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Die Motivation des Whistleblowers
11. April 2019 Korruption Lesezeit 5 min
Wer ist Carlos Sousa? Der Ex-Andritz Manager erhebt Schmiergeldvorwürfe gegen den Konzern, in dem er drei Jahre lang als Manager tätig war. Die Andritz-Führung kennt die Vorwürfe seit Jahren, hat sie aber nie vollständig aufgeklärt.

Am 14. März 2012 kommt es zum entscheidenden Einschnitt im Leben von Carlos Sousa. Der Deutsch-Spanier hat gerade einmal drei Jahre vorher die Geschäftsführung der Mexiko-Tochter des auf Wasserkraftwerke spezialisierten Anlagenbauers Andritz Hydro übernommen. Er ist für den Job nach Mexiko übersiedelt und hat sich ein Haus gekauft – mit einem Kredit seines Arbeitgebers. Michoacán, der Bundesstaat, in dem Andritz Mexiko sitzt, ist kein Erholungsgebiet. Die Region gilt als Spielwiese der Drogenkartelle. Das österreichische Außenministerium ortet ein hohes Sicherheitsrisiko und rät dringend von nicht unbedingt notwendigen Reisen ab. Doch Sousa ist voll auf seinen Job fokussiert und bereit, dafür einiges in Kauf zu nehmen.

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Carlos Sousa, Ex-Manager der Andritz-Hydro-Tochterfirma in Mexiko

Brutaler Rauswurf

Umso härter trifft es den Manager, als ihm an besagtem Tag im März 2012 ein kurzes Schreiben in die Hand gedrückt wird. Es kommt einer fristlosen Entlassung gleich – unterzeichnet vom damaligen Aufsichtsratsvorsitzenden der Andritz Hydro Mexiko. Sousa wird mit sofortiger Wirkung verboten, das Firmengelände zu betreten. Außerdem soll er innerhalb von ein paar Wochen den Kredit für sein Haus an die Firma zurückbezahlen.

Dazu kommt, dass die Aufenthaltsgenehmigung an die Anstellung gekoppelt ist. Innerhalb von dreißig Tagen muss Sousa – damals Mitte Vierzig – das Land verlassen. In diesem Augenblick steht er vor dem Nichts. Ein paar Wochen später willigt er dann unter dem Druck, sein Haus rasch verkaufen zu müssen, in eine – für ihn unvorteilhafte – einvernehmliche Vertragsauflösung ein. Es wird eineinhalb Jahre dauern, bis er beruflich wieder Fuß fassen kann.

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„Bei Machenschaften nicht mitgewirkt“

Addendum hat den ehemaligen Andritz-Manager im Rahmen einer vom Recherchezentrum Correctiv koordinierten Journalistenkooperation mehrfach getroffen. Im Interview sagt Sousa, er sei entlassen worden, weil er bei bestimmten Machenschaften nicht mitgewirkt habe. Gemeint ist ein angebliches Schmiergeldsystem, bei dem es laut Sousa darum ging, Aufträge in Venezuela zu erlangen.

„Ich wurde entlassen, weil ich bei diesen Themen die Flexibilität nicht gehabt habe, die man hätte haben müssen“, sagt der Ex-Andritz-Manager:

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Bei Compliance gibt es nur ein „hundert Prozent“ oder ein „gar nicht“.
99,9 Prozent reichen nicht aus.
Brief an Sousa
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Brief an Sousa
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Andritz-Chef zeigte „gewisses Verständnis“ für Sousa

Ist das die Schutzbehauptung eines enttäuschten Ex-Mitarbeiters, der – wie Andritz es andeutet – zu Recht hinausgeworfen wurde? Dagegen spricht ein Brief an Sousa vom November 2014, der von Andritz-CEO Wolfgang Leitner persönlich unterzeichnet ist. Darin relativiert die Konzernspitze die Vorgänge rund um die Vertragsauflösung so weit, wie nur irgendwie möglich, ohne damit rechtliche Ansprüche zuzugestehen.

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Im Brief heißt es: „Ihr mehrfach geäußerter Unmut über den Hergang dieser Aufhebung stößt bei uns aus heutiger Sicht und in Kenntnis der näheren Umstände grundsätzlich auf gewisses Verständnis, wenngleich sich daraus keine rechtlichen Folgen zu ergeben scheinen. Offenbar wurden Sie infolge eines ad-hoc Audits mit ausgewählten Vorhaltungen über Ihre Geschäftsgebarung konfrontiert, die retrospektiv und aus heutiger Sicht nicht alle gleichermaßen gravierend erscheinen, wie es möglicherweise im März 2012 zunächst erschien. Unsere persönliche Missbilligung findet insbesondere der Umstand, dass Sie offenbar nicht ausreichend Zeit erhalten haben, sich in Ruhe zu den Vorwürfen, die einen Entlassungsgrund hätten rechtfertigen sollen, zu äußern oder schriftlich zu einem fertigen Audit Bericht Stellung zu beziehen. Das wäre wohl ein Gebot der Fairness gewesen.“

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Konzern bot „Ausgleich“ und gutes Empfehlungsschreiben

Das liest sich jedenfalls nicht so, als würde man bei Andritz ernsthaft glauben, Sousa habe sich schwere Verfehlungen geleistet. Weiters heißt es im Brief sogar: „Unserer Auffassung nach hätte man das Thema der Aufhebung Ihres Dienstvertrags konzilianter angehen sollen, als es geschehen ist.“

Zwar wird in dem Dokument darauf verwiesen, man könne „keinen Anspruch auf eine Abfertigung“ ausmachen. Allerdings stellte der Konzern seinem Ex-Manager sehr wohl einen Ausgleich für einen erlittenen finanziellen Verlust in Aussicht – und gleich auch ein positives Empfehlungsschreiben.

Wörtlich heißt es im Schreiben: „Ungeachtet dessen erwägen wir, für den Fall, dass Sie durch den überstürzten Verkauf Ihrer Immobilie in Mexico infolge der Beendigung Ihres Geschäftsführermandats einen finanziellen Nachteil erlitten haben, einen Ausgleich dafür anzubieten. Lassen Sie uns also bitte wissen, wie sich dies aus Ihrer Sicht darstellt. Falls dies überdies für Ihr weiteres berufliches Fortkommen noch hilfreich sein kann, so sind wir gerne bereit, Ihnen anzubieten, durch ein positives Empfehlungsschreiben über Ihre Tätigkeit als Geschäftsführer wenigstens im Nachhinein einen kleinen Ausgleich zu bieten.“

Der Brief wurde übrigens nicht nur von Wolfgang Leitner unterzeichnet, sondern auch vom nunmehrigen Andritz-Konzernvorstand Wolfgang Semper. Das ist jener Manager, dessen Name laut Sousa bei einem Treffen in Ravensburg auf das Tapet kam, als es um den Einsatz der dubiosen Berater mit Spitznamen „Face“ und „Shoe“ gegangen sein soll.

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„Der richtige Weg“

Sousa hat das Angebot der Konzernspitze nicht angenommen. Er sagt: „Die finanzielle Interessen, die ich dem Unternehmen Andritz gegenüber habe, sind die, die mir nach dem Vertrag zugestanden haben. Die mir im übrigen nie ausgezahlt worden sind in den letzten sieben Jahren. Ich sage mal, ich habe die für mich jetzt auch abgeschrieben in Summe. (…) Ich habe nie finanzielle Interessen gehabt so in dem Sinne von: Jetzt mache ich Druck, dass das Unternehmen mir irgendetwas gibt, was mir nicht zusteht.“

Kritik übt Sousa am Umgang von Andritz mit Compliance-Themen: „Wenn man als Unternehmen wirklich sagt, ich identifiziere mich damit nicht, dann räumt man auf. Aber dieses Aufräumen hat es nicht gegeben.“

Sousa selbst hat in den vergangenen Jahren mit einer amerikanischen Investorengruppe ein Projekt durchgeführt. Nun bietet er Coachings an – mit Schwerpunkt auf Change-Prozessen. Demnächst will er in diesem Bereich ein Buch herausbringen. Er habe es nach seinem Abgang bei Andritz schwer gehabt, wieder Fuß zu fassen, erzählt der Ex-Manager. Es seien keine einfachen Jahre gewesen. Aber: „Ich würde es wieder machen, weil ich davon persönlich überzeugt bin, dass das der richtige Weg ist.“

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Andritz rudert zurück

Einige Stunden nach der Veröffentlichung der Schmiergeld-Vorwürfe ruderte Andritz übrigens kräftig zurück. Ursprünglich hatte der Konzern auf eine „umfassende Compliance-Untersuchung durch die Interne Revision unter Einbindung externer Anwälte“ verwiesen, die „keine stichhaltigen Beweise für unzulässige Zahlungen“ ergeben habe. Das relativierte Andritz deutlich, nachdem Addendum und die internationalen Kooperationspartner ihre Rechercheergebnisse präsentiert hatten.

Nun gab Andritz gegenüber der Austria Presseagentur (APA) zu, die Venezuela-Causa „nicht gänzlich“ aufgeklärt zu haben. Dies obwohl es Mitte März 2012 erste Hinweise gegeben hatte und Sousa diese 2014 „konkreter und ausführlicher“ wiederholt habe. Man habe die angeblichen Schmiergeldzahlungen „nicht zur Gänze aufklären können. Es gab keine Beweise für Korruption, aber auch keine Sicherheit für das Gegenteil“, teilte ein Andritz-Sprecher der APA mit. Trotz dieser angeblichen Unklarheit dürfte der Konzern aber Konsequenzen gezogen haben: „Vertreterverträge“ seien wegen fehlender Details in den Abrechnungen aufgelöst worden.

Demnach gab es also doch Ungereimtheiten. Addendum hat übrigens mehrere Tage vor der ersten Veröffentlichung Andritz nach Leistungsnachweisen in Bezug auf die dubiosen Berater Carlos M. und José R. gefragt, mit denen Verträge über insgesamt rund drei Millionen Dollar abgeschlossen wurden. Die Antwort darauf blieb der Konzern schuldig. 

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Diese Recherche ist in Zusammenarbeit mit den folgenden Partnermedien entstanden:

Correctiv, El Confidencial, Univision TV und Heidenheimer Zeitung

Koordiniert wurde die internationale Recherche vom Recherchezentrum Correctiv.

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