Sprache und Macht

Um zu verstehen, wie sich Sprache und Bedeutung verändern, braucht es weniger politische, aber mehr wissenschaftliche Korrektheit.

15.03.2020
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Zwischen gesichertem linguistischem Wissen und dem, was an den Universitäten heutzutage in der Literaturwissenschaft und in den Gender Studies (deren große Theoretiker übrigens aus der Literaturwissenschaft kommen) über Sprache unterrichtet wird, gibt es eine große Diskrepanz. Um diese zu verstehen, empfiehlt es sich, die Genese der politischen Korrektheit ins Auge zu fassen. Bevor ich erzählen kann, was daran schief ist, muss ich nun mit all den Namen um mich werfen, genauso, wie sie Studenten der Gender Studies in den ersten Einheiten ihrer Kurse präsentiert werden: Der Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure stellte fest, dass Form und Inhalt zwei gänzlich unterschiedliche Dinge sind. Eine Form ist nicht an ihren Inhalt gebunden. Das Wort Baum beispielsweise sieht weder aus wie ein Baum noch hört es sich an wie ein Baum. Diese historisch gewachsene Arbitrarität erklärt, warum wir so viele unterschiedliche Sprachen auf der Welt haben. Selbst Wörter, die Umwelterscheinungen nachahmen sollen, unterscheiden sich, wie zum Beispiel Kikeriki und Cockadoodledoo. Dafür haben wir unzählige Belege, es zählt zu unserem gesicherten Wissen.

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Sprache und Macht

Der Literaturwissenschaftler Jacques Derrida befasste sich mit dieser Arbitrarität und stellte fest, dass Bedeutung auch in einer Gesellschaft niemals fixiert ist, vielmehr noch, dass Begriffe stets in Beziehung zueinander ihre Bedeutung erhielten. Der Philosoph Michel Foucault verband die unfixierte Bedeutung mit Macht: Wer Macht habe, bestimme, was Begriffe bedeuten. Der Soziologe Pierre Bourdieu stellte fest, dass alles, was ein Mensch verstehen kann oder mit seinen Aussagen meint, davon abhängig sei, welche Position er im sozialen Feld einnimmt. Der Psychoanalytiker Jacques Lacan fügte dem hinzu, dass es sich mit dem Ich des Menschen genauso verhalte: Es definiere sich nur in Beziehung zu anderen, und dies geschehe über Sprache.

Aus all diesen Theorien, zu denen es keine empirischen Arbeiten gibt, geht eine der großen Prämissen der politischen Korrektheit hervor: Sprache ist Macht. Weil Sprache Macht ist, so die Theorie, und Sprache eben den Diskurs bildet, dürften die Machtlosen den Mächtigen nicht überlassen zu bestimmen, was etwas bedeutet. Einstweilen grübelt der Linguist John Austin darüber, ab wann Sprache zu Handeln wird. Dann tritt eine neue Generation von Theoretikern an die Materie heran und wird nicht müde, die vorherigen Theorien zu interpretieren. Hier werden Skeptikern oft Namen wie Judith Butler oder Gilles Deleuze an den Kopf geworfen. Bei der Literaturwissenschaftlerin Butler wird nun diese Theorie der Macht durch Sprache damit verknüpft, dass Sprache stets Handeln sei und daher auch Gewalt sein könne, während der Literaturwissenschaftler Roland Barthes deklariert, dass in Wirklichkeit nicht der Autor eines Texts bestimme, wovon er handle, sondern die Interpretation des Lesers, und dieser habe nun einmal immer recht. So gelangen wir zur zweiten Prämisse der heutigen politischen Korrektheit: Sprache ist Diskurs, Macht und Handeln, und der Rezipient einer Botschaft hat stets recht bezüglich ihrer Bedeutung. Wenn sich also jemand durch ein Wort angegriffen fühlt – früher hätte man wohl gesagt beleidigt –, weist er den Sprecher zurecht.

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Dünne Beweisführung

So werden diese Inhalte in Teilgebieten der Literaturwissenschaft und der Gender Studies unterrichtet. Warum mag es aber so gar nicht klappen, dass die politische Korrektheit das Herrschaftsgefüge ändert? Dafür gibt es viele Gründe. Einer davon ist, dass zwar Saussure und Austin empirische Ergebnisse und Unmengen an Beispielen verwenden, danach wird es mit der Beweisführung aus der Realität jedoch dünn. Die Theorien von Derrida, Foucault, Bourdieu und Lacan fußen immerhin noch in logischen Schlüssen und rationalen Erklärungen. Derridas Theorien waren jedoch gedacht, um Gegensätze in literarischen Texten herauszufiltern und zu sehen, wie sich ein Text verändert, ändert man die Gegensätze. Er hätte sich vermutlich zu Beginn nicht träumen lassen, dass dies zu einem Analyseinstrument des täglichen Sprachgebrauchs wird, angewandt von jenen, die überzeugt sind, damit für eine gerechte Sache zu kämpfen.

Bei den späteren Theoretikern wird es allerdings auch mit den rationalen Erklärungen dürftig: Judith Butler macht sich nicht die Mühe zu erklären, warum Sprache nun immer Handeln sei und wie genau es funktioniere, dass sich Sprache „in den Körper einschreibt“. Gerade in ihrem Werk sind wir konfrontiert mit Vorschlägen, Behauptungen und logischen Fehlschlüssen. Viele Absätze enden mit einer Frage. Man kann sie als Denkanstoß lesen, Erklärungen bieten sie nicht. Dass Sprache Handeln sei, wird schließlich von Verteidigern der politischen Korrektheit auf John Austin zurückgeführt, an dem Butler zwar vieles heruminterpretiert, jedoch das, was auf ihn zurückgeht, durch die Linse früherer Theoretiker wie Bourdieu betrachtet. Fragt man in den Gender Studies nach, warum Sprache Handeln sei, bekommt man zu hören: Dann lies mal John Austin. Jemand mit einer soliden linguistischen Grundausbildung dürfte da schnell skeptisch werden: Der Slogan „Sprache ist Handeln“, der in den Gender Studies als Konzept präsentiert wird, lässt sich bei John Austin nicht finden.

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Auf Nachfrage bekam ich an der Universität damals die Worte zu hören: „Mit dieser Einstellung können Sie gleich gehen.“ Was ist es denn, was Austin wirklich zum Zusammenhang von Sprache und Handeln beitrug? Er nannte das Zentrum seiner Forschung den „Act of phones“ – ein Phon ist nichts weiter als der Laut, der aus dem Mund dringt. Die gesellschaftlichen Konventionen, die Absichten des Sprechers und das Ergebnis der sprachlichen Äußerung sind andere Teile des Sprechakts. Er trennt hier also zwischen der Form und dem Inhalt, wie es auch Saussure getan hat.

Für Austin ist es nicht klar, dass alle Sprechakte, jeder Laut, der einem entfleucht, Handeln sein muss, jedoch stellt er fest, dass die Grenze zwischen Sprache als Beschreibung der Welt und Sprache als Handlungsakt (wie zum Beispiel bei einer Taufe) oft nicht klar erkennbar sind. Sprache ist einmal mehr und einmal weniger Handeln. Butler jedoch zitiert Austin kaum, wenngleich sie ihn häufig nennt, denn es liefe wohl auf Falschzitate hinaus. Die Absicht des Sprechers als Teil des Sprechakts erklärt sie in ihrer Schrift Excitable Speech einfach für irrelevant und meint, dass Konvention wichtiger sei. Eine Erklärung bleibt sie schuldig. Genauso wie Barthes eine Erklärung schuldig bleibt, warum der Rezipient immer recht habe. Schon 1969 wurde er dafür von Foucault vor der Societé française de philosophie kritisiert. So weit zu den theoretischen Unzulänglichkeiten. Es stellt sich die Frage, wie etwas, was schon in der Theorie keinen ausreichenden kausalen Ansatz bietet, in der Praxis funktionieren kann.

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Empirische Ansätze

Nehmen wir also die empirischen Ansätze unter die Lupe, die uns zur Verfügung stehen: Guy Deutscher präsentiert in seinem Buch „Through the Language Glass: Why the World Looks Different in Other Languages“ Sprache aus der Sicht der Kognitionswissenschaft. In Ansätzen finden wir vieles, was uns hier unterbreitet wird, bereits bei Benjamin Lee Whorf, der sich selbst als Linguist gesehen, aber kein großer Freund des empirischen Beweises war und viele Mythen in die Welt gesetzt hat: zum Beispiel, dass die Inuit hunderte Wörter für Schnee hätten. Haben sie nicht. Sie haben zwei. Davon gibt es unzählige Ableitungen, aber es sind am Ende doch nur zwei Begriffe.

Die Behauptung, dass es, gibt es in einer Sprache ein Wort nicht, auch den Sachverhalt nicht gäbe, geht auf ihn zurück. Die Behauptung hält allerdings nicht. Die Italiener haben ein Wort für den Ring, den eine Kaffeetasse auf einer glatten Oberfläche hinterlässt: Er nennt sich culaccino. Im Deutschen fehlt uns dieses Wort, auch wenn wir diesen Sachverhalt kennen, ihn mit einem Geschirrtuch wegwischen und, weil Sprache auch funktional ist, einfach umschreiben können.

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Im Neowhorfianismus dagegen setzt man stark auf empirische Daten: Alles kann mithilfe von Computern überprüft werden. Die Assoziationen von Menschen aus unterschiedlichen Sprachen zu unterschiedlichen Begriffen oder Artikeln, wie schnell sie Dinge einordnen, wie exakt sie zeitliche Gegebenheiten einschätzen und all diese Unterschiede werden auf die Sprache zurückgeführt. Dabei gibt es zweierlei Probleme: Bei jenen Untersuchungen, in denen es um zeitliche und räumliche Messungen geht, in denen die Unterschiede zwischen Kulturen herausgearbeitet werden, kann man mit einem Blick auf die Daten schnell feststellen, dass diese Unterschiede zwar da sind, aber sie sind minimal. Das zeigt John McWhorter eindrucksvoll in „The Language Hoax: Why the World Looks the Same in Any Language“. Die Unterschiede sind so gering, dass sie keinerlei Einfluss auf unser tägliches Leben haben. Am Ende haben wir Menschen doch mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede.

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Männliche und weibliche Wörter

Wie verhält es sich nun mit Untersuchungen zu Assoziationen? Die Kognitionswissenschaftlerin Lera Boroditsky erklärt in einem TED-Talk beispielsweise, dass Gegenstände mit einem weiblichen Artikel „weibliche“ Eigenschaften zugeschrieben bekämen, wie zum Beispiel „schön“ oder „elegant“, wohingegen jene mit männlichen Artikeln als „typisch männlich“ wie „stark“ oder „robust“ bezeichnet würden. Nicht nur stößt hier die Stereotypisierung bitter auf (auch Männer können schön sein), sondern wird die historische Komponente der Zuweisung von Artikeln in diesen Untersuchungen völlig ignoriert: Im Indogermanischen sollen Gegenstände, die im Haushalt von Nutzen waren, einen weiblichen Artikel bekommen haben, im Lateinischen etwa wurden Abstrakta und Kollektiva mit weiblichen Artikeln versehen. Bei Lehnwörtern konnte das plötzlich anders sein. Wir können nicht mit Gewissheit sagen, dass Sprache das Denken formt, wenn doch auch Denken die Sprache formt – was war zuerst da, die Henne oder das Ei? Nur jemand, der niemals in einem Kurs zur Sprachgeschichte saß, kann ernsthaft behaupten, dass die Ergebnisse hier eindeutig seien.

Diesen Fehler begeht übrigens auch der Linguist George Lakoff, der deklarierte, wir lebten nach Metaphern, ohne zu bedenken, dass Metaphern vielleicht eher nach dem Leben geformt würden. Aus dieser Schule geht schließlich, oft unter Reproduktion der Prämissen der vorherigen Theorien, ohne diese zu erklären zu versuchen, die Behauptung hervor, man könne mit Sprache Vorurteile aufbrechen und gezielt Aufmerksamkeit auf Probleme lenken.

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Ein Beispiel im Deutschen ist hierfür das sogenannte Gendern. Neben der männlichen Form müsse nun also im Deutschen auch die weibliche genannt werden, damit Frauen nicht unsichtbar sind. Man kann sich vorstellen, dass jene Minderheit, die sich weder dem einen noch dem anderen zugehörig fühlt, ohnehin schon damit hadert, was zur Kreation von Sternchen und Unterstrichen als Inklusionsmarker geführt hat. In manch anderer Sprache nimmt man das kopfschüttelnd zur Kenntnis: Im Russischen gibt es die Anekdote über Anna Achmatova, die nicht Schriftstellerin, sondern Schriftsteller genannt werden wollte – schließlich sei sie Meister ihres Faches. In der Sowjetzeit wurde gar das generische Maskulinum für die Allgemeinheit aufgebrochen: Es gab Plakate, auf denen der Schriftzug prangte „Der Arzt – der Freund des Volkes“, während das dazugehörige Bild eine Ärztin zeigte. Der Einfluss von Bildern auf Denkmuster ist kaum abzustreiten, Sprache selbst jedoch ist keine Abbildung der Welt, wie wir spätestens seit Saussure wissen. Begriffe und Phrasen, die keine Bilder im Kopf herausfordern, werden zu hohlen Plattitüden.

Nimmt man sich des Themas in der vergleichenden Sprachwissenschaft an, kann man gar feststellen, dass die Menge an sprachlichen Geschlechtern völlig zufällig ist: In den Gender Studies wird gerne von den Quechua geredet, die südlich des Titicaca-Sees leben. Sie hätten zehn soziale Geschlechter. Sucht man jedoch nach den Quechua im World Atlas of Language Structures, wird man feststellen, dass ihre Sprache keine Unterscheidung nach Geschlecht kennt. Es gibt Sprachen, die sogar mit „fünf Geschlechter oder mehr“ verzeichnet sind, wie jene der Zulu zum Beispiel. Diese jedoch akzeptieren beim Menschen nur zwei Geschlechter. Diese Beispiele mögen nahelegen, dass weniger Geschlecht in der Sprache zu mehr Geschlechtervielfalt in der Kultur führe, aber hundert Beispiele mehr zeigen, dass es zufällig ist. Sprache ist eben kein Abbild der Welt.

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Die „Euphemismustretmühle“

Wie verhält es sich nun mit dem Ersetzen von Wörtern durch andere, die weniger diskriminierend sein sollen? Innerhalb kurzer Zeit scheinen auch diese Begriffe irgendwie verdorben zu klingen. Steven Pinker nennt dies in Interviews und Vorträgen immer wieder „die Euphemismustretmühle“. McWhorter kritisiert diese Tatsache auch an der Herangehensweise von Lakoff: Substitute sind nicht von Dauer. Woran liegt das? Es ist das ewige Zwischenspiel von Konnotat und Denotat, den Beigeschmäckern der Wörter. Neue Begriffe halten der Zeit nicht stand, und das wussten wir bereits im Jahr 1880, als Hermann Paul, ein Lexikograf, die „Principien der Sprachgeschichte“ veröffentlichte, ein Buch gespickt mit unzähligen Beweisen. Im Kapitel über Sprachwandel unterscheidet er, wie es später auch Saussure tut, zwischen der Veränderung der Form eines Worts, Vokalen und Konsonanten, und der Veränderung des Inhalts eines Begriffs. Eines seiner Beispiele hierfür ist das Wort Frau, das auf das mittelhochdeutsche frôwe zurückgeht und eine Dame nobler Abstammung bezeichnete. Minnesänger und Poeten begannen den Begriff auch für gewöhnliche Frauen zu verwenden, um zu zeigen, wie besonders diese in ihren Augen waren, und in der Bevölkerung setzte er sich langsam durch. Folgten wir den Theorien, wie sie in den Gender Studies unterrichtet werden, müsste es im Mittelalter jedoch eine mächtige Frauenbewegung gegeben haben, die alle Historiker bislang übersehen haben. Die gab es mitnichten: Frauen waren Besitz (die meisten Männer übrigens ebenso, war es doch die Zeit der Leibeigenschaft). Bringt man dieses Beispiel in den Gender Studies auf, bekommt man meiner persönlichen Erfahrung nach so etwas zu hören wie „das gehört jetzt nicht hierher“.

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Eine Schülerin Lakoffs, Elisabeth Wehling, hat sich in den letzten Jahren in medial beratender Funktion hervorgetan. Von ihr stammt der Vorschlag, man möge doch das Wort Flüchtling meiden, denn die Nachsilbe -ling sei ein generisches Maskulinum und wirke dadurch aggressiv und verkleinernd, und herablassend sei es obendrein. Man solle besser Flüchtende oder Geflüchtete sagen. Wir wissen seit hundertvierzig Jahren, dass diese Ersetzung keine Verbesserung bieten wird, doch dies ist auch ein Beispiel für etwas anderes: die Unzulänglichkeiten im empirischen Feld. Im Jahr 2016 und 2017 entstand eine Diplomarbeit von Marlene Rummel zu dem Thema, die Teilnehmern einer Studie eine Menge an -ling-Wörtern vorsetzte und feststellte, dass -ling gar nicht negativ konnotiert sei, das Suffix verschlechterte Begriffe nicht im geringsten, jedoch war es der Kontext, in dem sich der Begriff Flüchtling stets befand, der den Begriff ein negatives Konnotat aufsaugen ließ. Dem wird auch Flüchtende nicht entgehen. Wehling wird die Behauptung also nicht überprüft haben, und Medien verwendeten brav Flüchtende, obwohl es sich wohl bei dem negativen Konnotat der Nachsilbe primär um Wehlings persönliche Meinung handeln muss.

Dass Behauptungen nicht überprüft werden, ob im medialen Zirkus, bei selbsternannten Experten oder bei Wiederkäuern der alten Theorien, ist jedoch nicht das einzige Problem an den Universitäten: Die Behauptung, Frauen fühlten sich nicht mitgemeint, würden sie nicht explizit genannt, kam bereits in den sechziger Jahren auf. Durchforstet man die Bibliothekskataloge, ist es erstmal schwierig, die rein theoretischen Arbeiten, die dem Sprache-ist-Macht-Narrativ folgen, von empirischen Arbeiten zu trennen, und oft tut sich dabei eine zeitliche Lücke auf: Die frühesten empirischen Arbeiten, die überprüfen, ob Frauen sich mitgemeint fühlten, konnte ich bislang erst in den achtziger Jahren entdecken. Sprachwissenschaftler diskutieren selbst häufig die Probleme im Feld, ausreichend Teilnehmer für ihre Studien zu finden, weswegen sie über Institutsaushänge und Mailinglisten gerade das eigene berufliche und soziale Umfeld abgrasen müssen.

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Die Ergebnisse bieten also oft kein Bild der Gesellschaft, sondern ein Bild dessen, was jene empfinden, die im selben Studium sind, die sich ohnehin für das Thema interessieren und wo die Behauptung, dass Frauen sich nicht mitgemeint fühlten, bereits seit den sechziger Jahren als gesichertes Wissen im eigenen Weltbild verankert ist. Die letzte Studie zu exakt diesem Thema, an der ich gebeten wurde teilzunehmen, war übrigens im Jahr 2019. Wie verlässlich können Ergebnisse sein, wenn das Thema bereits seit vierzig Jahren medial diskutiert wird? So viel zur Unvoreingenommenheit von Wissenschaft und Teilnehmern an Studien.

Am Ende ist es die Sprachgemeinschaft, die große Masse der Sprecher, denen sich die Verwendung von Begriffen beugt. Der Wandel unserer Sprache wird befeuert durch die schnelle weltweite Kommunikation des Internets, Bedeutungen verschieben und verzerren sich mit den Mitteln von Übertreibung, Ironie, Metaphern und vielem mehr. Was Bedeutung auszeichnet, ist schließlich die Verwendung von Begriffen und keine elitäre politische Bestimmung von oben. Vielleicht ist es Zeit für weniger politische und mehr wissenschaftliche Korrektheit. 

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Literatur

Austin, John Langshaw: How to Do Things With Words. London: Oxford University Press 1962.

Butler, Judith: Excitable Speech. A Politics of the Performative. New York: Routledge 1997.

Cameron, Deborah: Feminism & Linguistic Theory. London: Macmillan 1992.

Corbet, Greville: Number of Genders. Leipzig: The World Atlas of Language Structures Online 2013.

Derrida, Jacques: De la grammatologie. Paris: Éditions de Minuit 1967.

De Saussure, Ferdinand: Course de Linguistique Générale. Paris: Grande Bibliothèque Payot 1997.

McWhorter, John Hamilton: The Language Hoax. New York: Oxford University Press 2014.

Paul, Hermann: Principien der Sprachgeschichte. Halle: Niemeyer 1880.

Rummel, Marlene: Brisantes Suffix? Zum Gewicht von -ling im Konzept des Flüchtlings. Gießen: Gießener Elektronische Bibliothek 2017.

Whorf, Benjamin Lee: Language, Thought, and Reality. Massachusetts: The M.I.T. Press 1956.

Die Autorin

Cordula Simon
Gastautorin

Cordula Simon, geboren 1986 in Graz, studierte bis 2011 deutsche und russische Philologie sowie­
­Gender Studies in Graz und Odessa und war Mitarbeiterin der ­Jugend-Literatur-Werkstatt Graz, danach freie Autorin. Seit 2014 ist
sie freie Mitarbeiterin im Austrian Center for Intelligence Propaganda and Security Studies (ACIPSS) der KFU Graz. Zahlreiche Veröffent­lichungen, Preise und Auszeich­nungen.

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