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„Freiheit ist in diesem System nicht vorhanden“

Welchen Einfluss hat der politische Islam auf unsere Gesellschaft, und wie kann man diesem am besten entgegentreten? Der Politikwissenschaftler Hamed Abdel-Samad sprach beim Addendum-Event über Gefahren und mögliche Lösungen. Die wichtigsten Aussagen zum Nachlesen und Nachhören.

19.06.2019

Seit Jahren kämpft der Politikwissenschaftler und Autor Hamed Abdel-Samad gegen den politischen Islam. Seine unangenehmen Thesen haben ihn zum Feindbild für Islamisten gemacht, vor allem aufgrund seiner Analysen zur Muslimbruderschaft wurde eine Fatwa über ihn verhängt. Seitdem lebt Abdel-Samad unter Polizeischutz. Auch bei seinem Besuch in der Addendum-Redaktion war er ständig in Begleitung mehrerer Personenschützer. Hamed Abdel-Samad wiederholte seine Warnungen vor der Muslimbruderschaft05, die sich auf eine ungewöhnliche Art und Weise durch Islamwissenschaftler, Journalisten und Politiker in den westlichen Gesellschaften rehabilitiert habe, „die meinen, man kann mit Islamisten kooperieren, um die Integration zu befördern.“ Mit Blick auf den Tod des ehemaligen ägyptischen Präsidenten und Muslimbruders Mohammed Mursi rief der Islam-Kritiker die Behörden dazu auf, genau hinzusehen, wer die Demonstrationen und Kundgebungen finanziert und organisiert, um so einen weiteren Einblick in die Netzwerke des politischen Islams zu bekommen.

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Fatwas sind durch religiöse Autoritäten verabschiedete islamische Rechtsmeinungen. Im Fall von Hamed Abdel-Samad hat eine ägyptische Islamistengruppe nach einem seiner Vorträge zu seiner Verfolgung und Tötung aufgerufen.

Die Muslimbruderschaft

Die Muslimbruderschaft ist die älteste und derzeit wohl einflussreichste islamistische Bewegung und wurde vom Ägypter Hassan al-Banna gegründet. Sie tritt den lokalen Gegebenheiten entsprechend in unterschiedlicher Form auf. In westlichen Ländern betätigt sie sich über zivilgesellschaftliche Vereine und religiöse Verbände. Die Beeinflussung kann auch über politische Parteien oder Medien stattfinden. Teilweise wird daher von „Unterwanderung“ gesprochen.

In Österreich entstanden die Netzwerke der Muslimbrüder in den 1960er Jahren. In dieser Zeit flohen ranghohe Mitglieder vor dem ägyptischen Präsidenten Gamal Abdel Nasser, der sie nach einem gescheiterten Attentat verfolgen ließ. Österreich soll für die Muslimbrüder aus zwei Gründen als beliebter Zufluchtsort gegolten haben: zum einen aufgrund der großzügigen Asylgewährung für politische Flüchtlinge. Zum anderen steht der Vorwurf im Raum, dass die Behörden fremde Organisationen ziemlich unbehelligt gewähren lassen, sofern sie keine direkte Sicherheitsbedrohung für Österreich darstellen.

Der Kardinalfehler sei gewesen, dass von Anfang an die konservativen islamischen Vereine als Ansprechpartner für den Staat herangezogen wurden, anstatt die muslimischen Migranten als Menschen und Individuen zu sehen und zu behandeln, so Hamed Abdel-Samad.

Man hätte von Anfang an klar sagen müssen, wir gehen mit den Migranten in erster Linie als Menschen um.
Aber wir haben uns entschieden, mit den Migranten hauptsächlich als Muslime umzugehen.

Dadurch seien islamische Gruppierungen wie die Muslimbruderschaft und andere konservative Kräfte deutlich gestärkt worden. Abdel-Samad ist überzeugt: Die Kombination aus „schlechtem Gewissen“ der westlichen Gesellschaften und der Opferhaltung der muslimischen Verbände schade der Integration.

Dann haben wir keinen Diskurs mehr, sondern Moralismus.

Um diese Kombination aufzubrechen, bräuchte es laut Hamed Abdel-Samad vor allem eine deutliche Stärkung der Kinderrechte. „Warum gibt es keinen Kinderschutzparagraph in der Verfassung?“. Es sei vollkommen unverständlich, warum es ein Recht auf Religionsfreiheit gibt und allerorts der Tierschutz hochgehalten wird, aber der Kinderschutz – zum Beispiel beim Zwang zum Kopftuch – deutlich zu kurz kommt. Für ihn steht fest: Kleine Kinder würden niemals freiwillig ein Kopftuch tragen.

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Das Kind, das ein Kopftuch mit sechs Jahren getragen hat, wird dieses Stück Stoff mit 18 Jahren mit seinem Leben verteidigen.

Hamed Abdel-Samad sprach sich erneut für die Abschaffung des konfessionsorientierten Religionsunterrichts aus. Denn dieser befeuere die Integrations-Probleme nur weiter, da viele Unterrichtsmaterialien eine ideologisch konservative Schlagseite haben01 und auch das von der Glaubensgemeinschaft autonom ausgesuchte Lehrpersonal, teilweise eine sehr bedenkliche Nähe zum politischen Islam aufweise02. Die staatliche Kontrolle über diesen Bereich sei derzeit stark beschränkt. Die Frage, was man gegen diese Entwicklungen in der Schule am besten tun kann, beschäftigte auch das Publikum. Ein erster Schritt, so Abdel-Samad, müsse es sein, die Kinder in der Schule zu ermächtigen, ihnen zu erklären welche Rechte sie haben und sie gleichzeitig mit Verhandlungsstrategien auszustatten. Er warnt jedoch davor, die Kinder gegen die eigenen Eltern und ihre Kultur auszuspielen.

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Die Kinder haben das Recht zu wissen: Diese Lebensweise ist nicht gottgegeben.

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19.06.2019

Das Rechercheteam

Jan Thies
Projektleitung
Stephan Frank
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