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Reisetagebuch Ungarn: Grenzzäune statt Willkommenskultur
5. Juli 2018 Randnotizen Lesezeit 2 min
Reporter Martin Thür hat im Spätsommer 2015 mit Flüchtlingen die ungarisch-serbische Grenze überquert. Zweieinhalb Jahre später kehrt er zurück. Die Reise endet am Grenzzaun.

You gotta go, it’s too dangerous!“ Der ungarische Polizist ist besorgt um uns. Seit gut 30 Minuten filmen wir im strömenden Regen den Grenzzaun, jetzt sollen wir gehen. Nicht etwa Flüchtlinge, sondern ein heftiges Gewitter, gepaart mit den Eisenbahnschienen, lässt seine Sorge um uns wachsen.

Es ist der wohl bekannteste Punkt Europas, wenn es darum geht, wie der Kontinent mit Flüchtlingen umgeht. 2015 kamen zehntausende Menschen über die sogenannte Balkanroute nach Europa. Mit Schiffen, Bussen und am Ende zu Fuß machten sie sich auf den Weg. Damals, im September 2015, war hier, wenige hundert Meter außerhalb des südungarischen Dorfes Röszke, jener Ort, an dem sie die Grenze nach Europa überquerten, entlang der Bahnlinie nach Szeged.

Damals war ich schon einmal hier. Für meine Sendung auf ATV habe ich in den berühmten Spätsommertagen 2015 Flüchtlinge auf ihrem Weg nach Europa begleitet. Ich kann mich noch gut an die Ungewissheit dieser Menschen erinnern. Noch wenige Meter vor der Grenze fragten sie sich: Würden sie es über die ungarische Grenze schaffen? Müssten sie sich in der Nacht in die EU schleichen? Aber auch an die Verwunderung, als die ungarischen Polizisten die Flüchtlinge in diesen Tagen einfach ins Landesinnere haben ziehen lassen. Es ist eine dieser bemerkenswerten politischen Amnesien, die Europa seither befallen hat. Es war nicht die deutsche Polizei unter Kanzlerin Merkel, es waren die Ungarn, die die Außengrenze hier an den Gleisen in Röszke offen gelassen und die Menschen durch ihr Land gewunken haben. Ohne Registrierung, ohne Kontrollen. Nicht einmal ein Ausweis wurde kontrolliert – zur Verwunderung aller Beteiligten.

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Die Bahnstrecke wird vom Grenzzaun unterbrochen.
Bild: Martin Thür | Addendum
Grenzzaun bei Röszke
Bild: Martin Thür | Addendum
Bild: Martin Thür | Addendum
Hinter der Grenze: nur noch Felder
Bild: Martin Thür | Addendum

Heute steht an derselben Stelle ein Grenzzaun, oder besser gesagt: zwei. Gesichert mit einem zusätzlichen Baustahlgitter, stellenweise sogar elektrisch. Das ungarische Militär und die lokale Polizei sind 24 Stunden am Tag hier und überwachen das Gebiet. Die letzte Ankunft eines Flüchtlings sei schon länger her, sagt der Polizist, aber mehr darf er uns nicht verraten, das Ministerium verbiete es ihm, mit Journalisten zu sprechen.

Wir folgen dem Grenzzaun noch einige Kilometer, dann ist er einfach aus. Er endet nur wenige Kilometer weiter mit der Grenze zu Serbien. Dahinter gibt es nur noch Felder. 

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