Plötzlich alles schwarz von Menschen

Massenbewegungen waren ein beherrschendes Thema der Politik Europas im 20. Jahrhundert. Von der Wissenschaftstheorie seither eher vernachlässigt, zeigt sich: Auch im Zeitalter des Individualismus spielen sie eine große Rolle. Und sind gefährlich wie eh und je.

11.10.2019
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Einige Zeit ist vergangen seit das Hauptwerk des Psychologen Gustave Le Bon, Psychologie der Massen, 1895 erstmals erschien. Erschreckend aktuell ist die Lektüre nichtsdestotrotz: „Heute werden die Forderungen der Massen nach und nach immer deutlicher und laufen auf nichts Geringeres hinaus als auf den gänzlichen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaft, um sie jenem primitiven Kommunismus zuzuführen, der vor dem Beginn der Kultur der normale Zustand aller menschlichen Gemeinschaft war. Begrenzung der Arbeitszeit, Enteignung von Bergwerken, Eisenbahnen, Fabriken und Boden, gleiche Verteilung aller Produkte, Abschaffung aller oberen Klassen zugunsten der Volksklassen usw. – das sind ihre Forderungen.“ Im Grunde prägen diese Beispiele den politischen Diskurs nach wie vor. Auch den gegenwärtigen. Nun mag es sein, dass die streitbarsten Themen immer die streitbarsten Themen bleiben, doch wovor Le Bon warnte, war das Zeitalter der Massen. Zu Recht, denn: Es endete nie.

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Das Ende der Kultur

Le Bons Einsicht war folgende: Durch die Bildung einer Masse entstünde zwischen den Individuen ein neuer sozialer und psychischer Zustand. Dadurch verändere sich die Situation des Individuums in der Masse. Dieser neue psychische Zustand, so Le Bon, sei mit dem Zustand von Menschen unter Hypnose vergleichbar – durch Nachahmung verbreitet er sich zudem auf viele weitere Menschen. Dabei tritt das kollektive Wir an die Stelle des individuellen Ichs: „Die bewusste Persönlichkeit ist völlig ausgelöscht, Wille und Unterscheidungsvermögen fehlen, alle Gefühle und Gedanken sind in die Sinne verlegt, die durch den Hypnotiseur beeinflusst werden.“ Für Le Bon liegt die Dramatik darin, dass dies den Anfang des Endes der Kultur und Zivilisation bedeute. Durch die Tatsache, Glied einer Masse zu sein, stiege der Mensch gleich mehrere Stufen von der Leiter der Kultur herab.

Hier haken die Philosophen Gunter Gebauer und Sven Rücker ein, die mit Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen einen umfassenden Überblick über die Wissenschaftstheorie und -geschichte und darüber hinausgehende Entwicklungen zum Thema Massen vorlegen. Sie meinen, Le Bon fehle der Blick aus dem Inneren der Masse – er reklamiere moralische Autorität, ohne sich dem Gegenstand methodisch anzunähern. Eine völlig andere Konzeption der Masse als bei Le Bon findet sich bei Sigmund Freud: Er wendete seine, für die individuelle Psyche gewonnenen Erkenntnisse auf Massenbewegungen an und formulierte sie in Massenpsychologie und Ich-Analyse aus. Anders als Le Bon, so bemerken Gebauer und Rücker, erschließt sich Freud nun der Blick vom Inneren der Masse. Die Hypnosetheorie übernimmt Freud von Le Bon, betont aber, dass das Individuum in der Masse keine neuen Eigenschaften erhielte, vielmehr würde das durch die Menschenmenge veränderte Ich vom Unterbewusstsein gelenkt: Es sind „Eben Äußerungen dieses Unterbewussten, in dem ja alles Böse der Menschenseele in der Anlage enthalten ist.“

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Menschenschwärze

Wo Freud noch scheinbar zurückhaltend vom Bösen im Menschen, das sich bei Massenbewegungen offenbart, spricht, nimmt sich der Philosoph Peter Sloterdijk schon im Titel seiner Abhandlung zum selben Thema kein Blatt vor den Mund: Die Verachtung der Massen. Dabei setzt er sich vor allem mit dem für ihn wichtigstem Buch zum Thema auseinander, Elias Canettis Masse und Macht. Anders als andere Soziologen und Sozialpsychologen scheue sich Canetti, so Sloterdijk, nicht davor, die Masse als das zu benennen, was sie ist: ein purer Sog. Canettis Formulierung, „Plötzlich alles schwarz von Menschen“, nimmt Sloterdijk zum Anlass, die demokratie- und vernunftsgefährdenden Eigenschaften von Massen zu benennen: „In diesem Augenblick kollabiert die vernunftromantische Vision vom demokratischen Subjekt, das wissen könnte, was es will; der Traum vom selbsttransparenten Kollektiv ist verflogen, das sozialphilosophische Phantasma von einer Umarmung zwischen Weltgeist und Kollektiv zerschellt an einem Block aus unauflöslicher Dunkelheit: Menschenschwärze.“

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Die postmoderne Masse ist Masse ohne Potential, eine Summe aus Mikroanarchismen und Einsamkeiten.
Peter Sloterdijk

Dass das Zeitalter der Massen vorbei sei, wie von der Mehrheit der zeitgenössischen Soziologen behauptet, verneint Sloterdijk vehement. Die Massen hätten sich nur verändert, und zwar unter dem Einfluss der Massenmedien. Sie seien nun vielmehr anders: Bunte oder molekulare Massen.

Individuum und Masse sind kein Widerspruch

Auch Gebauer und Rücker stimmen mit Sloterdijk überein; obwohl wir in einer Gesellschaft der Individuen leben, sind die Massen nie verschwunden. Was wie Widerspruch klingt, argumentieren sie schlüssig, indem sie die neuen Massen von den populistischen Massen unterschieden. Beide entstehen dann, wenn viele Menschen zusammenkommen, sei es physisch oder virtuell, um ein gemeinsames Ziel zu verfolgen. Der Unterschied liegt mit Gebauer und Rücker darin, dass sich die von ihnen so bezeichneten neuen Massen nicht in einem Kollektivsubjekt Masse auflösen. Damit wollen sie die Vorstellung der bewusstlos agierenden Masse zurechtrücken. Auf die Massenphänomene der Gegenwart seien die klassischen Massentheorien nur mehr begrenzt anwendbar – die Teilnehmer an gegenwärtigen Massen feiern durch diese Teilnahme gerade ihre Individualität: „Die Einzelnen bilden als Fragmente die ganze Masse ab; diese nimmt den Charakter eines Individuums an.“ So entstünde die neue Macht der Einzelnen und der neuen Massen, was auch veranschaulicht, dass die neuen Massenphänomene den Einzelnen nicht aus kollektiven Zwängen befreien. Das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft bedingt, dass konkurrierende Massen existieren, wodurch jede Masse dazu gezwungen wird, ihre Einzigartigkeit stets aufs Neue zu beweisen.

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Die Pluralisierung der Gesellschaft führ zu einer Pluralisierung der Massen.
Gunter Gebauer/Sven Rücker

Den bitteren Beigeschmack des Destruktiven haben auch diese neuen Massen nicht verloren, vor allem, wenn man davon ausgeht, dass die politische Willensbildung in einer Demokratie von politischen Institutionen organisiert und artikuliert wird – anschauliches Beispiel ist die im Aufschwung befindliche Bewegung Extinction Rebellion, deren Mitgründer Roger Hallam sich nicht scheut, die Demokratie per se in Frage zu stellen.

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Massen, Hysteria

Der Publizist Douglas Murray sieht in seinem jüngst erschienen Buch, Wahnsinn der Massen, das grundsätzlich zu begrüßende Phänomen des Strebens nach einer besseren Gesellschaft in seinem Exzess als Problem. Wichtige Errungenschaften unserer Gesellschaft, wie die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft und sexueller Orientierung, würden durch ausartende Massenhysterie untergraben, weil durch das ständige Ringen um die Anerkennung jedes Einzelnen über das Ziel hinausgeschossen wird. Und zwar im Namen der Identitätspolitik. Vor allem durch den Wettkampf der schon von Gebauer und Rücker erwähnten sich ständig vermehrenden unterschiedlichen Gruppen – oder: Massen – drohe eine Zukunft, in der Rassismus mit Rassismus beantwortet wird, in der die Reaktion auf geschlechtsbedingte Diskriminierung geschlechtsbedingte Diskriminierung ist: „Ist ein gewisser Punkt der Erniedrigung erst einmal erreicht, gibt es keinen triftigen Grund für Mehrheitsgruppen, nicht mit denselben Waffen zurückzuschlagen, die auch in ihrem Fall so wunderbar funktioniert haben.“ Anstatt die Gemüter zu beruhigen, kommt es zur ständigen Spannung und Reibung unterschiedlicher Gruppen. Hier spielt auch die gesellschaftliche Moral, die damit auf eine neue Grundlage gestellt wird, eine tragende Rolle, so Murray: „Aus dem Kampf um ihre (Anmerkung: Diskriminierte) Belange und dem Eintreten für ihre Anliegen ist eine Möglichkeit geworden, sich und der Welt zu beweisen, dass man zu den Guten gehört.“

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Interessant ist, dass uns Identitätspolitik also, obwohl wir im Zeitalter des Individualismus leben, mit ihrem tribalistischen Gruppendenken wieder in die Wir-Form zu pressen versucht. Da es in einer pluralen Gesellschaft nun aber entsprechend viele Identitäten gibt, entstehen immer mehr, immer kleinere Gruppen. Eigentlich, wie es der Journalist Kevin D. Williamson in The smallest Minoritytreffend auf den Punkt bringt, wäre ja anzunehmen, dass das individuelle Denken des Einzelnen der Masse größter Feind ist. „What the mob hates above all is the individual, insisting on his own mind, his own morals, and his own priorities.” Und dabei geht es gar nicht um den Inhalt des Denkens des Individuums, sondern um die Tatsache, dass das Individum denkt, was es will, ohne das vorher mit der Masse abzusprechen und um Erlaubnis zu bitten. Wie kann es also sein, dass diese Gruppen dennoch funktionieren?

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Wider die Konformität

Der Jurist Cass R. Sunstein hat dieser Frage ein ganzes Buch gewidmet: Conformity. Er erklärt anhand wissenschaftlicher Experimente, dass sich Mitglieder einer Gruppe innerhalb dieser immer anpassen – immer auf gewisse Weise. Sie werden in ihren Ansichten immer extremer, bewegen sich niemals der moderaten Mitte zu: „The effect of group deliberation was to shift individual opinions toward extremism. Group ‚verdicts‘ on climate change, affirmative action, and same-sex unions were more extreme than the predeliberation average of group members.” Die Frage ist nun, warum neigen Menschen in Gruppen dazu, weniger moderat, sondern eher extremer zu werden? Die Antwort ist so einfach wie erschreckend: Weil sie sich an denjenigen innerhalb der Gruppe orientieren, die von der Sache am meisten überzeugt sind, was sie selbstbewusst wirken lässt. „Even when we see something very clearly, many or most of us might say: ‚If everyone else sees otherwise, we should go along with them‘.” Wenn die Tendenz zur Konformität in unserer Gesellschaft so stark ist, dass normalerweise vernünftige Menschen dem Konformitätsdruck nachgeben, ist das tatsächlich ein Grund zur Beunruhigung. Dem ist vor allem mit einem beizukommen, wie Cass Sunstein schreibt: Redefreiheit, die die Selbstzensur in Grenzen halten kann, sowie die sich daraus ergebende Diversität der Meinungen.

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Literatur

Canetti, Elias: Masse und Macht. Fischer Taschenbuch 1980

Freud, Sigmund: Massenpsychologie und Ich-Analyse. Nikol Verlagsgesellschaft 2010

Gebauer, Gunter/Rücker, Sven: Vom Sog der Massen und der neuen Macht der Einzelnen. Deutsche Verlags-Anstalt 2019

Le Bon, Gustave: Psychologie der Massen. Nikol Verlagsgesellschaft 2019

Murray, Douglas: Wahnsinn der Massen. Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften. Finanzbuchverlag 2019

Sloterdijk, Peter: Die Verachtung der Massen. Versuch über Kulturkämpfe in der modernen Gesellschaft. Suhrkamp Verlag 2016

Sunstein, Cass R.: Conformity. New York University Press 2019

Williamson, Kevin D.: The smallest Minority. Independent Thinking in the Age of Mob Politics. Regnery Gateway 2019

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Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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