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Klosterneuburg: Experten forderten Propst-Rücktritt
8. April 2019 Missbrauch Lesezeit 4 min
Nach Missbrauchsfällen: Dem Propst des Stiftes Klosterneuburg wurde von einer Untersuchungskommission der Rückzug aus dem Amt empfohlen. Addendum liegt der Expertenbericht nun erstmals vor.
Dieser Artikel gehört zum Projekt Missbrauch und ist Teil 13 einer 12-teiligen Recherche.

Das Stift Klosterneuburg rühmte sich noch vor kurzem, aus Missbrauchsfällen der Vergangenheit gelernt zu haben, und bekam für die Schaffung neuer Präventionsrichtlinien sogar Lob von Kardinal Christoph Schönborn. Abgesehen davon, dass die Bischofskonferenz bereits seit 2010 solche Richtlinien eingeführt und zur Umsetzung empfohlen hat, erweckt der Umgang des Chorherren-Stiftes mit Missbrauchsfällen in ihren Reihen nach wie vor Skepsis. So wurde der Öffentlichkeit und den Mitgliedern der Chorherren verschwiegen, dass Experten im September 2018 Propst Bernhard Backovsky den Rücktritt nahegelegt haben. Addendum liegt der schriftliche Bericht der Expertenkommission nun erstmals vor.

Im Jahr 1993 hat der Chorherr Patrick einen Ministranten missbraucht. Erst 2017 wurde der Fall durch das Nachrichtenmagazin Profil öffentlich gemacht. Addendum hat den Fall weiter recherchiert, dabei zeigt die neue Faktenlage, dass das Kloster schon sehr früh von den Vorfällen gewusst haben musste. Anstatt aufzuklären, wurde der Fall über die Jahre freilich vertuscht und verschwiegen. Das hatte zur Konsequenz, dass der mutmaßliche Missbrauchstäter auch in Deutschland straffällig geworden ist und später auch verurteilt wurde. 

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In der ursprünglichen Version dieses Artikels wurde irrtümlicherweise davon gesprochen, dass Patrick auch in der Schweiz straffällig geworden wäre. Tatsächlich war das aber nur in Deutschland der Fall. Der Artikel wurde am 8. April um 14.30 Uhr entsprechend geändert.

Propst Bernhard Backovsky

Stift wusste von den Vorfällen

Erst nach dem öffentlichen Bekanntwerden der Vorfälle reagierte das Stift. Eine Expertengruppe wurde installiert, um den Vorfall und die Konsequenzen „transparent aufzuarbeiten“, wie es in einer Aussendung des Stifts damals hieß. Parallel dazu wurde das Wirtschaftsberatungsunternehmen Deloitte mit Recherchen zu dem Fall beauftragt. Die vier Experten, die ehrenamtlich Akten durchsahen und Zeitzeugen vernahmen, stellten ihren Bericht im September 2018 fertig.

Allerdings wurde der komplette Bericht bis heute nicht veröffentlicht. Das Stift hatte die Herausgabe der nur zwei Seiten langen Empfehlungen bislang erfolgreich verhindert. Unter den zahlreichen von den vier Experten herausgearbeiteten Punkten stechen vor allem die unter den II b und II c zusammengefassten Forderungen hervor.

Zum einen, so die Experten, lassen die von Deloitte zusammengetragenen Fakten über die Vorgangsweise „des Stiftes Klosterneuburg und der im Bericht genannten verantwortlichen Personen eine kirchenrechtliche Prüfung notwendig erscheinen“. Diese solle durch eine ordensinterne Untersuchung in den nächsten Jahren erfolgen.

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Der Expertengruppe gehörten Beatrix Mayrhofer (die oberste Ordensschwester Österreichs) sowie drei Mitarbeiter der Opferschutzkommission – Brigitte Dörr, der Psychiater Reinhard Haller und der ehemalige Wiener Stadtschulratspräsident Kurt Scholz – an.

Experten legen Rücktritt nahe

Das Stift Klosterneuburg wurde von Addendum schon vor Wochen damit konfrontiert, dass die Experten mündlich und schriftlich einen Rücktritt des Propstes empfohlen haben. Die Anwort des Stiftes: „Eine Empfehlung zum Rücktritt ist im schriftlichen Expertenbericht nicht enthalten.“

Zum anderen wird von den Experten klar formuliert: „Dem Stift Klosterneuburg wird eine unverzügliche, alle Aspekte umfassende interne Befassung, inklusive organisatorischer Konsequenzen und einer personellen Neuausrichtung in den involvierten Bereichen dringend empfohlen.“

Kurt Scholz, einer der vier Experten: „Unsere Formulierung war so schonend, dass man bei einem Rücktritt das Gesicht wahren kann.“ Dennoch sei der Expertenbericht unmissverständlich. Der Propst müsse Konsequenzen ziehen. „Was seit einiger Zeit geschehen müsste, ist jedem außerhalb des Stiftes klar“, sagt Scholz. Mit dem Zusatz: „Nur nicht dem Stift selbst.“ Zudem sei dem Propst von den Experten schon vor dem Vorlegen des Berichts der Rücktritt in einem persönlichen Gespräch nahegelegt worden.

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„Da hat der Herr Propst gesagt, er wird etwas tun.“

Im Factum-Interview spricht Opferschutzbeauftragte Waltraud Klasnic davon, dass der Herr Propst „etwas tun würde“. Das gesamte Interview sehen Sie hier.

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Die Experten forderten damit klar und deutlich den Rückzug Backovskys, der einst als Novizenmeister des Missbrauchstäters und ab 1996 als Propst des Stiftes für den Umgang mit dem Missbrauchsthema Verantwortung übernehmen hätte müssen. Backovsky selbst lässt dazu über die Pressestelle des Stiftes schriftlich mitteilen: „Ich bin mir der Verantwortung, die sich aus der Aufarbeitung des Missbrauchsfalles aus 1993 sowie aus den Empfehlungen der Expertengruppe ergibt, sehr wohl bewusst. Ich betrachte es daher als meine Pflicht und Schuldigkeit, für die rasche und restlose der Umsetzung der weitreichenden Empfehlungen zu sorgen. Ich hielte es für falsch, mich vor dieser Verantwortung zu drücken.“

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Neue Fälle aufgetaucht

Zudem hat sich der Propst noch immer nicht, wie angekündigt, bei allen Missbrauchsopfern des Stiftes persönlich entschuldigt. „Bei mir und meinem Bruder hat er sich noch nicht gemeldet“, sagt Peter R., ebenfalls Missbrauchsopfer eines Chorherrn aus Klosterneuburg .

Möglicherweise hat er dazu aber in nächster Zeit vermehrt Gelegenheit. In der Redaktion von Addendum haben sich mittlerweile weitere Betroffene sexuellen Missbrauchs im Stift Klosterneuburg gemeldet. 

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Update 29.4.2019: Aus medienrechtlichen Gründen wurde der Name des Paters geändert.

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