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Bernd Huber, Bürgermeister der Tiroler Gemeinde Pfafflar im Bschlabertal || Bild: Addendum
Warum Gemeinden wachsen oder schrumpfen
19. November 2018 Landflucht 5 min
Landflucht ist ein bedeutenderer Faktor für das Schrumpfen von Orten als deren Überalterung, wie eine exklusive Analyse für alle österreichischen Gemeinden zeigt.

Der Bergbau war alles, was das Leben ausgemacht hat. Zuerst sind die Arbeitsplätze im Bergbau weggebrochen, dann deren Versorgung. Dann sind die Einwohner gegangen. Von 3.400 auf 1.400 in nicht einmal 50 Jahren. Das ist schon gewaltig“, sagt Rudolf Schratter. Er ist Altbürgermeister von Hüttenberg. Die Kärntner Gemeinde verlor fast zwei Drittel ihrer Bevölkerung, weil die Arbeiter den Ort nach der Schließung des Bergwerks hinter sich ließen. Die Abwanderung – das ist die eine Seite des Bevölkerungsrückgangs.

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Rudolf Schratter, Alt-Bürgermeister der Kärntner Gemeinde Hüttenberg

„Es kommen keine Jungen nach. Das wird ein großes Problem“, sagt Bernd Huber. Er ist Bürgermeister der Gemeinde Pfafflar. In den vergangenen 15 Jahren sind 21 Einwohner gestorben, aber nur sieben neue wurden geboren. Das Tiroler Bschlabertal schrumpfte, weil die Geburtenbilanz negativ ist. Die Überalterung – das ist die andere Seite.

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Bernd Huber, Bürgermeister der Tiroler Gemeinde Pfafflar im Bschlabertal

Überalterung und Abwanderung gehen meist Hand in Hand. Junge Einwohner verlassen ihre Heimatgemeinden, um einem Arbeitsplatz zu suchen oder eine Ausbildung zu absolvieren, ältere Einwohner bleiben zurück. In welchem Maß diese beiden Faktoren für Bevölkerungsrückgang und -wachstum verantwortlich sind, lässt sich mit einer exklusiven Analyse der Statistik Austria für Addendum beantworten. Rund zwei Drittel der Gemeinden mit Einwohnerverlusten schrumpfen hauptsächlich, weil mehr Bürger die Gemeinde verlassen, als neue kommen. Bei etwa einem Drittel geht der Rückgang auf eine überalterte Gesellschaft zurück, in der mehr Bürger sterben, als neue zur Welt kommen. Welcher Faktor in Ihrer Gemeinde bestimmend ist, sehen Sie in der folgenden Grafik.

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Je ländlicher eine Region, desto markanter ist Abwanderung das Hauptmerkmal des Einwohnerverlustes. 278 Gemeinden im ländlichen, peripheren Raum sind um insgesamt 32.000 Einwohner geschrumpft. Zwei Drittel der Verluste (–22.500) gehen auf eine negative Wanderungsbilanz zurück. In ländlichen Gemeinden, die näher an Ballungszentren liegen, ist das Verhältnis ausgeglichener. Das Wachstum von Gemeinden hingegen ist zu rund 90 Prozent auf Zuwanderung zurückzuführen. In beiden Fällen – bei Rückgängen und Wachstum – gibt es eine Ost-West-Kluft.

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Nachwuchsprobleme plagen auch auch Hüttenberg in Kärnten und das Tiroler Bschlabertal. „Wenn ich mir die Bevölkerungsstruktur ansehe, dann wohnen etwa 80 Witwen in den Siedlungen der ehemaligen Bergleute. Die jungen Leute kann ich mit zwei Händen abzählen. Alles andere sind Zweit- oder Urlaubswohnungen geworden“, sagt Altbürgermeister Rudolf Schratter. In Hüttenberg sind 27 Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt. Auf einen erwerbstätigen Einwohner kommen 1,27 Personen, die entweder pensioniert, schulpflichtig oder arbeitslos sind. 45 Jahre alt sind die Bewohner in Regionen mit Bevölkerungsrückgang gemäß einer Studie. In städtischen Regionen liegt das Durchschnittsalter bei 40 Jahren. Weil die Hälfte des Gemeindebudgets abhängig von der Altersstruktur sei, müssten die Gemeinden ihre Infrastruktur anpassen.

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Mehr leere als bewohnte Häuser

Im Tiroler Bschlabertal sind mehr Häuser leer als bewohnt. Von etwa 100 Häusern stehen 60 entweder leer, werden vermietet oder sind Nebenwohnsitze. Die Kosten für das Aufrechterhalten trägt die Gemeinde, obwohl die Steuereinnahmen sehr gering seien: „Sie kosten nur und bringen kaum etwas. Eine vermietete Hütte bringt bis zu 40.000 Euro an Wertschöpfung. Da kann eine Person beschäftigt werden. Eine Hütte mit Freitzeitwohnsitz bringt hingegen maximal 4.000 Euro“, sagt Bürgermeister Bernd Huber. Nachsatz: „Es ist ein Geisterdorf. Das verliert einfach seinen Charakter und mindert die Lebensqualität.“

Selbst für den Bürgermeister ist seine Zukunft in Pfafflar ungewiss. „Ich war mir immer sicher, dass es für mich kein Wegziehen gibt. Diese Meinung hat sich in den letzten Jahren allerdings geändert. Ich werde zwar ein Haus bauen, aber das ist keine Garantie, dass ich mein Leben lang dableibe.“ 

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