Generation Snowflake

Es kriselt im Elfenbeinturm. Hochschulen in den USA geraten zusehends in die Kritik, auf ideologischer Basis die Eckpfeiler universitären Daseins zu untergraben: die Freiheit der Rede und der Wissenschaft. Eine niederschmetternde Analyse, die zunächst die Frage aufwirft, welche Rolle die Studenten dabei spielen und was es denn nun heißt, ein Snowflake zu sein.

03.03.2019
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Bereits im September 2015 thematisierten Greg Lukianoff und Jonathan Haidt in The Atlantic mit dem Text The Coddling of the American Mind, dass immer mehr Studenten zum Zwecke ihres emotionalen Wohlbefindens Schutz vor ihnen widerstrebenden Meinungen und Ansichten fordern. Von Ähnlichem sprach ein amerikanischer Professor – unter einem Pseudonym – in einem Essay auf VoxI’m a liberal professor, and my liberal students terrify me. Nicht nur, dass Studenten unbequeme Meinungen nicht billigten, sie würden sich sogar weigern, sich damit zu beschäftigen. Lesen wir hier über den Anfang vom Ende der freien Hochschule?

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Es schneit

Der Atlantic-Text von Greg Lukianoff und Jonathan Haidt wurde in der Zwischenzeit zum Buch selben Titels, das vor allem das Ziel hat, drei große Unwahrheiten, die sich insbesondere an Universitäten und somit unter Studenten verbreiten, aus der Welt zu räumen:

1. The Untruth of Fragility: What doesn’t kill you makes you weaker.
2. The Untruth of Emotional Reasoning: Always trust your feelings.
3. The Untruth of Us Versus Them: Life is a battle between good people and evil people.

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Dieser neuen Studentengeneration gibt Jean M. Twenge, Professorin für Psychologie und Generationenforscherin einen Namen: iGen. Sie erstreckt sich über die zwischen 1995 und 2012 geborenen Personen und verdankt ihren Namen der Tatsache, dass keine Generation davor in ihrem Aufwachsen so sehr mit dem Internet und mit Smartphones verbunden war (Internet Generation). Über mehrere Dekaden datenanalytisch aufbereitet, ergibt sich aus Jean M. Twenges Forschung vor allem ein auch für Greg Lukianoff und Jonathan Haidts Buch wesentlicher Punkt: Die Generation iGen legt ein überdurchschnittlich hohes Risiko- und Gefahrenvermeidungsverhalten an den Tag. Das geht über die rein physische Sicherheit hinaus:

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This is the flip side of iGen’s interest in safety: the idea that one should be safe not just from car accidents and sexual assault but from people who disagree with you.
Jean M. Twenge

Diversität funktioniert nicht ohne Toleranz

„Emotional safety“ beziehungsweise „emotional injury“ wird so zum Wort dieser Generation. Und es zeitigt Auswirkungen an Universitäten: weder das Schaffen von safe spaces, an denen sich Studenten aufhalten können, sobald jemand am  Campus eine Rede hält und dabei eine Meinung vertritt, die manche Studenten nicht teilen, noch das vermehrt präventiv rücksichtsvolle Aussprechen von trigger warnings bei potenziell verstörenden Inhalten, noch das rigidere Instrument der „disinvitation“ (Ausladung bestimmter Sprecher auf Verlangen einer Mehrheit von Studenten), das oftmals als zum Schutz der (seelischen) Gesundheit oder Sicherheit benutzt wird, sind Ausnahmen. Eine eigene disinvitation database hat Greg Lukianoff im Rahmen seiner Organisation, der Foundation for Individual Rights in Education (FIRE), aufgebaut: Seit 2000 werden Bestrebungen von Studenten, Ausladungen bestimmter Personen zu erreichen, festgehalten; etwa 46 Prozent davon waren erfolgreich, wobei ebensoviele Bestrebungen von der linken wie von der rechten Seite des politischen Spektrums stammen. Das für Lukianoff Beunruhigende dabei ist: Seit 2013 steigen die Zahlen.

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One of the most important kinds of viewpoint diversity, diversity of political thought, has declined substantially among both professors and students at American universities since the 1990s.
Greg Lukianoff/Jonathan Haidt

Unwohlsein ist keine Gefahr

Greg Lukianoff und Jonathan Haidt argumentieren zudem gegen die immer dominanter werdende Idee, Sprache als Gewalt einzustufen und Studenten davor zu schützen, weil das der eigentlichen Intention, psychische Schäden abzuwenden, abträglich wäre. Dabei bedienen sie sich eines Ausdrucks, der von Nassim Nicholas Taleb geprägt wurde: Antifragilität. „Many of the important systems in our economic and political life are like our immune systems: they require stressors and challenges in order to learn, adapt, and grow. Systems that are antifragile become rigid, weak, and inefficient when nothing challenges them or pushes them to respond vigorously.”

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Opferkult?

Heather Mac Donald, Journalistin und Rechtsanwältin, sieht das Problem in The Diversity Delusion etwas anders gelegen: Die zunehmende Einschränkung der Redefreiheit liege darin, dass die Universitäten zunehmend vom Gedanken dominiert werden, dass Menschen in erster Linie nach ihrer Hautfarbe, ihrem Geschlecht oder nach ihren sexuellen Präferenzen definiert werden und dass Amerika – nach ihrer Einschätzung – für ein grundsätzlich rassistisches Land gehalten würde, in dem weiße Männer bessere Chancen hätten als jeder andere:

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The key deconstructive concept of linguistic ,différance‘ became identity difference between the oppressed and their oppressors; the prime object of study became one’s own self and its victimization.
Heather Mac Donald

Anhand zahlreicher Beispiele untermalt Heather Mac Donald die schon von Lukianoff und Haidt beschriebene Ausladungspolitik diverser Universitäten. Sie selbst wurde am Claremont McKenna College durch linke Proteste von ihrer Rede abgehalten; sie hatte sich davor und auch in einem ihrer Bücher auf die Seite der Polizei gestellt. Heather Mac Donalds harsche Kritik, die letztlich auf eine Kritik an Identitätspolitik hinausläuft, unterstreicht der kanadische Psychologe Jordan Peterson: „Why should we care what happens in the Ivory Tower? Because what happens there very soon happens everywhere. Heather Mac Donald warns us: The universities have been transformed into factories of ideology that mass-produce victims, certain in their oppression, searching everywhere for oppressors to blame and to punish. And the ranks of those deemed tyrants and persecutors threaten to swell until every single one of is is deemed guilty in some manner or another. Beware.“

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Literatur

Lukianoff, Greg/Haidt, Jonathan: The Coddling of the American Mind. How Good Intentions and Bad Ideas Are Setting Up a Generation of Failure. New York 2018

Mac Donald, Heather: The Diversity Delusion. How Race and Gender Pandering Corrupt the University and Undermine Our Culture. New York 2018

Taleb, Nassim Nicholas: Antifragilität. Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen. München 2014

Twenge, Jean M.: iGen. Why today’s Super-Connected Kids Are Growing Up Less Rebellious, More Tolerant, Less Happy – and Completely Unprepared for Adulthood. New York 2018

03.03.2019

Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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