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Wie die EU 400.000 Tonnen Milch verpulverte

Um den Milchmarkt zu stabilisieren, kaufte die EU ab dem Jahr 2014 400.000 Tonnen Milchpulver und lagerte sie ein. Inzwischen ist der Großteil davon verkauft – mit einem Verlust von geschätzt 24 Millionen Euro. Wo das Milchpulver gelandet ist, weiß niemand.

15.04.2019

In der gesamten EU wird viel mehr Milch produziert, als verbraucht wird. Allein Österreich kann seinen Bedarf inzwischen zu 164 Prozent decken. Um die Überproduktion einzudämmen, wurde 1978 in Österreich und 1984 in der Europäischen Gemeinschaft die sogenannte Milchquote eingeführt: Jedes Land durfte nur eine bestimmte Menge Milch produzieren, bei Überschreitung wurden Strafzahlungen verhängt. Um den Milchpreis zu stabilisieren, kaufte die EU Magermilchpulver und Butter und lagerte sie ein. Damals sprach man von Milchseen und Butterbergen. Erst im Jahr 2007 waren sie vollständig abgebaut.

Neben Absatzförderungsmaßnahmen und der Milchquote ist der Export ein wichtiger Faktor für die europäische Milchwirtschaft. Im Jahr 2018 exportierten die EU-28 beinahe 4,3 Millionen Tonnen Milch und Milchprodukte im Wert von rund 10 Milliarden Euro. Die wichtigsten Exportmärkte für Käse und Butter sind etwa USA, Saudi-Arabien, einige asiatische Länder und die Schweiz. Milchpulver wird vor allem nach Afrika und Asien exportiert.

Als 2014 mit Russland der viertgrößte Exportmarkt für die EU wegbrach, hatte das Einfluss auf den Milchpreis, wie die folgende Grafik zeigt:

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Das brachte die Milchproduzenten so sehr in Bedrängnis, dass der Präsident der Vereinigten Molkereien Österreich, Helmut Petschar, in einer Presseaussendung von den Konsumenten Solidarität forderte: Sie sollten mehr Milch und Milchprodukte konsumieren.

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Sanktionen – Zum Apfel am besten ein Glas heimische Milch

Molkereien fordern Solidarität vor allem vom Handel und auch von Konsumenten

Die Österreicher sollen wegen der Russlandsanktionen zum politisch gewünschten Mehr-Konsum heimischer Äpfel offenbar am besten auch ein Glas heimischer Milch trinken, oder ein Stück Käse essen.

Der Handel soll sich nicht nur stärker auf Obst und Gemüse aus Österreich konzentrieren, sondern auch auf heimische Milchprodukte. Daran erinnerte VÖM-Präsident Helmut Petschar in einer Aussendung am Freitag. Man wisse, die Österreicher griffen ohnehin lieber zu einheimischen Produkten. „Wir erwarten daher, dass der österreichische Lebensmittelhandel hier ein klares Zeichen setzt und noch stärker auf österreichische Produkte setzte, so wie dies von einzelnen Handelsvertretern zuletzt auch für Äpfel angekündigt wurde.“„Wir erwarten uns vom österreichischen Handel hier ein klares und sichtbares Bekenntnis zu österreichischen Milchprodukten, um negative Auswirkungen infolge des russischen Importverbotes für die österreichische Milchwirtschaft möglichst gering zu halten“, fordert Petschar, selbst Chef der Kärntnermilch. Aufgrund des Importverbotes Moskaus seien „für den gesamten EU-Milchmarkt negative Auswirkungen und Marktstörungen zu erwarten“.

APA, 22. August 2014

Im März 2015 wurde die Milchquote abgeschafft, die für die ganze EU festgelegt hatte, welche Mengen die Bauern an die Molkereien liefern durften. Schon in den Jahren zuvor war sie stetig gelockert worden und hatte sowieso nicht mehr so funktioniert wie gedacht. Österreich hatte die zugeteilte Quote regelmäßig überschritten, im Jahr 2012/13 mussten Österreichs Bauern 29 Millionen Euro Strafe zahlen.

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Milchproduktion in Österreich

Ab März 2015 durften die Bauern nun so viel Milch produzieren, wie sie wollten. Um den durch die Krim-Krise niedrigen Literpreis auszugleichen, produzierten sie noch mehr – was einen noch größeren Preisverfall zur Folge hatte. In vielen Städten Europas kam es zu Protestaktionen, unter anderem zu Protestfahrten mit Traktoren nach Brüssel und Paris.

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Im Jahr 2016 beschloss die EU ein Hilfspaket über 500 Millionen Euro und kündigte an, 150 Millionen für Zahlungen an Bauern bereitzustellen, die ihre Produktion drosseln.

Außerdem begann die EU bereits im Jahr 2014 mit Interventionskäufen, um dem Preisverfall entgegenzuwirken: Sie kaufte große Mengen Magermilchpulver – zum Preis von rund 17 Cent – und lagerte es ein, um es später, wenn sich der Markt erholt hatte, gewinnbringend zu verkaufen.

Der Markt für Frischmilch erholte sich, die Preise für Milchpulver sanken allerdings in den Keller: Für ein Kilo Milchpulver lag der Verkaufspreis bei nur noch zehn bis zwölf Cent. Außerdem fand sich zunächst kein Abnehmer. Und so verursachte das Milchpulver jährliche Lagerkosten in der Höhe von 10 Millionen Euro.

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Heute, im Frühjahr 2019, ist der Milchpulverberg abgebaut: Von den ursprünglichen 400.000 Tonnen, die seit Juli 2015 aufgekauft wurden, befinden sich noch gerade einmal 1.139 Tonnen in den Lagern (Stand März 2019).

Wohin sie verkauft wurden, weiß nicht einmal die Kommission selbst, die die Käufe in Auftrag gegeben hat. Sie verweist auf die zuständigen Länderstellen. Diese wiederum berufen sich auf den Datenschutz und geben keine Auskunft. Dabei verlangt die Gesetzeslage in der EU (Änderungsantrag 245 zur Gemeinsamen Marktordnung für landwirtschaftliche Produkte) gerade bei Interventionskäufen absolute Transparenz.

Experten vermuten, dass die gleichen Molkereien, die das Pulver einst der Union verkauft haben, es nun wieder günstig zurückgekauft haben.

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Sicher ist, dass große Mengen Milchpulver aus EU-Ländern in Afrika landen. Da europäische Milchprodukte so stark subventioniert sind, sind sie günstiger als die lokalen Produkte. In Burkina Faso etwa kostet der erzeugte Liter Milch 91 Cent, die mittels Pulver hergestellte Trinkmilch nur 34 Cent. Dieser ungleiche Wettbewerb erschwert die Entwicklung des ländlichen Raums in den Entwicklungs- und Schwellenländern.Gleichzeitig fördert die österreichische Entwicklungszusammenarbeit die ländliche Entwicklung in diesen Ländern. 

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Die deutsche Journalistin und Autorin Katarina Schickling hat sich im Rahmen einer ZDF-Zoom-Sendung auf der Spur des Milchpulvers nach Kamerun begeben. Dort gibt es Betriebe, die aus europäischem Milchpulver (teilweise angereichert mit Palmöl) Joghurt herstellen, das nur ein Drittel des Preises vom Joghurt aus lokaler Milch kostet. Außerdem hat die EU eine Molkerei finanziert, die aber nicht in Betrieb genommen wurde, weil die örtlichen Bauern zögern, ihre Produktion zu erhöhen – wegen der Konkurrenz durch die europäische Billigmilch. Hier geht es zum Video.

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Das Rechercheteam

Lucia Marjanović

Lucia Marjanović, Lektorin und Chefin vom Dienst. Die studierte Literaturwissenschaftlerin war davor Chefin vom Dienst und Cheflektorin von NZZ.at und als freie Lektorin für diverse Buchverlage tätig.

Monika Müller

Monika Müller hat in den vergangenen vier Jahren die Nachrichtensendung 24 Stunden Wien auf W24 moderiert und zuvor sechs Jahre lang ein Sendeformat für die Stadt Wien geleitet und produziert. In ihrer selbstständigen Arbeit war und ist sie als Trainerin tätig und hat im Team eines international anerkannten und Latin-Grammy-nominierten Musikers gearbeitet.

Teodoru Badiu
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