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Haben wir überhaupt einen freien Willen?

Jürgen Sandkühler, Leiter des Hirnforschungszentrums in Wien, ist überzeugt davon, dass wir Menschen keinen freien Willen haben – und er findet, dass diese Erkenntnis „fast schon belanglos“ ist.

Interview
12.12.2018

Ah, Sie wollen also wissen, ob wir einen freien Willen haben“, sagt Jürgen Sandkühler, nachdem er die Tür des Departments für Neurophysiologie am Wiener Hirnforschungszentrum geöffnet hat, das er leitet. 2016 hat er für seine Forschungen den Erwin-Schrödinger-Preis verliehen bekommen. Fast ansatzlos spricht er weiter: „Haben wir nicht“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte er gerade postuliert, dass Wasser nass ist. Fast noch erstaunlicher: Er hat auch gar kein Problem damit.

Die Frage nach dem freien Willen beschäftigt auch Kriminologen und Strafrechtler intensiv, sie hat potenziell massive Auswirkungen auf unser Rechtssystem: Darf man jemanden bestrafen, der keinen freien Willen hat? Und ist die Zurechnungsunfähigkeit, von der das österreichische Strafrecht spricht, dasselbe wie Willensunfreiheit? Aber der Reihe nach.

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Herr Professor Sandkühler, warum glauben Sie, dass unser Wille unfrei ist?

Wo sich der freie Wille manifestiert, muss es möglich sein, eine Ja- oder eine Nein-Entscheidung aus freien Stücken, d.h. weder zwangsläufig noch sicher vorhersagbar zu treffen. Allein, dass eine Antwort nicht vorhersehbar ist, heißt jedoch nicht logischerweise, dass sie auch frei ist. Wir haben derzeit keinerlei wissenschaftliche Erkenntnisse, die eine freie Willensentscheidung beweisen oder widerlegen. Es ist in der Wissenschaft generell schwierig zu beweisen, dass etwas nicht vorhanden oder möglich ist – wir können meist nur sagen, dass wir es mit den Mitteln, die wir zur Verfügung haben, nicht zeigen können.

Wenn es den freien Willen denn gäbe, wie würden Sie ihn definieren?

Aus meiner Sicht ist ein freier Wille etwas, was nicht allein naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten folgt, also nicht ausschließlich eine Folge biologischer, physikalischer und chemischer Prozesse ist. Diese laufen, selbst wenn sie nach außen hin unvorhersehbar erscheinen, aber trotzdem zwangsläufig ab. Ein freier Wille würde für mich etwas sein, was diesen zwanghaften Gesetzmäßigkeiten nicht unterliegt.

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Also das, was man als Seele bezeichnen könnte.

Wie auch immer man es dann bezeichnet. Ich bin mir gar nicht sicher, ob eine Seele frei sein muss. Die Seele kann ja auch etwas sein, was sich aus dem Materiellen ergibt und die Gesamtheit der Eigenschaften eines sehr komplexen Wesens widerspiegelt. Eine Seele kann auch in vielen Aspekten unfrei sein; Eigenschaften umfassen, die man gar nicht selbst beeinflussen kann.

Und diese Unfreiheit finden Sie nicht erschreckend?

Überhaupt nicht, ich finde die Frage fast schon belanglos. Ob wir die feste Illusion haben, frei zu sein, oder ob wir wirklich frei sind, ist für den Einzelnen ja nicht unterscheidbar.

Finde ich nicht, wenn ich jetzt ständig vor Augen habe, dass meine Willensfreiheit nur eine Illusion ist.

Intuitiv können wir uns selbst gar nicht als Maschine begreifen, weil wir unsere Handlungen als frei und unvorhersehbar erleben. Wir treffen Entscheidungen, die wir vorher gar nicht für möglich gehalten hätten. Wir tun Dinge, die wir uns selbst nicht zugetraut hätten, im Guten wie im Bösen. Wir erleben uns selbst immer als Überraschungspaket. Diese Selbstwahrnehmung ist viel besser mit der Illusion der Freiheit kompatibel als mit der Annahme, unfrei zu sein.

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Der freie Wille ist eine Idee der Aufklärung. Ist das jetzt nicht ein Schritt zurück, wenn man sagt: Den gibt’s doch nicht?

Wir reduzierten seit der Aufklärung die irrationale Unfreiheit, die durch Gewohnheitsrechte, menschengemachte Regelwerke oder von Geburt verliehene Rechte entsteht. Die Unfreiheit des Willens liegt dagegen in uns selbst, es ist eine sehr individuelle Unfreiheit, die bei jedem Individuum anders ist. Mich macht diese Form der Unfreiheit nicht unglücklich.

Die Unfreiheit, die wir am meisten fürchten, ist jene, die durch Ideologien oder durch andere Parteien entsteht, die nur das eigene Interesse verfolgen und so mein eigenes Schicksal ungünstig beeinflussen. Abhängigkeit von fremden, irrationalen oder ungerechtfertigten Interessen würde mich persönlich mehr stören als die Vermutung, über keinen freien Willen zu verfügen. Vielleicht wäre es sogar befreiend, sich von der Illusion des freien Willens zu verabschieden.

Inwiefern?

Die Verantwortung für seines eigenen Tuns allein zu tragen ist in der modernen Gesellschaft noch schwerer geworden. Früher haben Autoritäten wie Pfarrer, Vorgesetzte oder Machthaber Regeln vorgegeben, die nicht hinterfragt wurden. Das entlastete von der eigenen Verantwortung und Schuld. Auch da bin ich ja unfrei; zwar nicht in meinem Denken, aber in meinem Handeln.

Man sieht heute, wie orientierungslos viele Menschen geworden sind, Stichwort Fake News: Was soll ich glauben, was darf ich glauben, was ist richtig, was ist falsch? Führt diese unbeschränkte Freiheit nicht oft auch zu einer Überforderung? Wenn man sich die öffentlichen Wahlen der letzten Zeit anschaut, so muss man sagen: Die Menschen sind oft überfordert, die Konsequenzen ihrer Entscheidungen zu erkennen und bei ihrer Wahl gebührend zu berücksichtigen. Sie entscheiden sich dann manches Mal für obskure Dinge oder wählen offensichtlich ungeeignete Menschen in wichtige Ämter.

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Es wird ihn wahrscheinlich unglücklich machen, wenn er aus unfreien Stücken einen Mord begeht und dafür ins Gefängnis muss. Darf ich einen Verbrecher nach diesen Erkenntnissen überhaupt noch bestrafen?

Aus meiner Sicht durchaus. Auch wenn man den Straftäter dann im moralischen Sinne nicht für schuldig befindet, kann man ihm dennoch eine Strafe auferlegen. Was ist dann der Zweck einer Strafe? Man kann sowohl mit Bestrafung als auch mit Belohnung Verhalten sehr wirksam lenken.

Dabei sind Belohnungen oftmals wirksamer als Strafen. Das alles ist unabhängig von der Frage, ob wir über einen freien Willen verfügen oder nicht. Keinen freien Willen zu haben, heißt ja nicht, dass wir nicht lernfähig sind. Strafe und Belohnung funktionieren also auch in unfreien Systemen.

Die Schuld, von deren Konzept wir uns also verabschieden müssen, ist eng verknüpft mit der Sühne – ohne Schuld keine Sühne.

Die Gesellschaft toleriert es wahrscheinlich besser, dass jemand, der ihr Schaden zugefügt hat, hinterher schlechter dasteht als vorher. Das wird gerade mit Großbritannien exekutiert, dass die lernen sollen: Ein Brexit wird für euch sicher kein Vorteil. Es hat oftmals eher zweckmäßige Gründe, dass man straft, unabhängig davon, ob der Tat eine freie Willensentscheidung der Gestraften zugrunde lag oder nicht.

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Aktuell unterscheiden wir im Strafrecht zwischen zurechnungsfähigen und unzurechnungsfähigen Straftätern – diese Unterscheidung ist dann aber nicht mehr aufrechtzuerhalten.

Meines Erachtens schon. Wenn jemand unzurechnungsfähig ist, können wir sein Verhalten durch Einsicht nicht lenken. Das heißt, der Straftäter wird aufgrund einer Abnormität auch nach einer Bestrafung sein Verhalten durch Lernen vermutlich nicht ändern und durch eine drohende Strafe daher auch nicht abgeschreckt werden. Man unterscheidet dann also nicht mehr zwischen freiem und nicht nicht-freiem Willen, sondern zwischen modifizierbarem und nicht-modifizierbarem Verhalten.

Das nicht-modifizierbare Verhalten wäre danach also ein krankhaftes. Dann hat Strafe als Mittel, das Verhalten eines Straftäters günstig zu beeinflussen, wirklich keinen Sinn. Die Gesellschaft könnte allerdings feststellen: Ein abnormer, lernunfähiger Straftäter wird möglicherweise nur durch Freiheitsentzug davon abgehalten werden, zukünftig ähnliche Straftaten zu begehen. Dann wäre der Freiheitsentzug keine Strafe, sondern eine Präventivmaßnahme. Diese gehörte allerdings nicht in eine Justizvollzugsanstalt, sondern wäre Bestandteil einer geschlossenen therapeutischen Betreuung.

Wenn wir davon ausgehen, dass wir alle Maschinen sind, die programmiert sind, müssten wir doch irgendwann auch Verbrechen voraussagen können?

Keineswegs. Komplexe Vorgänge, wie sie in unseren Gehirnen ablaufen, werden als deterministisches Chaos bezeichnet. Die biochemischen und neuronalen Abläufe sind hochkomplex und nicht linear. Sie sind aus diesem Grunde prinzipiell nicht vollständig vorhersagbar, selbst wenn sie keinem freien Willen unterliegen, sondern deterministisch sind.

Vorherzusagen, dass ein Mensch, der noch nie ein Verbrechen begangen hat, sicher eins begehen wird, das wird aus meiner Sicht auch in Zukunft nicht gelingen. Schon bei Systemen mit drei oder vier nichtlinearen Gleichungen ist es schwierig oder unmöglich, sichere Vorhersagen zu treffen. Und wir haben in unserem Gehirn eine sehr viel größere Anzahl an nichtlinearen Prozessen. Wir können also sehr wohl deterministisch sein, und unser Verhalten bleibt dennoch für alle Zeiten unvorhersehbar.

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Aber von Konzepten wie Gut und Böse muss man sich dann trotzdem verabschieden.

Das ist eine Frage der Definition. Ein Verhalten kann gut und nützlich für die Gesellschaft sein – oder eben das Gegenteil, und damit böse. Die moralische Schuld müssten wir dann lediglich infrage stellen. Aber dass eine Handlung gut und eine andere Handlung böse ist, dieses Konzept könnten wir beibehalten.

Die Idee von Gut und Böse beinhaltet meist, dass man sich für eine Seite entscheidet.

So haben wir das vielleicht immer aufgefasst, aber das muss nicht sein. Wir „entscheiden“ uns eben unfrei für das eine oder das andere.

Dann kommen wir, wenn unser Verhalten deterministisch ist, gut oder böse auf die Welt.

Aber wir sind veränderbar und lernfähig. Wir können viele gute Anlagen haben, die sich in einer bestimmten Situation als wenig nützlich erwiesen haben. Und dann greifen wir vielleicht auf unsere bösen, besser in den Kontext passenden Anlagen zurück. Wir entwickeln uns in unserem Handeln mehr in die eine oder in die andere Richtung – aus freien Stücken, oder eben nicht.

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Wir sind unfrei, können aber trotzdem von außen gesteuert werden.

Ja, ob das jetzt ein Termitenvolk ist oder die menschliche Gesellschaft – nur dass wir bei den Termiten nicht von Gut und Böse sprechen würden. Bei den Termiten ist es wohl so, dass der eine, der der Gemeinschaft schadet oder nicht mehr nützt, vernichtet wird. Der Mensch macht es zum Glück anders und achtet die Menschenwürde, nicht allein aus moralischen Gründen, sondern auch aus zweckmäßigen.

Wenn neben dem Steuerbescheid auch der Bescheid droht, „Du wirst für die Gesellschaft als nicht mehr nützlich erachtet und wirst daher vernichtet“, hätte das verheerende Auswirkungen auf unser Zusammenleben.

Aber woher nehmen wir den Anspruch auf eine Menschenwürde, wenn wir doch nur komplexe Maschinen sind?

Ich glaube nicht, dass die Menschenwürde am freien Willen festgemacht werden kann. Menschenwürde besitzen auch Ungeborene und Menschen, die im Koma liegen, und sogar Verstorbene. Die Menschenwürde erstreckt sich nicht allein auf Individuen, denen wir einen freien Willen unterstellen.

Die Idee der Menschenwürde soll uns in einer vielleicht anmaßenden Art und Weise über alle anderen Lebewesen erheben. Aber ich glaube, dass die Unterschiede zwischen Mensch und Tier oftmals kleiner sind, als wir es wahrhaben wollen.

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12.12.2018

Das Rechercheteam

Thomas Trescher
Projektleitung

Thomas Trescher hat Publizistik und Politikwissenschaft in Wien studiert; war Chef vom Dienst beim Monatsmagazin Datum und stellvertretender Chefredakteur bei kurier.at. Außerdem hat er unter anderem für Geo, Die Zeit, Terra Mater und Falstaff geschrieben.

Pamela Milkowski
Team TV

Lebte einige Jahre in New York und in Irland und arbeitet mittlerweile seit zehn Jahren im Bereich Medien und Fernsehen. In den letzten Jahren war sie als selbstständige TV-Producerin für verschiedene Filmproduktionsfirmen tätig, wo sie unter anderem Beiträge für ATV, Puls4 und den ORF gestaltete, darunter Formate und Sendereihen, die sowohl Unterhaltung als auch investigative und gesellschaftskritische Themen behandeln.

Benedikt Morak
Team Web-TV

Benedikt Morak, geboren 1981, hat sich als Fernsehjournalist auf Reportagen und Dokumentationen spezialisiert. 2013 machte er sich als Journalist und Filmemacher selbstständig. Er gestaltete u.a. für Sendereihen wie „Servus Reportage“, „ATV – Die Reportage“ und ORF 3.

Lukas Schmoigl
Team Daten

Lukas Schmoigl hat Volkswirtschaft und Statistik an der Wirtschaftsuniversität und an der Universität Wien studiert. Seine Expertise liegt auf dem Gebiet der quantitativen empirischen Forschung und Datenanalyse. Neben dem Studium war er in den vergangenen Jahren in der Abteilung IT-SERVICES an der WU tätig.

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