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Rettet Biolandwirtschaft das Weltklima?

Politiker und Umwelt-NGOs fordern den Ausbau der Biolandwirtschaft zur Bekämpfung der Klimakrise. Sie berufen sich dabei auf den jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats. Darin ist von Biolandwirtschaft allerdings wenig zu lesen.

IPCC-Pressekonferenz, 8. August 2019 in Genf
28.08.2019
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Unter dem Eindruck der Amazonas-Brände in Brasilien werden die politischen Forderungen nach einer klimafreundlicheren Umstellung unseres Ernährungssystems immer lauter. So sollten zum Beispiel österreichische Landwirte bei der Tierfütterung auf Soja verzichten, wenn dieses auf ehemaligen Regenwald-Flächen gewachsen ist, die durch Brandrodung zu landwirtschaftlichen Flächen umgewandelt wurden.

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Beliebte Forderung: Mehr Bio

Der grundsätzliche Appell, weniger Fleisch und dafür mehr pflanzliche Kost aufzutischen, ist wissenschaftlich unstrittig. Im selben Atemzug folgt aber meist auch die Forderung nach einer Ausweitung der Biolandwirtschaft und einem damit einhergehenden generellen Ausstieg aus der sogenannten industriellen Landwirtschaft. Nur so könne der Ausstoß klimaschädlicher Gase in der Landwirtschaft genügend reduziert werden. Eine Forderung, die sich im „Bio-Weltmeister-Land“ Österreich ohnehin seit vielen Jahren großer Beliebtheit unter Politikern, Aktivisten, Journalisten, Filmemachern und deren Publikum erfreut und die jetzt, angesichts jüngster Beobachtung von Bränden, Hitze- und Dürreperioden, mit verstärkter Dringlichkeit wiederholt wird.

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Fleisch ist u.a. deshalb klimaschädlicher als pflanzliche Kost, weil der Anbau von Tierfutter teilweise um Flächen konkurriert, auf denen ansonsten Pflanzen für den direkten menschlichen Verzehr wachsen könnten.

Fordert der Weltklimarat tatsächlich mehr Bio?

Seit dem 8. August untermauern viele Bio-Befürworter ihre Botschaft mit dem jüngsten Sonderbericht des Weltklimarats IPCC „Klimawandel und Landsysteme“ der an diesem Tag der Weltöffentlichkeit präsentiert worden war. Die österreichischen Grünen etwa schreiben in ihrem Programm für die Nationalratswahl am 29. September auf Seite 21: „Der IPCC-Bericht nimmt die Politik in die Pflicht: Staaten müssen ihr Land, ihre Böden grundlegend anders nutzen und andere Pflanzen anbauen.“ Zwei Zeilen weiter heißt es: „Unsere Vision: Sichere, regionale und am besten biologische Lebensmittel ohne Gentechnik.“

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Greenpeace und das deutsche Ministerium

Die Österreich-Sektion von Greenpeace schreibt in einer Pressemitteilung zum Thema Lebensmittelkennzeichnung vom 12. August: „Erst vor Kurzem zeigte ein Bericht des Weltklimarates, dass wir unsere Lebensmittelproduktion grundlegend verändern müssen …“. Und im folgenden Absatz fragt Greenpeace-Landwirtschafts-Sprecher Jens Karg „Wer, wenn nicht die öffentliche Hand kann hier Verantwortung übernehmen und Obst und Gemüse – am besten Bio und aus der Region – servieren?“

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Auch die deutsche Bundeslandwirtschafts-Ministerin Julia Klöckner (CDU) kündigt unter direktem Verweis auf den Sonderbericht des Weltklimarats noch am 8. August eine Ausweitung der ökologisch bewirtschafteten Fläche an – als eine von zehn Klimaschutzmaßnahmen ihres Ministeriums.

Dabei lässt sich die Forderung nach mehr Bio kaum aus dem IPCC-Bericht ableiten.

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Die Forderung nach einem generellen Verzicht auf Gentechnik steht in Widerspruch zum wissenschaftlichen Konsens, wonach per Gentechnik gezüchtete Pflanzensorten kein höheres Risiko in sich bergen, als konventionell gezüchtete. Addendum hat das Thema bereits ausführlich recherchiert

Für den Weltklimarat ist Bio fast nur eine Fußnote

107 führende Wissenschaftler, über die Hälfte davon aus Entwicklungsländern, haben für den IPCC-Sonderbericht „Klimawandel und Landsysteme“ die Inhalte von über 7.000 wissenschaftlichen Veröffentlichungen bewertet und die wichtigsten Erkenntnisse auf mehr als 1.600 Seiten zusammengetragen.

Tatsächlich wird das Wort „Biolandwirtschaft“ (englisch: organic farming oder organic agriculture) in den sieben umfangreichen Hauptkapiteln des Berichts lediglich viermal erwähnt. Eine 41 Seiten lange „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ sowie eine sechsseitige Kurzfassung finden je einmal Platz für den Begriff Biolandwirtschaft – in einer Fußnote.

Zum Vergleich: Das Wort „Intensivierung“, hinter dem das Bestreben steht, mehr Ertrag pro Fläche zu erwirtschaften, also die Landwirtschaft zu intensivieren, taucht in den Kapiteln 112-mal und in der langen Zusammenfassung sechsmal auf.

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Bei allen Wortsuchen wurden Treffer im Inhaltsverzeichnis oder in Literaturhinweisen nicht gezählt.

Was bedeutet das?

Die Häufigkeit eines Begriffs sagt natürlich noch nichts über den tatsächlichen Zusammenhang aus. Aber die Verbannung in Fußnoten zeigt, dass die Biolandwirtschaft im IPCC-Bericht eine weit weniger bedeutende Rolle einnimmt, als es Grüne und NGOs gern hätten. Die Annahme, dass der Weltklimarat den wichtigsten Ausweg aus den negativen Begleiterscheinungen unseres globalen Ernährungssystems in der Biolandwirtschaft sieht, ist falsch. Bio bekommt nicht einmal ein eigenes Unterkapitel.

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Bio beansprucht mehr Land

Der Grund: Die Biolandwirtschaft ist zwar bezogen auf die Fläche weniger klimaschädlich und beherbergt eine höhere Artenvielfalt. Sie beansprucht aber, im Vergleich zur konventionellen Landwirtschaft, für denselben Ertrag viel mehr Land. Dadurch drehen sich die positiven Effekte auf der Produktebene oftmals ins Gegenteil. Vereinfacht gesagt: Bei weltweiter Einführung der Biolandwirtschaft – und ansonsten unveränderten Rahmenbedigungen – müssten noch mehr Wälder zu Acker und Weide werden. Auch am Amazonas würde wohl noch mehr Wald durch Brandrodung landwirtschaftlich nutzbar gemacht werden. Wälder gehören aber zu den wichtigsten Kohlenstoffspeichern. Die Treibhausgasemissionen würden sich bei „Bio für alle“ unter dem Strich also erhöhen.

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Studien, die eine vollständige Umstellung auf Bio für möglich halten, setzten einen Rückgang des weltweiten Fleischkonsums sowie von Lebensmittelverlusten und -verschwendung voraus.

Was fordert der Weltklimarat wirklich?

Der Bericht betrachtet das gesamte globale Ernährungssystem und seine unzähligen Zusammenhänge und Zielkonflikte. Er versucht die notwendige Reduzierung des Treibhausgasausstoßes in Einklang mit der Ernährungssicherheit einer wachsenden und wohlhabender werdenden Weltbevölkerung zu bringen.

Noch immer werden kohlenstoffspeichernde Wälder und Moore umgebrochen, niedergebrannt (siehe Brasilien und viele andere Länder) oder trockengelegt, um auf den freiwerdenden Flächen Landwirtschaft zu betreiben; um den stetig wachsenden Bedarf an Lebensmitteln und Rohstoffen zu stillen. Fordert der Weltklimarat deshalb ein allgemeines „Weg von der Agrarindustrie“ im Sinne einer Ablehnung moderner Produktionsmethoden? Nein. Im Gegenteil.

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Ziel: nachhaltige Intensivierung

Der Weltklimarat erwähnt an vielen Stellen sowie in einem eigenen Unterkapitel die Notwendigkeit einer „nachhaltigen Intensivierung“. Der Ertrag pro Stück Land soll dabei erhöht, und die negativen Umwelteffekte sollen gleichzeitig gesenkt werden. Nur die Erhöhung der Erträge ermöglicht laut Weltklimarat die Chance, bestehende Wälder zu bewahren und sogar neue durch Aufforstung zu schaffen. Dabei gibt es nicht das eine Allheilmittel, sondern zahlreiche Werkzeuge unterschiedlichster Art. Sie reichen von verbesserten Fruchtfolgen und Sorten, dem Anbau von Zwischenfrüchtenintegriertem Pflanzenschutz oder dem Schutz von Bestäubern bis hin zu effizienterer Düngerausbringung mittels satellitengesteuerter Präzisionslandwirtschaft.

Neben der nachhaltigen Intensivierung beschäftigt sich der Bericht auch ausführlich mit „nachhaltigen, integrierten landwirtschaftlichen Systemen“, mit der „Agrarökologie“ (nicht zu verwechseln mit Biolandwirtschaft!), der „klimasmarten Landwirtschaft“, sowie mit der „konservierenden Landwirtschaft“.

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Der Weltklimarat geht derzeit davon aus, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2050 auf annähernd 9,8 Milliarden wachsen wird. Im Jahr 2100 sollen gar 11,2 Milliarden Menschen leben. Zudem werden wachsender Wohlstand und die Verstädterung den Druck auf Acker- und Weideland verstärken, höhere Erträge zu liefern.

Die Monokultur bezeichnet eine Praxis, bei der auf einem Stück Land über Jahre hinweg wiederholt dieselbe Kulturpflanzenart gesät und geerntet wird. Sie stellt den Gegensatz zur Fruchtfolge dar, bei der eine bestimmte Kulturpflanzenart nur alle paar Jahre auf demselben Acker angepflanzt wird.

Fruchtfolgen können eng oder weit sein. Bei einer engen Fruchtfolge kehrt dieselbe Art schneller auf den Acker zurück; zum Beispiel bei der dreigliedrigen Fruchtfolge „Raps –Winterweizen – Gerste“ in jedem dritten Jahr. Bei einer weiten, zum Beispiel der sechsgliedrigen Fruchtfolge „Rotklee – Winterweizen – Winterroggen – Ackerbohnen – Wintertriticale – Hafer“ in jedem sechsten Jahr. Weite Fruchtfolgen sind ein Kennzeichen der Biolandwirtschaft, aber nicht auf diese beschränkt.

Im konventionellen wie im biologischen Ackerbau ist der Anbau in Reinkultur Standard, das heißt zu jedem Zeitpunkt kultiviert der Landwirt lediglich eine Nutzpflanzenart auf seinem Feld.

Ein Beispiel für eine Art Reinkultur (und zugleich für eine Monokultur) ist der häufig gemähte Englische Zierrasen, der in Hausgärten als Dauerkultur gepflegt und von Naturschutzexperten gerne als ökologische Wüste bezeichnet wird.

Zwischenfrüchte wachsen im zeitlichen Ablauf einer Fruchtfolge zwischen zwei Hauptkulturen. Also nach der Ernte der Einen und vor der Aussaat der Nächsten. Sie sollen keine Ernte liefern, stattdessen aber den Boden bedecken und dem Humusaufbau dienen. Ihre Reste verbleiben als organische Masse auf dem Feld. Mehr dazu in diesem Video.

Die Schädlingsbekämpfung mit Pflanzenschutzmitteln (Pestiziden) ist Bestandteil einer Gesamtstrategie, bei der standortangepasste Sorten, Düngung, Bodenbearbeitung und viele andere Maßnahmen zu gesunden Pflanzenbeständen beitragen. Der Pestizideinsatz soll so auf das Notwendigste reduziert werden.

Agrarökologie ist eine Wissenschaft und landwirtschaftliche Praxis unter besonderer Berücksichtigung ökologischer, sozialer und wirtschaftlicher Zusammenhänge. Traditionelle Anbaumethoden sollen mit neuen Erkenntnissen verknüpft werden. Konkret geht es etwa darum, Pflanzenreste zu recyceln, Humus aufzubauen (und so CO2 im Boden zu binden), die Bodenfruchtbarkeit zu erhöhen und in Kreisläufen zu denken.

Ein explizites Verbot von mineralischen (Kunst-) Düngern oder chemisch-synthetischen Pflanzenschutzmitteln, wie in der Bio-Landwirtschaft, ist nicht vorgesehen.

Die klimasmarte Landwirtschaft vereint Praktiken, mit denen die Nahrungserzeugung an die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen angepasst werden soll. Gleichzeitig soll der Ausstoß von Treibhausgasen reduziert werden, z.B. mittels effizienterem Düngereinsatz. Mehr dazu in diesem Video

Die konservierende Landwirtschaft legt einen Fokus darauf, den Boden weniger intensiv oder gar nicht mehr zu bearbeiten. So soll das Bodenleben gefördert, der Humusgehalt und die Kohlenstoffspeicherung erhöht und die Gefahr von Erosion gemindert werden. Mehr dazu in diesem Video

Kritik am Weltklimarat

Der Sonderbericht ist natürlich nicht frei von Kritik. Bernhard Freyer, Leiter des BOKU-Instituts für Ökologischen Landbau, kommentiert per Mail aus Äthiopien: „Ökolandbau wird nicht explizit hervorgehoben. Insbesondere in den Tropen und Subtropen ist das Potential für Ertragssteigerungen im Ökolandbau aber erheblich.“ Freyer sieht im Ökolandbau auch eine „Botschaft an die Ernährung“. Will heißen: Studien, die eine komplette Umstellung auf Bio als möglich erachten, setzen immer eine deutliche Reduzierung des Fleischverbrauchs und der Lebensmittelverschwendung voraus. Darauf drängt auch der Weltklimarat; geht aber wegen des Bevölkerungswachstums trotzdem von einem wachsenden Gesamtbedarf an Lebensmitteln, inklusive Fleisch, aus. Ökoforscher Freyer meint dagegen: „Viele der IPCC-Autoren kennen sich leider im Ökolandbau nicht ausreichend aus und ziehen falsche Schlüsse aus Unkenntnis.“

Fest steht: Zum Ausbau der Biolandwirtschaft gibt es in der Wissenschaft unterschiedliche Ansätze und Meinungen. Klar ist aber auch: Wer bei seinen Forderungen nach einer generellen Abkehr von modernen landwirtschaftlichen Methoden und nach mehr Bio mit dem Weltklimarat argumentiert, der dürfte selbst die Zusammenfassung kaum gelesen haben. 

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28.08.2019

Der Autor

Timo Küntzle

Timo Küntzle, geboren 1974 in Karlsruhe, ist Journalist und hat ein Diplom in Agrarwissenschaften. Nach seinem Studium (Fachrichtung Pflanzenbau) und einem Redaktions-Volontariat, arbeitete er als Redakteur und Reporter für die Nachrichtenredaktionen von Puls 4 und Servus TV, später als Moderator und Gestalter für das Wissensformat „Na Servus – das Wetter auf Servus TV“ sowie für „Servus am Morgen“. Zuletzt schrieb er regelmäßig Beiträge für das Ressort „Wissen und Innovation“ der Tageszeitung „Die Presse“.

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