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Gab’s nicht früher schon heiße Sommer?

Viele Menschen begründen ihre Skepsis in der Klimadebatte mit dem Hinweis, dass es ja auch früher schon außergewöhnliche Wetterlagen gegeben habe. Das ist zwar richtig, die Frage ist aber: Wird das Außergewöhnliche häufiger?

04.11.2019
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Das Argument, wonach es auch früher schon heiße Sommer, Trockenheit oder andere extreme Wetterlagen gab, ist faktisch richtig. Aber kann es deshalb auch als berechtigter Einwand gegen jene Behauptungen gelten, wonach wir schon heute die realen Auswirkungen des Klimawandels beobachten würden? Entscheidend ist dabei die Frage: Kommen außergewöhnliche Hitze- oder Trockenperioden und andere Extreme heute öfter vor als in der Vergangenheit?

Zwei grundsätzliche Probleme erschweren die Beantwortung dieser Frage:

Zum Einen handelt es sich bei Extremwettern per Definition um Extreme. Sie stellen eine außergewöhnliche Abweichung dar und sind daher grundsätzlich viel seltener zu beobachten als normales Wetter. Das macht es schwieriger, Änderungen in der Häufigkeit ihres Auftretens statistisch nachzuweisen. Auch Klimawissenschaftler sind sich oftmals uneins darüber, wie entsprechende Messdaten zu bewerten sind. Hinzu kommt laut Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG), dass etwa Hagel, Gewitter oder Starkregen auch lokal und zeitlich sehr eng begrenzt auftreten. Salopp gesagt hätte man schon vor langer Zeit in jedem Seitental stündlich das Wetter dokumentieren müssen, um Extremwetterphänomene besser dokumentieren zu können. Im Gegensatz zu langfristigen Trends bei der Durchschnitts-Temperatur gehören Extremwetter daher zu den unsicheren Phänomenen.

Zum Anderen wird der essenzielle Unterschied zwischen Wetter und Klima immer wieder missachtet.

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Wetter:

Der aktuelle und kurzfristige Zustand der unteren Atmosphäre an einem bestimmten Ort, der sich anhand von Temperatur, Niederschlag, Wind und anderen messbaren Größen beschreiben lässt.

Klima:

Die sehr langfristigen, über Jahre und Jahrtausende reichenden durchschnittlichen Zyklen und Entwicklungen dieser Größen, bezogen auf einen Ort, eine Region oder die gesamte Erdatmosphäre.

Ein einzelnes Gewitter fällt also in die Kategorie „Wetter”.

Das gesicherte Wissen über klimatische Änderungen ist je nach Zustandsgröße unterschiedlich ausgeprägt. Auch deshalb, weil die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen, sprich vertrauenswürdigen Messdaten nicht für jede Größe gleich ist. Temperaturen etwa wurden schon vor 150 Jahren sehr zuverlässig dokumentiert. Tropenstürme mitten auf dem Atlantik blieben dagegen bis zum Aufkommen von Wettersatelliten in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts oftmals schlicht unentdeckt. Und auch an Land werden Daten zu Windgeschwindigkeiten erst seit den achtziger Jahren verstärkt automatisiert gemessen.

Lange zurückreichende Messungen gibt es daher kaum, weshalb Meldungen über „stärkste jemals gemessene“ Stürme nur bedingte Aussagekraft haben. Wissenschaftler können aber indirekt auf das Auftreten von Stürmen in der Vergangenheit schließen, in dem sie länger zurückreichende Luftdruckmessungen auswerten. (Stürme entstehen aufgrund hoher räumlicher Luftdruckunterschiede.) Solche Behelfsmethoden machen wissenschaftliche Erkenntnisse nicht unwahr, aber unter Umständen etwas weniger wahrscheinlich.

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Europa: Eher Flaute bei den Stürmen

Aus all dem folgt, dass wir erstens längst noch nicht alles wissen, um unser Klimasystem vollständig zu verstehen, und zweitens, dass der aktuelle Stand des Wissens nicht in jedem einzelnen Punkt auf dramatische Veränderungen hindeutet. Ein gutes Beispiel dafür sind Stürme. Hier zeigen die Daten für Mittel- und Nordeuropa keinen Trend zu mehr Stürmen. Im Gegenteil: Der Beginn des 20. Jahrhunderts zeigte sich weit stürmischer als die Gegenwart. Das gilt auch für Österreich: Am Nachmittag des 10. Juli 1916 fegte ein Tornado mit 300 Stundenkilometern über Wiener Neustadt. 32 Menschen fielen ihm zum Opfer.

Eine Grafik der ZAMG zeigt: Mitteleuropa erlebte bis zu Beginn der 2000er Jahre eher ruhige Zeiten. Nur die 1990er Jahre zeigten sich im Norden und Nordwesten des Kontinents etwas stürmischer. Zwar sorgten einzelne Sturmtiefs, wie etwa „Vivien“ und „Wiebke“ im Jahr 1990, auch in Mitteleuropa bzw. Österreich für Millionenschäden. Zu einem nennenswerten Ausschlag in der Sturmklima-Statistik führte dies aber nicht. Seither ist es auf dem ganzen Kontinent wieder ruhiger geworden. Beim Blick auf die vergangenen 100 Jahre zeigt sich vor allem eine hohe zeitliche Variabilität von Sturmereignissen, aber keine klaren, mit dem Klimawandel in Verbindung zu bringenden Trends.

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Mehr Zerstörung durch Tropenstürme

Anders schaut es beim Blick auf die Weltmeere aus. Global betrachtet stechen vor allem tropische Wirbelstürme (Hurrikane, Taifune, Zyklone) mit ihrer enormen Zerstörungskraft ins Auge. Erst Anfang September wütete Hurrikan Dorian in der Karibik. Er war der stärkste, der jemals auf den Bahamas gemessen wurde. Zwar gelten auch bei Tropenstürmen die oben genannten Vorbehalte bezüglich Aussagen über das vergangene Klima. Im Gegensatz zum europäischen Kontinent erkennen Wissenschaftler hier aber einen Trend, den sie auf den Klimawandel zurückführen: nicht unbedingt zu mehr Hurrikanen insgesamt, aber zu mehr Hurrikanen der stärksten Kategorien 4 und 5. Und generell zu einer Zunahme von starken Tropenstürmen in den meisten Meeren. Dies wurde erst im September durch den jüngsten IPCC-Sonderbericht zum Thema Ozeane bestätigt. Darin machen die Forscher Stürme in Kombination mit dem steigenden Meeresspiegel für ein bereits gestiegenes Risiko für Sturmfluten in Küstenregionen verantwortlich. Für die betroffenen Länder heißt das: ein höheres Risiko für stärkere Zerstörungen.

Während des Hurrikans Harvey fielen 2017 so ungewöhnlich hohe Regenmengen, dass der nationale Wetterdienst der USA auf seiner Niederschlagskarte zwei neue Graustufen einführen musste, um die Mengen adäquat abbilden zu können.

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Globale Durchschnittstemperatur steigt

Unumstößlich ist die Tatsache, dass die globale Durchschnittstemperatur schnell steigt. Zwischen 1880 und 2018 um 0,9 Grad; belegt durch viele lange, oft 150 Jahre und mehr zurückreichende Messreihen an vielen tausend Orten der Erde. Die längste erhaltene Temperaturmessreihe Österreichs wurde übrigens vom Benediktinermönch Plazidus Fixlmillner im Jahre 1767 begründet. Sie zeigt in Kombination mit vielen anderen: Hierzulande ist die Durchschnittstemperatur im selben Zeitraum sogar um zwei Grad gestiegen.

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Im Alpenraum zeigt sich der Klimawandel besonders eindrucksvoll am Schmelzen der allermeisten Gletscher. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hat der größte Gletscher Österreichs, die Pasterze am Großglockner, rund die Hälfte seiner damaligen Fläche eingebüßt. Alleine in den vergangenen fünf Jahren schmolzen 16 Prozent seiner Eismasse weg.

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Vergleich der Gletscherzunge der Pasterze zwischen den Jahren 1900 und 2016

Höhere Durchschnittstemperatur – mehr Hitzetage

Manche Menschen wenden immer wieder ein: „Was sind schon ein oder zwei Grad!? Wir merken den Unterschied ja kaum.“ Das ist deshalb ein fataler Trugschluss, weil sich hinter der scheinbar leichten Erhöhung des Durchschnitts enorme Steigerungen bei den Extremwerten verbergen.

Der Klimawandel zeigt sich schon jetzt an einer globalen Zunahme von Hitzewellen; in Österreich vor allem im Osten des Landes. Die Sommermonate waren in Wien zwischen 2008 und 2018 um zwei Grad wärmer als im Durchschnitt der Jahre 1971–2000. Die für manchen langweilig klingende Statistik bedeutet für den Sommer im Zentrum Wiens: jährlich 28 Tage mit Temperaturen über 30 Grad (Hitzetage) statt der durchschnittlichen 14 Hitzetage in der Referenzperiode.

Der vorausgesagte weitere langfristige Temperaturanstieg wird der Wissenschaft zufolge in Zukunft vermehrt für Extremwetter sorgen, weil, grob vereinfacht gesagt, eine aufgeheizte Atmosphäre mehr Energie in sich trägt, mehr Wasser aus den Weltmeeren aufnehmen kann und alles zusammen für mehr Turbulenz sorgt.

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Mehr Trockenheit trotz steigender Regenmengen

Das Jahr 2018 trat in vielen Regionen Österreichs auch als besonders trocken in Erscheinung. Viele Messstationen verzeichneten zwischen 20 und 40 Prozent weniger Niederschlag als in einem durchschnittlichen Jahr. Und der Sommer 2019 war einer der sieben trockensten Sommer der Messgeschichte. Nur eine zufällige Häufung in jüngster Vergangenheit?

Verblüffenderweise zeigen die Jahresniederschlagssummen für Gesamt-Österreich sogar einen langfristig positiven Trend: Es regnet nicht weniger, sondern etwas mehr als vor ein paar Jahrzehnten. Das Problem: Mehr oder gleich viel Regen bedeutet nicht zwangsläufig weniger Trockenheit. Die Niederschlagsmengen verschieben sich nämlich zunehmend Richtung Winter und kommen im Sommer öfter punktuell und in großen Mengen nieder. Beides begünstigt sommerliche Trockenheit.

Eine Studie aus 2016 unter Beteiligung der Universität für Bodenkultur überprüfte den Zeitraum zwischen 1961 und 2014 auf bestimmte, an 411 zentraleuropäischen Wetterstationen gesammelten Kennzahlen, die Trockenperioden anzeigen. Das Ergebnis: Auch wenn das Klima an einigen Stationen feuchter wurde, über alle Stationen betrachtet zeigte sich ein deutlicher Trend zu mehr Trockenheit. Je nach Berechnungsindex war er bei bis zu 45 Prozent der Stationen signifikant. Ein Trend zu Trockenheit ist also erkennbar, selbst wenn man die beiden vergangenen Trockenjahre 2018 und 2019 außer Acht lässt.

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Saubere Luft erhöht das Dürre-Risiko

Wissenschaftler rechnen zukünftig mit häufigeren und längeren Trockenperioden. Unter anderem deshalb, weil höhere Temperaturen die Wasseraufnahmefähigkeit der Luft erhöhen, den Boden schneller austrocknen lassen. Zunehmende Wärme verlängert aber auch die Wachstumsphase von Pflanzen: Bäume, Wiesen und Getreidefelder beginnen früher im Jahr, dem Boden Wasser zu entziehen und tun dies länger in den Herbst hinein.

Auch die Tatsache, dass die Luft in Europa und Nordamerika in den vergangen rund 40 Jahren viel sauberer geworden ist, verschärft die Situation. Rauchgasentschwefelungsanlagen der Industrie verhindern inzwischen, dass gigantische Mengen Schmutzpartikel in die Atmosphäre gelangen, wo sie die Intensität der Sonnenstrahlung abmildern würden. Gleichzeitig nimmt die Luftverschmutzung in anderen Weltregionen zu. In welchem Ausmaß die Schmutzpartikel das Klima beeinflussen, ist nicht restlos geklärt.

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Ein heißer Sommer beweist wenig

Fazit: Nicht jedes Wetterextrem lässt sich heute schon zweifelsfrei dem Klimawandel zuordnen. Ein heißer Sommer alleine beweist wenig. Der rasante globale Temperaturanstieg muss allerdings nicht mehr diskutiert werden, er ist ebenso belegt wie der steigende Meeresspiegel und der Rückgang der Meereisbedeckung in den Polarregionen. Aber auch häufigere Hitzewellen und vermehrte Trockenperioden sind mit großer Wahrscheinlichkeit die schon jetzt spürbaren Folgen des Klimawandels. 

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04.11.2019

Das Rechercheteam

Timo Küntzle

Timo Küntzle, geboren 1974 in Karlsruhe, ist Journalist und hat ein Diplom in Agrarwissenschaften. Nach seinem Studium (Fachrichtung Pflanzenbau) und einem Redaktions-Volontariat, arbeitete er als Redakteur und Reporter für die Nachrichtenredaktionen von Puls 4 und Servus TV, später als Moderator und Gestalter für das Wissensformat „Na Servus – das Wetter auf Servus TV“ sowie für „Servus am Morgen“. Zuletzt schrieb er regelmäßig Beiträge für das Ressort „Wissen und Innovation“ der Tageszeitung „Die Presse“.

Carla Marquez
Dennis Meyer

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

Johannes Strobl
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Folgende Artikel gehören zum Projekt 100 Klimaskepsis

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