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Ernährungsberaterin Milchwirtschaft
17. April 2019 Milch Lesezeit 6 min
Die wichtige Rolle, die Milch in sämtlichen Ernährungsempfehlungen einnimmt, beruht nur zum Teil auf wissenschaftlichen Erkenntnissen. Sie ist auch Bemühungen der Milchwirtschaft geschuldet.

Die Broschüre „Milch. Die Kraft der Natur.“ informiert über „die Wahrheit über Milch“, dass diese „viel wichtiger“ sei, „als Sie glauben“. Die Broschüre liegt in Arztwartezimmern auf; herausgegeben wird sie aber nicht von einer medizinischen Institution, sondern von der Agrarmarkt Austria Marketing GesmbH, die für die Werbung von Produkten der österreichischen Landwirtschaft zuständig ist.

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Als hundertprozentige Tochter der Marktordnungs- und Zahlstelle Agrarmarkt Austria ist die AMA-Marketing GesmbH mit einem gesetzlichen Auftrag ausgestattet. Dieser umfasst insbesondere die Qualitäts- und Absatzförderung sowie das Bereitstellen von Informationen über Nahrungsmittel und agrarische Erzeugnisse sowohl aus konventioneller als auch aus biologischer Landwirtschaft. Damit unterstützt sie die Vermarktung und erfüllt wesentliche Aufgaben in der Werte-Kommunikation in Richtung der Verbraucher. Quelle

Zu dieser Broschüre hat Jürgen König ein Vorwort beigesteuert, er ist Leiter des Departments für Ernährungswissenschaften der Universität Wien. König ist ebenfalls von der gesundheitsfördernden Wirkung von Milchprodukten überzeugt und „möchte mit Vorurteilen über Milch“ aufräumen. „Die lange Tradition der Milchproduktion ist Teil unserer Kultur und die große Vielfalt an Milchprodukten hilft uns, uns ausgewogen zu ernähren.“

Dass Milch gesund ist, ist in Österreich und überhaupt in der westlichen Welt die überwiegend gängige Lehrmeinung.

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Die Ernährungspyramide

Als Grundlage für Maßnahmen des Gesundheitsministeriums, für Ernährungserziehung im Unterricht, für Ernährungspläne und manchmal auch für Speisepläne in Kantinen dient die österreichische Ernährungspyramide. Sie soll Ernährungsempfehlungen auf übersichtliche Weise zusammenfassen. Erstellt wird sie von der Arbeitsgruppe des Obersten Sanitätsrats im Auftrag des Gesundheitsministeriums, koordiniert von der Agentur für Ernährungssicherheit (AGES). Ziel war, wissenschaftliche Empfehlungen, welche Mengen von welchen Nährstoffen man benötige, auf praktikable Einheiten herunterzubrechen und in Portionen umzurechnen, was man tatsächlich täglich essen sollte, um langfristig optimal mit allen Nährstoffen versorgt zu sein. Als Basis dienen Empfehlungen der Dachgesellschaft der österreichischen Gesellschaft für Ernährung sowie der Weltgesundheitsorganisation. Die aktuelle österreichische Ernährungspyramide empfiehlt drei Portionen Milch und Milchprodukte täglich, als Quelle für hochwertiges Eiweiß, Kalium und Kalzium.

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Natürlich könne man seinen Bedarf an Eiweiß, Kalzium und anderen Spurenelementen auch mit anderen Lebensmitteln decken, aber die Ernährungsempfehlungen orientieren sich auch an praktischen Gesichtspunkten, erklärt Ingrid Kiefer von der AGES. Milchprodukte seien ein fixer Bestandteil der Ernährungsgewohnheiten vieler Menschen, daher sei es leichter, seinen Bedarf an Proteinen und Kalzium darüber zu decken als über andere Quellen.

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Die Empfehlung von drei Portionen Milch pro Tag wird gerne als Begründung dafür hergenommen, warum man die Schulmilch fördern sollte .

Gesundheitsversprechen als Absatzförderung

Dass Milchprodukte einen so wesentlichen Bestandteil in der Ernährung vieler Menschen in westlichen Kulturen spielen, ist auch den Bemühungen der Milchindustrie geschuldet, die seit Jahrzehnten durch diverse Maßnahmen versucht, den Milchverbrauch der Bevölkerung zu steigern.

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Milch als Allheilmittel: gegen Untergewicht und gegen Übergewicht

Die Eigenschaften, die der Milch zugeschrieben werden, werden gerne an den jeweiligen Zeitgeist angepasst.

Als Milch nach dem Zweiten Weltkrieg an unterernährte Kinder verteilt wurde, versprach man sich davon vor allem eine Verbesserung der Kalorienzufuhr. Zwanzig Jahre später war Unterernährung kein Problem mehr, dafür Übergewicht. Auch dagegen sollte die Milch helfen:

Die FAO, die Organisation für Landwirtschaft und Ernährung der Vereinten Nationen, wiederum empfiehlt Milch noch heute bei Unterernährung.

Milk fat contributes about half of the energy in whole milk. For this reason, animal milk can play an important role in the diets of infants and young children in populations with a very low fat intake, where the availability of other animal-source foods is limited. 

Gleichzeitig subventioniert die EU die Schulmilch, um die Gesundheit von Kindern zu fördern und unter anderem Adipositas entgegenzuwirken.

Bild: ÖMIG
Bild: ÖMIG
Bild: ÖMIG

Um für die Überproduktion von Milch neue Absatzmärkte zu mobilisieren, wurde 1953 die österreichische Milchpropaganda-Gesellschaft gegründet. Ein wichtiges Werbeargument ist die gesundheitsfördernde Wirkung von Milch. Bereits das erste Werbeplakat verbreitete die Botschaft „Trink Milch – bleib gesund“.

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Institutionelle Milchwerbung
1927

Gründung der Gesellschaft zur Förderung des Verbrauches von Milch und heimischen Milchprodukten

1953

Gründung der Milchpropaganda-Gesellschaft

1956

Gründung der International Milk Promotion Group

1957

Einführung Weltmilchtag (1. Juni), um international für Konsum von Milch zu werben

Die Botschaft wurde aber nicht nur auf Plakaten verbreitet, sondern auch in Schulen. Die ÖMIG gab Unterrichtsmaterialien für Ernährungslehre heraus und organisierte Vorträgen von Ärzten und Ernährungsexperten.

Außerdem unterstützte sie wissenschaftliche Forschungen über „moderne Ernährungsfragen“.

Dass wissenschaftliche Forschung, besonders in der Ernährungswissenschaft, von der Industrie gesponsert wird, ist durchaus üblich, denn Forschung ist sehr teuer: Für aussagekräftige Ergebnisse muss die Anzahl an Probanden sehr hoch und die Studiendauer sehr lang sein. Die dafür notwendigen Mittel werden von den üblichen Forschungseinrichtungen kaum bewilligt.

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Studien für und gegen Milch

Die meisten Studien, die den Effekt von Milch und Milchprodukten auf die menschliche Gesundheit untersuchen, stellen positive oder neutrale Effekte fest. Es gibt aber auch Studien, die zu anderen Ergebnissen kommen, etwa dass ein sehr hoher Milchkonsum die Entstehung von Prostatakrebs begünstigen kann.

Dass Milch eine Rolle bei der Krebsentstehung spielen kann, davon ist auch der Nobelpreisträger Harald zur Hausen überzeugt. Er will einen Zusammenhang zwischen Milchkonsum und Darmkrebs erkannt haben. Er glaubt, dass sogenannte Bovine Meat and Milk Factors, kleine ringförmige DNA-Strukturen, die Krebs auslösen können, durch den Verzehr von Rindfleisch und Milch übertragen werden.

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2008 wurde ihm für seine Entdeckung, dass das Humane Papillomavirus eine Rolle bei der Entstehung von Gebärmutterhalskrebs spielt, der Nobelpreis verliehen. Seine Forschungen eröffneten neue Perspektiven der Vorbeugung und Behandlung und führen schließlich zur Entwicklung eines Impfstoffs.

Eine Metastudie aus dem Jahr 2014, die vom deutschen Max-Rubner-Institut erstellt wurde, nimmt eine Einordnung der aktuellen Studienlage vor.

Ein anderer prominenter Milchkritiker ist der Arzt Bodo Melnik, der immer wieder durch radikale Aussagen aufhorchen lässt, zuletzt, dass Milchpackungen ähnlich wie Zigarettenschachteln mit einem Warnhinweis versehen sein sollten.

Er ist überzeugt: „Milch ist nicht nur ein Getränk. Milch ist ein genetischer Cocktail. Wir beginnen erst, überhaupt zu verstehen, was Milch eigentlich ist.“

Ihm zufolge stimulieren Wachstumsfaktoren in der Milch, sogenannte Mikro-RNA, das Zellwachstum, was bei Säuglingen durchaus erwünscht sei, bei Erwachsenen aber das Krebsrisiko erhöhe. In abgekochter oder fermentierter Milch sei die Mikro-RNA zerstört, in pasteurisierter Milch aber hochaktiv.

Im August 2018 schrieb Bodo Melnik einen Offenen Brief an den deutschen Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, um auf die Gefährlichkeit von Milch, die seine Forschungen ergeben haben, hinzuweisen. Darin empfahl er auch ein Verbot des Verkaufs von pasteurisierter Milch.

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Derzeit wäre ein Verbot pasteurisierter Milch und Milchprodukte wie frische Sahne die sinnvollste Maßnahme zum Schutz der Verbraucher.
Bodo Melnik, Arzt

Weder für zur Hausens noch für Melniks Thesen gibt es derzeit eine breite wissenschaftliche Grundlage.

Neue Forschungen würden aber durchaus ernst genommen, erklärt Ingrid Kiefer von der AGES, die Ernährungspyramide werde regelmäßig evaluiert, ob man etwas ändern müsse.

Kanada hat das bereits getan und in den neuen Ernährungsempfehlungen 2019 die Position der Milch revidiert, diese teilt sich nun ein Segment mit anderen proteinreichen Lebensmitteln wie Fleisch, Fisch und Hülsenfrüchten. Kanada reagiert damit auf sich verändernde Ernährungsgewohnheiten der Bevölkerung und räumt pflanzlichen Lebensmitteln einen höheren Stellenwert ein. Eine Gruppe protestierte allerdings gegen die neue Empfehlung: die Milchbauern. 

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