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Karibik, Südpazifik und das Millionen-Penthouse in Wien

Dass Vladimir Kishenin die Privatagentin „Nina“ über eine Karibikfirma unter Vertrag genommen hat05, ist wohl kein Zufall. Addendum hat die Geschäftstätigkeit des nunmehrigen Ex-Politikers unter die Lupe genommen und ist dabei auf ein häufig wiederkehrendes Muster gestoßen: den Einsatz von Offshore-Firmen.

Tatsächlich taucht Kishenin gleich mehrfach in den sogenannten Panama Papers auf: auch in Zusammenhang mit der EC Venture Capital SA, über die er 2007 Wilkening beauftragte. Aus den Daten von ICIJ und Süddeutscher Zeitung, die Addendum nach Österreich-Bezügen durchforstet hat, zeigt sich, dass die Geschichte dieser Karibikfirma bereits ein Jahrzehnt vor dem Vertrag mit „Nina“ beginnt.

Firmengründung per Fax

Am 10. November 1997 erreicht ein auf der Kanalinsel Guernsey abgesendetes Fax die Anwalts- und Treuhandkanzlei Mossack Fonseca – nicht deren Zentrale in Panama, sondern den Ableger auf den British Virgin Islands, der für die Kanzlei die dortigen Firmengründungen vornimmt. Absender ist Credit Suisse Trust Limited, eine Treuhandfirma, die zur gleichnamigen Schweizer Großbank gehört. Im Fax steht übersetzt: „Bitte prüfen Sie, ob der Name ,EC Venture Capital SA‘ verfügbar ist, und – wenn ja – führen Sie die Firmengründung durch.“

So einfach geht das in der Welt der global agierenden Offshore-Dienstleister. Tatsächlich wird die EC Venture Capital SA noch am selben Tag ins Leben gerufen:

Anonymer Aktionär

Ein paar Tage später, am 20. November 1997, findet eine erste Sitzung des Direktoriums der neuen Firma statt – allerdings nicht in der Karibik, sondern auf Guernsey. Dabei wird beschlossen, dass die eine Aktie, die die Gesellschaft ausgegeben hat, eine Inhaberaktie sein wird. Das ist praktisch: Dadurch muss der Name des Eigentümers im offiziellen Aktionärsregister nicht festgehalten werden. Der wirtschaftlich Berechtigte genießt Anonymität.

In derselben Sitzung wird Vladimir Kishenin zum neuen „Director“ der EC Venture Capital SA bestimmt. Dies wird in die Tat umgesetzt. Mossack Fonseca bestätigt am 13. März 1998, dass Kishenin alleiniger Geschäftsführer der Karibik-Firma ist:

Tippfehler bei Adresse

Die Zusammenarbeit mit Mossack Fonseca dauert allerdings nicht allzu lange. Im April 2001 wird beschlossen, die Funktion des sogenannten eingetragenen Vertreters („Registered Agent“) auf den BVI auf eine andere Treuhandfirma zu übertragen. Kishenin zeichnet das Verständigungsschreiben persönlich. Die angeführte Adresse der neuen Treuhandfirma ist jene, die sich später auf dem Vertrag mit Wilkening finden wird – dort allerdings mit ein, zwei Tippfehlern:

Geschäfte mit dem Scheich

Dies ist jedoch nicht die einzige Karibik-Firma mit Bezug zu Kishenin in den Panama Papers. Zwei Jahre nach der EC Venture Capital SA, am 2. November 1999, wird auf den BVI nämlich eine Lanciano Limited gegründet. Auch bei dieser Firma übernimmt Kishenin die Geschäftsführung und lässt sie später von Mossack Fonseca auf die neue Treuhandfirma übertragen.

Doch nicht nur die Karibik spielte im Firmenreich des russischen Sozialdemokraten eine Rolle, sondern auch der Südpazifik. Am 25. Jänner 2001 wird auf der Insel Niue die France Groupe Ingénierie Inc. gegründet. In einem Aktionärsbeschluss vom 31. März 2001 scheint Kishenin nicht nur als Miteigentümer auf. Die Aktionärsversammlung bestimmt ihn auch zu einem der „Directors“ der Firma, die gleichzeitig auf Lantec Investments Corporation wird. Weiterer Aktionär ist laut dem vorliegenden Dokument ein hochrangiger Scheich aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, der auch auf dem internationalen Parkett einen äußerst klingenden Namen hat.

280 Quadratmeter plus fünf Terrassen

Das alles mag einigermaßen fern und lange her klingen. Karibikstrände, Südseezauber: Was hat das mit dem Hier und Heute zu tun? Nun, es demonstriert, in welcher Liga Vladimir Kishenin geschäftlich unterwegs ist. Und was es im Endeffekt bedeutet, Deals in dieser Liga zu machen, zeigt sich in Kishenins Fall in Wien. Und zwar in Form eines Penthouses in bester Innenstadtlage, gleich neben dem Burggarten.

Am 15. Dezember 2006 setzt eine schillernde österreichische Steuerberaterin ihre Unterschrift unter den Kaufvertrag für einen neuen Dachbodenausbau mitten in der City. Die Nobelwohnung soll laut Vertrag rund 280 Quadratmeter umfassen. Dazu kommen fünf Terrassen bzw. Balkone mit insgesamt knapp 110 Quadratmetern. Der Kaufpreis: 2.834.622,50 Euro.

Wieder bei Lansky

Die Steuerberaterin schließt den Kauf als Geschäftsführerin einer von ihr vertretenen Firma ab, der G.I.T. Projektmanagement Gesellschaft mbH. Die geschäftstüchtige Dame ist seit Gründung der Firma im September 2006 auch deren Alleingesellschafterin. Auf dem Papier ist der Penthouse-Kauf also praktisch ihr Privatvergnügen. Dass er das nicht ist, wird für die Öffentlichkeit erst im Jahr 2017 ersichtlich. Und zwar ausgerechnet nach einem Termin in der Kanzlei Lansky.

Dort findet am 30. Juni 2017 nämlich eine außerordentliche Generversammlung der G.I.T. Projektmanagement statt. Dabei übernimmt Vladimir Kishenin die Geschäftsführung der Firma, hinter der er – nach außen hin nicht zu erkennen – ohnehin längst gestanden war. In einem vorliegenden Treuhandvertrag steht nämlich:

Gabriel Lansky

Gabriel Lansky (62) leitet gemeinsam mit Partnern eine große Anwaltskanzlei in der Wiener Innenstadt, bei der in Hochzeiten an die 130 Personen beschäftigt waren. Der Spitzenjurist ist bekennender Sozialdemokrat. Im Nationalratswahlkampf 2006 warb er via Wahlplattform für den späteren Kanzler Alfred Gusenbauer. Lansky kandidierte auch selbst mehrmals für die SPÖ. Der Advokat verteidigte zahlreiche Prominente, beispielsweise Udo Proksch Anfang der 1990er Jahre im Fall Lucona. In jüngerer Vergangenheit trat Lansky etwa als Vertreter zweier Witwen in der Causa Alijew in Erscheinung, was ihm dem Vorwurf einbrachte, er arbeite für den kasachischen Geheimdienst. Das bestritt der Anwalt vehement. Zuletzt geriet er in den öffentlichen Fokus, weil er die Razzia im Bundesamt für Verfassungsschutz und Terrorismusbekämpfung mitinitiierte.

Alleingesellschafterin der Gesellschaft ist derzeit noch (die Steuerberaterin, Anm.). (Die Steuerberaterin, Anm.) hält den Geschäftsanteil an der Gesellschaft gemäß den Bestimmungen der Treuhandvereinbarungen vom 4.10.2006 treuhändig für Herrn Vladimir Kishenin.

Mit anderen Worten: Das Nobel-Penthouse in der City gehörte von Beginn an eigentlich dem russischen Sozialdemokraten.

Kishenins Partei wurde übrigens im April 2007 per Gesetz aufgelöst, da die erforderliche Mindest-Mitgliederzahl angeblich nicht erreicht wurde. Auf einer Teilnehmerliste für das Ratstreffen der Sozialistischen Internationale Ende Juni 2007 in Genf findet sich Kishenins Name allerdings noch. Als österreichischer Vertreter ist auf der Liste übrigens Andreas Schieder angeführt. Der hätte den Genossen aus Moskau freilich auch in Wien treffen können.

Diesmal Zypern

In der neuen Eigentümer-Struktur der G.I.T. scheint Kishenins Name wieder nicht auf. 94 Prozent hält eine Firma aus Zypern. Im Treuhandvertrag, der beim Firmenbuch auffindbar ist, heißt es dazu allerdings:

Herr Kishenin und LUKEN INVESTMENTS LIMITED kommen überein, dass LUKEN INVESTMENTS LIMITED den vertragsgegenständlichen Geschäftsanteil nicht für eigene Rechnung halten soll, sondern als Treuhänder gemäß den Bestimmungen dieses Vertrags für Rechnung von Herrn Kishenin als Treugeber.

Die restlichen 6 Prozent hält eine Dame, die – zumindest bis vor nicht allzu langer Zeit – in der Kanzlei Lansky beschäftigt gewesen sein dürfte.

Das gepfändete Penthouse

Während Kishenin mit der Kanzlei Lansky also bis zuletzt geschäftlich verbunden war, dürfte sich das Verhältnis zur erwähnten Steuerberaterin deutlich abgekühlt haben. Nicht nur, dass der Russe sie im Vorjahr als Treuhänderin gekündigt hat. Offenbar gibt es auch Probleme in Bezug auf ihr Honorar.

Bereits 2013 unterschrieben die Steuerberaterin – damals noch selbst Geschäftsführerin der G.I.T. – und eine Mitarbeiterin ihrer Kanzlei eine Schuld- und Pfandbestellungsurkunde über 285.000,00 Euro. Die G.I.T. verpflichtete sich, den Betrag bis spätestens 30.9.2028 zu bezahlen – mit saftigen 12 Prozent Zinsen pro Jahr. Falls nicht, werden 15 Prozent Verzugszinsen fällig. Mit diesem Pfandrecht wurde mittlerweile das Penthouse grundbücherlich belastet. Möglicherweise trübt das ein wenig Kishenins Wohnerlebnis in Wien. 

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