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Andritz und Venezuela:
Ex-Manager erhebt Schmiergeldvorwürfe

Eine Tochterfirma des Anlagenbauers Andritz soll Zahlungen für einen Auftrag in Venezuela geleistet haben: abgewickelt über dubiose Beraterverträge in Millionenhöhe. Das behauptet deren ehemaliger Geschäftsführer.

10.04.2019
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Es war der größte Einzelauftrag dieser Art in der stolzen, mehr als 150-jährigen Geschichte des Andritz-Konzerns: 2009 wurde Andritz Hydro, die Wasserkraft-Sparte des Anlagenbauers, damit beauftragt, sogenannte Erregungssysteme für Generatoren des Kraftwerks Guri in Venezuela zu liefern. Guri ist eines der größten Wasserkraftwerke der Welt. Es deckt 70 Prozent des venezolanischen Strombedarfs ab. Wenn es dort Probleme gibt, geht im Land das Licht aus – wie bei einem großen Blackout Mitte März 2019 auf dramatische Weise klar wurde.

Andritz kam also vor gut zehn Jahren bei der dringenden Modernisierung des Kraftwerks zum Zug: Einerseits lieferte der Konzern – im Konsortium mit dem deutschen Unternehmen Voith – die weltweit größten sogenannten Francisturbinen. Mit mehr als sieben Metern Durchmesser, mehr als drei Metern Höhe und rund 200 Tonnen Gewicht sind es Meisterwerke der Ingenieurskunst. Andererseits erhielt Andritz den erwähnten Nebenauftrag im Bereich der Generatoren. Auftraggeber war das staatliche venezolanische Energieunternehmen Edelca.

Doch nun fällt ein dunkler Schatten auf dieses historische Geschäft von Andritz mit dem System des autokratischen Ex-Präsidenten Hugo Chávez. Ein Ex-Manager sagt: Es floss Schmiergeld.

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Der Kronzeuge

Addendum trifft Carlos Sousa Ende März 2019 zum Interview. Seit einiger Zeit schon recherchieren Medien aus mehreren Ländern – koordiniert vom deutschen Recherchezentrum Correctiv – zu den Andritz-Deals in Venezuela. Nun ist Sousa, ein Deutsch-Spanier Anfang Fünfzig, bereit, vor die Kamera zu treten. Mit seinem echten Namen und ohne sein Gesicht zu verstecken. „Heute kann ich mir das erlauben“, sagt Sousa auf die Frage, warum er sich jetzt entschieden hat, an die Öffentlichkeit zu gehen. Sein Haus sei abbezahlt, seine Kinder seien groß. „Ich habe heute deutlich weniger Existenzängste als noch vor fünf Jahren.“

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Carlos Souza

Ex-Manager der Andritz-Hydro-Tochterfirma in Mexiko

Carlos Sousa ist ein klassischer Whistleblower. Er hat sich weder aus finanziellen Motiven noch aus Revanchegründen an die Öffentlichkeit gewandt, sondern weil er verhindern will, dass solche Praktiken zu menschlichem Leid führen – wie das im März 2019 in Venezuela der Fall war, als während eines großen Blackout Menschen starben.

Und Sousa verweist noch auf einen zweiten wesentlichen Grund, warum er gerade jetzt dieses Interview gibt: „Das Thema Venezuela hat heute ja auch eine gewisse Aktualität.“ Korruption habe dazu geführt, dass Projekte in dem Land „nicht so abgewickelt worden sind, wie sie hätten abgewickelt werden müssen“. Er verweist auf das Blackout – den großflächigen Stromausfall Mitte März 2019. „Da sterben Leute. So einfach ist das. Und es muss einem auch die Verantwortung darüber bewusst sein. Vielleicht ist heute der richtige Zeitpunkt, bei so einem Thema einmal aufzuräumen.“

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„Zahlungen für Auftragsvergaben“

Womit Sousa aufräumen will, ist schnell erklärt. Vor rund zehn Jahren wurde er Manager im Andritz-Konzern, konkret Geschäftsführer der Andritz-Hydro-Tochterfirma in Morelia, Mexiko. Diese Funktion hatte er drei Jahre lang inne. Dabei sei er – erklärt Sousa – Zeuge eines Schmiergeldsystems geworden, das darauf abzielte, durch versteckte Zahlungen an Entscheidungsträger den Zuschlag bei Auftragsvergaben in Venezuela zu erhalten.

Das bekräftigt Sousa nicht nur im Interview. Er hat auch eine entsprechende eidesstattliche Versicherung abgegeben. In einem Fall bestätigt Sousa aus eigener Erfahrung, dass Schmiergeld in Millionenhöhe geflossen sei. Darüber hinaus seien ihm jedoch Umstände bekannt geworden, die darauf hindeuten würden, dass das Schmiergeldsystem auch im Rahmen anderer Projekte zum Einsatz kommen sollte. Involviert sei unter anderem ein Mann gewesen, der heute im Konzernvorstand von Andritz sitzt.

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Meeting in Mexiko

Doch der Reihe nach: Es ist Mitte 2009. Carlos Sousa kommt in Mexiko an. Andritz hat dort – seit der Übernahme der früheren VA-Tech-Hydro – eine Niederlassung samt Produktion. Sousa soll sich, so erzählt er, ein paar Wochen einarbeiten und dann als Geschäftsführer das Ruder übernehmen. Es wird nicht lange dauern, bis er auch die Schattenseiten seines neuen Jobs kennenlernt – und zwar bei einer mehrtägigen Kick-off-Veranstaltung zum eingangs erwähnten Generatoren-Projekt, das über Andritz Mexiko abgewickelt werden sollte.

„Am letzten Tag des Kick-offs wurde ich vom damaligen Geschäftsführer der Andritz Hydro Deutschland in ein Meeting gebeten, gemeinsam mit seinem Vertriebsleiter“, erzählt Sousa. Angemerkt sei, dass die deutsche Andritz Hydro in Ravensburg federführend beim Hauptauftrag – der Turbinen-Rehabilitierung – in Venezuela war. Bei dem Gespräch stießen laut Sousa zwei Männer dazu – angebliche Berater bzw. Subunternehmer – mit denen Verträge abgeschlossen werden sollten.

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Die Berater „Face“ und „Shoe“

Sousa erinnert sich: „Das Auffällige daran war vor allem, dass da keine Leistung dahinter stand. Oder zumindest keine, die mit dem Projekt in einem kausalen Zusammenhang gestanden hätte. Das sind Kommissionen gewesen, die an die beiden Herren ausgezahlt worden sind mit der Bitte, diese auch an die entsprechenden Einheiten in Venezuela zu überbringen.“ Die beiden Männer hätten gesagt, das Geld wäre bereits versprochen worden – „versprochen an die Entscheidungsträger auf der venezolanischen Seite“.

Sousa erzählt, dass da auch von konkreten Namen die Rede gewesen sei: „Es gab eine Liste, an wen Geld versprochen worden ist. An verschiedene Würdenträger, sowohl innerhalb der Edelca als auch innerhalb des Ministeriums.“

Das dubiose Berater-Duo – beides Venezolaner, einer davon mit Adresse in Florida – trug Sousa zufolge bei Andritz intern den vielsagenden Spitznamen „Face and Shoe“: „Face (Gesicht, Anm.), derjenige, der die Kontakte hat, und Shoe (Schuh, Anm.), derjenige, der entsprechend zu laufen hat.“

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Vereinbarung auch beim Hauptauftrag?

Einen der Verträge unterzeichnet Sousa selbst – auf Anweisung eines seiner Aufsichtsratsmitglieder, wie er sagt: „Da hieß es: Und diesen Vertrag musst du unterschreiben.“ Beim zweiten Vertrag habe er sich geweigert. Dieser sei rückdatiert gewesen auf einen Zeitpunkt, zu dem er selbst noch gar nicht im Unternehmen tätig war. Diesen Kontrakt hätten dann die vorigen Geschäftsführer unterfertigt.

Als die beiden Vereinbarungen, bei denen es insgesamt um rund drei Millionen US-Dollar geht, unter Dach und Fach sind, hat Sousa ein Schlüsselerlebnis. Einer der Andritz-Manager aus Deutschland habe ihm gesagt, er solle die Verträge nicht im Unternehmen, sondern bei sich zuhause aufbewahren, erzählt der ehemalige Geschäftsführer. Der Andritz-Manager aus Deutschland habe gesagt: „Ich bewahre diese Verträge bei mir auch nicht im Unternehmen auf. Wenn es da mal eine Prüfung gibt, dann ist das schwierig. Die habe ich bei mir zu Hause.“

Damit sei ihm klar gewesen, dass auch die Andritz Hydro Ravensburg derartige Verträge mit den beiden Männern abgeschlossen hatte, sagt Sousa. Wobei es beim Hauptauftrag – der Erneuerung der Turbinen – nochmals um eine andere Größenordnung ging. Zum Vergleich: Das Hauptprojekt hatte ein kolportiertes Volumen von 100 Millionen Euro, der Folgeauftrag für Andritz Mexiko eines von rund 30 Millionen US-Dollar.

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Die zweifelhaften Millionenverträge

Was ist dran an den Vorwürfen, die Sousa erhebt? Addendum liegen die beiden Verträge vor. Der eine datiert mit 13. Oktober 2008 – obwohl er laut Sousa erst Mitte 2009 geschlossen wurde. Als Berater ist ein Carlos M. angeführt mit Adresse in Boca Raton, nördlich von Miami. Er sollte laut Vereinbarung der mexikanische Andritz-Tochter – damals noch unter dem Namen „VA TECH Escher Wyss S.A. de C.V.“ – bei ihren „Aktivitäten auf dem venezolanischen Markt“ behilflich sein, speziell in Bezug auf die Erlangung des Auftrages für die Erregungssysteme der Generatoren. Dafür sollte Herr M. vier Prozent des Auftragswerts abzüglich bestimmter Einzelposten erhalten.

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Vertrag mit Carlos M.
Vertrag mit Carlos M.
Vertrag mit Carlos M.
Vertrag mit Carlos M.
Vertrag mit Carlos M.
Vertrag mit Carlos M.

Was auffällt, ist, dass oben auf der ersten Seite des Vertrags der englische Fachbegriff für das Erregungssystem – „Excitation“ – falsch geschrieben ist. Die mexikanische Tochter-Firma – abgekürzt mit „HMX“ – wird im Vertrag einleitend als „wohlbekannte internationale Firmengruppe“ bezeichnet, was zwar auf den Andritz-Konzern zutrifft, aber nicht auf die Mexiko-Tochter. Und am Schluss heißt es, dass der Berater direkt „von jedem Mitglied von HMX“ bezahlt werde – was auch eigenartig wirkt, da Andritz Mexiko ja ein einzelnes Unternehmen ist.

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Wohnung in Spanien

Addendum liegt außerdem ein Vertragsentwurf zu dieser Vereinbarung vor. Hier wird in der Vertragstitel-Abkürzung in der Fußzeile auf der ersten Seite – im Unterschied zu allen anderen Seiten – nicht auf „Excitation“ verwiesen, sondern stattdessen auf „final“. Auch das könnte darauf hindeuten, dass – wie Sousa sagt – ein anderer Vertrag eilig auf das neue Projekt umgelegt wurde.

Carlos M. besitzt auch eine Wohnung in Madrid. Dort konnten spanische Recherchepartner von Addendum kurz mit ihm sprechen. Er bestätigte, für Andritz als Berater tätig gewesen zu sein. Er bestritt allerdings, an einem Treffen bei Andritz in Mexiko teilgenommen zu haben. Für konkrete Nachfragen war M. in der Folge nicht mehr erreichbar. Vergleicht man die Unterschrift von Carlos M. auf dem Beratervertrag mit einer auf einem amerikanischen Firmen-Dokument liegt – soweit mit bloßem Auge erkennbar – jedenfalls eine große Ähnlichkeit vor:

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Auffällige Formulierungen

Doch auch der zweite Vertrag, der mit 9. Juni 2009 datiert ist, weist Eigentümlichkeiten auf. Als Vertragspartner der Andritz Hydro Mexiko ist eine Firma namens MATEQHO C.A. in Caracas angeführt, als Ansprechpartner wird ein José R. genannt. Die MATEQHO sollte 36 Monatsraten zu je 55.675 US-Dollar erhalten – also insgesamt rund zwei Millionen Dollar. Dafür sollte die Firma aus Venezuela Andritz helfen, den Auftrag zu den Generator-Erregungen durchzuführen – unter anderem durch die Abwicklung von Zollangelegenheiten.

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Vertrag mit MATEQHO C. A.
Vertrag mit MATEQHO C. A.
Vertrag mit MATEQHO C. A.
Vertrag mit MATEQHO C. A.
Vertrag mit MATEQHO C. A.
Vertrag mit MATEQHO C. A.

Wer im Internet nach der auf dem Vertrag angegeben Adresse sucht, stößt interessanterweise auf eine Firma, die das Wort „Matequeco“ im Namen trägt. Das klingt überraschend ähnlich wie MATEQHO, ist aber letztlich doch deutlich anders geschrieben. Auch zu dieser Vereinbarung liegt Addendum ein Entwurf vor. Darin ist als Auftraggeber die Andritz Hydro GmbH in Deutschland angeführt, nicht – wie in der unterschriebenen Version – die Mexiko-Tochter. Als Auftragnehmer scheint im Entwurf wiederum direkt Jose R. auf, nicht die Firma MATEQHO. Auch hier spricht also einiges dafür, dass tatsächlich im letzten Moment ein paar schnelle Anpassungsmaßnahmen vorgenommen wurden – und dass die Andritz-Firma in Ravensburg in dieser Angelegenheit eine wichtige Rolle spielte.

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„Preis wurde erhöht“

Das sind bemerkenswerte Eigentümlichkeiten. Schließlich geht es um Millionenzahlungen. Und um einen Auftraggeber, der als Tochter eines internationalen Milliardenkonzerns firmiert. Darüber hinaus scheinen die Verträge – zumindest weitgehend – mit einer Art Projektkalkulation zu korrespondieren, die Addendum vorliegt. In dem Papier sind eine „Fee“ und eine „Commission“ von rund drei Millionen Dollar angeführt, die augenscheinlich die Differenz zwischen dem Nettoauftragswert („Net contract value“) von rund 25 Millionen Dollar und dem Bruttovolumen („Gross base“) von 28 Millionen Dollar ausmachten.

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Carlos Sousa sagt, diese Kalkulation wäre von Verantwortlichen der Andritz Hydro Ravensburg erstellt worden: „Da wurde dann eben nur kalkuliert, welche Markup muss ich in dem Vertrag hintendran machen, dass ich die Kommission letztlich bezahlt kriege. Weil es ist ja nicht so, dass man eben der günstigste Anbieter in so einem Projekt ist und dann eben aus einer Marge heraus die Kommission bezahlt. Das Thema war ja rückwärts nach dem Motto: Den Preis brauche ich, und das muss ich oben drauf tun, um bestimmte Herren zu befriedigen, und das ist der Preis, den mir der Kunde zu bezahlen hat.“

Carlos Sousa sagt auch, der Preis, der letztlich dem venezolanischen Staat verrechnet wurde, sei um die Zahlungen an die sogenannten Berater erhöht worden: „Es ist ja nicht so, dass Unternehmen in einer wettbewerbsfähigen Kalkulation aus der Marge heraus die Kommissionen bezahlen – diese Kommissionen kommen auf den Preis oben drauf, und letztlich zahlt es dann der Kunde hinten dran – und damit mit öffentlichen Geldern.“

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Kontaktverbot für Mitarbeiter

Sousa erzählt: „Spätestens nach diesem Kick-off-Meeting und nachdem wir die Verhandlung mit diesen ,Subunternehmern‘ geführt haben, war mir klar, in welche Richtung dieses ganze Thema geht. Die Anweisung an meine Mitarbeiter war, überhaupt keinen Kontakt zu diesen Herrschaften zu haben, sie nicht einzubinden.“ Er selbst habe mit seinem Aufsichtsratsvorsitzenden darüber gesprochen. Dieser habe ihm aber zu erkennen gegeben, dass er „das gar nicht so genau wissen“ wollte.

Der Ex-Manager sagt: „Ich bin dann auf die Bremse getreten. Und das hat mich nicht gerade populär gemacht in dem Unternehmen. Das hat auch dazu geführt, dass ich ein paar Jahre später dann meine Aufgabenstellung entsprechend verloren habe.“ Doch dazu später.

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Konzern-Spitze seit Jahren informiert

Was – abgesehen der von der eidesstattlichen Versicherung und den Auffälligkeiten in den Verträgen – noch für die Glaubwürdigkeit von Sousas Behauptungen in Bezug auf das angebliche Schmiergeldsystem sprechen könnte, ist die Tatsache, dass die Vorwürfe nicht jetzt vom Himmel fallen, sondern er diese bereits vor Jahren erhoben hat. Er ist damals nicht an die Öffentlichkeit gegangen, sondern hat – nach seinem Ausscheiden – die Konzernspitze von Andritz informiert.

So gab es im Herbst 2014 ein Treffen Sousas mit Andritz-Vertretern bei einer Anwaltskanzlei in Wien. In der Folge erreichte ihn ein Schreiben, gezeichnet unter anderem vom Andritz-Vorstandsvorsitzenden Wolfgang Leitner. Darin heißt es nicht etwa, dass am Schmiergeldvorwurf nichts dran sei, sondern:

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Was Ihre Vorhaltungen anlangt, es hätte im Zusammenhang mit einzelnen Beraterverträgen während der Zeit Ihrer Geschäftsführung Unregelmäßigkeiten gegeben, so haben wir dies zum Anlass genommen, die einschlägigen Kontrollmaßnahmen zu verschärfen und den angezeigten Themen nachzugehen. Haben Sie Dank für diese Hinweise. ANDRITZ ist sich bewusst, dass wir uns jederzeit für unser Gebaren rechtfertigen müssen und dass eine funktionierende Compliance Kultur einen Grundpfeiler unserer Geschäftstätigkeit bildet. Compliance ist kein Selbstläufer und deshalb sind eben gerade Hinweise wie der Ihre sehr hilfreich, das Bewusstsein für Transparenz und die Einhaltung von Compliance Erfordernissen laufend zu stärken.

Schreiben mit bemerkenswerten Details

Mit dieser Antwort des Konzernvorstandes ließ es Sousa jedoch nicht bewenden. Wenige Wochen später, im Dezember 2014, schickte er ein Schreiben an Andritz-Aufsichtsratschef Christian Nowotny, dem er auf sechs Seiten haarklein seine Erlebnisse bei Andritz Hydro Mexiko schilderte. Im Jänner 2015 antwortete Nowotny: „Ich habe Ihr Schreiben an die zuständige Compliance Abteilung weitergeleitet und diese ersucht, mit Ihnen in dieser Angelegenheit Kontakt aufzunehmen.“

Besonders bemerkenswert: Sousas Schreiben an Nowotny bezieht sich nicht nur auf die beiden Beraterverträge für den Nebenauftrag in Venezuela – im Detail schildert der Ex-Geschäftsführer Vorkommnisse, die – wenn sie den Tatsachen entsprechen – unterstreichen, dass es sich nicht um einen Einzelfall, sondern tatsächlich um ein Schmiergeldsystem gehandelt hat.

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Ganze Reihe an Vorwürfen

Diese weiterführenden Schilderungen gibt Sousa auch im Addendum-Interview zu Protokoll. Unter anderem erzählt der Ex-Manager: „Es gab dann ein anderes Projekt meiner mexikanischen Gesellschaft, an dem wir uns beteiligten wollten – im übrigen auch in Venezuela. Da ging es um die Automatisierungstechnik für das Wasserkraftwerk Tocoma.“ Dieses Projekt hatte ebenfalls ein Volumen im zweistelligen Millionen-Dollar-Bereich.

Sousa erzählt: „Wir haben das Angebot mit technischer Unterstützung aus dem Stammhaus vorbereitet.“ Dabei habe es die Forderung gegeben, die „Berater“ einzubinden. Ihm sei aus Wien gesagt worden: „Wenn du ,Face‘ und ,Shoe‘ nicht mit einbindest, dann ist die Chance gleich null, dass du diese Verträge oder dieses Projekt in Venezuela gewinnen kannst.“ Man habe das Angebot abgegeben, ohne die Berater zu berücksichtigen, und den Auftrag nicht gewonnen. Sousa fasst zusammen: „Ich bin da nicht ganz so populär gewesen im Unternehmen.“

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„Ganz normalisierte Angelegenheit“

Ein weiteres Mal ließ der damalige Andritz-Manager – seinen Aussagen zufolge – einen seiner Aufsichtsräte abblitzen, der gleichzeitig Geschäftsführer der Andritz-Tochter in Deutschland war: Andritz habe sich an einem großen Projekt in Venezuela mit einem Auftragsvolumen von mehr als 200 oder 300 Millionen Euro beteiligen wollen. Der Geschäftsführer aus Deutschland habe ihm erklärt: „Unter sieben Prozent können wir da nichts tun.“ Das hieße aber, dass 20 oder 25 Millionen Euro an „Kommissionen“ fließen hätten müssen, rechnet Sousa vor. Dies wäre sogar mehr als das jährliche Geschäftsvolumen der Mexiko-Tochter gewesen. Er habe abgelehnt.

Sousa erklärt: „Mexiko ist nun auch nicht gerade eine Bananenrepublik, man hat auch dort Regeln einzuhalten. Aber das war so eine ganz normalisierte Angelegenheit.“

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Wer wusste Bescheid?

Wie weit das Wissen über die beiden dubiosen Berater im Konzern hinaufreichte, sollte Sousa – seinen Angaben zufolge – bei einem Meeting in Ravensburg bewusst werden. Bei dem Treffen sei es um die Frage gegangen, wie man gewisse Forderungen – sogenannte „Claims“ – gegenüber dem Kunden in Venezuela am besten geltend machen sollte. In der Diskussion sei dann Folgendes gesagt worden: „Wenn wir diese Claims bei dem Kunden durchsetzen wollen, dann müssen wir schauen, ob wir die Herrn ,Face and Shoe‘ mit einbinden.“

Während dies diskutiert worden sei, habe einer der Andritz-Ravensburg-Geschäftsführer gesagt: „Also ich gehe jetzt mal ganz kurz raus. Ich muss mal mit dem Herrn Semper sprechen.“ Wolfgang Semper war damals Geschäftsführer der Andritz-Hydro-Obergesellschaft in Wien. 2011 rückte er sogar in den Konzernvorstand auf.

Sousa erzählt, der Geschäftsführer in Ravensburg sei von seinem Telefonat zurückgekommen und habe gesagt: „Ich habe jetzt mit dem Herrn Semper gesprochen, aber der sagte mir nur: ,Wir sehen ja die Herren ein paar Tage später und dann können wir das mit denen gemeinsam besprechen.‘“ Gemeint seien „Face“ und „Shoe“ gewesen.

Sousa meint: „Der Semper ist ja schon dafür bekannt, dass der auch ins Detail geht und dass er auch der Stratege ist. Und meine Zusammenfassung zu dem Meeting ist gewesen: Na ja, die Strategie, die ist auf allerhöchster Ebene gemacht worden.“

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Andritz: „Keine stichhaltigen Beweise“

Addendum ließ Andritz eine umfangreiche Liste mit Fragen zukommen. Detailfragen zu den Beratern und Projekten ließ der Konzern offen. Grundsätzlich teilte ein Sprecher mit: „Die anlässlich der Beendigung seines Dienstverhältnisses an den Vorstand der Andritz AG kommunizierten Schilderungen von Herrn Sousa betreffend Vorgänge aus seiner Zeit als Geschäftsführer einer Niederlassung in Mexiko sind uns bekannt und haben unmittelbar nach deren Eingang zu einer vom Vorstand der Andritz AG angeordneten umfassenden Compliance-Untersuchung durch die Interne Revision unter Einbindung externer Anwälte geführt. Im Verlaufe dieser Untersuchungen wurde auch Herrn Sousa umfassend Möglichkeit eingeräumt, alle Informationen darzulegen und seine Beobachtungen vorzutragen. Diese Untersuchungen ergaben keine stichhaltigen Beweise für unzulässige Zahlungen.“

Detailinformationen zur Compliance-Untersuchung will Andritz nicht preisgeben, da derartige Ergebnisse „grundsätzlich vertraulich“ behandelt würden. Andritz weise jeden Vorwurf, den Informationen nicht gründlich nachgegangen zu sein, zurück. Zusammengefasst heißt es: „Jedenfalls hat Korruption bei Andritz keinen Platz. Wir verfolgen eine Zero-Tolerance-Policy und haben auch ein umfassendes Compliance Management System eingeführt, das dazu dient, Compliance-Verstößen vorzubeugen.“

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Trennung vom unbequemem Manager

Andritz versucht, die Glaubwürdigkeit Sousas in Zweifel zu ziehen. In der Stellungnahme heißt es: „Seine Vorhaltungen über angebliche Compliance-Verstöße hat Herr Sousa stets mit finanziellen Forderungen verknüpft. Diesen ist Andritz natürlich nicht nachgekommen.“ Es müsse festgehalten werden, dass „die Trennung von Herrn Sousa gerechtfertigt war“.

Wie stichhaltig sind diese Argumente? Fest steht, dass die Geschäftsführertätigkeit Sousas bei der Andritz-Tochter in Mexiko im Frühjahr 2012 ein jähes Ende gefunden hat. Sousa erzählt, wie an einem Montagmorgen bei ihm das Telefon klingelte: „Dann hörte ich nur von einem Mitarbeiter, dass mein Aufsichtsratsvorsitzender da war. Man hat dann eine ,Revision‘ gemacht.“ Er – Sousa – sei gebeten worden, zwei Tage nicht ins Unternehmen zu kommen. Dann habe es „ein relativ kurzes“ Gespräch gegeben: „Da hat man mir ein Stück Papier vorgehalten und gesagt: ,Wir entlassen Sie hiermit. Fristlos.‘“

Letztlich einigte man sich auf eine einvernehmliche Auflösung, wobei diese für Sousa unvorteilhaft ausgefallen ist. Seiner Darstellung zufolge stand er unter Druck, da er ohne Anstellung nur noch kurze Zeit einen Aufenthaltstitel hatte und sein Haus rasch verkaufen musste. Diesem Verkauf habe noch dazu Andritz zustimmen müssen, da er vom Unternehmen einen Kredit erhalten hatte.

Sousa betont, die einzigen finanziellen Interessen, die er Andritz gegenüber habe, seien jene, die ihm aus seinem Vertrag zugestanden wären. Das habe er für sich mittlerweile aber „abgeschrieben“. Glaubt er, dass er seinen Job deshalb verloren hat, weil er bei den angeblichen dubiosen Deals nicht mitmachen wollte? Das bestätigt Sousa im Interview: „Ich wurde entlassen, weil ich bei diesen Themen die Flexibilität nicht gehabt habe, die man hätte haben müssen.“ Sousa sagt: „Bei Compliance, da gibt es halt nur ein hundert Prozent oder ein gar nicht. Aber 99,9 Prozent reichen nicht aus.“ 

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10.04.2019

Das Rechercheteam

Stefan Melichar
Investigative Recherche

Stefan Melichar startete seine journalistische Laufbahn 2006 im Wirtschaftsressort der Wiener Zeitung. Von 2012 bis Ende 2017 war er als Investigativjournalist beim Magazin News tätig – zuletzt auch als Wirtschaftsressortleiter. Seit 2013 wirkt er regelmäßig an internationalen Investigativkooperationen wie „Offshore-Leaks“, „Swiss-Leaks“ und „Panama Papers“ mit.

Rainer Fleckl
Investigative Recherche

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Monika Müller
TV

Monika Müller hat in den vergangenen vier Jahren die Nachrichtensendung 24 Stunden Wien auf W24 moderiert und zuvor sechs Jahre lang ein Sendeformat für die Stadt Wien geleitet und produziert. In ihrer selbstständigen Arbeit war und ist sie als Trainerin tätig und hat im Team eines international anerkannten und Latin-Grammy-nominierten Musikers gearbeitet.

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