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Bild: Lilly Panholzer | Addendum
Keine Betreuung für Kleinkinder in mehr als jeder zweiten Gemeinde
26. August 2018 Kinderbetreuung Lesezeit 6 min
Seit 2008 sind über 650 Millionen Euro in den Ausbau der Kinderbetreuung geflossen – vor allem für unter Dreijährige. Was hat das gebracht?

Bund und Länder sind sich einig: 180 Millionen Euro sollen jährlich in den Ausbau der Kinderbetreuung fließen. Ein Fokus soll das Angebot für unter dreijährige Kinder sein. So sollen etwa Betreuungsangebote ausgebaut und Öffnungszeiten verbessert werden. Aber wie sieht eigentlich der aktuelle Status aus? Und was hat sich in den vergangenen zehn Jahren verändert? Wo sind Plätze entstanden? Wo Öffnungszeiten verlängert worden? Diese Fragen beantwortet eine Spezialauswertung der Statistik Austria auf Basis der Kindertagesheimstatistik.

Quote verdoppelt

So ist die Zahl betreuter Kinder unter drei Jahren in den vergangenen zehn Jahren stark gestiegen. Die Betreuungsquote ist von 11 auf 25 Prozent geklettert. Die Zuwächse erstrecken sich auf jedes Bundesland. Ein detaillierter Blick auf das Angebot in allen österreichischen Gemeinden zeigt aber, dass das Angebot im ländlichen Raum jenem in der Stadt hinterherhinkt. In mehr als der Hälfte aller Gemeinden ist kein Betreuungsangebot für unter 3-Jährige vorhanden.

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Aus diesen Daten geht eine klare Kluft zwischen städtischem und ländlichem Raum hervor. Eine Hochrechnung einer EU-Datenerhebung (SILC) bestätigt diesen Befund. Im dicht besiedelten Raum waren in Österreich 2016 rund 34 Prozent aller Kinder im Alter bis 3 Jahren in Krippen oder altersgemischten Betreuungseinrichtungen in Betreuung. Im dünn besiedelten Raum waren es mit 14 Prozent weniger als halb so viele. In Gegenden mit mittlerer Bevölkerungsdichte waren es mit 18 Prozent nur geringfügig mehr. Dabei unterscheidet sich die Auffassung, dass die Bereitstellung von Betreuung für Kleinkinder von berufstätigen Eltern eine Angelegenheit des Staates ist, zwischen Stadt und Land kaum. In Städten sehen 78 Prozent diese Rolle beim Staat, am Land sind es 74 Prozent. Wie groß das Angebot für die Betreuung unter 3-Jähriger in Ihrer Gemeinde ist sehen Sie in dieser Karte:

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Nur Wien erfüllt Barcelona-Ziel

Hintergrund des Ausbaus der Kinderbetreuung ist das sogenannte Barcelona-Ziel. Bis zum Jahr 2010 hätte jedes dritte Kind unter drei Jahren einen Platz in einer Betreuungseinrichtung in Anspruch nehmen sollen. Diese Quote erfüllt von allen Bundesländern nur Wien, wenngleich die Betreuungsquote in allen Ländern seit 2002 steigt.

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Ob Kleinstkinder überhaupt außerhalb der Familie betreut werden sollen, ist gesellschaftlich ein polarisierendes Thema. Manche Eltern schreiben etwa auf Facebook, dass Kinder „kurz nach der Geburt in eine Bildungseinrichtung gesteckt werden“ und gehen von negativen Entwicklungschancen des Kindes aus, wenn es zu früh außerfamiliär betreut werde. Außerdem führe es häufiger zu unsicheren Mutter-Kind-Bindungen, die für die Entwicklung von Selbstwertgefühl und Sozialverhalten eines Kindes als problematisch gelten.

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Mutter-Kind-Beziehung ungefährdet

Die Wissenschaft hat sich diesem Thema in vielen Studien über viele Jahrzehnte hinweg angenommen. Ein eindeutiges, einfaches Ergebnis gibt es nicht. In den 60er und 70er Jahren zweifelte etwa der britische Kinderarzt John Bowlby an, dass Kleinkinder ein Gedächtnis über eine Bindungsperson aufbauen können, wenn sie von dieser immer wieder getrennt werden. Die Mutter-Kind-Beziehung würde darunter leiden oder nicht entstehen. Neuere Forschungsergebnisse widerlegten diese These später.

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Besser für Schüchterne

Die Mutter-Kind-Beziehung hängt demnach am Umgang der Mutter mit dem Kind und wird kaum von den Erfahrungen, die ein Kind während seiner außerfamiliären Betreuung macht, direkt beeinflusst. Vielmehr können die sozialen Kontakte der Kleinkinder neue Entwicklungschancen ermöglichen. Schüchterne Kinder konnten beispielsweise so gefördert werden. Das stellt an das Kind selbst – besonders in den ersten drei Lebensjahren – hohe Anforderungen und müsse deshalb je nach Entwicklungsstand vermittelt werden.

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Qualität essenziell

Als entscheidend stellt sich die Betreuungsqualität heraus. Eine Metastudie kam zum Ergebnis, dass der Intelligenzquotient nicht von der Frage abhängt, ob ein Kind fremd oder familiär betreut wird. Die intellektuelle Leistungsfähigkeit der Kinder war gleichauf. Aber: Kinder in Tagesbetreuung mit niedriger Qualität schneiden beim Vergleich der kognitiven Leistungsfähigkeit schlechter ab als Kinder in familiärer Betreuung. Umgekehrt zeigt sich, dass Kleinkinder in exzellenten Bildungsprogrammen eine positive intellektuelle und sprachliche Entwicklung zeigen – kurzfristig wie auch langfristig. Die Entscheidung, ob Kinder fremdbetreut werden oder nicht, sollte also vom „Wie“ abhängen und nicht vom Grundsatz Ja oder Nein. 
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Methodik

Was decken die Daten nicht ab?
Tagesmütter oder andere individuelle Formen der Kinderbetreuung sind in der Kindertagesheimstatistik nicht erfasst.

Welche Einrichtungen sind bei der Analyse enthalten?
Krippen, Horte und altersgemischte Betreuungseinrichtungen. Kindergärten werden ausgeblendet. Problematisch ist, dass eine trennscharfe Abgrenzung zu frühkindlicher Betreuung und dem Kindergartenalter nicht möglich ist. In manchen Bundesländern ist eine Betreuung ab 2,5 Jahren am Vormittag gratis möglich. Diese Kinder sind in den Daten bei altersgemischten Betreuungseinrichtungen enthalten und können nicht gefiltert werden. Auch deshalb wurde das Betreuungsangebot in Einzeljahren in den Visualisierungen gezeigt.

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