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Die sauberste Baustelle Wiens

Was passiert eigentlich auf der umstrittensten Baustelle Wiens? Das KH Nord befindet sich im Moment in einem Limbus zwischen Baustelle und Krankenhaus. IT-Ausstattung und fixes Mobiliar sind bereits vorhanden und müssen rund um die Uhr bewacht werden – auf Kosten des Steuerzahlers.

22.04.2018
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Wenn man einen Schutzüberzug für die Schuhe braucht, während man die Baustelle besichtigt, damit man nichts schmutzig macht – ist man dann überhaupt noch auf einer Baustelle?
Es ist ein seltsames Zwischenstadium, in dem sich eine der größten Baustellen von Wien, das Krankenhaus Nord in Floridsdorf, gerade befindet: Große Teile wirken mit fix-fertigen Empfangs- und Wartebereichen, in denen bereits Arbeitstische und Monitore installiert sind, als könnten sie noch heute in Betrieb gehen. An anderen Stellen wird noch geschraubt, gestemmt, gebohrt – und es wird noch lange so weitergehen.

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Dieser Widerspruch begegnet uns bei unserem Rundgang über die Baustelle immer wieder: Wir sehen Bauarbeiter, die ihre Arbeitssicherheitsschuhe mit blauen Überziehern verhüllen müssen, wie man sie bei der Erstbesichtigung eines Fitnessstudios bekommt, damit man nichts schmutzig macht.

Die Erklärung, die der Bauleiter für diesen Widerspruch anbietet, ist simpel: „Die bereits vorhandene Infrastruktur und die verlegten Böden sollen während der verbleibenden Bauphase vor zu intensiver Schmutzeinwirkung geschützt werden.“

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Fehler beim Projektmanagement?

Wenn im Verwaltungsbereich ein paar Zimmerpflanzen stünden und in den Büros Familienfotos zu sehen wären, könnte sich dieser Bereich ohne weiteres bereits in einem fertigen Spital befinden. Statt nach Kaffee riecht es aber noch nach frischer Farbe und Verpackungsplastik.

Im Frühling 2019 soll der Verwaltungsbereich in Betrieb gehen. Bereits heute, im April 2018 – also gut ein Jahr vorher –, stehen bereits die Computer, Monitore und Drucker bereit; der dazugehörige Serverraum läuft seit 2017.

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Im Krankenhaus Nord steht also Infrastruktur bereit, die noch lange nicht benötigt wird. Das bedeutet zum einen, dass Geld für manche Dinge zu früh ausgegeben wurde. Zum anderen muss diese Infrastruktur bewacht werden. Die Gerätschaften sind in ein paar Monaten bereits überholt, müssen gewartet werden und können potenziell beschädigt oder schlimmstenfalls gestohlen werden.

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110 Securities bewachen Baustelle

Beim Eingang, bei den Liften, bei den Übergängen zwischen den Bauteilen – überall stehen oder sitzen Security-Mitarbeiter. Phasenweise fühlt man sich bewacht wie auf dem Flughafen oder in der Nationalbank.

Das Krankenhaus Nord präsentiert sich im Frühjahr 2018 in einer Mischung aus „fertig“, „halbfertig“ und „unfertig“.

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Die vorhandene (IT-)Ausstattung stellt natürlich einen gewissen Wert dar. Tagsüber sind etwa 100 bis 110 Security-Mitarbeiter vor Ort, in der Nacht wird der Mitarbeiterstand auf rund 20 Personen reduziert.

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Den konkreten Wert der aktuell vorhandenen Ausstattung kann der KAV nicht beziffern, da das Projekt mitten in der Inbetriebnahmephase steht und es täglich Veränderungen gibt.

„Dieses Personal soll auch einen ordentlichen Betrieb auf der Baustelle gewährleisten“, erklärt der Baustellenleiter. Auch wir dürfen bei unserem Rundgang manche Räumlichkeiten und Gangbereiche nicht betreten beziehungsweise passieren. Der Grund: In einem Bauteil findet gerade die Einstellung und Überprüfung der Lüftungsanlage statt. Die Security-Leute gewährleisten, dass die Tests nicht von unbefugten Personen gestört werden. Ein paar Bauarbeiter verlieren da schon mal die Orientierung auf ihrem Weg zum Arbeitsplatz. „Fahrt einen Stock höher, meldet euch beim Polier, und der lässt euch dann bei der Verbindungstür durch“, koordiniert der Chef einen kleinen Umweg für die Truppe.

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Feuerlöscher doppelt vorhanden

Mit dem üblichen Baustellenlärm haben wir gerechnet, aber da ist noch etwas anderes deutlich hörbar. Ein penetranter Piepton auf dem Weg durch den Ambulanzbereich erinnert mehr an einen Feueralarm als an ein Schweißgerät. Die Erklärung ist simpel: Die Anlagen für die medizinischen Gase (zum Beispiel Sauerstoff oder Lachgas) sind erst teilweise installiert beziehungsweise befüllt. In manchen klinischen Bereichen ist rund um dieses System der medizinischen Gase kein Warnton zu hören, die Anlage ist mehr als 14 Monate vor dem geplanten Betrieb bereits einsatzbereit.

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Laut wird es auch, als wir nach dem Funktionieren der Brandabschnittstüren fragen: Die Probe aufs Exempel wird schallend demonstriert. Beim Thema Brandschutz fällt noch etwas ins Auge: Im Gangbereich der – noch leeren – Patientenzimmer sind die Feuerlöscheinheiten bereits mit Handfeuerlöschern bestückt. Die Geräte haben im Februar 2018 das Werk verlassen, die ersten Patienten werden frühestens im Juni 2019 erwartet. Ein Feuerlöscher muss alle zwei Jahre überprüft werden – zwei Drittel ihrer Zeit sind diese Geräte also gut bewacht bereit gelegen, ohne benötigt zu werden. Für einen Brandfall während der Bauarbeiten stehen nämlich extra Feuerlöscher bereit.

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Status quo: Was ist fertig?

Baulich ist das Haus ja so gut wie fertig.

In manchen Teilen der Anlage fühlen wir uns tatsächlich nicht mehr wie auf einer Baustelle. Birgit Wachet vom KAV beschreibt die aktuelle Phase so: „Baulich ist das Haus ja so gut wie fertig, es müssen lediglich Restbauarbeiten erledigt werden, und die Mängel werden laufend abgearbeitet.“

Aktuell ist die fixe Möblierung – vor allem in den Stationsbereichen – fertig installiert. Die Heizung ist seit 2016 in Betrieb, die Lüftung wird gerade schrittweise in Betrieb genommen. Auch von außen macht das Krankenhaus einen guten Eindruck. Der Spielplatz für den Betriebskindergarten ist bereits mit Spielgeräten ausgestattet, im Therapiegarten sowie in den Zwischenhöfen sind Bäume gepflanzt, Gras wird gesät.

Für den technischen Betrieb sorgen mit Stand April 2018 seitens des KAV 33 eigene Mitarbeiter, bis zur Vollbetreuung des Krankenhauses (inklusive First Level Support) durch den KAV selbst soll dieser Mitarbeiterstand auf 87 Personen ansteigen.

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Parkhaus, Verwaltungsbereich, Therapiegarten, Gebetsraum

Was fehlt noch im KH Nord?

Es ist also bereits warm und es gibt Frischluft. Was an Infrastruktur noch fehlt, ist die Wasserversorgung. Dies ist bewusst noch nicht in Betrieb genommen worden, um die Verkeimungsgefahr abzuwenden. Das Wasser soll im Juni 2018 aufgedreht werden – ab dann laufen auch entsprechende Spülprogramme.

Ein kurzer Überblick zur Ausstattung und Einrichtung:

  • Die ortsfeste Medizintechnik (Großgeräte wie MRT oder OP-Leuchten) wird laufend eingebaut.
  • Für die Einrichtung ist bereits alles ausgeschrieben, die lose Möblierung in den Bettenzimmern und Tageskliniken wird derzeit vervollständigt. Auch die Patientenbetten sind bereits ausgeschrieben worden.
  • Insgesamt wird es im KH Nord rund 60 Aufzüge geben, acht davon sind für die Bauarbeiten bereits in Betrieb.
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Der Zeitplan für die nächsten Monate

Ende 2017 hat der KAV folgenden Zeitplan bis zum Vollbetrieb präsentiert:

  • Dezember 2018: Fertigstellungsanzeige und Betriebsübernahme
  • Frühling 2019: Inbetriebnahme der nichtklinischen Bereiche (Verwaltung, Küche etc.)
  • Anfang September 2019: Vollbetrieb
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Ab diesem Zeitpunkt ist dann der KAV als Betreiber des Krankenhauses voll für den Betrieb verantwortlich und nicht mehr der Bauunternehmer. Sämtliche Fehlerbehebungen im laufenden Betrieb sowie Servicearbeiten – von einer defekten Glühbirne bis zu einem Kabelbrand – fallen dann in die Zuständigkeit des KAV.

Wird das KH Nord funktionieren?

Die Gerüchteküche rund um das Krankenhaus Nord brodelt ständig – nicht zuletzt aufgrund der Pannen der Vergangenheit01. So geht unter Wiener Ärzten die Geschichte um, Aufzüge seien aufgrund von Setzungen steckengeblieben, Geräte würden wegen elektromagnetischer Strahlung medizinisch unverwertbare Ergebnisse ausspucken. Der KAV bestreitet das und verweist auf Gutachten, die diese Gerüchte widerlegen: Die Setzungen seien im üblichen Rahmen, die Strahlen hätte man durch Abschirmungsmaßnahmen auf quasi null reduziert. Weitergeben will der KAV diese Gutachten allerdings nicht. Es bleibt also abzuwarten, ob und welche weiteren Mängel in Zukunft noch auftreten.

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Nach gut zwei Stunden verlassen wir das Gelände. Am Ende unseres Rundgangs stecken wir unsere Schuhüberzieher in den bereitgestellten, bereits gut gefüllten Müllsack. Tagtäglich wandern hunderte Paare in den Abfall.

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Wir blicken zurück: In großen roten Lettern ist „NOTFALL“ zu lesen – ein Bild, das bereits aus den Medien bekannt ist. So sollen die Patienten schnell den Weg in die Ambulanz finden. Wir sind an diesem Tag aber mit dem Auto unterwegs. Vom Parkhaus kommend ist der Schriftzug hinter den Säulen verdeckt und nur von den öffentlichen Verkehrsmitteln aus gut erkennbar. Wenn Sie künftig mit einem Notfall in das Krankenhaus Nord kommen, dann also besser mit der S-Bahn als mit dem Auto. 

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22.04.2018

Das Rechercheteam

Gabriel Hellmann
Projektleitung

Gabriel Hellmann hat Rechtswissenschaften und die öffentliche Finanzkontrolle studiert. Er diente den Medien, den Kommunen, dem Staat und nun den Bürgern. Transparenz und Gerechtigkeit sind ihm große Anliegen, denen er sich akribisch verpflichtet fühlt.

Stefanie Braunisch
Team Recherche

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

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Folgende Artikel gehören zum Projekt 026 Krankenhaus Nord

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Eine Baustelle und kein Ende in Sicht

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Für wen wird das Krankenhaus Nord gebaut?

026_03 Gelesen

Ein Spital, auf Sand gebaut

026_04 Gelesen

Die vielen Baustellen des KH Nord

026_05 Gelesen

Die sauberste Baustelle Wiens

026_06 Gelesen

Ist das KH Nord schon fertig?

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