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Tattoo von Gudrun Ensslin auf dem Oberarm des Interviewpartners
Reisetagebuch: RAF auf nackter Haut
3. August 2018 Randnotizen Lesezeit 2 min
„Ja, das auf meinem Arm ist Gudrun Ensslin, brandneu“, antwortet der Endzwanziger in einer Mixtur aus Stolz und Freude, dass sein neues Tattoo auf Interesse stößt.

37 Grad im Schatten sind vor allem für die Ästheten unter uns eine Qual. Erraten, hier geht es um die grassierende Tattoo-Pandemie. Und je heißer die Tage und Nächte, desto mehr fallen sie auf: dicke Meerschweinchen, gebrochene Herzen, verwelkte Rosen auf eigentlich unschuldiger Haut. In der U-Bahn, in der Oper, in Werbeagenturen, es gibt kein Entrinnen, wobei Experten seit Jahren warnen: Außer Johnny Depp, immerhin indianisches Halbblut, sollte sich eigentlich kein anderer tätowieren lassen.

Doch auch der junge Mann in diesem kleinen Bioladen hoch über dem Zürichsee schert sich anscheinend nicht um faktenbasiertes Expertenwissen.

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Im Kühlregal stapeln sich laktosefreie Mandelmilch und vegane Extrawurst, für zwei fingerhutgroße Espresso kassiert der junge Mann hinter der Kasse schlanke sieben Franken. Milch und Zucker sind inklusive.

„Ja, das auf meinem Arm ist Gudrun Ensslin, brandneu“, antwortet der Endzwanziger in einer Mixtur aus Stolz und Freude, dass sein neues Tattoo auf Interesse stößt.

Bizarr, eine linksextremistische Terroristin auf dem Arm? Das schreit nach ein oder zwei Nachfragen, wobei dieser Drehtag rund um Zürich an Wundern ohnehin schon so einiges geliefert hat.

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Wunder und Extreme

Wir begleiten mit Kamera eine Frau, die von Kindesbeinen an rebellierte, eine ansehnliche Karriere als Designerin schaffte und auf der Suche nach nahezu göttlicher Selbstoptimierung fast ihr Leben verloren hätte. Sie praktizierte blutigsten Schamanismus, folgte wie ferngesteuert einem Guru, der vorgab, auch „Wein zu Wasser“ verwandeln zu können. „Ich war früh schon sehr extrem. Halbe Sachen gab es bei mir nicht. Das ist Gabe und Gefahr zugleich“, sagt sie vor der Kamera.

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Dieser junge Mann im Bioladen ist trotz einer RAF-Terroristin auf dem schlanken Oberarm wohl aber kein Fall für Extremismusforscher. Die gebürtige Schwäbin Ensslin, Mitbegründerin der linksextremistischen Terrorvereinigung Rote Armee Fraktion, hatte fünf Bombenanschläge begangen, wurde wegen vierfachen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt und beging 1977 hinter Gittern zeitgleich mit anderen RAF-Köpfen Suizid.

Was wohl könnte knapp ein halbes Jahrhundert später einen jungen Mann an dieser Frau faszinieren, dass er sie sich auf die Haut stechen lässt? Was bewegt ihn? Das RAF-Konzept der Stadtguerilla, der proklamierte Kampf gegen Kapitalismus und Faschismus?

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„Nina Hagen hätte mir auch gefallen“

Da lacht der junge Mann. „Mir hat spontan Ensslins Gesicht als Motiv gefallen, als ich an einem Referat zur RAF saß“, sagt er. Politisch sei er wohl eher links, sein Tattoo habe jedoch keine politische Bedeutung, vielmehr einen künstlerischen Wert. „Nina Hagen hätte mir aber auch gefallen“, sagt er mit leichtem Silberblick. Atempause.

Die eher hellsichtigen Freunde würden jetzt sicher triumphieren: „Don’t judge a book by its cover.“

Aber auch alle anderen, also die Ästheten unter uns, sähen sich wohl bestätigt: Das Problem der meisten Tattoos ist, dass sie nicht nur auf die falschen Körper gestochen wurden. Sie sind zudem eher selten künstlerisch wertvoll, damit überflüssig, weil bedeutungslos.

Schön nur, dass auch dieser Sommer enden wird. 

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