No country for men

Spätestens seit dem Beginn von #MeToo hat manch eine ihr Feindbild gefunden: den Mann. Oft wird sogar präzisiert: den alten, weißen Mann. Schnell ist von toxischer Männlichkeit die Rede, vom Gift der Männer also, das als das wahre Problem allen Gleichberechtigungsstrebens angesehen wird. Klingt zu einfach, ist auch so. Aber wer sich verbissen auf den vermeintlichen Feind fokussiert, muss sich immerhin weniger mit sich selbst beschäftigen.

07.04.2019
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Anfang dieses Jahres erschien ein Ratgeber der American Psychological Association (APA), betitelt mit Guidelines for Psychological Practice with Boys and Men, der Psychologen die Arbeit mit Männern erleichtern soll. In einem den Ratgeber beschreibenden Essay wird ausgeführt: „But something is amiss for men as well“ und „The main thrust of the subsequent research is that traditional masculinity – marked by stoicism, competitiveness, dominance and aggression – is, on the whole, harmful.” Es gibt also laut APA ein Problem, und dieses Problem verkörpert der (traditionell männliche) Mann. Diese sogenannte toxische Männlichkeit hält auch die medialen Echokammern auf Trab, nicht selten wird ihr alles, was momentan in der Gesellschaft schiefläuft, zugeschrieben. Doch wovon sprechen wir hier eigentlich?

Don’t you know that you’re toxic

Das weiß auch Sophie Passmann nicht so genau. In Ihrem Buch, Alte weiße Männer, stellt sie zunächst fest: „Nicht jeder Mann, der alt und auch weiß ist, gehört automatisch zum Feindbild ,alter weißer Mann‘. Das Gefühl der Überlegenheit gepaart mit der scheinbar völligen Blindheit für die eigenen Privilegien macht für mich eher dieses Feindbild aus.“ Passmann will also im Gespräch mit vermeintlich alten, weißen Männern, vorwiegend aus der Kultur- und Medienbranche, herausfinden, ob es möglich wäre, diese doch sehr häufig verwendete Phrase konkreter zu definieren; es zeigt sich: Nein. Die sich in Reue übenden Gesprächspartner (etwa der Politologe Werner Patzelt oder der Kabarettist Claus von Wagner) erhalten von Passmann moralische Absolution, der ihr in Person des Welt-Chefredakteurs Ulf Poschardt begegnende Sexismus („[…] ich habe doch keinen Bock, in irgendwelchen Ressortleiterrunden nur in Männervisagen zu gucken.“) hingegen keine (im Moment ausgesprochene) Widerrede.

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Das andere Lager ist selten so stumpf, wie man es vermutlich gerne hätte.
Sophie Passmann

Am Ende steht dann aber doch Passmanns Erkenntnis, dass man dem Gegenüber „schlicht wieder mehr Klugheit, Verve und mehr Scharfsinn zutrauen“ sollte. Denn: „Wir werden noch viele Jahre über den Sinn oder Unsinn von Feminismus streiten. Lasst es uns wenigstens klug tun, ohne uns selbst oder das Gegenüber ständig mit Feindbildern zu langweilen.“

Feindschaft!

Vom Feindbild Mann in dieser Ausprägung hat auch Jessa Crispin genug, wenn sie in Why I am not a Feminist schreibt: „What this says, though, is that what our ,enemies‘ think of us is more important than our own integrity.” Statt Männer als das Problem, um das man sich zu kümmern habe, zu sehen, plädiert sie dafür, Seite an Seite eine Welt und Gesellschaft zu kreieren, in der weder Frauen versuchen, Männer zu dominieren, noch umgekehrt.

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It is not our job to escort men into a new awareness.
Jessa Crispin

Drastischer formuliert es die Philosophin Elisabeth Badinter in Dead End Feminism: Solange Männer wie Frauen behaupten, das Opfer des jeweils anderen zu sein, ist die Debatte festgefahren. Ändert sich das nicht, werden sich die Beziehungen zwischen Männern und Frauen nur verschlechtern: „This is what is called reaching a dead end.“ Dass diese Einsicht noch nicht bei allen angekommen ist, beweist Erica Fischer in Feminism Revisited. Nach ihrer fast ein halbes Jahrhundert umfassenden Beobachtung der Entwicklung des Feminismus zitiert sie am Ende ihres Buches sich selbst in Form eines Aufsatzes von vor 30 Jahren und meint dazu, dass dies Teil ihres politischen Vermächtnisses sei, und dass, obwohl sie heute einiges anders sähe, manches noch immer erstaunlich gut zur momentanen Situation passe: Eine feministische Revolution schließe, wie man in diesem Aufsatz liest, Männer nicht prinzipiell aus, Männerschulungen sollen nachhelfen. „Im Übrigen halten sie sich im Hintergrund, arbeiten zu, kochen, kümmern sich um die Kinder und erfüllen andere ihnen von den Frauen zugeteilte Aufgaben. Auch bei größter Sachkompetenz ist es ihnen auf absehbare Zeit nicht gestattet, Führungspositionen zu übernehmen.“ Dass der Mann der deklarierte Feind ist, wird nicht ausgespart: „Nach der ersten Phase des erfolgreichen Zusammenschlusses gegen den Feind tritt eine Entspannung ein.“ So weit, so feindselig. Aber muss das sein?

 Winning a battle, losing the war

Nein, meint Joanna Williams. In Women vs Feminism argumentiert sie ausführlich gegen das Hochstilisieren der Opferkultur: Diese Sichtweise würde die eigentlichen Ziele des Feminismus, Frauen als freie und autonome Wesen zu sehen, die mit der Welt in gleicher Weise wie Männer fertig werden, untergraben. Als bräuchten Frauen speziellen Schutz, trigger warnings oder safe spaces.

Auch der Fokus auf die vermeintlich toxische Maskulinität verkennt laut Williams die Tatsache, dass es auch Frauen gibt, die die als schädlich gebrandmarkten maskulinen Charakterzüge (wie beispielsweise Aggression, Dominanz oder Skrupellosigkeit) verkörpern: „Problematizing masculinity has the perverse effect of entrenching gender stereotypes and denying individual preferences.“ Dass durch den ständigen Angriff letztlich Männer anfangen, sich selbst als Opfer zu fühlen, erschafft ein Perpetuum mobile der gegenseitigen Schuldzuweisungen und Vorwürfe: Es geht nur mehr darum, wer es in der Opferhierarchie weiter nach oben schafft.

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The result is,that both men and women fight to claim the mantle of victimhood.
Joanna Williams

Die Konsequenz daraus, dass es oft nur um die Wiederholung der Feststellung, Frauen seien Opfer, geht, ist bedenklich: Sie schürt Angst auch unter den Frauen, die tatsächlich noch nie Opfer eines männlichen Übergriffs wurden. Davon, so Williams, muss man sich befreien: „Feminism’s presentation of women as victims of a dominant and rapacious masculinity, on the other hand, and faceless patriarchal forces, on the other, does neither women nor men any favours.”

Der Hass des anderen Geschlechts

Aus der anderen Perspektive und mit der großen Frage, wie es misogynes Denken im 21. Jahrhundert überhaupt noch geben kann, versucht Kate Manne in Down Girl – Die Logik der Misogynie das Geschlechterverhältnis besser zu verstehen. Sie schlussfolgert, dass Frauen aus männlicher Perspektive im Wesentlichen „Gebende“ sind, und zwar auf dem Gebiet der Fürsorge, des Trostes, der Pflege oder der sexuellen, emotionalen und reproduktiven Arbeit. Aus diesen „gefühlten falschen Verpflichtungen“ gelte es sich zu befreien. Was die Bezeichnung als Opfer beziehungsweise das Herausstreichen des Opferstatus angeht, argumentiert Manne, dass es durchaus berechtigt ist, dies zu betonen: „Ihr Verhalten mag nicht deshalb herausstechen, weil sie mehr beansprucht, als ihr zusteht, sondern, weil wir es nicht gewöhnt sind, dass Frauen in diesen Zusammenhängen das ihnen Zustehende einfordern.“ Die sogenannte Opferkultur sei also insofern nicht kritisierbar.

Harsche Kritik an diesem Zugang übt die Philosophin Svenja Flaßpöhler: „Entsprechend behauptet Manne durchweg eine nach wie vor existierende ,patriarchale Ordnung‘, gegen die Frauen nicht verstoßen könnten, ohne dafür bestraft zu werden. Nun gibt es ganz gewiss immer noch Bereiche, in denen Männer dominieren. Dass aber das Patriarchat im rechtlichen Sinne vorbei ist und die Geschlechter vor dem Gesetz gleich sind; […] All das spielt in Mannes Logik der Misogynie keine Rolle.“

Meinen Hass könnt ihr nicht haben

Flaßpöhler hat selbst ein Buch vorgelegt, das dem Diskurs, der Männer beziehungsweise Männlichkeit als das Grundproblem darstellt, entgegentritt: Die potente Frau. Nach Flaßpöhler fehlt diesem Diskurs nämlich eine ganz bestimmte Perspektive: „Die Frage nämlich, was Frauen zur Festigung der männlichen Macht, die immerhin keineswegs mehr rechtlich legitimiert ist, selbst beitragen.“ Die Männer, an denen sich #MeToo überhaupt entzündet hat, so Flaßpöhler, sind alte Männer. Dass inzwischen eine ganz andere Generation an Männern nachwächst, die anders sozialisiert und erzogen wurde, würde als Argument zu oft ausgespart – in der Zwischenzeit hätten sich auch Männer weiterentwickelt. Das andere Problem von #MeToo, argumentiert Flaßpöhler, ist die Verfestigung der Opferrolle.

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Tatsächlich festigt #MeToo ein zutiefst patriarchal geprägtes, von Passivität und Negativität gezeichnetes Frauenbild, anstatt es aufzubrechen.
Svenja Flaßpöhler

Stattdessen plädiert sie dafür, die Potenz der Frauen hervorzuheben: „Anstatt den Mann zu kastrieren, muss die Frau selbst in die Potenz finden.“ Durch Vergeltungsdenken bedienen sich manche Frauen letztlich genau derselben Machtmethode, die sie selbst jahrelang unterdrückt hat: „einer radikalen Verdinglichung, einer Degradierung zum bloßen Objekt, einer Reduzierung des anderen auf seine vermeintlich triebgesteuerte Natur“.

Am Ende stellt sich doch die Frage, in was man seine Energie investiert: sich mit sich selbst zu beschäftigen, um voranzukommen, oder sich an Feindbildern abzuarbeiten. Free yourself, and the rest will follow.

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Literatur

Badinter, Elisabeth: Dead End Feminism. Cambridge 2006

Crispin, Jessa: Why I Am Not A Feminist. New York 2017

Fischer, Erica: Feminismus Revisited. München 2019

Flaßpöhler, Svenja: Die potente Frau. Berlin 2018

Manne, Kate: Down Girl. Die Logik der Misogynie. Berlin 2019

Passmann, Sophie: Alte weiße Männer. Köln 2019

Williams, Joanna: Women vs Feminism. Bingley 2017

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Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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