Not kidding

Egoismus, Narzissmus, Verantwortungslosigkeit: Diese und andere Vorwürfe erklingen tatsächlich nicht selten, äußert man sich als Frau zur bewussten Entscheidung, kinderlos zu bleiben. Doch obwohl die Gründe dafür mannigfaltig sind, sollte man eines im 21. Jahrhundert annehmen können: dass diese Entscheidung keiner Rechtfertigung bedarf.

16.06.2019
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Warum die „Mutter aller Fragen“ Männern nie gestellt würde, fragt sich die Schriftstellerin Rebecca Solnit in ihrem gleichnamigen Buch – was sie meint, ist die dezidierte Frage nach ihrer Kinderlosigkeit. Von einem Kollegen öffentlich darauf angesprochen, kommt sie nicht umhin, seine ihm offenbar nicht bewusste Dreistigkeit zu kritisieren: „Manche Menschen wollen Kinder, können aber aus unterschiedlichen privaten Gründen – medizinischen, emotionalen, finanziellen oder beruflichen – keine bekommen. Andere wiederum wollen keine Kinder. Das geht niemanden etwas an. Nur, weil sich die Frage prinzipiell beantworten lässt, bedeutet das nicht, dass man dazu verpflichtet ist, sie zu beantworten beziehungsweise sie sich überhaupt stellen zu lassen.“ Die Kunst liege laut Solnit eher in der Art, wie man die Frage zurückweist – am besten eben mit der Frage: Würden Sie einem Mann dieselbe Frage stellen?

Kinderlosigkeit, die

Für einen wesentlichen Trugschluss hält jedenfalls die Kulturwissenschaftlerin Sarah Diehl die Behauptung, dass aus biologischen Gründen in jeder ein Muttertrieb stecke. In Die Uhr, die nicht tickt, führt sie aus, dass die Gleichsetzung von Mutterschaft und Weiblichkeit eben nur dem gesellschaftlich vorgegebenen – überholten – Modell entspräche: „Wir Frauen müssen letztlich dazu kommen, eine eigene Definition unseres Frauseins zu formulieren, die uns in unserer ganzen Komplexität wahrnimmt, die uns nicht von außen vorgegeben wird und uns auf Frausein = Mutterschaft reduziert.“ Obwohl sich die Gesellschaft weiterentwickelt habe, was bedeutet, dass Frauen auch unabhängig von Familie und Ehemann ökonomisch überleben können und durch sichere Verhütungsmittel keinen unvorhergesehenen Schwangerschaften mehr ausgeliefert sind, tobe die Debatte über Kinderlosigkeit. Allerdings, und hier teilt Diehl Solnits Feststellung: Nur die Frauen stehen dabei im Fokus.

Alles für Mutter Erde

Diehl untermauert ihre eigene Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, zudem mit einer extrinsischen Motivation: der Rettung des Planeten. „Global gesehen wäre eine Reduzierung der Bevölkerung in den Industrienationen ebenso wichtig wie anderswo.“ Sie ist damit nicht alleine, inzwischen hat sich die Frauenbewegung „Birth Strike“ gebildet, deren Akteurinnen beschlossen haben, der Umwelt zuliebe keine Kinder in diese Welt zu setzen. Hier knüpft auch die Autorin Verena Brunschweiger an, die mit Kinderfrei statt kinderlos ein Manifest zur Rettung des Planeten vorlegt. Das ist tatsächlich Brunschweigers Hauptgrund, keine Kinder zu bekommen – sie spricht sich daher strukturell gegen Fortpflanzung aus. Was wie ein hehres Vorhaben klingt, schlittert allerdings in ihren weitergehenden Ausführungen zu einem Anprangern jeder Mutter ab: „Wenn es also durchaus Gemeinsamkeiten zwischen Müttern und Kinderfreien gibt, die zum Ausgangspunkt von gemeinsamem Handeln werden können, bekommen selbst die grandiosesten Mütter dennoch zwei Punkte Abzug. Dafür, dass sie den Beitrag zur Umweltzerstörung, den jeder neue Mensch auf dieser Welt leistet, ignoriert und sich außerdem einem der wirkungsmächtigsten und ältesten patriarchalen Imperative gebeugt haben.“ Daraus zieht Brunschweiger den Schluss, dass die meisten Mütter eben keine Feministinnen sind – auf die Idee, dass man sich auch als Feministin für Kinder entscheiden kann, geht sie gar nicht erst ein: „Und Frauen sind selbst daran beteiligt, weil sie seit Menschengedenken ihre gesamte Zeit, Kraft usw. auf die Aufzucht neuer Leute verschwenden. Daran ist überhaupt nichts Feministisches.“

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Die kinderfreie Frau ist das ,Andere‘, die ,Mutter‘, die Norm – und beides muss sich nun ändern.
Verena Brunschweiger

Den umweltbezogenen Argumenten beider Autorinnen sei mit Factfulness von Gesundheitsforscher Hans Rosling widersprochen: Wir sind momentan schon dabei, „peak child“ zu erreichen – die maximale globale Kinderzahl: „Jedenfalls hat die globale jährliche Anzahl an Geburten bereits aufgehört, weiter anzusteigen, was bedeutet, dass die Phase des schnellen Bevölkerungswachstums bald vorbei sein wird.“ Der dramatische Rückgang an Geburten pro Frau wird sich also fortsetzen, solange mehr Menschen aus der extremen Armut herausfinden, mehr Zugang zu Bildung sowie sexueller Aufklärung haben und über Verhütungsmittel verfügen. In diesem Sinne bringt es auch Psychologe Jordan Peterson auf den Punkt.

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Mütterliche Reue

Brunschweiger bezieht sich einige Male auf den Philosophen David Benatar, der mit Better never to have been ein äußerst strittiges Buch vorgelegt hat. Wenn seine Hauptthese, „coming into existence is always a harm“ exzentrisch und misanthropisch anmutet, meint der Autor nach eigener Aussage vielmehr im Gegenteil: Seine Überzeugung ist, dass es gelte, so wenig Leid wie möglich zu verursachen. Ihm ist auch klar, wie er betont, dass diese Sicht der Dinge der Intuition der meisten Menschen widerspricht. Man könne sich aber nicht verlässlich auf die menschliche Intuition beziehen, so Benatar, weil sie stets zeitlichem Wandel unterliegt und auf Vorurteilen beruht. Außerdem wäre dies eine Intuition, die Leid (für die Geborenen) einschließt, was nicht wirklich für sie spreche.

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The injunction to ,look on the bright side‘ should be greeted with a large dose of both scepticism and cynicism.
Orna Donath

Selbstbestimmung, die

Dass man letztlich aber nicht nur auf einen Ökofeminismus, wie ihn Brunschweiger vorschlägt, angewiesen ist, zeigt Elisabeth Badinter in Der Konflikt. Die Frau und die Mutter. Sie legt weder ein Plädoyer für noch gegen das Kinderkriegen vor, vielmehr macht sie darauf aufmerksam, dass „Mutterschaft noch immer die große Unbekannte ist“, und zwar insofern, als niemand weiß, ob er damit glücklich wird, oder nicht. Die Tabuisierung, überhaupt darüber zu sprechen, konkretisiert sie wie Donath: „In der Tat gibt es in unserer Gesellschaft kaum ein größeres Tabu. Zu bekennen, dass man sich getäuscht hat, dass man für das Mutterdasein nicht geschaffen ist und wenig Befriedigung daraus zieht, ließe eine Frau als unverantwortliches Monster erscheinen.“ Frauen, die sich für ein kinderloses Leben entscheiden, als verantwortungslos und egoistisch abzustempeln, kritisiert Badinter stark, da gerade das die Frauen seien, die die Frage nach der mütterlichen Verantwortung bei ihrer Entscheidung klarer in den Vordergrund stellen würden.

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Die Mutterschaft ist nur noch ein wichtiger Aspekt der weiblichen Identität und keine notwendige Voraussetzung mehr für die Erfüllung des weiblichen Ichs.
Elisabeth Badinter

Der wesentliche Punkt in dieser Diskussion ist die traditionelle Definition von Weiblichkeit, die es mit Badinter aufzugeben gilt. Denn: „Für eine bedeutende Zahl von Frauen ist die Mutterschaft nicht mehr die eigentliche Verwirklichung ihrer Weiblichkeit.“

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Literatur

Badinter, Elisabeth: Der Konflikt. Die Frau und die Mutter. München 2010

Benatar, David: Better never to have been. The harm of coming into existence. Oxford 2006

Brunschweiger, Verena: Kinderfrei statt kinderlos. Marburg 2019

Diehl, Sarah: Die Uhr, die nicht tickt. Zürich/Hamburg 2016

Donath, Orna: #regretting motherhood. Wenn Mütter bereuen. München 2016

Rosling, Hans: Factfulness. Wie wir lernen, die Welt so zu sehen, wie sie wirklich ist. Berlin 2018

Solnit, Rebecca: Die Mutter aller Fragen. Hamburg 2017

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Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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