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Der Fall Pater Patrick – Chronologie eines Täterschutzes

Das Stift Klosterneuburg wird seit Jahren durch Missbrauchsfälle erschüttert. Die Aufarbeitung ist ein Lehrstück an Vertuschung und Verleugnung.

21.03.2019

Anfänglich waren es nur Gerüchte, später kamen handfeste Fakten dazu, und dennoch sollte über Jahrzehnte nichts passieren. Schon Ende der achtziger Jahre fiel der Augustiner Chorherr Patrick (Name von der Redaktion geändert) wegen pädophiler Übergriffe im Stift Klosterneuburg auf. Mitbrüder und Augenzeugen haben diese Fälle immer wieder thematisiert und ihren Vorgesetzten gemeldet, unter anderem dem heutigen Propst des Stiftes.

Sie alle wurden als Denunzianten und Verleumder hingestellt, bis Patrick Anfang der 90er Jahre einen Ministranten sexuell schwer missbrauchte und das Stift den Vorfall nicht länger vertuschen konnte. Statt den Fall anzuzeigen, versucht man seitens der Chorherren, Patrick loszuwerden. Mit fatalen Folgen. Er macht in der Kirche weiter Karriere, wird unter dubiosen Umständen – einiges deutet auf Unterstützung des Stiftes hin – zum Priester geweiht, fällt später in Pfarren in der Schweiz und dann in Deutschland wegen seines distanzlosen Verhaltens zu Kindern auf, ehe er Anfang der 2000er Jahre wegen Missbrauchs angezeigt und dafür auch verurteilt wird. Verantwortliche schauten über die Jahre weg. Oder schauten zu, dass Patrick einen neuen Posten in einem anderen Land bekommt und weiterhin Schutzbefohlene belästigen und missbrauchen konnte.

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Der erste bekannte Übergriff

Schon nach wenigen Monaten im Stift Klosterneuburg ist es laut Zeugen Ende der 80er Jahre zum ersten Vorfall mit Patrick gekommen. „Patrick hat nach dem Abendessen Lebensmittel auf sein Zimmer geschafft“, erinnert sich der heute in Bayern lebende Novizenkollege Paul W., „und groß angekündigt, dass er Besuch erwarte. Den Peter R.“ Peter R., damals 22, war Angestellter des Stiftes und von Patrick eingeladen worden. Zum Trinken habe es Wein gegeben. „Ich weiß nicht, ob da etwas im Wein drin war, ich fühlte mich jedenfalls benommen“, sagt Peter R.

Peter R. hat Pater Patrick im Jänner 2019 in Begleitung von Addendum in dessen Haus bei Würzburg mit der Situation erstmals konfrontiert.

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Peter R. schildert, wie er von Patrick „von hinten gepackt“ wurde. „Ich war ein zartes Bürscherl, Patrick ein 100-Kilo-Mann. Er hat mich richtig umklammert und aufs Bett geworfen.“ Patrick habe versucht, ihm die Kleidung vom Leib zu reißen. „Ich habe geschrien, konnte mich losreißen, aber die Tür war zugesperrt.“

„Heute gehörst du mir“, soll Patrick gerufen haben. Die Tortur hatte schließlich ein Ende, weil Pater Gregor Doxat (mittlerweile verstorben) auf den Tumult aufmerksam wurde und Patrick zwang, die Tür zu öffnen. „Ich bin rausgelaufen und hab‘ mich im Stiftshof auf die Stiegen gesetzt.“ Eine Stunde sei er zitternd dort gesessen. Nie habe ihn im Stift jemand auf den Vorfall angesprochen. Es war übrigens nicht das erste Mal, dass Peter R. im Stift mit sexueller Gewalt konfrontiert worden ist.

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Patrick sagte zu Peter R. vor wenigen Wochen bei dessen Besuch in Deutschland: „Das hat ja nicht stattgefunden.“ Kein Anzeichen von Reue.

Doch bei den Chorherren selbst war der Übergriff im Jahr 1988 Tagesgespräch. „Ich habe den Vorfall von einer Bedienerin gehört“, sagt der damalige Novize Paul W. „Sie hatte erfahren, dass Patrick den R.-Buben angegangen ist.“

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Pater Patrick und die Buben

Weiß erinnert sich an zwei weitere Vorkommnisse. Gemeinsam mit Patrick studierte der Novize im Priesterseminar St. Pölten. Mit einem weiteren Kollegen machte man einen Landausflug zu dessen Familie im Waldviertel. „Dort hat Patrick den Neffen des Studienkollegen Werner P. angemacht.“ P. bestätigt den Vorfall, sagt aber, dass sein damals 13-jähriger Neffe „sich selber zu helfen gewusst“ habe. Die zweite Begebenheit hat sich W. zufolge bei einem Heurigen nahe Wien zugetragen: „Dort hat Patrick einen Jungen sexuell belästigt, der bei ihm am Tisch gesessen ist. Er ist ihm mit der Hand zwischen die Beine gegangen.“ Der Bub habe sich anschließend übergeben.

Ein ehemaliger Studienkollege aus dem Priesterseminar Trier, der bei Patricks erstem Besuch im Stift Klosterneuburg im Jahr 1986 dabei war, erinnert sich an eine Begebenheit, als er ihn etwa zwei Jahre später dort besuchte: „Es waren einige Messdiener um ihn herum. Es wurde getrunken, gegessen, einer setzte sich auf seinen Schoß. Es war mir unbehaglich, weil sich alles in Verbindung mit Alkohol abspielte.“ Patrick habe zu seinem Ex-Kollegen gemeint: „Ich sitze oft mit den Jungs zusammen, wir essen was, wir trinken was, und dann werden die Jungs zutraulich und setzen sich auf meinen Schoß.“ Die Replik, solche Zutraulichkeit sei nicht in Ordnung, habe Patrick mit „Papperlapapp“ quittiert.

Der Deutsche Gerhard Heifer war bis 1988 ein knappes Jahr gemeinsam mit Patrick im Stift. „Zu ihm gab es auch zu meiner Zeit Gerüchte. Mir ist sehr stark aufgefallen, dass er sich zu Jungens hingezogen fühlte.“

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Der Spätberufene

Patrick war ein Spätberufener. Mit 24 Jahren absolviert er im Collegium Marianum in Neuss (Deutschland) das Abitur. Kurz darauf, Mitte der 80er Jahre, tritt er ins Priesterseminar Trier ein – unter Vorbehalt, wie es im späteren Personalzeugnis heißt, weil der Direktor des Neusser Abendgymnasiums zuvor „Zweifel an einer dem Alter entsprechenden menschlichen Reife“ bei Patrick festgestellt hatte. „Er besaß finanzielle Mittel, was er stets heraushängen ließ“, erinnert sich ein ehemaliger Studienkollege an Patrick Zeit in Trier. „Protziges Auto, Leben auf großer Spur, die unnatürliche Fresssucht, Dekadenz par excellence.“ Er sei auch „bäuerlich-derb und nicht immer ehrlich“ gewesen.

Obwohl sie nicht freundschaftlich verbunden waren, haben einige Studienkollegen immer wieder gemeinsame Ausflüge unternommen. Einer führte Patrick und seine Kollegen 1986 erstmals nach Klosterneuburg ins Stift der Augustiner-Chorherren. „Was uns dort erwartete, war einmalig und verwunderte. Wir hatten das Gefühl, als sei hier ein Konvent in der Renaissancezeit stehengeblieben“, berichtet der Studienkollege. „Es wurde Schnaps getrunken, Wein aus eigenem Anbau, wir bekamen Zigarren, Zigaretten – Patrick gefiel das. Das Abendessen bot alles, was Herz und Gaumen begehrten.“ Die „privilegierte Ordensgemeinschaft“ habe einfach zu Patrick gepasst. „Er blieb hier hängen.“

Seine Zeit im Priesterseminar Trier neigte sich ohnehin dem Ende zu. Der Subregens äußerte „Zweifel an einem differenzierten Urteilsvermögen“ Patricks. In der Gemeinschaft eines Ordens sei er möglicherweise besser aufgehoben, schrieb er an das Stift Klosterneuburg. Empfehlungsschreiben klingen anders. Patrick war Novize der Augustiner-Chorherren, als einer von vielen Deutschen, die damals im Stift Aufnahme gefunden haben.

Die Atmosphäre muss einzigartig gewesen sein. „Abendessen mit Tischdienern, die das Essen servierten“, wie sich ehemalige Novizen erinnern. Patrick bekam zwei Zimmer, verbunden mit einem Ofen, der von weltlichen Bediensteten regelmäßig beheizt wurde. Sein Novizenmeister: der nunmehrige Propst Bernhard Backovsky.

„Es ist im Stift immer wieder über Patrick geredet worden“, erinnert sich eine ehemalige Bedienstete. Er habe sich – auch das sei allgemein bekannt gewesen – oft bei den im Stift ansässigen Schüler- und Studentenverbindungen sowie im Mittelschülerzentrum aufgehalten, schildert Ex-Chorherr W. Es sei „immer die Rede davon gewesen, dass sich Patrick an Schüler und Ministranten ranmachen“ würde.

Im Stift wurde über Patrick getuschelt und geredet. Umso erstaunlicher, dass er Anfang der 90er Jahre als einziger von rund einem Dutzend deutscher Novizen die „Ewige Profess“, die dauerhafte Aufnahme in den Orden, erhalten hat. Als Hintergrund dafür wird von Zeitzeugen stets die „konservative Auslegung des Glaubens durch die Deutschen“ genannt. Auch einige konservativ geltende Novizen aus Österreich verließen das Stift Ende der 1980er Jahre, weil ihnen die Chorherren aufgrund der Differenzen in der Glaubensausrichtung die ständige Aufnahme in den Orden verweigerten.

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Missbrauch in der Nachhilfestunde

Am 2. Oktober 1993 lud Patrick den 16-jährigen Ministranten Fritz M. zu sich in die Stiftswohnung ein. „Er hat mir angeboten, mir bei einem Deutschreferat zu helfen“, sagt Fritz M. Zur Einstimmung habe es Thunfischpizza und Sturm gegeben, „vielleicht auch Wein.“ Das Referat sei kein Thema gewesen. „Wir haben geplaudert. Und dann hab‘ ich gemerkt, dass mir schlecht wird.“ Patrick habe ihm stets nachgeschenkt. „Es waren sicher über den Abend verteilt eineinhalb Liter Sturm. Normal trink ich ja keinen Alkohol.“ M. habe nach Hause gehen wollen, sei dazu aber nicht mehr in der Lage gewesen. „Patrick hat gesagt, ich soll mich hinlegen. Dann hat er mich angesprungen. Er hat mich überall berührt. Überall. Dann wollte er, dass ich ihn befriedige.“ Dazu sei es nicht gekommen. „Er hat aber meine Hand genommen und auf sein Glied gelegt.“ Und soll den nackten Ministranten mit seiner Polaroid-Kamera fotografiert haben.

Gleich am nächsten Tag vertraute sich Fritz M. seiner Mutter an, die umgehend den Pfarrer von Klosterneuburg-Weidling verständigte. Der fuhr sofort ins Stift und informierte den Propst Gebhard Koberger. Dieser und weitere Vertreter des Stiftes sprachen mit Mutter und Sohn. Pater Patrick wurde mit den Vorwürfen konfrontiert. Er stritt sie ab. Während Fritz M. heute davon spricht, seine Mutter sei bereit gewesen, den Täter anzuzeigen, entgegnet Walter Hanzmann, Pressesprecher des Stiftes, dieses Ansinnen sei nie vorgebracht worden. Das Stift habe lediglich versprochen, man werde Patrick aus dem Orden entlassen. „Damit hat sich die Familie einverstanden gezeigt.“ Der Beschuldigte selbst schrieb hingegen in einem seiner Ansuchen, von den Ordensgelübden entbunden zu werden, von „Drohungen der Mutter […], Anzeige zu erstatten“.

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Der damalige Propst Koberger reagierte im ersten Moment rasch. Im Kapitelrat (eine Art Ministerrat des Stiftes) wurde bereits am 9. Oktober 1993 beschlossen, Pater Patrick solle um Dispens, die Entbindung von den Ordensgelübden, ansuchen, sonst würde er entlassen.

Erst 2017, 24 Jahre danach, kam der Vorfall durch Berichte der deutschen Zeitung Main-Post und des Nachrichtenmagazins Profil an die Öffentlichkeit.

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Dass der Fall so akribisch aufgearbeitet wurde, ist Johannes Heibel (Vorsitzender der deutschen „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“ zu verdanken, der den Fall in unermüdlicher, jahrelanger Kleinarbeit weiterverfolgt.

Der Entlassung zuvorgekommen

Laut Auskunft der Chorherren musste Patrick schon im Oktober 1993 das Stift verlassen. Ihm sei vorübergehend, bis zum Ende des Dispensverfahrens, ein Domizil im Wien-Döbling zur Verfügung gestellt worden. Dem widersprechen aber die vorliegenden Meldedaten. Patrick war bis 1996 im Stift gemeldet und erst von 1996 bis 1998 an der Adresse am Saarplatz 20 in Wien. Das kircheninterne Verfahren war aber bereits am 2. Februar 1995 durch die Annahme des Dispenses durch den Beschuldigten abgeschlossen worden; und damit auch die Verpflichtung des Stiftes, für den Unterhalt Patricks aufzukommen.

Dem Stift Klosterneuburg zufolge musste das Dispensschreiben von Patrick „mehrmals überarbeitet werden“. Addendum liegen zwei Versionen vor. Eines der zu überarbeitenden (undatierten) Schreiben und die endgültige Version. Am 12. Oktober 1993 sei das erste Schreiben von Patrick verfasst worden. Stiftssprecher Hanzmann: „Er schrieb zwar, dass er des sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen verdächtigt wurde, erklärte aber im selben Atemzug, dass dies nicht stimme und er unschuldig sei.“ Das Ansuchen wurde von Wilhelm Neuwirth, Generalabt der Chorherren, umgehend retourniert. Propst Koberger soll Patrick aufgefordert – oder, wie Pressesprecher Hanzmann es ausdrückt, „genötigt“ – haben, ein neuerliches Dispens-Ansuchen zu formulieren. Es dauerte bis 28. Juni 1994, mehr als acht Monate nach dem Vorfall, ehe das neue Schriftstück abgeschickt werden konnte.

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„Durch Missachtung der Bestimmungen der Hausordnung des Stiftes“, schrieb Patrick dann, habe er „eine schwierige Situation heraufbeschworen.“ Beschuldigung homosexueller Handlungen seien gegen ihn erhoben worden. Bei einem drohenden Prozess stünden wohl ihm und dem Stift „große Schwierigkeiten“ bevor. Das Schreiben ging wieder an den Generalabt, der es am 2. Dezember 1994 an den Vatikan weiterleitete. Dieser akzeptierte Patrick Austritt aus dem Orden am 3. Jänner 1995. Patrick nahm die Entscheidung am 2. Februar 1995 an. Damit war er kein Mitglied der Chorherren mehr.

Das wichtigste Detail an dem Beschluss: Der Vatikan wusste spätestens mit Jänner 1995 über die gegen Pater Patrick erhobenen Vorwürfe Bescheid. Dennoch konnte dieser später unbehelligt in der Schweiz und in Deutschland als Priester arbeiten, bis es erneut zu einem „Vorfall“ kam.

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Patrick wird Priester

Dazwischen liegt allerdings eine höchst ominöse, umstrittene Priesterweihe, denen von einigen Geistlichen die Legitimation abgesprochen wird. Ein Priester der Erzdiözese Wien spielt in dem undurchschaubaren Spiel um die Weihe vermutlich eine zentrale Rolle: Pfarrer M. Er kam einst aus Rumänien – aus der Diözese Oradea – nach Wien, um Theologie zu studieren. Später wurde er Pfarrer in mehreren Gemeinden in Niederösterreich. Gute Kontakte bestanden zum Stift Klosterneuburg. M., das bestätigen ehemalige Novizen aus Klosterneuburg, hatte auch Kontakte zu Patrick.

Zurück ins Stift: Propst Koberger legte Ende 1995 sein Amt nieder, am 14. Jänner 1996 wurde der ehemalige Novizenmeister Bernhard Backovsky von Kardinal Christoph Schönborn zum neuen Propst geweiht. 1996 war auch das Jahr, in dem Patrick erstmals in der stiftseigenen Wohnung am Saarplatz in Wien gemeldet wurde, obwohl laut offizieller Darstellung des Stiftes die Unterstützung bereits mit dessen Austritt 1995 geendet haben soll.

Und 1996 wurde Patrick vom Bischof von Oradea, Vasile Hossu, erstaunlich schnell geweiht. Zuerst zum Diakon, bereits einen Tag später zum Priester der griechisch-katholischen Kirche Rumäniens. Diese ist mit der römisch-katholischen Kirche uniert und dem Papst unterstellt. Bischof Hossu, der kurz nach der raschen Weihe verstorben ist, war zumindest einmal im Stift Klosterneuburg zu Gast gewesen.

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Bernhard Backovsky

Propst des Stiftes Klosterneuburg

In den 1980er Jahren Novizenmeister des Stiftes Klosterneuburg, als solcher unter anderem zuständig für Patrick. Seit 1996 Propst des Stiftes.

„Obwohl ich nicht daran zweifle, dass Patrick in Oradea geweiht wurde, finde ich es dennoch seltsam, wie man jemanden nach byzantinischem Ritus weihen kann, der kein Wort Rumänisch spricht“, wird Hossus Nachfolger, Bischof Virgil Bercea am 5. Juli 2018 in der rumänischen Wochenzeitung Naprakesz zitiert. Auch der Umstand, „einen Tag nach der Weihe zum Diakon zum Priester geweiht zu werden“, werfe Fragen auf, so der Bischof.

Üblicherweise vergehen zwischen den beiden Weihen einige Monate bis zu einem Jahr. Die Priesterweihe selbst scheine in Oradea in keinem Register auf. Zudem fehle die „schriftliche Genehmigung des sendenden Bistums“. Lauter Fragezeichen? Die, die alles beantworten könnten – Pater Patrick und der rumänische Priester M., der bei der Weihe zugegen war –, schweigen zu all dem beharrlich. Patrick verweist stets auf seine Anwälte, und M. ist sowohl bei der Gegensprechanlage seiner Wohnung im südlichen Niederösterreich als auch am Telefon forsch: „Das geht Sie nichts an.“

Wie das Stift Klosterneuburg bestätigt, allerdings ohne einen konkreten Zeitpunkt zu nennen, hat ein Pfarrer aus dem Bistum Oradea im Stift um finanzielle Unterstützung für das dortige Priesterseminar angesucht. „Genaue Beträge und Empfänger konnten mangels vorliegender Unterlagen nicht mehr erhoben werden“, erklärt das Stift im Erkenntnisbericht aus dem Jahr 2018. Die Zahlung selbst wird jedoch nicht bestritten. Insider vermuten, dass die finanzielle Unterstützung und die Weihe Patrick in Zusammenhang stehen könnten. Das Stift bestreitet dies.

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Zurück nach Deutschland

„Die Herbstnebel lagen noch über Freisen, da machten sich schon viele Leute auf den Weg. Es galt, einen Sohn der Gemeinde abzuholen und zur Kirche zu begleiten“, schwärmt die Saarbrücker Zeitung über die Primiz am 29. September 1996. Es ist Pater Patricks erste Messe, die er in seiner Heimatgemeinde Freisen in Deutschland feiern darf. Geleitet wird der Gottesdienst vom dortigen Pfarrer O. Er ist Patrick seit Jahren verbunden. O. schrieb im Freisener Pfarrblatt, dass Patrick mit Unterstützung des Wiener Erzbischofs in Oradea zum Priester geweiht worden sei. Michael Prüller, Sprecher von Erzbischof Christoph Schönborn, sagt dazu: „Das ist definitiv falsch. Möglicherweise hat Patrick dem Pfarrer von Freisen ein falsches Bild vermittelt, um anzugeben.“ Patrick habe für Oradea Empfehlungsschreiben von drei Priestern gehabt, damit sei eine erzbischöfliche Empfehlung nicht erforderlich gewesen.

Die Primiz seines Schützlings war jedenfalls nicht der letzte Auftritt Pfarrer O.s in der Causa. Später wird er selbst mehrfach des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen bezichtigt werden, wie auch zwei weitere Weggefährten des ehemaligen Klosterneuburger Chorherrn.

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Zwei Tatverdächtige, ein Täter

Frappant erscheint im Fall Patrick zudem, dass einige seiner Förderer selbst mit Missbrauchsvorwürfen zu kämpfen haben. Einer war Pfarrer O., jener Mann, der mit V. gemeinsam dessen Primiz in Freisen gefeiert hatte. Er wurde neun Mal bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Die Palette der Vorwürfe reicht von sexueller Belästigung bis hin zu schwerem sexuellem Missbrauch von Mitte der 1980er Jahre bis 2015. Alle Verfahren wurden wegen Verjährung oder mangels Anfangsverdacht eingestellt. Pfarrer O. wurde 2015 in Pension geschickt und leugnet nach wie vor. Jetzt ist ein neuer Verdachtsfall aufgetaucht. Ein Fall des sexuellen Missbrauchs eines Jugendlichen aus dem Jahr 2006 ist derzeit bei der Staatsanwaltschaft anhängig. Gegen den pensionierten Pfarrer wurde mittlerweile auch ein kirchenrechtliches Verfahren eingeleitet.

Ein hochrangiger Kleriker des Bistums Würzburg hatte Patrick den Posten als Aushilfspfarrer in der Diözese Würzburg verschafft und ihn 2002 zur Selbstanzeige bei der Polizei begleitet. Im Jahr 2013 befand sich der Geistliche selbst im Mittelpunkt von Ermittlungen. Er soll 1988 eine junge Frau vergewaltigt haben. Das Verfahren wurde von der Staatsanwaltschaft eingestellt. Im Zuge der Erhebungen geriet er neuerlich in Verdacht: Ihm wurden „sexuelle Handlungen vor einem Schutzbefohlenen“ vorgeworfen. Der mutmaßliche Betroffene wurde von den Behörden ausfindig gemacht, verweigerte aber die Aussage. Auch dieses Verfahren wurde eingestellt.

Zwei Jahre und neun Monate hinter Gitter musste hingegen der Direktor jener Schule verbringen, an der auch Patrick unterrichtet hatte. Der damals 61-Jährige wurde im Oktober 2013 wegen sexuellen Missbrauchs zweier Volksschul-Mädchen verurteilt.

Die Herbergssuche

Patrick war nun Priester, hatte seine Primiz gefeiert, doch was nun? In sein Weihebistum in Oradea konnte er mangels rumänischer Sprachkenntnisse nicht zurückkehren. Er schaute sich in Deutschland nach einer Aufgabe um und besuchte dabei ehemalige Mitbrüder aus Klosterneuburg. Michael I., damals Pfarrer an der Ostsee, erinnert sich an den ersten (und letzten) Besuch: „Ich fragte ihn, warum er aus dem Stift weg sei. Er sagte, es habe einen Unfall mit einem Jungen gegeben.“ I. habe zunächst an einen Autounfall gedacht. Schließlich habe Patrick vom „Streicheln eines Jungen in seinem Zimmer im Stift“ gesprochen. Tags darauf sei I. der Kragen geplatzt. „Patrick hat mir gesagt: ,Wenn du nach Rumänien fährst, die Jungs dort sind so billig zu haben …‘“ I. bat Patrick daraufhin, seine Koffer zu packen und abzureisen. „Der hatte ja gar nichts bereut, der war ja ein Wiederholungstäter.“

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Die Reise endete 1997 für knapp drei Wochen in einer Pfarre im Bistum Eichstätt. Der dortige Pfarrer war Ewald Scherr, ebenfalls einstiger deutscher Chorherr aus Klosterneuburg. Hier kommt der ehemalige Novizenmeister und nunmehrige Propst des Stiftes, Bernhard Backovsky, ins Spiel: „Ich habe vom Propst ein handschriftliches Schreiben bekommen, in dem man mir mitteilt, dass der ehemalige Mitbruder inzwischen zum Priester geweiht worden ist. Er hat mich gebeten, ich möchte mich in meiner Diözese für ihn einsetzen, ob er nicht da eine Anstellung bekommt.“ Die „Faltkarte“ sei von Backovsky unterfertigt gewesen. Dieser streitet nach wie vor ab, je ein solches Schreiben verfasst zu haben. Scherr kann es nicht mehr vorweisen, es könne bei einem Umzug verlorengegangen sein.

Unklar ist noch, wie Pater Patrick in all diesen Jahren seinen Lebensunterhalt finanzierte. Bis 1998 war er jedenfalls offiziell in der Stiftswohnung in Wien gemeldet. Dann endlich ein Lichtblick: Patrick wird von einem hochrangigen Mitarbeiter des Bistums Würzburg mitgeteilt, dass er Aussicht auf einen Posten ebendort habe. Aber erst im Jahr 2000. Dieser hochrangige Mitarbeiter muss sich Jahre später selbst Vorwürfen sexuellen Missbrauchs stellen.

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Ewald Scherr

Ehemaliger Novize im Stift Klosterneuburg. Pensionierter Pfarrer. Gibt an, von Backovsky gebeten worden zu sein, Patrick eine Stelle als Pfarrer zu besorgen.

Der Papst als Teddybär

Nach einem Zwischenspiel in einem Frauenkloster im Schwarzwald kommt Pater Patrick 1998 in der Pfarre Erschwil in der Schweiz als Interimspfarrer unter. Dort ist er unter den Kindern und Jugendlichen durch seine unkonventionelle Art rasch beliebt. Kaplan Patrick sei „gegenüber Kindern als cooler, kumpelhafter Typ aufgetreten“, erinnert sich Frau K. aus Erschwil. Kinder und Ministranten seien häufig bei ihm zu Gast gewesen.

In der kleinen Schweizer Gemeinde wunderten sich viele, dass Patrick sein Schlafzimmer in den Keller des Pfarrhauses verlegt hatte. Pfarrer E. berichtet über einen Besuch bei Patrick: „Er hat mir sein Schlafzimmer gezeigt. Da ist mir seine riesige Teddybärensammlung aufgefallen.“ 200 Plüschtiere soll Patrick in seinem Schlafgemach gehabt haben, wie mehrere Augenzeugen berichten. Das größte: ein als Papst verkleideter Teddybär. Frau M. sagt, dass sie bereits drei Wochen nach der Ankunft von Kaplan Patrick von einer Mutter gewarnt worden sei. „Mit dem stimmt was nicht.“ Sie habe daraufhin auf ihre Kinder besonders aufgepasst. „Viermal die Woche hat er Kinder im Alter von neun bis 15, überwiegend Messdiener, zu sich eingeladen, um im Keller Videos zu gucken.“ Die Buben saßen mit dem Kaplan auf dessen Bett. Wie die Basler Zeitung berichtet, protokolliert der Kirchgemeinderat im Juni 1999: „Im Dorf kursieren böse Gerüchte über den Kaplan. Einerseits soll er sein Zölibatgelübde gebrochen haben, andererseits soll er sich Jugendlichen gegenüber unkorrekt verhalten haben.“

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Im Jahr 2000 wechselt Pater Patrick auf den ihm versprochenen Posten eines Gastpfarrers nach Sandberg ins Bistum Würzburg nach Deutschland.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass Patrick auch dort recht bald wegen seines fragwürdigen Umgangs mit Buben und Jugendlichen auffiel. Er veranstaltete nicht nur Gottesdienste, sondern war auch als Religionslehrer tätig. Im September 2001 nimmt er seine Lehrtätigkeit an der dortigen Grundschule auf. Eine Lehrerin beobachtete Patrick eines Tages am Schul-Parkplatz. „Er ist immer mit dem Auto gekommen, obwohl der Pfarrhof nur 200 Meter entfernt liegt“, sagt die Pädagogin. Pater Patrick sei rauchend an seinem Wagen gelehnt und habe die Schüler an der nahen Bushaltestelle beobachtet. Es sei ein Schulbub auf Patrick zugekommen und habe ihn gefragt: „Fahren Sie uns heute wieder nach Langenleiten?“ Sie habe den Buben zurechtgewiesen, dass es dafür den Schulbus gebe. Am nächsten Tag thematisierte die Lehrerin das Parkplatzerlebnis im Kollegenkreis. Es stellte sich heraus, dass der Herr Pfarrer mehrmals mit Volksschülern in die Nachbargemeinde gefahren war. „Immer mit Umweg“, wie die Buben belustigt berichtet haben sollen. Die Schule reagierte mit Vorsicht. Ab sofort mussten im Religionsunterricht des Pfarrers auch Eltern anwesend sein.

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Erstmals verurteilt

Im April 2002 vergeht sich Pater Patrick an einem Buben. Zweimal soll er dem Elfjährigen an die Genitalien gefasst haben. Patrick gesteht seine Tat einem hochrangigen Geistlichen des Bistums Würzburg. Auf Anraten von Juristen kommt es – in Begleitung des hochrangigen Klerikers – zur Selbstanzeige bei der Polizei in Schweinfurt. Patrick wird noch im selben Jahr gerichtlich verurteilt. Das Strafausmaß ist milde: zehn Monate bedingt und 2.000 Euro Bußgeld.

Das Bistum Würzburg meldet die Causa an den Vatikan und schickt den damals 40-Jährigen in Pension. Seither lebt er in einer kleinen Gemeinde bei Würzburg. Idyllische Hügellandschaft, ein adrettes Haus samt Haushälterin, die seit seiner Schweizer Zeit für ihn arbeitet – auch heute noch.

Patrick tanzt weiter auf der Nase seiner Vorgesetzten herum. Zumindest zweimal hält er noch die Heilige Messe, was ihm ausdrücklich untersagt worden war. Und er nähert sich wieder Jugendlichen. 2015 wird durch einen Bericht der Main-Post bekannt, dass Patrick in einem Asylnetzwerk Sprachunterricht erteilt. Der deutsche Missbrauchsaufdecker Johannes Heibel findet neue Hinweise. Eine der Flüchtlingsbetreuerinnen erinnert sich, dass Patrick vor allem den Kontakt zu jungen, männlichen Flüchtlingen gesucht habe. Er habe Geschenke verteilt „und sich gegenüber den Jungen distanzlos verhalten“. Ein weiterer Betreuer erinnert sich an eine SMS-Nachricht, die Patrick an einen Flüchtling gesendet hat. „Ich habe Sehnsucht nach dir! Ich vermisse dich!“ Er habe Patrick darauf angesprochen, und dieser habe es mit dem Satz „über 16 Jahren ist das doch nicht strafbar“ abgetan. „Auf meine Antwort, es handle sich hier um Schutzbefohlene, hat er nicht mehr reagiert.“

Patrick wurde als Kursleiter nicht mehr weiter beschäftigt. Es gibt jedoch Hinweise, dass er sich privat weiterhin für eine Flüchtlingsfamilie mit teils minderjährigen Kindern einsetzt. Johannes Heibel von der Opferinitiative erstattete deswegen im Dezember 2018 Anzeige bei der Staatsanwaltschaft Würzburg. Heibel: „Auch wenn uns derzeit keine Aussagen vorliegen, die auf eine konkrete Straftat hindeuten, so sind wir doch in großer Sorge.“ 

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Johannes Heibel

Vorsitzender der deutschen „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“, Herausgeber des Buches „Der Pfarrer und die Detektive“.

Update 29.4.2019: Aus medienrechtlichen Gründen wurde der Name des Paters geändert.

21.03.2019

Das Rechercheteam

Georg Hönigsberger
Projektleitung

Georg Hönigsberger deckte 2011 die Missstände im Kinderheim Wilhelminenberg auf und verfasste über 200 Artikel über systematische Gewalt und Missbrauch in Kinderheimen. Berufliche Stationen: Chef vom Dienst und Redakteur bei ServusTV (2015), Investigativ-Journalist, Redakteur und stv. Leiter (NÖ-Redaktion) beim Kurier (1999–2015), Redakteur der NÖN (1992–1999). Autor des Standardwerks „Verwaltete Kindheit“ (2013).

Paul Poet
TV

Paul Poet ist international renommierter Dokumentarist, Journalist, Regisseur, Autor und Medienwissenschaftler. Sein erster Langfilm AUSLÄNDER RAUS! SCHLINGENSIEFS CONTAINER wurde 2013 durch die Biennale Istanbul neben Namen wie Godard und Buñuel in einen Kanon des politischen Kinos gewählt und am MoMA New York geehrt. Sein Spezialgebiet sind Randgruppen, Rebellen und soziale Tabuzonen, die er bereits für SpiegelTV, arte, ZDF, ORF, ATV uvm porträtierte.

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