Angst essen Freiheit auf

Weniger die Tatsache des menschengemachten Klimawandels als vielmehr die in seinem Namen ausgetragenen Streiks spalten die Gemüter – ideologische Vereinnahmung und Moralisierung vergiften den Diskurs. Manche fürchten gar die Öko-Diktatur.

27.09.2019
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Ich will, dass ihr in Panik geratet.“ Mit diesem Satz ließ Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg beim diesjährigen Weltwirtschaftsforum in Davos aufhorchen. Es sei an der Zeit, nun klar und deutlich zu sprechen: „Es gibt keine Grauzonen, wenn es ums Überleben geht.“

Natürlich gibt es Menschen, die nach wie vor leugnen, dass menschengemachter Klimawandel überhaupt existiert, doch wenn man dem Stand der Wissenschaft vertraut, kann man einigermaßen gesichert davon ausgehen, dass es leider tatsächlich nichts zu leugnen gibt. Doch: Wie viel Angst braucht die Menschheit, um zu handeln? Viel, meint Greta Thunberg, eher weniger, meinen die, die bedenken, dass aus Angst selten rationale Entscheidungen getroffen werden.

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Klimapanikattacken

Dass es höchste Zeit ist, in Panik zu geraten, würde wohl auch die Journalistin Naomi Klein unterschreiben. Bereits 2014 legte sie mit ihrem Bestseller Die Entscheidung – Kapitalismus vs. Klima ein Buch zur Debatte vor, das die Herausforderung des Klimawandels zum Anlass nahm, eine grundsätzliche Neuordnung des politischen Systems zu fordern. Um genau zu sein, fordert sie nichts Geringeres als die Abschaffung des freien Marktes. „Wenn ich den Klimawandel als Kampf zwischen dem Kapitalismus und der Erde darstelle, verkünde ich damit keine neuen Weisheiten.“ Weisheiten in der Tat nicht, allerdings auch keine alten, wie einige Wissenschaftler glaubhaft argumentieren. Aber dazu später. Auch in ihrem jüngst erschienenen Buch, On fire, hält Klein nicht damit hinterm Berg, dass sie den Klimawandel zum Anlass nimmt, linke Politiken umsetzen zu wollen: „It means that a green-left worldview, which rejects mere reformism and challenges the centrality of profit in our economy, offers humanity’s best hope of overcoming these overlapping crises.”

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Klima und Gerechtigkeit: Es ist kompliziert

Der so in erster Linie von Klein geprägte Begriff der Klimagerechtigkeit wurde auch von der Klimaschutzbewegung der Stunde, „Fridays for Future“, aufgegriffen. Im Rahmen dessen werden teils Schilder, auf denen „Burn Capitalism“ zu lesen ist, getragen; auch sonst entspringen die jungen Köpfe dieser Bewegung zum Großteil dem politischen Spektrum links der Mitte. Die Forderung lautet, soziale und ökologische Gerechtigkeit müsse Hand in Hand gehen. Eine andere soziale Bewegung, die „Extinction Rebellion“, die sich gegen das Massenaussterben von Pflanzen, Tieren und Menschen als Folge des Klimawandels einsetzt, gibt sich im Sinne der Klimagerechtigkeit ebenfalls eindeutig als politisch links, wenn sie beispielsweise in ihrem Handbuch (Wann, wenn nicht wir) ausführt, dass es eine neue Ökonomie braucht: „Und wir müssen sie (Anm., die Ökonomie) dringend in eine regenerative, distributive und jenseits von Wachstum lebensfähige Ökonomie verwandeln.“ An dieser Stelle wirft der Psychologe Steven Pinker in Aufklärung Jetzt ein, dass das Vorhaben der Klimagerechtigkeitskämpfer, arme Nationen reicher und reiche Nationen ärmer zu machen, nicht weiterhelfe: „Ökonomischer Fortschritt ist in reichen wie auch in armen Ländern gleichermaßen genau deshalb ein Muss, weil er erforderlich ist, um sich an den bereits bestehenden Klimawandel anzupassen.“ Was Pinker damit meint, ist Folgendes: Die Menschheit ist großteils dank ihres Wohlstands gesünder geworden, ist besser ernährt, friedlicher und besser geschützt vor Naturgefahren sowie -katastrophen. Man fragt sich an dieser Stelle, wenn man Naomi Kleins Forderungen liest: Muss man den Kapitalismus tatsächlich abschaffen, um den Klimawandel zu stoppen?

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Kapitalismus vs. Klima, ein Scheingefecht

Nein, schreibt der grüne Politiker Ralf Fücks in Freiheit verteidigen. Vielmehr sei der Kapitalismus das wandlungsfähigste aller ökonomischen Systeme, das einen nie gekannten sozialen Fortschritt ermögliche: Fücks zufolge sind Ökologie und Ökonomie keine Antipoden und die soziale Marktwirtschaft kein Auslaufmodell. Er übt harsche Kritik an seiner eigenen Partei, der er in umweltpolitischen Angelegenheiten vorwirft, sich der etatistischen Versuchung, – sprich: Der Staat solle alles richten und regeln – hinzugeben. „Trotz aller Lockerungsübungen haftet den Grünen das Image einer Gouvernanten-Partei an, die ihre Schutzbefohlenen mit Geboten oder Verboten auf den Pfad der Tugend führt.“ Er geht sogar noch einen Schritt weiter und warnt vor einem Autoritarismus in Grün, einem Autoritarismus im Namen der Freiheit: Der Antrieb, künftige Katastrophen zu verhindern, dürfe keinen Freibrief für Bevormundung und Beschränkung darstellen.

Auch die individuelle Zuteilung von Emissionskontingenten lehnt Fücks mit dem Hinweis ab, dass diese vermeintlich gerechte Lösung eher verspräche, in einen Überwachungsstaat auszuarten. Die Herausforderung liege vielmehr darin, Wertschöpfung und Naturverbrauch durch eine grüne industrielle Revolution zu entkoppeln – dazu bedarf es Forschung, Erfindergeist und Innovation. Es sei eine Frage der Produktionsweise, wie weit Wirtschaftswachstum und Ökologie in Konflikt stehen. Die Zeit drängt, aber: Der Klimawandel steht eben nicht über der Demokratie, politische Prozesse dauern zwar, dennoch ist Fücks eine langsame Demokratie lieber als ein schein-effizienter Autoritarismus. Der Zweck heiligt nämlich auch in diesem Fall nicht die Mittel. „Freiheit ist mehr als die bloße Einsicht in die Notwendigkeit, Selbstbestimmung ist unteilbar, und Demokratie ist ein Wert an sich, der nicht zugunsten eines grünen TINA-Prinzips (,there is no alternative‘) außer Kraft gesetzt werden darf.“

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Der Optimismus der Ökonomen

Auch die Ökonomen Gernot Wagner und Martin L. Weitzmann halten von der Idee, den Kapitalismus abzuschaffen, wenig: „Es geht nicht darum, den Kapitalismus fertig zu machen, sondern das Kohlendioxid.“ Sie halten es hier mit Ralf Fücks, indem sie betonen, dass der Kapitalismus mit seinen innovativen Kräften vielmehr unsere einzige Hoffnung ist, den Klimawandel zu bekämpfen. Ihr Buch trägt zwar den Titel Klimaschock, doch verbirgt sich dahinter nicht die aus dem medialen Diskurs bekannte Klimapanikrhetorik. Sie zielen nicht darauf ab, dem Einzelnen Angst zu machen, sie streichen vielmehr hervor, dass jedes Individuum zwar auf Reduktion, Wiederverwendung und Recycling setzen könne – was allerdings nichts ändern wird. Es wird den Klimawandel nicht stoppen. Weshalb man trotzdem bei sich selbst anfangen sollte, hat einen anderen Grund: Dadurch würden jene Werte erlernt,  von denen die Handlungen in viel größerem Maßstab abhängen. „Die Verantwortung liegt also bei uns allen und auch niemandem. Man kann nicht mit dem Finger auf jemandem zeigen. Der Feind sind wir. Wir alle.

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Wir werden alle sterben

Dass die Debatte um die Klimakrise allgegenwärtig ist, zeigt sich auch daran, dass sich zunehmend nicht nur Wissenschaftler, sondern auch ansonsten eher für ihre belletristischen Werke bekannten Autoren zu Wort melden. So findet T.C. Boyle beispielsweise, dass Greta Thunbergs Angstmache sehr berechtigt sei, Jonathan Safran Foer hat gar ein ganzes Buch zum Thema vorgelegt. In Wir sind das Klima appelliert er an jeden Einzelnen, sein Verhalten zu ändern, um den Klimawandel zu stoppen. Waldrodung, Massentierhaltung und Fleischkonsum sind für einen erheblichen Teil der weltweiten CO2-Emissionen verantwortlich, weshalb man sich von ihnen verabschieden müsse. „Wir können nicht unsere vertrauten Mahlzeiten und zugleich unseren vertrauten Planeten behalten. Eins davon müssen wir aufgeben. So einfach und so schwierig sieht es aus.“ Etwas zu einfach, würden die oben genannten Ökonomen kontern. Ein anderer Literat, Jonathan Franzen, löste demgegenüber mit einem Text in The New Yorker heftige Kritik aus, weil er wagte auszusprechen, was sich manche vielleicht nur denken: Können wir endlich aufhören, so zu tun, als würde die Klimaapokalypse nicht stattfinden? „Some climate activists argue that if we publicly admit that the problem can’t be solved, it will discourage people from taking any action at all. This reminds me of the religious leaders who fear that, without the promise of eternal salvation, people won’t bother to behave well.” Der Religionsvergleich ist tatsächlich nicht sehr weit hergeholt, insofern, als Greta Thunberg vom Berliner Erzbischof bereits mit Jesus verglichen wurde. Vielleicht schadet aber etwas Pessimismus im Sinne Jonathan Franzens gar nicht. Ein pragmatischerer Zugang zu dieser sehr hitzig geführten Debatte würde letztlich die Tatsache erträglicher machen, dass die Erde uns vermutlich schneller umbringen wird als wir sie. Auch, wenn wir selbst daran schuld sind.

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Literatur

Foer, Jonathan Safran: Wir sind das Klima. Wie wir unseren Planeten schon beim Frühstück retten können. Köln 2019

Fücks, Ralf: Freiheit verteidigen. Wie wir den Kampf um die offene Gesellschaft gewinnen. München 2017

Kaufmann, Sina Kamala/Timmermann, Michael/Botzki, Annemarie (Hrsg.): Wann wenn nicht wir. Ein extinction rebellion Handbuch. Frankfurt am Main 2019

Klein, Naomi: Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima. Frankfurt am Main 2015

Klein, Naomi: On Fire. The Burning Case for a Green New Deal. London 2019

Pinker, Steven: Aufklärung jetzt. Für Vernunft, Wissenschaft, Humanismus und Fortschritt. New York 2018.

Thunberg, Greta: Ich will, dass ihr in Panik geratet! Frankfurt am Main 2019

Wagner, Gernot/Weitzmann, Martin L.: Klimaschock. Die extremen wirtschaftlichen Konsequenzen des Klimawandels. Wien 2016

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Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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