Heimat ist ein Nichtort

Der Begriff Heimat hat wieder Konjunktur. Eher widersprüchlich sind allerdings die Auslegungen: Für die einen ist es Synonym für abgeschmackte und ewiggestrige Borniertheit, für die anderen ein notwendiges Identifikationsmerkmal.

18.10.2019
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Wer sich mit dem Begriff Heimat beschäftigt, kommt nicht an Ernst Bloch vorbei, oder besser: Kommt an Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung nicht vorbei. Als ein von den Nationalsozialisten ins Exil getriebener jüdisch-deutscher Philosoph war er der Meinung, dass Glück nicht in der Vergangenheit, sondern ausschließlich in der Zukunft zu finden sei; auch Menschen mit keinerlei Heimaterfahrung sei es möglich, fortan die eigene Heimat zu schaffen. Mit diesem Gedanken  lässt er sein dreibändiges Hauptwerk ausklingen: „Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfasst und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

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Heimat hat keine politische Schlagseite

Es widerspricht: Schriftstellerin Thea Dorn. Mit deutsch, nicht dumpf legt sie ein Plädoyer für das Deutschsein – also für die deutsche Heimat – vor: Sie hat keine Lust, das Thema der erstarkenden rechten politischen Seite des Landes, also der AfD, zu überlassen. Sie teilt Blochs Ansatz insofern nicht, als sie nicht nachvollziehen kann, wie jemand, der noch nie eine Heimat hatte, sich eine eigene, neue erschaffen könnte. Hier greift Dorns Kritik allerdings etwas kurz, denn: Ist Heimat nicht, was jeder Einzelne daraus macht? Zudem stimmt sie in Weiterführung der Gedanken Blochs dem deutschen Dichter Johann Gottfried Herder insofern zu, als Heimat der Ort sein soll, an dem man sich nicht erklären muss. Auch diesen Ort muss der Mensch aber eigentlich erst erschaffen. Dorn wehrt sich gegen die Vereinnahmung von Herders Gedankengut durch die AfD und betont, dass sich aus seinen Ausführungen eine Auslegung des Heimatbegriffs ergibt, der sie unumwunden zustimmt. Nämlich der, „dass der Mensch eben nicht der grenzenlos neugierige, ewig unersättliche kulturelle Allesfresser und Allesverdauer ist, als den ihn uns die kosmopolitische Postmoderne verkaufen will“.

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Weltbürgertum

Was man sich unter Dorns Beschreibung dieses postmodernen Weltbürgertums vorstellen kann, zeigen die Gründer der Organisation European Alternatives, Lorenzo Marsili und Niccolò Milanese in Wir heimatlosen Weltbürger. Sie argumentieren darin gegen die oft erhobenen Vorwürfe, die kosmopolitische Elite habe den einfachen Bürger abgehängt, indem sie konstatieren, dass gerade die einfachen Leute durch die globale Vernetztheit inzwischen Weltbürger geworden seien. In Heimatlosigkeit sehen sie nichts Negatives, letztlich wollen die Autoren den Nationalstaat abschaffen. Beklatscht wird das Ganze im Vorwort von der Politikwissenschaftlerin Ulrike Guérot und dem Schriftsteller Robert Menasse; Letzterer hat selbst mit Heimat ist die schönste Utopie ein brennendes Plädoyer für ein Leben in postnationalstaatlichen Zeiten vorgelegt. „Heimat ist ein Menschenrecht, Nation nicht. Heimat ist konkret, Nation ist abstrakt.“ Heimat ist mit Menasse also sogar menschenrechtswürdig, die Nation ist das Grauen.

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Heimat als Menschenrecht?

Starke Ansage. Und weil alles, dem man rechtlichen Status einräumt, an Wichtigkeit gewinnt, ist Robert Menasses Menschenrechtsforderung wohl eher als rhetorisches Mittel zu verstehen. Allerdings: Bernhard Schlink behauptet in Heimat als Utopie dasselbe („Es ist, wie Hannah Arendt überzeugend dargelegt hat, das Menschenrecht schlechthin.“); und er ist immerhin Jurist. Nun kann man das Recht auf Heimat zwar aus diversen Rechtsquellen ableiten, aber als so bezeichnetes, eigenständiges Recht bleibt es dennoch strittig und ist international nicht allgemein anerkannt. Schlink erkennt selbst eine weitere Problematik in der Auslegung des von ihm behaupteten Rechts: Richtig verstanden sei es eine Selbstverständlichkeit, falsch verstanden aber Ideologie und Triebkraft nationaler Konflikte. Er verteidigt also das Recht auf Zugehörigkeit, das Staatenlosen, Flüchtlingen oder Vertriebenen oft nicht zukommt. „Diese Rechtlosigkeit ist die eigentliche, die letzte, die zerstörerische Heimatlosigkeit.“ Das Entscheidende des Heimatbegriffs wird also eigentlich erst an seinem Fehlen deutlich – Heimaterfahrungen werden erst gemacht, wenn das, was man darunter versteht, fehlt.

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Heimat ist dein Ort nicht als der, der er ist, sondern als der, der er nicht ist.
Bernhard Schlink

Und sooft Heimat auch auf einen Ort bezogen ist, etwa auf den Geburts- oder Kindheitsort, Orte der Erinnerung und des Glücks, den Wohnort oder Lebensmittelpunkt, ist das nicht die Essenz von Heimat. Heimat, so Schlink, ist Utopie. Sie nährt sich aus Sehnsucht, da das eigentliche Heimatgefühl sich in Heimweh manifestiert. Das wiederum macht Heimat und Heimatgefühl zu etwas sehr Subjektivem, Ungreifbarem, ja, Utopischem.

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Das Wir der Nation

Auch der Schriftsteller Michael Köhlmeier hat mit der Nation ein Problem. Er beschreibt sie in Wenn ich wir sage folgendermaßen: „Die Nation schließlich erschleicht sich die Emotionen des Wir, sie ist ein reines Produkt von Ideologie und Lüge, bereits ihr Name ist eine Irreführung, sie ist die Hölle des Wir.“ Köhlmeier formuliert dieses Wir so, wie Schlink den Begriff Heimat definiert: Als alles, was nicht fremd ist. Das Wir wird somit erst sichtbar, wenn der Fremde auftaucht – wie eine Komplementärfarbe.

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Eine Welt ohne Wir ist die denkbar fremdeste Welt.
Michael Köhlmeier

Schuld am Nationalismus, so Köhlmeier, seien die Romantiker, indem sie die Ideen von Johann Gottfried Herder übernahmen. Der Hüter des Mythos der Heimat sei somit der „Volksgeist“ oder „Nationalgeist“ – diese Begriffe wurden von Herder geprägt. Ihr Missbrauch folgte danach, und zwar durch Politiker, die Empfindungen, die einem gewissen Ort gelten, auf ein festgemachtes Gebiet übertrugen, was Köhlmeier einigermaßen absurd erscheint. „Patriotismus ist die unverantwortliche Vereinnahmung von Gegenden, mit denen ich nichts zu tun habe. Eine Form geistiger Okkupation.“ Nation und Heimat seien demnach nicht dasselbe, da das Wir der Heimat bestimmt, wer dazugehört, das Wir der Nation allerdings, wer nicht dazugehört.

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Die Heimat schließt ein, die Nation aus.
Michael Köhlmeier

Die Rückkehr des Nationalen

Wie Thea Dorn stellt auch Max Czollek in Desintegriert euch fest, dass die Rückkehr des Nationalen in den intellektuellen Diskurs stattfindet. Doch anders als Dorn versucht Czollek gar nicht erst, den Begriff der Heimat von der Vereinnahmung durch rechte Politik zu befreien – er geht eher in den Gegenangriff über. Harsche Kritik übt er an der Einrichtung eines deutschen Heimatministeriums und zeigt sich empört: „Ich bin nämlich der Meinung, dass die Deutschen ihre Verantwortung für die Vergangenheit gründlich missverstanden haben, als sie sich jahrzehntelang eine neue Normalität herbeiphantasierten.“ Heimatverliebt ist für ihn gleichbedeutend mit neurechtem deutschem Stolz, also genau die Argumentationslinie, die Dorn so zornig macht. Schlüssig ist Czolleks Argumentation tatsächlich nicht. Er lehnt die Kategorisierung durch Integrationsdenken, das ein kulturelles und politisches Zentrum – ein deutsches – voraussetzt, ab, kategorisiert aber im selben Atemzug seinerseits: die Deutschen.

Ähnliches und bisweilen Radikaleres findet man im Sammelband Eure Heimat ist unser Albtraum von Fatma Aydemir und Hengameh Yaghoobifarah. Auch hier ist das Heimatministerium ein Triggerbegriff. Wenn bereits auf der ersten Seite unterstellt wird, dass „Heimat in Deutschland nie einen realen Ort, sondern schon immer die Sehnsucht nach einem bestimmten Ideal beschrieben: einer homogenen, christlichen, weißen Gesellschaft, in der Männer das Sagen haben, Frauen sich vor allem ums Kinderkriegen kümmern und andere Lebensrealitäten schlicht nicht vorkommen“, ist klar, was auf den nächsten Seiten folgt. Das Wort Heimat, für die Autorinnen kaum ohne Zusammenhang mit der Shoa denkbar, würde zunehmend normalisiert, schreiben sie, und daher zum Albtraum. Spätestens beim Satz „Ganz einfach: Ich will den Deutschen ihre Arbeit wegnehmen“ aus dem Kapitel „Arbeit“, bei dem zu Recht auf die oftmals prekäre Arbeitssituation von Migranten hingewiesen wird, kommt man nicht umhin, die Rhetorik zu bemerken: Sie ist dieselbe, die auch die Gegenseite, also die AfD benutzen würde. Spiegelgleich. 

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Literatur

Aydemir, Fatma/Yaghoobifarah, Hengameh: Eure Heimat ist unser Albtraum. Ullstein Verlag 2019

Bloch, Ernst: Das Prinzip Hoffnung. Suhrkamp Verlag 1985

Czollek, Max: Desintegriert euch. Carl Hanser Verlag 2018

Dorn, Thea: deutsch, nicht dumpf. Ein Leitfaden für aufgeklärte Patrioten. Albrecht Knaus Verlag 2018

Köhlmeier, Michael: Wenn ich wir sage. Residenz Verlag 2019

Menasse, Robert: Heimat ist die schönste Utopie. Reden (wir) über Europa. Suhrkamp Verlag 2018

Schlink, Bernhard: Heimat als Utopie. Suhrkamp Verlag 2017

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Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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