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Korruption – mit System?

Es gab einmal einen österreichischen Bauunternehmer, der in einem Fernsehinterview sinngemäß erklärte, dass man in gewissen Ländern – es ging damals um Ostmitteleuropa – ohne Schmiergeldzahlungen einfach kein Geschäft machen könne. Dieses Bekenntnis wurde von der Öffentlichkeit eher ambivalent aufgenommen, da man einerseits zwar nicht umhinkonnte, den Mann für seine Offenheit zu bewundern, andererseits aber auch befürchtete, dass das dem alten Dogma der europäischen Ostpolitik – „Wandel durch Annäherung“ – einen neuen Sinn geben würde: dass nämlich der Westen sich, was die Geschäftspraktiken betrifft, dem alten Ostblock annähere.

Tatsächlich könnte es so sein, dass internationale Unternehmen große öffentliche Aufträge in strukturell korrupten Staaten nur bekommen, wenn sie sich den dortigen Usancen und dem eher niederschwelligen Compliance-Verständnis der örtlichen Entscheider anpassen. Venezuela, schon zu Zeiten des sozialistischen „Helden“ Hugo Chávez eines der korruptesten Länder der Welt, könnte so ein Fall sein. Die Gretchenfrage für internationale Konzerne mit hohen Compliance-Standards lautet: Wie hältst du’s mit der Korruption? Angesichts von Auftragsvolumina in dreistelliger Millionenhöhe sicher keine einfache Frage.

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Andererseits: Compliance gibt es, oder es gibt sie nicht. So sieht das auch Carlos Sousa, ein ehemaliger Manager des österreichischen Maschinenherstellers Andritz AG, für dessen Wasserkraftsparte der Deutsch-Spanier von 2009 bis 2012 als Geschäftsführer der Mexiko-Tochter tätig war. Beendet wurde diese Tätigkeit, weil er nicht bereit gewesen sei, Geschäfte mitzuverantworten, in denen über die Vermittlung dubioser „Berater“ Schmiergeldzahlungen an venezolanische Entscheidungsträger01 hätten fließen sollen.

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Sousa, dessen Geschichte wir gemeinsam mit dem deutschen Recherchekolletiv Correctiv und weiteren Medienpartnern recherchiert haben – und der seine Geschichte mit vollem Namen und mit offenem Visier erstmals im TV-Politmagazin Factum vor der Kamera erzählt –,  geht aufgrund selbstgemachter Erfahrungen und Wahrnehmungen im Rahmen seiner Tätigkeit als Manager im Konzern davon aus, dass es sich nicht um einen Einzelfall, sondern um ein Schmiergeldsystem gehandelt habe. Die Andritz AG, die wir um die Beantwortung eines umfangreichen Fragenkatalogs gebeten haben, hielt sich im Konkreten eher bedeckt, betonte aber allgemein, dass es aus Konzernsicht keine Hinweise auf systematische Compliance-Verstöße gebe.

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Das führt zu einem weiteren Punkt, der die Geschichte der Andritz Hydro in Deutschland, Mexiko und Venezuela interessant und fast prototypisch macht: Es ist die Frage nach der Rolle, nach den Motiven und damit auch nach der Glaubwürdigkeit von „Whistleblowern“. Denn Carlos Sousa ist ein klassischer Whistleblower. Er hat sich, das ergeben eingehende Recherchen unseres Teams, weder aus finanziellen Motiven noch aus Revanchegründen an die Öffentlichkeit gewandt, sondern weil er verhindern will, dass solche Praktiken zu menschlichem Leid führen – wie das im März 2019 in Venezuela der Fall war, als während eines großen Blackout Menschen starben. Nicht zuletzt deshalb, weil Projekte des staatlichen Energieunternehmens nicht so durchgeführt worden seien, wie das eigentlich der Fall sein sollte, meint Carlos Sousa.

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Natürlich könnte man auch fragen, wem denn gedient sei, wenn europäische Konzerne solche Länder als Abnehmer ihrer Produkte ausscheiden und damit Konkurrenten zum Zug kämen, die nicht nur bereit seien, mehr Schmiergeld zu zahlen, sondern auch schlechtere Qualität liefern würden. Aber das sind moralische Fragestellungen, mit denen sich die Leserin und der Leser vielleicht für sich beschäftigen werden. Uns ging es darum, an einem konkreten Beispiel zu zeigen, was passiert ist – zumindest in einem Fall, möglicherweise aber auch systematisch. 

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