit 10–30 Prozent. In der Bevölkerung rief die absichtliche Infektion mit Krankheitserregern aber dennoch Skepsis hervor.

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Die Injektionsspritze war damals noch nicht erfunden. Zur Impfung ritzte man die Haut ein und brachte den Impfstoff in die Wunde ein. Auch später nahm man für die Pockenimpfung keine Spritze, sondern verwendete gegabelte Nadeln oder Impfpistolen (Headerbild und Video unten).

Wie funktionieren Impfungen?

Man verabreicht der Person abgetötete oder abgeschwächte Krankheitserreger. Dadurch kann das körpereigene Immunsystem Antikörper produzieren und ist, wenn es das nächste Mal mit dem Erreger in Kontakt kommt, vorbereitet.

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Edward Jenners Vakzination

Ende des 18. Jahrhunderts machte der englische Arzt Edward Jenner eine neue Methode bekannt: die Vakzination, die Impfung mit Kuhpocken-Viren (lat. vacca = Kuh), die für den Menschen weniger Risiken birgt, da Kuhpocken für Menschen ungefährlich sind. Außerhalb Englands führte als Erster Paskal Joseph Ferro, ein niederösterreichischer Arzt, Impfungen nach dieser Methode durch, unter anderem an seinen eigenen Kindern. Diese „englische Methode“ fand in Österreich rasch Verbreitung. 1803 wurde die Inokulation schließlich verboten, nur noch die Vakzination war erlaubt.

In der Ärzteschaft war man anfänglich trotz des Erfolgs der Massenimpfung und der Begeisterung der Zuständigen für die öffentliche Gesundheit gespalten. Es herrschte eine rege Debatte um die Wirksamkeit der Kuhpocken-Impfung. Christian Ludwig Mursinna zum Beispiel, königlich preussischer Generalchirurg, schreibt 1800 in der medizinisch-chirurgischen Zeitung darüber, dass die Kuhpocken-Impfung „ausführbar und ohne alle Gefahr für Individuen aller Alter“ ist.

Mursinna war euphorisch, andere aber stellten die Wirksamkeit stark infrage. 1801 erklärt etwa Dr. Marcus Herz, die Kuhpocken-Impfung sei mit Vorsicht zu betrachten – und sie gehöre nicht zur „Materia medica“, also den damals anerkannten medizinischen Methoden, sondern zum Studium.

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Edward Jenner
1749–1823

Bei der Pockenepidemie im Jahr 1800 wurden in Österreich erstmals Massenimpfungen durchgeführt. Die Impfbereitschaft in der Bevölkerung war hoch und zeigte schnell Wirkung. Vier Jahre lang blieb Wien von einer Epidemie verschont, in zwei Jahren waren nur fünf Kinder an den Pocken gestorben, davor waren es bis zu 500 jährlich gewesen.

Danach nahm die Impfbereitschaft in der Bevölkerung freilich wieder stark ab. Die Behörden reagierten mit Impfkampagnen und Maßnahmenpaketen. Das Schutzpockenimpfungs-Hauptinstitut in Niederösterreich war das erste auf dem Kontinent. Kreisärzte und Wundärzte mussten an Sonntagen unentgeltlich impfen, Hebammen sollten werdende Mütter von der Notwendigkeit des Impfens überzeugen, Pfarrer forderten Kirchenbesucher von der Kanzel herab zum Impfen auf.

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Illustration von 1798: Hautreaktion nach einer Kuhpockenimpfung

Erste Impf-Regulierung

Die „Vorschrift zur Leitung und Ausübung der Kuhpocken-Impfung“ von 1808 ist ein erstes Regulativ für das Impfgeschehen und beschreibt medizinische, politische und organisatorische Maßnahmen. Damals wie heute war das Impfen föderal geregelt: Auf Provinzebene war der Impfdirektor für die gesamte Organisation der Kuhpockenimpfung verantwortlich – von den Wundärzten, die durch ihn zugelassen werden mussten, bis hin zur Distribution von „Impfmaterial“. Detailliert wurde erklärt, wie die Impfung richtig ausgeführt wird und wie die „ächten Kuhpocken verlaufen“.

Die Aufklärung des Volkes war auch im 19. Jahrhundert schon Aufgabe des Arztes. Er sollte über die Vorteile der Kuhpockenimpfung aufklären und musste Impfungen genauestens dokumentieren – wer dieser Pflicht nicht nachkam, wurde gerügt. Parallel wurden Priester verpflichtet, bei Taufen Briefe an die Eltern zu verteilen. Die Vorschrift legte auch fest, dass jene, die sich nicht impfen ließen und kein Zertifikat der Impfung aufweisen konnten, von Stipendien und öffentlich unentgeltlichen Erziehungs-Instituten ausgeschlossen waren; wer in die Schule wollte, musste die Impfung schnellstmöglich nachholen. Und: Es gab einen partiellen Impfzwang. „Zöglinge“ in Waisenhäusern und Versorgungsanstalten des Staates mussten geimpft werden.

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Bonus für fleißige Impfer

Die Impfung sollte aufseiten der Bevölkerung und der Ärzte besonders gefördert werden. So war die Vakzination gratis, und besonders impffreudige Ärzte wurden hervorgehoben und belohnt. Die besten drei bekamen 200, 150 und 100 Gulden und eine Erwähnung in der Wiener Zeitung. Die Vorschrift enthält neben einem Impfzeugnis außerdem ein Formular für all jene, die „bösen Willen gegen die gute Sache haben“; Ärzte wurden also aufgefordert zu denunzieren, wer die Impfung nicht unterstützt.

Damit wurde ein umfassendes Set an Anreiz- und Sanktionsmechanismen ins Leben gerufen, um sicherzugehen, dass die Durchimpfung der Bevölkerung möglichst schnell und möglichst flächendeckend passiert. Die Vorschrift von 1808 war der Grundstein dafür. Das Vorhaben gelang, denn Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts brachen die Pocken nur mehr dann aus, wenn sie eingeschleppt wurden.

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Circulare der niederösterreichischen Landesregierung 1811: Für die Kuhpocken-Impfung gibt es Belohnungen.
Bild: Faksimile
Aus der Vorschrift zur Leitung und Ausübung der Kuhpocken-Impfung in den kaiserlich königlich deutschen Erbstaaten von 1808: Durch Impfung soll die Krankheit ausgerottet werden, die Impfung soll allgemeinen Eingang in die Bevölkerung finden.
Bild: Faksimile
Aus der Vorschrift zur Leitung und Ausübung der Kuhpocken-Impfung in den kaiserlich königlich deutschen Erbstaaten von 1808: Für Ungeimpfte gibt es kein Stipendium, Waisenkinder müssen vakziniert werden, Seelsorger sollen bei Impfungen dabei sein, um in der Bevölkerung das Vertrauen dafür zu stärken.
Bild: Faksimile

38 Jahre Impfpflicht

Auch wenn der Begriff Pflicht zunächst nicht vorkam, wurden eindeutig Maßnahmen festgelegt, die einer Pflicht respektive einem Zwang gleichkommen, etwa die Impfung von Kindern in Waisenhäusern. Für den Besuch öffentlicher Erziehungsanstalten war die Impfung vorgeschrieben, Sanktionen gab es allerdings nicht.

Eine Ausnahme machte im 19. Jahrhundert Kronprinz Rudolf beim k.u.k Heer. Er führte per Verordnung 1886 eine Impfpflicht für Präsenzdiener ein. Als Sammelstelle für eine Vielzahl an Menschen war das Heer prädestiniert für Epidemien – angesichts der tragenden Rolle für nationale Sicherheit und Kriegsführung sollte die Impfpflicht Ausbrüche unter Soldaten verhindern; wenig später, 1888, weitete er die Pflicht auch auf Strafanstalten aus.

In Preußen wurde 1874 eine allgemeine Impfpflicht für die Pocken eingeführt. Dort sank die Anzahl der Todesfälle von 2.642 im Jahr 1868 auf drei im Jahr 1879. In der österreichischen Monarchie hingegen starben 1874 1.866 Menschen an den Pocken, im Jahr darauf 3.094.

Erst 1939 wurde mit der „Einführung reichsrechtlicher Vorschriften zur Bekämpfung übertragbarer Krankheiten in der Ostmark vom 14. Juli 1939“, deutsches zu österreichischem Recht und somit auch in Österreich die Impfpflicht eingeführt; lange nachdem es die letzten Pockenfälle gegeben hatte (1923 in Vorarlberg).

1948 wurde das „Bundesgesetz über Schutzimpfungen vom 30. Juni 1948“, eingeführt, das ebenfalls eine allgemeine Impfpflicht enthielt. 1977 wurde aufgrund der weltweit epidemiologische Lage die Impfpflicht gegen Pocken in Österreich abgeschafft.

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In den 1960er Jahren waren die hygienischen Voraussetzungen noch etwas anders als heute: Impfungen mit Impfpistole in Wien

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Blick in die Zukunft

Die 1808 ausgedrückte Hoffnung, mit der Impfung Epidemien und Massensterben beenden zu können, hat sich für die Pocken bewahrheitet; 1923 verzeichnete man die letzten 18 Fälle. Ende 1979 waren die Pocken auch weltweit ausgerottet. Rund 130 Jahre brauchte man, um die Bevölkerung vollständig zu immunisieren und eine Verbreitung der Pocken gänzlich einzudämmen.

Seit 1963, also seit 55 Jahren, gibt es einen Impfstoff gegen die Masern. Ihre Ausrottung sollte aufgrund des technologischen und medizinischen Fortschritts ein wenig schneller gehen ; wenn die wiederholt verschobene Ausrottungs-Frist der WHO – bis 2020 – dieses Mal hält, dann hat das 57 Jahre, also etwas mehr als halb so lang, gebraucht. 

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