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Missbrauch in der Kirche: Täterschutz vor Opferschutz?

Das Thema sexueller Missbrauch in der Kirche ist fast so alt wie die Kirche selbst. Über die Jahrhunderte sind Dokumente erhalten, die Einblick in die unterschiedlichen Formen der Tat und auch über die unterschiedlichen Formen des kirchlichen Umgangs damit gewähren.

Während im späten Mittelalter und in der Zeit der Inquisition sowohl strenge kircheninterne Strafen – bei geschätzten 10 Prozent der Beklagten in Inquisitionsverfahren handelte es sich um Kleriker, denen sexuelle Verfehlungen vorgeworfen wurden – als auch die Auslieferung an die weltliche Justiz üblich waren, setzte die Kirche später auf Abschottung und Verschwiegenheit. Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fielen Missbrauchsfälle unter das „päpstliche Geheimnis“, Beschuldigte wurden nicht mehr ausgeliefert, die alleinige Zuständigkeit für alle bekannten Fälle ging an den Vatikan.

Diese Mentalität blieb das ganze 20. Jahrhundert, noch im Jahr 2001 bestätigte die Glaubenskongregation unter ihrem Präfekten Josef Ratzinger, dem späteren Papst Benedikt XVI., dass Missbrauchsfälle einzig und allein Angelegenheit des Vatikan seien.

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Seit um die Jahrtausendwende durch einige Untersuchungen – etwa im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania – das gigantische Ausmaß und der strukturelle Charakter des Missbrauchs in den Institutionen der katholischen Kirche bekannt wurde, kam die Aufarbeitung in Gang, wenn auch vielerorts noch schleppend. Strafrechtliche Verurteilungen bleiben weitestgehend die Ausnahme. Für Aufsehen sorgte kürzlich die Verurteilung des australischen Kardinals George Pell zu sechs Jahren Haft. Pell ist der höchstrangige Geistliche in der Geschichte der katholischen Kirche, der jemals wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde. Als Finanzchef und enger Berater von Papst Franziskus gehörte der Kardinal zu den wichtigsten Männern im Vatikan. Doch nach wie vor scheitert eine umfassende Aufarbeitung früherer Vergehen an der Weigerung der katholischen Kirche und ihrer Diözesen, die Archive zu öffnen.

Das gilt auch für Österreich, wo das Thema sexueller Missbrauch untrennbar mit der „Affäre Groër“ verbunden ist. Der Wiener Erzbischof und Kardinal, der als Göttweiger Benediktiner in Hollabrunn und im Marienwallfahrtsort Maria Roggendorf gewirkt hatte, war des sexuellen Missbrauchs beschuldigt und von seinen Amtskollegen zunächst verteidigt worden, bis sich schließlich auch Groërs Nachfolger im Amt des Wiener Erzbischofs, Christoph Schönborn, davon überzeugen ließ, dass die Anschuldigungen Substanz hatten.

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Schönborn rief 2010 die Opferschutz-Kommission unter dem Vorsitz der früheren steirischen Landeshauptfrau Waltraud Klasnic ins Leben, an die sich Missbrauchsoper wenden und Entschädigungszahlungen und Therapieunterstützungen um bis zu 25.000 Euro erhalten können. Kritiker werfen der Kirche vor, dass es sich dabei um eine PR-Aktion handle, die weniger dem Schutz der Opfer als jenem der Täter diene. Der großen Zahl an entschädigten Opfern steht nämlich eine erstaunlich geringe Zahl an genannten oder gar belangten Tätern gegenüber.

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Besonders deutlich zeigt sich die Vertuschungs- und Verharmlosungsstrategie, die den Umgang der katholischen Kirche mit dem Thema sexueller Missbrauch über Jahrhunderte dominierte, am Beispiel des Augustiner-Chorherren-Stiftes Klosterneuburg und ihres ehemaligen Konventsmitglieds Patrick. Er musste zwar nach einem Missbrauchsfall das Kloster verlassen, konnte aber unter dubiosen Umständen in Rumänien zum Priester geweiht werden und bekam dann Stellen in der Schweiz und in Deutschland, auf denen es erneut zu Vorfällen und schließlich sogar zu einer Verurteilung kam.

Unser Rechercheteam hat sowohl den Fall Patrick penibel recherchiert als auch den österreichischen und den internationalen Stand zum Thema sexueller Missbrauch in der Kirche umfassend aufgearbeitet. „Kein Missbrauch darf jemals mehr vertuscht werden, wie dies in der Vergangenheit üblich war“, hat Papst Franziskus am Ende des vatikanischen Kinderschutzgipfels erklärt. Unsere Recherchen ergaben zwar auch, dass das in der Vergangenheit üblich war. Allerdings fehlt es den kirchlichen Institutionen noch weitgehend an der Bereitschaft, das einzugestehen. 

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