Würdest du bitte endlich still sein, bitte

Getragen von der Idee, Ausdrücke und Handlungen zu vermeiden, die Gruppen von Menschen kränken oder beleidigen könnten, ist political correctness kein neues Phänomen. Wo sich die Grenzen des Sagbaren finden, daran scheiden sich die Geister – Redefreiheit trifft auf (Geschlechter-)Gerechtigkeit, beleidigt sind am Ende alle. Ein Armutszeugnis, wenn man davon ausgeht, dass jede Gesellschaft die Sprache bekommt, die sie verdient.

05.05.2019
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Das war er also, der philosophische Showdown dieser Tage, das Match zwischen Jordan Peterson und Slavoj Žižek: die beiden schenkten sich bei ihrem Aufeinandertreffen in Toronto nichts. Zwar ging es – naturgemäß – um die Abarbeitung an den beiden Antipoden Kapitalismus und Marxismus, doch in einer Sache waren und sind sich die beiden Diskutanten schon vorab einig: Political correctness, die Ausgeburt progressiver Kräfte, sei abzulehnen. So stellt sich eigentlich nur mehr die Frage, wie eine grundsätzlich lobenswerte Idee, nämlich, Sprache grundsätzlich so zu wählen, dass niemand dadurch Schaden nimmt, dermaßen in Verruf geraten konnte.

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Sticks and stones may break my bones …

Bereits letztes Jahr bezog der Psychologe Jordan Peterson im Rahmen der kanadischen Munk Debates Position gegen die allgegenwärtigen Auswüchse der political correctness, wobei er einräumt, dass er schon die Politisierung dieser Debatte für falsch hält: „I’m disheartened by the fact that virtually everything now is transformed into a polarized political argument, and there seems to be no understanding of the fact that not everything is political. I actually don’t think the discussion about political correctness is political. I think it’s both theological and philosophical, but it’s always presented, or often presented, in politicized terms, not least because, if you’re influenced by the radical leftist collectivist ideology, that is the only playing field.” Den positiven Antrieb – sprich: pro political correctness – in dieser Debatte verortet Peterson also im politisch linken Spektrum; ein Vorwurf, der nicht neu ist. Interessant in dieser Situation ist allerdings, dass bei ebenjener Debatte Peterson ein sich selbst als jedenfalls links bezeichnender Schriftsteller, Stephen Fry, in der Kampfansage gegen political correctness zur Seite steht: „And so I think for the Left, if it wants to achieve all the things that it should, it’s a question of how you achieve the golden aim of making a more tolerant society, not simply prescribing language and forcing people to use uncomfortable and silly phrases.“ Das, obwohl Fry betont, political correctness gäbe es ebenso auf rechter Seite; in jedem Fall sei sie immer nur ein Werkzeug, um eine Debatte zu beenden, anstatt sie zu führen: „After all, if people are going to say that the purpose of political correctness is to celebrate diversity, then that diversity must include diversity of opinion. If it doesn’t, it’s meaningless.”

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Without free speech there is no true thought.
Jordan Peterson

… but words can never hurt me

Ohne darauf einzugehen, ob die Debatte über political correctness überhaupt selbst eine politische ist, sieht der Philosoph Philipp Hübl das Problem darin, dass political correctness zur zunehmenden politischen Polarisierung beiträgt: Linke Befürworter wollen Unterdrückung von Minderheiten, die sich ihrer Meinung nach in der Sprache manifestiert, unterbinden; Liberale sehen darin Einschnitte in ihre (Rede-)Freiheit; Konservative und Rechte nutzen zwar auch das Argument der Freiheit für sich, positionieren sich in ihrer Kritik aber meistens in erster Linie als Gegenpol zum linken Gegenüber. Warum es überhaupt zur Tabuisierung mancher Wörter kommt, erklärt Hübl damit, dass dies mit der Vorstellung einhergehe, Wörter selbst hätten eine besondere Macht: „Auch die Rede vom „N-Wort“ ist Zeichen für ein Tabu, das die sprachphilosophische Einsicht ignoriert, dass Bedeutungen nicht an Wörtern kleben, sondern vielmehr von den Wörtern, den Absichten und Überzeugungen des Sprechers und vom Äußerungskontext abhängen.“ So sieht das auch der Philosophieprofessor Robert Pfaller: Es sei ein schwerwiegender Irrtum der Literaturtheorie, dass die Bedeutung eines Textes vom Leser, nicht vom Autor, bestimmt würde. „Dieses strukturelle Fehlschlagen der postmodernen Sprachregelungsversuche ist der Grund, weshalb eine ihrer großen Legitimationserzählungen sich als unwahr erwiesen hat: die Behauptung nämlich, dass schon Worte selbst Taten seien und dass durch verändertes Sprechen auch ein verändertes übriges Handeln zustande kommen werde.“

Es kommt, so Hübl, beim Opferschutz, um den es der political correctness geht, inzwischen nur mehr darauf an, „ob sich jemand verletzt fühlt, nicht mehr, ob seine Gefühle mit Absicht verletzt wurden. Weil das Opfer entscheidet, liegt die moralische Beurteilung jetzt in seiner Macht.“ Dass es allerdings kein grundsätzliches Recht gibt, nicht verletzt zu werden, argumentiert auch Historiker Timothy Garton Ash in Redefreiheit: „Das Muster ist immer das gleiche: eine Legitimation rein subjektiv empfundenen Beleidigtseins – mit negativen Folgen für andere. Zum Beispiel könnte man eine lange Liste von Begriffen und Vorstellungen für tabu erklären, weil sie für irgendeine Person beleidigend sein könnten.“

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Sollte unser Vorbild der dünnhäutige Identitätsaktivist sein, der ständig „Man hat mich beleidigt“ schreit?
Timothy Garton Ash

Garton Ash vertritt dann doch die Seite der Meinungsäußerungsfreiheit gegenüber rein subjektiv empfundenen Beleidigtseins und legt ein Plädoyer für das Leben mit politischen, religiösen und kulturellen Unterschieden vor. Das, was er als „robuste Zivilität“ bezeichnet, meint, dass selbst inakzeptable, verstörende Ansichten auszuhalten sein müssen, nicht widerspruchslos selbstverständlich: „Wir haben eine Pflicht, nicht zu schnell beleidigt zu sein.“ Letztlich fragt sich der Historiker auch, was geschieht, wenn Kinder entsprechend erzogen und sozialisiert werden – und vice versa, ob man es denn wollen kann, dass Erwachsene nach diesem Schema zusehends wie Kinder behandelt werden.

Diese Feststellung drückt Pfaller schon im Titel seines Buches – Erwachsenensprache – aus: „Wenn hingegen angenommen wird, dass jemand zu diesem Kalkül unfähig ist und nur von seiner Empfindung wie von einer unhintergehbaren Macht beherrscht wird, dann wird diese Person durch diese Annahme entmündigt, entsubjektiviert und zu einer bloßen Befindlichkeits-, Beleidigungs- und Verletzlichkeitsmaschine herabgestuft. Nur bei Entmündigten zählt nichts als deren Empfindung.“ Diese Herabstufung konterkariert laut Pfaller das eigentliche Ziel der political correctness: die Gleichheit aller Menschen. Denn diese setzt Erwachsenheit voraus, was bedeutet, persönliche Befindlichkeiten hintanzuhalten und nur das in der Öffentlichkeit zu behandeln, was dort auch relevant ist.

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Durch Ermunterung zur Empfindlichkeit hat die Politik Menschen infantilisiert.
Robert Pfaller

Feelings don’t care about your facts

Weil ihm Satire als die einzige Möglichkeit erschien, um auf die abstrusen Abwege, auf die sich manche im Namen der political correctness begeben, hinzuweisen, schuf Journalist Andrew Doyle vergangenen Jahres eine Kunstfigur: Titania McGrath, ihres Zeichens social justice warrior und trotz ihrer immensen Privilegiertheit überzeugtes Opfer. Diese Überspitzung in Person steht aber nun für Doyle nicht mehr für – legitime – political correctness, sondern für die Woke-Ideologie: „Woke ideology has little to do with political correctness. It is about narrowing the Overton window, seeking out heretical opinions, and brutally punishing those who dare to think for themselves.” Das ebenfalls im Namen dieser Kunstfigur erschienene Buch Woke – A Guide to Social Justice macht trotz starker Überspitzungen im Sinne des Genres vor allem mit einem – realen – Zitat der US-Kongressabgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez einen Punkt, bei dem einem das Lachen im Hals stecken bleibt: „I think that there’s a lot of people more concerned about being precisely, factually and semantically correct than about being morally right.”

Am Ende dreht sich doch alles um die Moral, auch, was die Beurteilung von political correctness angeht, schreibt der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch: „Die Kritiker/-innen treffen damit aber unfreiwillig den Kern der politisch korrekten Sprache – sie ist tatsächlich eine Frage der Moral. Den Befürworter/-innen politisch korrekter Sprache geht es (oft implizit, aber manchmal auch ganz offen) darum, sprachliche Ausdrucksformen genauso nach moralischen Gesichtspunkten zu bewerten wie andere Aspekte menschlichen Handelns.“ Da die moralische Beurteilung einer Aussage aber letztlich in der subjektiven Sichtweise des jeweiligen Opfers liegt, lässt sich der Rückgriff auf die Moral zur Lösung der Debatte nur schwer rechtfertigen. Am Ende bringt es der Philosoph Slavoj Žižek unumwunden auf den Punkt: „Der Versuch der political correctness-Vertreter, die Sprache zu regulieren, ist vielmehr an sich falsch, weil er das Problem nur verschleiert, statt es zu lösen.“ 

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Literatur

Fry, Stephen/Peterson, Jordan/Dyson, Michael Eric/Goldberg, Michelle: Political Correctness Gone Mad? London 2018

Garton Ash, Timothy: Redefreiheit. Prinzipien für eine vernetzte Welt. München 2016

Hübl, Philipp: Die aufgeregte Gesellschaft. Wie Emotionen unsere Moral prägen und die Polarisierung verstärken. München 2019

McGrath, Titania: Woke. A Guide to Social Justice. London 2019

Pfaller, Robert: Erwachsenensprache. Über ihr Verschwinden aus Politik und Kultur. Frankfurt 2018

Stefanowitsch, Anatol: Eine Frage der Moral. Warum wir politisch korrekte Sprache brauchen. Berlin 2018

Žižek, Slavoj: Der Mut der Hoffnungslosigkeit. Frankfurt 2018

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Die Autorin

Anna Schneider

Anna Schneider hat Rechtswissenschaften und Kunstgeschichte studiert. Nach einer Zeit als Universitätsassistentin am Institut für Staats- und Verwaltungsrecht wechselte sie Anfang 2014 als Referentin für Verfassung, Menschenrechte und Weltraum ins Parlament; nun leitet sie als Gründungsmitglied von Quo Vadis Veritas das Thementeam von Addendum.

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