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Die Islamlehrer, die Muslimbruderschaft, Millî Görüş, Erdoğan nahestehen

Auf den Webseiten der Wiener Schulen stießen wir auf die Namen von 178 Islamlehrern der Glaubensgemeinschaft. 13 von ihnen, sie unterrichten an 22 Schulen, sympathisieren nach unseren Recherchen mit der Muslimbruderschaft, Millî Görüş oder der Ideologie des türkischen Präsidenten Erdoğan.

17.06.2019
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Etwa 220 islamische Religionslehrer unterrichten an Wiener Schulen. Österreichweit sind es knapp 600. Wer als Lehrer für islamischen Religionsunterricht arbeiten darf, entscheidet die Islamische Glaubensgemeinschaft ganz allein. Der Staat kontrolliert lediglich die Deutschkenntnisse und Zeugnisse der Lehrer, nicht aber, welches Islamverständnis sie haben: ein liberales, ein konservatives oder ein salafistisches.

13 in Wien tätige Lehrerinnen und Lehrer sympathisieren unseren Recherchen zufolge mit Organisationen und Personen, die dem Spektrum des politischen Islams zuzuordnen sind. Dazu zählen in Österreich in erster Linie die Muslimbruderschaft, die Millî-Görüş-Bewegung und der Moscheeverband ATIB, der der staatlichen türkischen Religionsbehörde Diyanet unterstellt ist. Die ideologische Nähe von Lehrkräften zu diesen Organisationen kann problematisch sein, obwohl sich die genannten Organisationen zum Prinzip der Legalität bekennen. Denn: Die politisch-islamische Ideologie ist in ihren Grundzügen gegen den liberal-demokratischen Verfassungsstaat gerichtet.

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Warum wir die Namen und Schulen der Lehrer nennen

Wir veröffentlichen diese Informationen aus zwei Gründen. Zum einen sind diese Namen auf den jeweiligen Internetseiten der Schulen bereits öffentlich. Zum anderen denken wir, dass es für Lehrer mit problematischen ideologischen Einstellungen an öffentlichen Schulen nicht grundsätzlich ein Recht auf Anonymität gibt. Der Religionspädagoge und Theologe Mouhanad Khorchide spricht mit Blick auf Lehrer aus dem Spektrum des politischen Islam von einem „Verbrechen an den Kindern“. Wer den Eltern verschweige, dass ihre Kinder wahrscheinlich sehr einseitig über ihre Religion aufgeklärt werden, der betrüge Eltern und Kinder.

„Der Islam ist die Lösung“

Diese Ideologie, die unter den Begriffen „politischer Islam“ oder „Islamismus“ gefasst wird, basiert auf einigen Prinzipien, die von allen Akteuren des politischen Islam geteilt werden.

Der folgende Text basiert auf dem Buch der Islamismus-Forscher Heiko Heinisch und Nina Scholz „Alles für Allah. Wie der politische Islam unsere Gesellschaft verändert“:

Der politische Islam ist antiwestlich und verspricht ein Gegenmodell zur aktuellen Weltordnung, zu Säkularismus und Demokratie. Die Parole der Muslimbruderschaft fasst es so zusammen: „Der Islam ist die Lösung!“ Seine politische Spielform teilt die Welt ein in „Gläubige“ und „Ungläubige“ – in Muslime und Nichtmuslime – und imaginiert eine idealisierte weltweite islamische Gemeinschaft (Umma). Der Islam wird ebenso wie die ihm anhängende Gemeinschaft als allen anderen überlegen betrachtet, was eng mit einer Ablehnung von liberaler Demokratie, allgemeinen Menschenrechten und der Trennung von Religion und Staat verbunden ist. Auch die Gleichberechtigung von Männern und Frauen wird grundsätzlich infrage gestellt. Die Gleichwertigkeit der Geschlechter vor Gott wird zwar stets betont, aber im Diesseits werden ihnen unterschiedliche Rechte und Pflichten zugewiesen. Letztlich streben Islamisten eine Gesellschaft und als Endziel eine Welt an, die islamischen Regeln folgt.

Diese Regeln und verbindlichen sozialen Normen werden aus der islamischen Überlieferung von Koran, Sunna (Sammlung der Mohammed zugeschriebenen Aussprüche und Handlungen) und Prophetenbiografie (Sira) abgeleitet und bestimmen das Leben des einzelnen Menschen bis in Details. Um in diesem Sinne ein guter Muslim, eine gute Muslimin zu sein, reicht es nicht, die traditionellen fünf Säulen des Islam zu beachten (Glaubensbekenntnis, Pflichtgebete, Almosengabe, Fasten, Pilgerfahrt), vielmehr sind alle Regeln des allgemeinen und alltäglichen Verhaltens zu befolgen, also etwa auch das Alkoholverbot, Speisevorschriften, Kleidervorschriften, Regeln für den Umgang mit Andersgläubigen, Regeln für den Umgang der Geschlechter und diverse sexuelle Restriktionen.

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Ein Fatwa-Rat für islamische Gebote in Europa

Die Befolgung dieses Regelwerks dient in den Augen islamistischer Ideologen, wie sie sich etwa im European Council for Fatwa and Research versammeln, einem von der Muslimbruderschaft geschaffenen europäischen Fatwa-Rat, nicht allein dem Führen eines gottgefälligen Lebens, sondern dem Markieren einer im täglichen Leben sichtbaren Grenze zwischen Muslimen und dem Rest der Gesellschaft. Die Gebote und Verbote, die Kategorien „halal“ und „haram“ sind daher unverzichtbare Bestandteile des islamistischen Diskurses. Mit ihnen soll sowohl eine Grenze nach außen gezogen, als auch die Gemeinschaft nach innen zusammengehalten werden.

Gleichzeitig versuchen Vertreter des politischen Islam die von ihnen aufgestellten Regeln in den öffentlichen Raum zu tragen und sie auch gegenüber dem Rest der Gesellschaft als verbindlich durchzusetzen.

Gleichzeitig propagieren Vertreter dieses Spektrums ihre islamistische Ideologie als den wahren Islam. Recep Tayyip Erdoğan wird mit den Worten zitiert: „Es gibt keinen Islam und Islamismus. Es gibt nur einen Islam. Wer etwas anderes sagt, beleidigt den Islam.“

Und Ḥasan al-Bannā, der Gründer der Muslimbruderschaft, sagte: „Und wenn sie euch sagen, ‚da ist Politik‘, dann sagt ihnen, dass das der Islam ist und wir die Trennung in Religion und Politik nicht kennen.“ Auf die Schriften al-Bannās und die darin postulierte Vorherrschaft und Souveränität der Muslime über die ganze Welt beziehen sich bis heute alle sunnitischen Islamisten.

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Schüler im Visier der Muslimbruderschaft

Organisationen aus dem Spektrum des politischen Islam setzen seit jeher auf Jugendarbeit. Seit einigen Jahren ist eine Verstärkung ihrer Bemühungen in diesem Bereich zu beobachten. „Einer der größten Erfolge unserer Organisation war es, für die islamkonforme Erziehung ganzer Generationen gesorgt zu haben“, so der Chefideologe der Muslimbruderschaft, Yusuf al-Qaradawi, über seine eigene Arbeit. Dem dienen einerseits Korankurse und Nachhilfe in Moscheen, aber auch der Religionsunterricht an öffentlichen Schulen. Zur Ausbildung der Religionslehrer wurden europaweit eigene Bildungsstätten gegründet.

Vor allem in der Türkei zeigt sich der Fokus der Regierung auf die Bildung der Jugend. Seit einer Schulreform im Jahr 2012 lässt Präsident Erdoğan, der selbst in der Millî-Görüş-Bewegung politisch und religiös sozialisiert wurde, die gesamte Türkei mit einem religiösen Schultyp überziehen, den sogenannten „Imam Hatip-Schulen“. Dabei handelt es sich um Berufsfachgymnasien für Jungen und Mädchen, an denen neben der Hochschulreife eine religiöse Ausbildung abgeschlossen wird, die Burschen zur Ausübung des Imam-Berufs berechtigt.

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Schulbau als Teil des Dschihads

Unter Erdoğan stieg die Zahl der Schüler und Schülerinnen dieser Schulen kontinuierlich von ursprünglich 65.000 (2002) auf über eine Million (2015) an. Parallel dazu wurde der Religionsunterricht an allen Schulen massiv ausgebaut. Nach den Worten Erdoğans ist die Erziehung einer „frommen Generation“ eines der Ziele seiner Regierung. In der Wiener Moscheestudie von Heiko Heinisch und Imet Mehmedi aus dem Jahr 2017 wird ein Imam der Islamischen Föderation (Millî Görüş) mit den Worten zitiert, auch der Bau von Schulen sei Teil des Dschihad.

Religionsunterricht: Teil des Kulturkampfs?

Der deutsche Kulturwissenschaftler Werner Schiffauer, der sich unter anderem intensiv mit der Jugendarbeit der Millî Görüş beschäftigt hat, zitiert einen Jugendfunktionär der Organisation mit den Worten:

„Wenn ich zu ihnen sage: ‚Gott befiehlt, dass ihr auch in der Schule beten müsst‘, dann sage ich ihnen gleichzeitig damit: ‚Ihr könnt auch an Orten beten, wo ihr bis jetzt überhaupt nicht ans Beten gedacht habt. Gott will das.‘“

Derselbe Funktionär erklärte seinen Schützlingen im Rahmen eines Jugendlagers, dass die Evolutionstheorie falsch sei, weil sie der Schöpfungslehre entgegenstehe, und fügte hinzu:

„Ich erzähle es ihnen, damit sie im Biologieunterricht den Mund aufmachen können. Man hat uns auch von der Evolutionstheorie erzählt, und wir haben geschwiegen. Sie sollen die Möglichkeit haben, etwas darauf zu sagen.“

Jugendliche werden von Organisationen des politischen Islam gezielt auf eine Art „Kulturkampf“ vorbereitet. Das Wirken dieser Organisationen ist anti-integrativ und verfolgt das Ziel, Muslime von der Gesellschaft abzuschotten. Es wäre naiv anzunehmen, dass Anhänger politisch-islamischer Organisationen, die ein totalitäres islamistisches System für gut halten, im Klassenzimmer Demokratie und Gleichberechtigung predigen.

Die IGGÖ schweigt

Auf eine Stellungnahme von der Islamischen Glaubensgemeinschaft auf unsere Recherchen, dass jeder 13. Wiener Islam-Lehrer mit der Muslimbruderschaft, Millî Görüş oder dem türkischen Präsidenten Erdogan sympathisiert, warten wir bis heute. Außer einigen Zahlen, Daten und allgemeinen Informationen, die uns die IGGÖ zur Verfügung gestellt hat, scheiterten über einen Zeitraum von drei Wochen alle Versuche, ein Gespräch mit einem offiziellen Vertreter der IGGÖ zu bekommen.

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Methodik der Recherche

Die Namen der Islamischen Religionslehrer, die an österreichischen Schulen unterrichten, sind nicht gesammelt verfügbar. Wir haben im Rahmen unserer Recherche in einem ersten Schritt alle Websites der Wiener Schulen durchforstet und die Namen der Lehrer recherchiert, die diese bekannt geben. Grundlage dafür war der Schulführer der Wiener Bildungsdirektion. Diesen haben wir automatisiert ausgelesen, um die Links zu rund 700 Schulwebsites zu finden. Da ein automatisiertes Durchsuchen der Websites nach dem Lehrpersonal des islamischen Religionsunterrichts nur bedingt erfolgreich war, da nicht alle Schulen Islamischen Religionsunterricht anbieten, haben wir die Websites einzeln geöffnet, um die jeweiligen Namen zu erfassen. Auf diesem Weg konnten 178 Islam-Lehrer identifiziert werden, die an zumindest rund 220 Schulen in Wien unterrichten.

Das entspricht eine Abdeckung von rund 80 Prozent aller in Wien tätigen islamischen Religionslehrer. Nach Angaben der Wiener Bildungsdirektion sind es aktuell 226. Für die von uns nicht namentlich erfassten 78 Religionslehrer können keine Angaben gemacht werden. Im Anschluss an die Recherche der Namen wurde nach den Personen in den sozialen Netzwerken gesucht, um herauszufinden, wer von ihnen durch Sympathiebekundungen des türkischen Präsidenten Erdoğan oder anderer Führer des politischen Islam auffällt. In einem zweiten Schritt wurden mögliche Verbindungen zu politisch-islamischen Organisationen überprüft. Die gesammelten Ergebnisse wurden anschließend mit diesen Organisationen nahestehenden Personen ausgewertet. Bei vielen Lehrern gab es einzelne Hinweise und informelles Wissen, das allerdings durch offizielle Quellen nicht ausreichend belegt werden konnte, um sie zweifelsfrei einer politisch-islamischen Organisation zuordnen zu können. Diese Personen fielen dadurch aus der Liste. Nach fundierter Quellensuche können wir 13 islamischen Religionslehrern eine Nähe zum politischen Islam nachweisen.

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17.06.2019

Das Rechercheteam

Jan Thies
Projektleitung
Danijel Beljan
Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

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