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„Verzicht wird das Klima nicht retten“

Der Klimaforscher Hans von Storch warnt vor Klimahysterie und Ökopopulismus. Er sieht den Klimawandel als eine der größten Herausforderungen, der wir mit Innovation begegnen müssen.

27.11.2019

Herr von Storch, wird in den Medien ein verzerrtes Bild vom Klimawandel gezeichnet? Wird das, was auf uns zukommt, möglicherweise übertrieben?

Ja. In den letzten Monaten hat die Überzeichnung immer mehr zugenommen. Das lässt sich unter anderem daran erkennen, dass immer häufiger das Wort „Klimakrise“ statt „Klimawandel“ verwendet wird. Es gibt eine klare Tendenz, alles, was schlecht ist auf dieser Welt, dem Klimawandel zuzuschreiben. Das ganze Phänomen wird dabei massiv unterkomplex dargestellt. Da kann ich auch verstehen, dass jüngere Menschen auf die Idee kommen, dass es früher gar keine extremen Wetterereignisse gegeben hat. Dem ist natürlich nicht so. Nicht jeder Hurrikan, nicht jeder Sturm auf dieser Welt ist dem Klimawandel zuzuschreiben.

Sie sprechen sich gegen eine Klimahysterie aus. Ist es nicht gut, dass ein bisschen mehr Schwung in die Bekämpfung des Klimawandels kommt?

Es geht mir darum, dass hier viele Probleme in einen Topf geworfen und vermischt werden. Statt sich mit den einzelnen Herausforderungen unserer Gesellschaft zu beschäftigen, wird gesagt: Wenn wir das Problem mit dem Klimawandel lösen,  wird alles gut. Das ist aber kein vernünftiger Ansatz. Wir haben eine ganze Menge Probleme, mit denen wir uns auseinandersetzen und um deren Lösung wir uns bemühen müssen. Dazu zählen Armutsbekämpfung, Luftverschmutzung oder auch Plastik im Meer. Aber all diese Probleme brauchen ganz unterschiedliche Lösungswege. Es ist nicht so, dass sich diese Wege aus der Bekämpfung des Klimawandels ableiten ließen.

Haben  Gruppierungen wie „Fridays for Future“ das Augenmaß verloren?

Es ist eine verzerrte Weltsicht, zu glauben, dass in allen Ländern der Klimawandel das gravierendste Umweltproblem darstellt. In vielen Schwellen- und Entwicklungsländern werden ganz andere Probleme als dringender erachtet. Die alleinige Fokussierung auf den Klimawandel ist nicht zielführend. Es wird aber der Eindruck vermittelt, wir hätten es hier mit der größten Krise in der Geschichte der Menschheit zu tun. Mit dieser Sicht steht aber der reiche Westen ziemlich allein da.

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Hans von Storch

Professor an der Universität Hamburg

Hans von Storch war Leitautor des Weltklimarats IPCC. Für seine Forschung und sein gesellschaftliches Engagement wurde er mit dem deutschen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Wo liegen die Ursachen für diese Dramatisierung?

Es ist gerade ein großer gesellschaftlicher Trend zu beobachten: Immer mehr Menschen, darunter auch viele Wissenschaftler, haben den Wunsch, dass wir in einer guten Umwelt leben – was auch immer „gut“ bedeuten mag. Andere Themen wie das wirtschaftliche Wohlergehen oder die soziale Balance haben nicht mehr den Stellenwert, den sie vielleicht haben sollten. Da lässt sich auch schon eine gehörige Portion Populismus feststellen.

Welche Art von Populismus? Ökopopulismus?

Es gibt ja bekanntlich nicht nur Populismus von rechts, sondern auch von links. Ich will diesen Umweltpopulismus jetzt gar nicht mit dem Rechtspopulismus, der um sich greift, gleichstellen. Dieser greift auf sehr impertinente Art und Weise Personen und Gruppen an und würdigt sie herab. Dies ist beim Umweltpopulismus von links nicht zu beobachten. Aber wir sehen im Bereich des Umweltengagements ganz klar, dass hier mit einfachen Antworten auf komplexe Fragestellungen gearbeitet wird, um Massen zu erreichen und zu bewegen. Das nenne ich Populismus.

Welche Aspekte fehlen Ihnen in der öffentlichen Darstellung und im politischen Diskurs?

Zum Beispiel die Tatsache, dass Maßnahmen, die dem Klimaschutz dienen, nicht zwangsläufig auch anderen Umweltzielen dienen; dass diese sogar im Widerspruch zu diesen stehen können. Dass dieses übergeordnete nationale Interesse, die Emissionen zu senken, sich oft mit regionalen Umweltinteressen beißt. Wir sehen das zum Beispiel in Hamburg, wo eine neue Bahnstrecke gebaut werden sollte. Dieses Projekt ist aber durch den massiven Protest von Bürgerinitiativen im Hinterland gestoppt worden. Es können also keine Lkw-Fahrten und damit CO2-Emissionen eingespart werden, weil einige Leute keine neue Bahnstrecke in ihrer Nähe wollen. Es gibt unzählige Umweltinitiativen gegen Stromtrassen und Windparks. Wenn wir den Klimaschutz bedingungslos in den Vordergrund stellen, dann geht das ganz klar auf Kosten von anderen Umweltfragen. Das muss allen klar sein.

Wird die Diskussion um die Energiewende und Klimaschutz zu naiv geführt?

Eine gewisse Form von Einfalt ist schon wahrzunehmen. Ich glaube nicht, dass die globale Dimension des Problems verstanden wird. Wir müssen bis ca. 2050 die bisherigen 38 Gigatonnen jährlichen globalen CO2-Emissionen auf null bringen, wenn wir das Paris-Ziel erreichen wollen. Und diese Einsparung – auf null bis 2050! – muss überall auf der Welt erreicht werden. Wenn wir in Österreich und Deutschland unsere Klimaziele erreichen, dann heißt das ja nicht, dass am Ende auch weltweit die Klimaziele erreicht werden. Das kommt in der Debatte zu kurz.

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(eine Erwärmung der globalen Jahresdurchschnittstemperatur um 1,5 bis 2 Grad bis 2100; Anm. d. Red.)

„Als Kollektiv sind wir nicht hilflos.“

Aber haben nicht gerade die reichen Länder auch eine gewisse Vorbildfunktion?

Ja, aber die Hoffnung „wenn wir mit gutem Beispiel vorangehen, dann machen die anderen uns das nach“ ist trügerisch. Wir müssen uns überlegen, wie wir Klimaschutz weltweit wirtschaftlich attraktiv machen. Da habe ich bislang noch keine wirklich guten Ansätze wahrgenommen. Da bringt es auch nichts, wenn wir auf Plastiktaschen und Einwegbecher verzichten. Das sind zwar ganz nette Maßnahmen, haben aber nichts mit Klimaschutz zu tun.

Verzicht bringt nichts, meinen Sie. Können wir uns also alle zurücklehnen und sagen: „Die Politiker, die wir gewählt haben, die sollen es richten. Ich mach so weiter wie zuvor.“?

Im Prinzip schon. Das hört zwar niemand gern, weil es darauf hindeutet, dass wir als Einzelpersonen ziemlich hilflos sind. Als Kollektiv sind wir aber nicht hilflos. Wir können Instrumente entwickeln, nicht nur technische, sondern auch wirtschaftliche und politische, mit denen der Klimawandel bekämpft werden kann. Wir könnten zum Beispiel eine Art Klima-Soli einführen, also eine auf Solidarität basierende Abgabe, um Innovationen im Bereich des Klimaschutzes voranzutreiben. Das könnte ein wertvoller Beitrag sein, der nebenbei vielleicht auch noch andere positive Effekte mit sich bringen könnte.

Woher kommt dann diese Fokussierung auf das Thema Verzicht?

Es fühlt sich einfach besser an, wenn ich gegenüber meinem Nachbarn, der immer noch Diesel fährt, angeben kann, weil ich ein Elektroauto fahre. Ich bin gut, er ist schlecht. Das funktioniert bei kollektiven Instrumenten nicht mehr. Es geht nicht um Verzicht, aber gewisse Opfer müssen einzelne Gruppen schon bringen. Wenn wir für die Energiewende neue Stromtrassen brauchen, dann müssen die auch gebaut werden. Kleine Minderheiten dürfen solche Entwicklungen nicht behindern. Es muss im Rahmen des demokratischen Prozesses auch möglich sein, solche wichtigen Maßnahmen durchzusetzen, um das Gemeinwohl über Partikularinteressen zu stellen. Das deutsche Grundgesetz sieht dies auch vor.

Was halten Sie in dem Zusammenhang von der geplanten CO2-Steuer? Die soll ja auch dem Gemeinwohl dienen?

Die Steuer wird schon eine gewisse Lenkungswirkung haben und dazu führen, dass Emissionen in Deutschland gesenkt werden. Auf der individuellen Basis ist es aber so, dass vor allem die sozial Schwächeren zahlen werden müssen. Die Reichen können sich ja freikaufen. Beim Klima-Soli wäre das andersherum. Die Wohlsituierten, die sowieso gerne die Grünen wählen und denen eine intakte Umwelt besonders wichtig ist, die können dann zahlen.

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Wo liegt denn Europas großer Trumpf in der Bekämpfung des Klimawandels?

Wir haben in vielen Bereichen immer noch eine massive technische Kompetenz. Wir können mit Innovationen in Technik und Organisation etwas bewegen. Etwas flapsig formuliert: Der beste individuelle Beitrag zum Klimaschutz ist, wenn man seine Kinder dazu bewegt, Ingenieure zu werden.

Warum nicht Klimaforscher? Da gibt es ja auch noch einiges zu tun?

Das stimmt, aber wir wissen heute schon recht viel. So gilt es heute als wissenschaftlich gesichert, dass der derzeitige Temperaturanstieg auf menschliches Handeln zurückzuführen ist. Zwar gibt es immer in der Wissenschaft Restzweifel, aber es gibt keine Hinweise darauf, dass der Mensch nicht Hauptverursacher des Klimawandels ist.

Sind Zweifel an den Szenarien angebracht?

Die geophysikalischen Szenarien sind recht robust. Wir können uns sicher sein, dass es global deutlich wärmer wird. Beim quantitativen Anstieg des Meeresspiegels ist das schon schwieriger. Das hängt sehr stark von der Eisschmelze in der Antarktis und auf Grönland ab, und da haben wir noch nicht alle Wechselwirkungen ganz verstanden. Die andere Frage ist, welche gesellschaftlichen Folgen die Klimaveränderungen nach sich ziehen. Da stehen wir ziemlich dumm da. Das Klima ist da ja nur einer von vielen Einflussfaktoren, wahrscheinlich sogar einer der weniger wichtigen. Wenn man im Jahr 1919 zum Beispiel Prognosen für das Jahr 2000 angestellt hätte, dann wäre wohl nicht einmal der klügste Wissenschaftler darauf gekommen, dass es so etwas wie das Internet geben würde. Und genau in so einer Situation sind wir heute auch. Wenn Wissenschaftler sagen, es wird im Jahr 2100 so und so viele Flüchtlinge geben, so wird es mit der Ernährung aussehen, dann ist das vielleicht ganz interessant, aber so besonders seriös belastbar ist das nicht.

Im Zusammenhang mit dem Weltklimarat wird immer mal wieder der Vorwurf laut, der IPCC sei nicht frei von politischer Einflussnahme und verfolge eine Agenda. Sie waren selbst Mitglied dieses Rats. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Politische Einflussnahme lässt sich nie ganz abstellen. Warum sollte ausgerechnet der IPCC als einzige Weltorganisation perfekt sein? Auch Wissenschaftler sind nicht frei von Interessen. Das ist ja irgendwie auch menschlich. Aber ich bin der Meinung, dass der IPCC im Großen und Ganzen gute Arbeit leistet. Die Kollegen im Weltklimarat müssen aber aufpassen mit der Qualitätssicherung der wissenschaftlichen Einschätzung und Bewertung. Das ist immer eine große Herausforderung, also die ständige Überprüfung der Studien, die berücksichtigt werden. Auch ein deutlicher personeller Durchlass wäre wünschenswert, damit ganz klar signalisiert wird: Diese Ergebnisse sind die des Weltklimarats und nicht die von einem aus Einzelpersonen bestehenden klimawissenschaftlichen Adel.

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100 Klimaskepsis

Gibt es mögliche Entwicklungen, die sich positiv auswirken könnten, die aber in den Zukunftsszenarien gerne vergessen werden?

Sicher gibt es die. Ein Beispiel ist die Gentechnik. Die könnte einen wichtigen Beitrag leisten, die Spitzen der Folgen der Erwärmung abzufedern, indem hitzebeständigere Pflanzen gezüchtet werden.

Eine andere Technologie, die bei uns auf große Ablehnung trifft, ist die Kernenergie. Andere Länder bauen die Atomkraft aus. Ist das vor dem Hintergrund des Klimawandels sinnvoll?

Es ist schon bemerkenswert, dass in Deutschland und Österreich das Nachdenken über den die Kernenergie nicht opportun ist. Das heißt, der Klimawandel kann so schlimm sein, wie er will, Atomkraft geht einfach nicht. Offenbar ist Atomkraft noch schlimmer als der Klimawandel. Natürlich müssen wir darüber nachdenken. Dass ursprünglich die Kernenergie überverkauft, Risiken heruntergespielt und das Problem der Endlagerung kleingeredet wurden, steht für mich außer Frage. Aber grundsätzlich sollten wir keine Denkverbote haben, sondern überlegen, ob wir diese Technologie, bei der es ja auch eine Reihe an Innovationen gibt, nutzen wollen.

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099 Atomkraft
07.10.2019 37 min

Der Klimawandel ist ohne Frage eine große Herausforderung. Wie düster sind die Aussichten? Gibt es Anlass zur Hoffnung?

Das ist eine Frage, die ich als Wissenschaftler nicht beantworten kann, weil ich die Zukunft nicht vorhersagen und nur abschätzen kann, wie sich das Klima ändern wird. Aber als Bürger habe ich eine klare Meinung, ohne dass ich über besondere Kompetenzen verfüge, die nicht auch Sie oder mein Friseur hätten. Wir kommen da irgendwie schon durch. Mit einem gewissen Klimawandel werden wir leben müssen. Wir werden nicht nur die Emissionen einschränken, sondern uns auch anpassen müssen. Wir werden das schaffen, davon bin ich überzeugt, und in ein paar Jahrzehnten werden wir andere Probleme haben, die uns beschäftigen. Dummerweise wissen wir heute noch nicht, welche das sind. Wir müssen offenbleiben, uns auch mit anderen Dingen zu beschäftigen, und nicht die komplette Aufmerksamkeit auf ein Thema, nämlich den Klimawandel, zu richten. 

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27.11.2019

Interview

Dennis Meyer

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

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