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Wie politisch ist der Islamunterricht in Österreich?

Das Thema Islam und Schule steht angemessen weit oben auf der Tagesordnung der politischen und gesellschaftlichen Debatte in Österreich, seit die Wiener Lehrerin und Lehrergewerkschafterin Susanne Wiesinger ihre Erfahrungen an Wiener Brennpunktschulen im Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ öffentlich gemacht hat. Susanne Wiesinger ist heute als Leiterin der Ombudsstelle für schulische Kulturkonflikte im Bildungsministerium tätig.

In ihrem Buch hat sie auch darauf hingewiesen, dass der islamische Religionsunterricht an den Pflichtschulen in manchen Fällen eher Teil des Problems als der Lösung ist. Zwar betont die Islamische Glaubensgemeinschaft, dass der von ihr vollständig kontrollierte Unterricht das Ziel verfolge, die Integration muslimischer Schüler und Jugendlicher in die Mehrheitsgesellschaft zu unterstützen und kritisches, selbstständiges Denken zu fördern. Eine nähere Beschäftigung mit dem Lehrpersonal und mit den verwendeten Lehrbüchern lässt allerdings Zweifel daran aufkommen, dass dem auch tatsächlich so ist.

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Unser Rechercheteam hat sich sehr eingehend mit dem Lehrbuch „Islamstunde“ beschäftigt01, das der Schulbuchverlag Veritas im Auftrag der Glaubensgemeinschaft produziert. Der Verlag hatte schon vor drei Jahren bei dem an der Universität Wien lehrenden Professor für Islamische Religionspädagogik, Ednan Aslan, ein Gutachten in Auftrag gegeben, in dem dieser grundsätzliche Kritik an dem in der „Islamstunde“ transportierten Islamverständnis übte, das sowohl inhaltlich als auch mit Blick auf die zu Wort kommenden Autoren eher isolierende als integrative Ansätze zeige.

Aslans Kritik und Anregungen wurden – mit einer Ausnahme – von der Glaubensgemeinschaft drei Jahre lang ignoriert, die Lehrbücher blieben unverändert. Vor diesem Hintergrund mutet es eigenartig an, dass die IGGÖ genau in dem Zeitraum, in dem wir die Stadt Wien und den Schulbuchverlag mit der Kritik konfrontieren und um Stellungnahme bitten, über die Tageszeitung Die Presse ihren Plan öffentlich macht, einen eigenen Schulbuchverlag für die Islam-Lehrbücher zu gründen03. Die Glaubensgemeinschaft bezog sich dabei auf Aslans Kritik, die sie drei Jahre lang ignoriert hatte, und nannte als Grund für das Vorhaben, dass sie mehr Kontrolle über die Inhalt haben wollte. Dabei war schon bisher ausschließlich die IGGÖ für die Inhalte verantwortlich, die der Dienstleister Veritas publizierte.

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Wir haben die „Islamstunde“ zusätzlich zwei hochrangigen Experten vorgelegt, dem in Münster lehrenden Theologen Mouhanad Khorchide und der Leiterin des Frankfurter Instituts für Islamismus-Forschung, Susanne Schröter. Die überwiegend negativen Einschätzungen der Beiden sind in eine umfassende Darstellung des Lehrbuchs eingebettet.

Ein zweiter Strang der Recherche galt den Lehrern, die im Auftrag der Glaubensgemeinschaft den Islamunterricht durchführen02. Die Recherche gestaltete sich aufgrund der mangelhaften Datenlage sehr aufwendig, das Ergebnis: Jeder 13. jener Wiener islamischen Religionslehrer, die wir über die Websites der einzelnen Schulen identifiziert haben, lässt sich in seinen vor allem in den sozialen Medien auffindbaren Äußerungen als Anhänger des politischen Islams erkennen. Wir veröffentlichen die Namen dieser Lehrer, weil sie erstens auch auf den Websites der Schulen öffentlich sind, und weil wir der Auffassung sind, dass Eltern die Möglichkeit haben sollten zu wissen, mit wem es ihre Kinder im islamischen Religionsunterricht zu tun haben.

Wir wollten mit der IGGÖ als der für die Auswahl der Lehrer zuständigen Behörde auch darüber sprechen, leider bekamen wir keinen Termin. Wir gehen davon aus, dass die Veröffentlichung zu weiteren Debatten führen wird und sind weiterhin daran interessiert, der Öffentlichkeit auch die Haltung der Islamischen Glaubensgemeinschaft zu Inhalten und Lehrenden des islamischen Religionsunterrichts an öffentlichen Schulen zur Verfügung zu stellen: damit sich jeder sein eigenes, vollständiges Bild machen kann. 

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