loading...
Reporter Christian May befragt einen Anwohner im Stiegenhaus
Addendum unterwegs: Auf der Suche nach der 6.000-Euro-Wohnung
9. August 2018 Randnotizen Lesezeit 2 min
Hinter dem Wort Bettlerquartier verbergen sich menschenverachtende Zustände: Bis zu 60 Bettler werden in 50 bis 80 Quadratmeter große Wohnungen gepfercht und zahlen pro Matratze bis zu 100 Euro im Monat.

Der Geruch von frisch gekochtem Abendessen mit viel Knoblauch vermischt sich mit dem Gestank der Gang-Toiletten. Im Stiegenhaus stehen auf den Gängen Kinderwägen und Wäscheständer, auf denen Unterhosen, Babypyjamas und Geschirrtücher zum Trocknen hängen. Wir sind in einem abgewohnten Haus im 20. Wiener Gemeindebezirk. Unscheinbar, direkt gegenüber dem Donaukanal.

Unsere Recherchen haben ergeben, dass hier ein Bettlerquartier sein soll. Hinter diesem Wort verbergen sich menschenverachtende Zustände: Bis zu 60 Bettler werden in 50 bis 80 Quadratmeter große Wohnungen gepfercht und zahlen pro Matratze bis zu 100 Euro. Das ergibt für den Vermieter oder Wohnungsbesitzer satte 6.000 Euro monatlich. Gerald Tatzgern, Büroleiter der Abteilung Menschenhandel und Schlepperei im Bundeskriminalamt, kennt die Hintergründe: „Oft werden die Fahrten in den jeweiligen Herkunftsländern, vor allem Rumänien, Bulgarien und der Slowakei organisiert. Die Bettler haben oft keinerlei Kontakte in Wien und werden dann von den Organisatoren in solchen Quartieren untergebracht.“

Tatzgern bezieht seine Informationen aus Ermittlungsergebnissen seiner Beamten. Vor vier Jahren konnte nach monatelangen Ermittlungen der Kopf einer solchen „Wohnraumvermittlung“ im großen Stil ausgeforscht werden. Der Mann hatte 70 Wohnungen, die er mit Bettlern im wahrsten Sinne des Wortes vollgestopft hatte. Pro Wohnung lukrierte er monatlich 4.000 bis 6.000 Euro. Das ergibt zwischen 280.000 und 420.000 Euro – monatlich. Und das für – in der Regel – Substandardwohnungen. Nach Recherchen des Bundeskriminalamts sind 70 bis 80 Prozent der rund 1.000 Bettler in Wien auf solche Unterkünfte angewiesen.

0
Kommentare
Kommentieren
Reporter Christian May befragt einen Anwohner im Stiegenhaus Reporter Christian May befragt einen Anwohner im Stiegenhaus
Wir befragen Anwohner im Haus, um das Bettlerquartier ausfindig zu machen.

„Wir werden euch in die Fresse hauen!“

In dem heruntergekommenen Zinshaus im 20. Bezirk berichtet uns ein Nachbar von der Wohnung, die wir gesucht haben. Sie befindet sich einen Stock tiefer. Auf nicht einmal 50 Quadratmeter sollen hier 20 Bettler untergebracht sein, die pro Nacht zehn Euro für die Matratze zahlen müssen. Wir gehen einen Stock tiefer und klopfen an. Hinter der Wohnungstür hören wir Geräusche. Geöffnet wird nicht. Öffentlichkeit ist in diesem Milieu aus bitterer Armut und beinharter Geschäftemacherei, die Hand in Hand mit kriminellen Strukturen geht, unerwünscht.

Nach mehrmaligem Klopfen brechen wir ab und verlassen das Haus in dem Wissen, dass es in Wien im Jahr 2018 Elendsquartiere gibt. Verabschiedet werden wir dann doch noch von den Bewohnern der Wohnung. Auf der Straße sehen sie unser Kamerateam und rufen uns vom dritten Stock nach: „Wir werden euch in die Fresse hauen!“ 

0
Kommentare
Kommentieren
loading...