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Bild: Marco Govel | Westend61
Gutachter – die wahren Richter?
6. August 2018 Jugendamt Lesezeit 8 min
Nach einer Kindesabnahme hoffen Eltern meist auf Gerichtsgutachten, damit sie ihre Kinder wieder zurück in die Familie holen können. Durch intransparente Auftragsvergabe und hohe Kosten entsteht allerdings oft der Eindruck, dass diese Gutachten nicht so gründlich und unabhängig erstellt werden, wie sie sollten.

Vier Monate, nachdem ihr Sohn vom Jugendamt unangekündigt aus der Schule geholt wurde, hält Andrea B.* Mitte Juli endlich das Gutachten über ihre Erziehungsfähigkeit in den Händen. Es ist für sie ein gutes Ergebnis, wie sie sagt, glücklich ist sie darüber dennoch nicht: „Für den Aufwand ist es wenigstens halbwegs in meinem Sinn. Dabei habe ich ihnen sowieso die ganze Zeit gesagt, dass der Jakob* zu mir nach Hause will. Jetzt hat das Gutachten viel länger als vorgesehen gebraucht, und er ist noch immer dort drinnen festgehalten.“

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Gutachten als Freischein

„Dort drinnen“ ist in diesem Fall ein Krisenpflegezentrum in Oberösterreich, etwa eine halbe Stunde von Frau B.s Wohnort entfernt. Sie kämpft seit 17 Wochen darum, ihren zehnjährigen Sohn wieder selbst großziehen zu dürfen.

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Besagtes Gutachten ist dafür entscheidend. Die zuständige Richterin gab in der ersten Verhandlung, die zwei Wochen nach der Kindesabnahme stattfand, einem Neurologen und einer Psychologin sechs Wochen Zeit, um Frau B.s Geisteszustand und ihre Erziehungsfähigkeit einzuschätzen. Diese Frist wurde jedoch weit überschritten, und schon die Auswahl der Sachverständigen war für die Mutter nicht nachvollziehbar. Denn obwohl es auch in ihrem Landesgerichtssprengel zwei zertifizierte Psychologen gibt, musste sie für eins der Gutachten eigens nach Salzburg fahren. Da die zuständige Richterin entscheiden kann, welcher Gutachter bestellt werden soll, fuhr Frau B. vier Wochen nach der Verhandlung nach Salzburg. Dort wurde sie erst einmal überrascht.

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Gutachter ist nicht gleich Gutachter

Denn kaum ein Gutachten zur Erziehungsfähigkeit gleicht dem anderen. Nicht nur, weil jedes Gutachten andere Menschen analysiert, sondern auch, weil es keinen einheitlichen Aufbau gibt. Jeder Psychologe entscheidet selbst, welche Untersuchungen durchgeführt werden.

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Psychologen, Psychiater, Neurologen – je nach Entscheidung des Richters werden Sachverständige zurate gezogen, und zwar in aller Regel solche, die aufgrund Erfüllung der gesetzlichen Voraussetzungen in die Gerichtssachverständigen- und  Gerichtsdolmetscherliste eingetragen sind. Gemeinsam ist ihnen, dass sie den Geisteszustand prüfen und ein Urteil abgeben sollen, ob Eltern erziehungsfähig sind, ihre Kinder gut behandeln und deren Bedürfnisse einschätzen und erfüllen können. Gleichzeitig sollen sie oft psychische Krankheiten oder Traumata ausschließen und so verhindern, dass Kinder in ein Elternhaus zurückkommen, in dem ihnen psychische oder physische Schäden zugefügt werden.

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Name von der Redaktion geändert

Gutachten ist nicht gleich Gutachten

Infolgedessen wird je nach Rahmenbedingungen entschieden, welche Art von Experte beauftragt wird. Stehen Missbrauchsvorwürfe im Raum, ist das ein Grund, eine psychische oder psychiatrische Störung zu vermuten. Gleichzeitig unterscheiden sich die Gutachten und Untersuchungen: Aktenstudium, Persönlichkeitsuntersuchung, explorative Gespräche, Fragen nach der Kindheit oder Kreuzchentests zur Einstufung der Persönlichkeit. Alles kann vorkommen, teilweise beinhalten Gutachten auch seitenweise Gesprächstranskriptionen. Die einzelnen Gutachten variieren zwischen zwanzig und 150 Seiten.

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Für Frau B. prägten Chaos, Wartezeit und geistige Abwesenheit den Besuch bei der bestellten Psychologin: „Ich bin extra nach Salzburg gefahren und habe mehrere Fragebögen bekommen. Sie hat mir jeden weggenommen, kaum dass ich angefangen habe, und mir einen neuen gegeben – ich könnte die anderen ja später fertig ausfüllen. Nach einer Viertelstunde Gespräch meinte die Gutachterin, dass sie leider keine Zeit mehr hat, und ich solle zu einer Kollegin von ihr, die im Nachbarort Lebensberaterin ist, gehen.“ Unabhängig von der Gutachterin und ohne gerichtlichen Auftrag oder adäquate Anweisung wurde Frau B.* daraufhin eingeladen, am anschließenden Wochenende an einem Kurs teilzunehmen. Die Teilnehmer absolvierten damit die Ausbildung zum Lebensberater, Frau B.s Geschichte sollte als Fallbeispiel für die Auszubildenden verwendet werden.

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190 Euro, damit ich Versuchskaninchen spielen kann.

Willkürliche Beurteilung?

Für sie eine Ungerechtigkeit: „Da besteht das Gericht auf ein psychologisches Gutachten – was ich noch in Ordnung finde – und die Gutachterin bringt mich dazu, einer Freundin von ihr 190 Euro zu zahlen, damit ich am Wochenende Versuchskaninchen spielen kann. Und das, obwohl ich schon vor Ewigkeiten bei der Erziehungsberatung mit Lebensberatern sprechen musste. Alles, was damals rausgekommen ist, war, dass sie mir unterstellt haben, als Kind missbraucht worden zu sein. Dabei ist sowas nie vorgekommen. Trotzdem haben sie es geschafft, mir den Jakob wegzunehmen.“

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In einem zweiten Gespräch sollte Frau B. eine Familienaufstellung vornehmen. Dabei schien die Rolle des Kindsvaters, der seit Jahren keinen Kontakt zu Jakob möchte, relevanter zu sein als die ihres aktuellen Lebensgefährten – obwohl dieser mit Frau B. zusammenlebt und ein Bestandteil von Jakobs täglichem Leben ist.

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In einer Familienaufstellung sollen einzelne Personen die Mitglieder ihrer Familie in ihren Beziehungen zueinander analysieren. Dabei soll beispielsweise herauskommen, ob Elternteile einzelne Kinder bevorzugen oder welchen Einfluss Onkel oder Tanten auf die Kernfamilie haben.

Unterschiedliche Inhalte, idente Schlussfolgerung

Im Gutachten wird Frau B.s Lebensgefährte abgehandelt, doch im Gegensatz zum Kindesvater führte die Gutachterin mit ihm kein Gespräch. Ähnliches erzählen auch andere Eltern, unabhängig vom Hintergrund ihrer Gutachten. Egal ob in den Gutachten die Erziehungsfähigkeit beurteilt werden oder psychische Probleme ausgeschlossen werden sollen, die Fragen der Gutachter haben oft mehr mit der Vergangenheit als mit der aktuellen Situation zu tun. Häufig werden Beziehungen hinterfragt, im Falle von getrennten Eltern machen diese Kapitel oft einen Großteil der Gutachten aus. Das allerdings klärt nicht die Erziehungsfähigkeit einzelner Elternteile, lediglich das Konfliktpotenzial bei Kontakten. Ist eine Kindesabnahme in so einem Fall wirklich die bessere Lösung, als getrennte Eltern zur Paartherapie zu schicken?

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Auch bei derartigen Fragen unterscheiden sich die Meinungen von Gutachtern. Wie bei der Untersuchung von Eltern und Kindern gibt es keine Leitlinien, welche Beobachtungen zu welchen Schlussfolgerungen führen sollen. Je nach Gutachter gibt es somit Einzelfallurteile über die betroffenen Eltern, Referenzen auf frühere Fälle oder auf wissenschaftliche Literatur.

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Mangelnde Kompetenz

Selbst (Privat-)Gutachter, die psychologische oder psychiatrische Erfahrung haben, kritisieren, dass Gutachter die Erziehungsfähigkeit nicht ausreichend erheben können. Schließlich besteht ihre Tätigkeit darin, psychologische oder psychiatrische Probleme zu diagnostizieren, und nicht in der regelmäßigen Beobachtung von funktionalen oder dysfunktionalen Familien. Ebenso problematisch sei, dass viele Gutachter nur aus dieser Tätigkeit ein Einkommen beziehen. Das führe dazu, dass einerseits die tatsächliche psychologische oder psychiatrische Praxis fehle. Andererseits erstellen die Sachverständigen nur Momentaufnahmen von einzelnen Personen, können aber nicht bei Behandlung oder Therapie helfen.

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Kostenfaktor Gutachten

Ebenso problematisch ist daher die Abhängigkeit vom Gericht, auch wenn es dieses Problem über alle Fachbereiche der Gutachterei hinweg gibt. Dennoch gibt es Unterschiede. Ärzte und damit Psychiater sowie Neurologen erhalten pro Gutachten je nach Aufwand 39,70 oder 116,20 Euro. Dazu kommen Aktenstudium, Schreibgebühr und Zeitversäumnis. Gutachten belaufen sich damit oft auf rund 400 bis 600 Euro. Psychologen hingegen werden nach Stundenaufwand bezahlt. Je nachdem, wie lange Gespräche, Transkriptionen und Schreibarbeiten dauern, kommen Gutachten auf 4.000 bis 8.000 Euro – die von den betroffenen Eltern bezahlt werden müssen.

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Für Frau B. sind das beispielsweise 4.500 Euro für knapp 30 Seiten Gutachten. Mit Gerichts- und Anwaltskosten sowie den Unterhaltszahlungen an das Krisenzentrum kommt damit eine gewaltige Summe zusammen . Auch andere Betroffene erzählen von langen Wartezeiten auf Gutachten, belegen Ungenauigkeiten in deren Beschreibungen der Lebensumstände. Tatsachen würden verdreht, schriftliche Weisungen des Jugendamts unreflektiert abgeschrieben, der Wille der Richter einfach verschriftlicht – die Liste der Vorwürfe ist lang. Einige der Addendum vorliegenden Gutachten bestätigen diesen Eindruck. Sie erzählen seitenweise Aussagen wütender Ex-Partner, Sozialarbeiter oder weiterer Familienmitglieder nach. Die darin gezogenen Schlüsse sind manchmal schwer nachzuvollziehen.

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Zusatzkosten für Gegengutachten

Sind Eltern mit dem Ergebnis der gerichtlichen Begutachtung unzufrieden, können sie versuchen, ein Gegengutachten erstellen zu lassen. Kommt ein anderer Psychiater allerdings zu einem anderen Schluss als der gerichtlich bestellte, entsteht schnell der Eindruck eines Gegengeschäfts. Denn auch Privatgutachten kosten, meist sogar mehr als gerichtlich beauftragte – offiziell weil die Gutachten sorgfältiger erstellt werden und daher mehr Zeit benötigen. Verfahrensgegner können so unterstellen, dass das positive Urteil gekauft wurde. Dieser Eindruck muss allerdings automatisch entstehen, schließlich würde niemand ein Gutachten, das nicht dem eigenen Willen entspricht, bei Gericht vorlegen. Da Privatgutachten vor Gericht nicht gleich viel Gewicht wie vom Gericht beauftragte Gutachten erhalten, lohnt sich die Investition nur in wenigen Fällen.

Sachverständiger vor Gericht

Paradebeispiel für die (potenzielle) Misswirtschaft im Bereich der Sachverständigen ist der Salzburger Egon Bachler. Er soll mindestens 13 falsche Gutachten in Obsorgeverfahren, in denen es auch um Kindesabnahmen ging, erstellt haben. Bachler steht mittlerweile seit drei Jahren vor Gericht, der Prozess verzögert sich allerdings. Denn der sachverständige Psychotherapeut, der über Bachler aussagen sollte, wurde im Frühjahr 2018 wegen Fälschung eines Beweismittels, Begünstigung und Geschenkannahmen verurteilt und aus der Sachverständigenliste gestrichen.

Einerseits gibt es eben Gutachter, die regelmäßig und viele Gutachten für jeweils geringe Bezahlung erstellen – wodurch es eben zu inhaltlichen Wiederholungen und Zitaten aus wissenschaftlicher Literatur, die nichts mit den eigentlich begutachteten Personen gemein haben, kommt. So verfassten noch vor wenigen Jahren die fünf meistbestellten Sachverständigen 65 Prozent aller psychologischen Gutachten.

Gleichzeitig gibt es Gutachter wie Bachler, die als Psychologen tausende Euro verrechnen und dennoch teilweise von sich selbst abschreiben. Oder auch einfach so viele Gutachten erstellen, dass dies ihre Haupteinnahmequelle darstellt, worunter wiederum die Qualität leidet. Ein Problem, denn so entsteht eine Annäherung an die Vorstellungen der Gerichte – die sich wiederum oft an den Vorstellungen der Jugendämter orientieren. Unabhängigkeit ist damit nicht gewährleistet.

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Ist Vorsicht besser als Nachsicht?

Empfehlungen im Sinne der Jugendämter und Gerichte werden aus Vorsicht manchmal vorschnell getroffen, um zu vermeiden, dass es zur Verwahrlosung von Kindern kommt, oder im schlimmsten Fall zum Tod. Diese Fälle, wie der Tod des 17 Monate alten Luca, finden breites Echo in den Medien, wodurch die Jugendämter in die Kritik geraten, zu lange gewartet zu haben. Sollten Eltern schon einmal auffällig geworden sein, kann der Vorwurf, untätig geblieben zu sein, aber auch auf Gutachter ausgeweitet werden.

Dennoch geht es oft gar nicht um Gewalt oder Missbrauch – wie bei Frau B. Ihr wurde nie vorgeworfen, gegen ihren Sohn Jakob gewalttätig zu sein. Der Vorwurf lautete Verwahrlosung, Jakob hätte kein eigenes Kinderzimmer gehabt – was für eine begrenzte Zeit während eines Umzugs stimmte, doch nicht für die Wohnsituation vor und nach dem Umzug.

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Entscheidung ohne Gericht

Trotz bereits vorhergehender Begleitung durch das Jugendamt, positiven Bestätigungen von Jakobs Lehrern und auch seiner guten Schulerfolge wurde er ohne Ankündigung aus der Schule in ein Krisenzentrum gebracht. Der Zehnjährige ist nun seit März getrennt von seiner Mutter, wurde in eine andere Schule geschickt und verbrachte nun auch die erste Hälfte der Sommerferien im Krisenzentrum. Denn das psychologische Gutachten über seine Mutter wurde zwar in der letzten Schulwoche eingereicht, das Jugendamt benötigte allerdings einige Zeit, um auf dieses zu reagieren. Das Urteil der Gutachterin spricht sich mithilfe einer zusätzlichen Erörterung zugunsten von Frau B. aus. Sie darf Jakob nun kurz vor seinem Geburtstag wieder aus dem Krisenzentrum nach Hause holen. Ausschlaggebend dafür ist allerdings das Nachgeben des Jugendamts, denn diese Entscheidung findet im rechtsfreien Raum statt. Sogar der zugehörige Gerichtstermin wurde abgesagt. Das Gutachten alleine hat die Fremdunterbringung beendet, das Gericht wird nicht einmal mehr einbezogen. 

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