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Der Propst will nichts gewusst haben

Anschuldigungen gegen einen pädophilen Missbrauchstäter gab es zuhauf. Doch der Propst des Stiftes Klosterneuburg will davon nichts gewusst haben. Dass Experten seinen Rücktritt verlangten, wird vom Stift dementiert.

22.03.2019
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Transparenz wurde versprochen. Der Erkenntnisbericht über einen Triebtäter aus dem Stift Klosterneuburg lässt aber viele Fragen offen. Zum Beispiel jene, wer ihn denn überhaupt verfasst hat. Zudem gibt es mehrere Zeugen, die den Propst des Stiftes, Bernhard Backovsky, schwer belasten. Er sei schon vor dem sexuellen Übergriff auf einen Ministranten über die Neigungen des Täters informiert gewesen und habe diesen stets in Schutz genommen. Das Stift widerspricht den Aussagen aller Zeugen.

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Erkenntnisarmer Erkenntnisbericht

Stolz präsentierte das Stift Klosterneuburg am 27. Jänner 2018 jene Expertengruppe, die den sexuellen Missbrauch eines Ministranten durch den Chorherren Dominik V. im Jahr 199306 untersuchen sollte: die oberste Ordensschwester Österreichs, Beatrix Mayrhofer, Brigitte Dörr, Mitarbeiterin der Opferschutz-Kommission, Reinhard Haller, Psychiater und Mitglied der Opferschutz-Kommission, sowie Kurt Scholz, ehemaliger Wiener Stadtschulratspräsident und ebenfalls Mitglied der Opferschutz-Kommission. „Das Stift Klosterneuburg gewährt uns uneingeschränkten Zugang, um den Sachverhalt erheben zu können. Wir werden über die im Verlauf der Analyse gewonnenen Erkenntnisse transparent berichten“, verlautbarte das vierköpfige Team in einer Presseaussendung. Die Medienarbeit übernahm Michaela Hebein von der Kapp-Hebein-Partner-Kommunikationsberatung. Die Agentur, die auf „besondere mediale Herausforderungen und Krisen“ spezialisiert ist, sieht sich selbst als Partner, der dazu da ist, „die Dinge zu ordnen und einen Weg aus dem Wirbel zu entwickeln“.

Als der fertige „Erkenntnis- und Maßnahmenbericht“ am 10. November 2018 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, hätten Beobachter des Falls skeptisch werden müssen: Die vier Experten, die fast acht Monate ehrenamtlich gearbeitet hatten, wurden in dem 14-seitigen Schreiben nicht ein einziges Mal namentlich erwähnt. Nur die sechs Herren des Kapitelrats der Klosterneuburger Chorherren, darunter auch Propst Bernhard Backovsky, wurden im Bericht angeführt.

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Der Bericht stammt nicht vom Expertenrat

Die nächste Merkwürdigkeit folgt auf dem Fuß: Der Expertenrat, der „transparent berichten“ sollte, hat den Bericht gar nicht verfasst. Das verkündete jedoch niemand seitens des Stiftes bei der Pressekonferenz. Nur ein Nebensatz auf Seite 2 des „Erkenntnisberichtes“ geht darauf ein: „Externe Fachleute“ hatten den Auftrag zur Aufarbeitung. Die Expertengruppe um Mayrhofer und Haller war dort plötzlich nur mehr für „Empfehlungen“ zuständig.

Wie Stiftssprecher Walter Hanzmann Addendum bestätigt, waren Mitarbeiter des Wirtschafts- und Finanzberatungsunternehmens Deloitte als externe Fachleute angeheuert worden, auf Empfehlung von Daniel Kapp, Chef der Krisen-PR-Agentur. Deloitte ist ein weltweit angesehenes Unternehmen. Es hat auch schon die Finanzen der Erzdiözese Wien neu strukturiert. Der Vatikan griff mit Libero Milone auf einen ehemaligen Vorsitzenden von Deloitte Italien zurück, um die Finanzen des Heiligen Stuhls neu ordnen zu lassen.

Eine auf Krisen-PR spezialisierte Agentur und ein großes Wirtschaftsberatungsunternehmen, die beide im Normalfall darauf schauen, dass ihr Auftraggeber nach getaner Arbeit besser dasteht als zuvor, sind die federführenden Kräfte hinter dem Bericht, der die Ereignisse rund um den pädophilen Missbrauchstäter Dominik V. durchleuchten und feststellen sollte, ob Propst Backovsky, der Auftraggeber, in die eine oder andere Ungereimtheit verwickelt ist. Das ist laut dem Bericht nicht der Fall.

Es kann leicht der Eindruck entstehen, dass der vierköpfige Expertenrat dem Stift als „unabhängiges“ Feigenblatt diente. Denn von der „interdisziplinär besetzten Expertengruppe, die mit der Erhebung und Dokumentation des Sachverhaltes, ihrer Bewertung sowie der Ausarbeitung von Empfehlungen für die künftige Arbeit des Stiftes ermächtigt“ wurde, wie es ursprünglich hieß, konnte keine Rede mehr sein. Die Öffentlichkeit und die Mitglieder des Stiftskonvents wurden im Unklaren gelassen.

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Expertenrat empfahl Rücktritt

Addendum erreichte Ende Februar 2019 Kurt Scholz, einen der vier aufs Abstellgleis geschobenen Experten: „Wir haben dem Kapitel, auch Backovsky war dabei, zwei Seiten klare Empfehlungen überreicht. Seither habe ich vom Stift nichts mehr gehört.“ Die Empfehlungen haben möglicherweise dem einen oder anderen die Sprache verschlagen. Scholz: „Wir haben Konsequenzen nahegelegt. Unsere Empfehlungen waren glasklar, da nehm‘ ich nichts zurück.“ Die Formulierungen seien schonend, aber unmissverständlich gewesen. „Es muss organisatorische Konsequenzen geben, und es gibt eine persönliche Verantwortung“, sagt Scholz. Backovsky wurde der Rücktritt nahegelegt. „Wir haben gesehen, dass die Vorgangsweise des Stiftes im Umgang mit den Missbrauchsfällen umgehend geändert gehört und dass in der Vergangenheit viele Fehler gemacht wurden“, ergänzt das Mitglied des Expertenrats. Das Stift widerspricht der Kritik in einer Aussendung: „Eine Empfehlung zum Rücktritt ist im schriftlichen Expertenbericht nicht enthalten. Keine einzige Empfehlung des Expertenberichtes wurde im Erkenntnis- und Maßnahmenbericht ausgelassen.“

Kurt Scholz antwortet seufzend: „Wenn jemand etwas nicht verstehen will, dann versteht er es nicht.”

Scholz gibt zu, dass er dachte, Verantwortliche im Stift würden Konsequenzen ziehen. Die gab es nicht. Es kam der vierzehnseitige Bericht, in dem einige der Ratschläge der Experten beherzigt wurden. Die wichtigsten jedoch nicht, wie Scholz eingestehen muss. „Ich habe mich benützt gefühlt. Wir haben uns monatelang durch hunderte Seiten durchgearbeitet und mit Beteiligten gesprochen. Da brauchte es nicht einmal weitergehende Recherchen. Was da drin stand, reichte, um klare Konsequenzen zu fordern.“

Die Expertengruppe sei sogar vom Stift getäuscht worden. „Wir wussten ja bis zum Schluss nicht, dass unsere Empfehlungen in einen größeren Bericht eingebettet werden.“ Für ihn persönlich ist der Zug abgefahren: „Ich habe kein Bedürfnis, vom Stift Klosterneuburg jemals wieder was zu hören.“

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„Da hat der Herr Propst gesagt, er wird etwas tun.“

Wie das Stift diese Woche verkündete, werden zwei Empfehlungen der Experten umgesetzt. Der Augustiner-Chorherr Albert Maczka wurde mit der Überarbeitung des Aufnahmeprozesses neuer Mitglieder betraut. Sein Mitbruder Thaddäus Ploner soll für die Ausarbeitung eines Konzeptes „Berufungs-Begleitung und Berufungs-Stärkung“ der Priestergemeinschaft sowie der Pfarrgemeinschaften und Mitarbeiter sorgen. Dazu zähle auch die Einrichtung der Stelle eines externen Präventions- und Fortbildungsbeauftragten.

Der Bericht

Chorherr Dominik V. war in seiner Zeit als Novize im Stift Klosterneuburg kein unbeschriebenes Blatt. Mehrfach gab es Vorwürfe sexueller Handlungen mit Kindern und Jugendlichen. Eskaliert ist die Situation erst 1993, als er in seinem Zimmer an einem Ministranten, den er zuvor betrunken gemacht hatte, sexuelle Handlungen durchführte. Der 16-Jährige vertraut sich tags darauf seinem Pfarrer an. Der informiert das Stift. Der Betroffene und seine Mutter sprechen mit dem damaligen Propst Gebhard Koberger. Dominik V. wird mit den Vorwürfen konfrontiert. Er streitet alles ab. Die Mutter droht mit Anzeige, das Stift versucht zu deeskalieren. Dominik V. werde den Orden und das Stift verlassen. Damit können die Anzeige und eine öffentliche Aufarbeitung abgewendet werden.06

Verantwortlicher für Dominik V. war – von dessen Eintritt in den Orden 1987 bis zur endgültigen Aufnahme in den Orden im Jahr 1991 – der damalige Novizenmeister Bernhard Backovsky. Dieser ist seit 1996 Propst des Stiftes.

Im von Deloitte und Kapp Hebein Partner maßgeblich erarbeiteten „Erkenntnis- und Maßnahmenbericht“ vom November 2018 kommt man zum Schluss, dass es keine persönliche Verantwortung des nunmehrigen Propstes gebe. Es tauchen aber einige Ungereimtheiten auf. „Gemäß den vorliegenden Informationen kamen im Zeitraum Sommer 1988 bis zur Ewigen Profess des Beschuldigten im Jahr 1991 mehrfach Gerüchte einerseits zu homosexuellen und andererseits zu pädophilen Neigungen und Vorfällen auf“, heißt es im Bericht. Diese Gerüchte seien an die Stiftsleitung herangetragen worden. Der Wahrheitsgehalt der Gerüchte konnte damals „nicht bestätigt werden“. Dennoch gab es eine „ernste Verwarnung des späteren Beschuldigten durch den damaligen Propst Gebhard Koberger“. Die Frage, warum jemand verwarnt wird, über den bloß unbestätigte Gerüchte im Raum stehen, bleibt offen.

Der Beschuldigte habe das Stift im Oktober 1993, eine Woche nach dem Vorfall mit dem Ministranten, verlassen müssen. „Während des Dispensverfahrens wurde dem Beschuldigten durch das Stift Klosterneuburg unentgeltlich eine Wohnung in Wien zur Verfügung gestellt, und er wurde finanziell unterstützt, da er noch Ordensmitglied war und einen Rechtsanspruch auf Unterhalt hatte.“

Das lässt sich mit den vorhandenen Meldedaten jedoch nicht in Einklang bringen. Denn Dominik V. war nicht bis Oktober 1993 oder bis 2. Februar 1995, dem Tag seines Austritts aus dem Orden, im Stift gemeldet, sondern bis 1996. Erst dann wurde er in der stiftseigenen Wohnung am Saarplatz angemeldet. Und zwar bis 1998.

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Der Vorsitzende der deutschen „Initiative gegen Gewalt und sexuellen Missbrauch an Kindern und Jugendlichen“, Johannes Heibel, hält den Bericht für eine Farce: „Viele vorgetragene Sachverhalte und Zeugenaussagen sind nicht intensiv genug geprüft und sachgemäß bewertet worden.“ Zudem seien von der Initiative benannte Zeugen nicht angehört worden. Heibel, der seit Jahren die Hintergründe um den Fall Dominik V. akribisch recherchiert, fordert den Rücktritt des Propstes Bernhard Backovsky.

Der ehemalige Chorherren-Novize Gerhard Heifer, dessen zehnseitiges Gesprächsprotokoll Addendum vorliegt, zeigt sich vom Erkenntnisbericht ebenfalls enttäuscht. Keine einzige seiner Aussagen sei in den Bericht eingeflossen. „Leute, die die Hintergründe nicht kennen, müssen denken, dass der Propst alles richtig gemacht hat. In den paar Seiten wurde nur herausgefiltert, was günstig für den Propst ist.“ Nur eine päpstliche Visitation des Stiftes könne Klarheit schaffen.

Fazit: In dem Bericht wurden wichtige Zeugenaussagen nicht berücksichtigt. Der Öffentlichkeit und den Mitgliedern des Ordens wurde stets suggeriert, die vier ehrenamtlichen Experten würden den Bericht erarbeiten. Tatsächlich waren es zwei Unternehmen aus der Kommunikations- und Finanzbranche. Die Meldedaten von Dominik V. widersprechen den Erkenntnissen des Berichtes. Die Aufforderung der vier Ehrenamtlichen, Propst Backovsky möge seinen Hut nehmen, wird geflissentlich verschwiegen.

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Was hätte Propst Backovsky wissen müssen?

Bernhard Backovsky wird allseits als liebenswürdiger Mann beschrieben. Sogar ehemalige Novizen des Chorherren-Stiftes, die mittlerweile nicht mehr gut auf ihn zu sprechen sind, bezeichneten ihn früher als „den liebenswürdigsten Menschen, den man sich vorstellen kann“. Ihm wird aber auch vorgeworfen, den pädophilen Missbrauchstäter Dominik V. gedeckt, sich für ihn eingesetzt und ihm zum späteren Priesteramt verholfen zu haben. Das habe, so die Kritiker, letztlich dazu geführt, dass V. seinen Neigungen im Gewand eines Priesters weiter nachgehen konnte. Das Stift widerspricht dieser Darstellung vehement.

Dominik fiel später in der Schweiz und in Deutschland wegen seines zu vertrauensvollen Umgangs mit Kindern und Jugendlichen auf und wurde schließlich 2002, neun Jahre nach dem Vorfall in Klosterneuburg, in Deutschland wegen sexuellen Missbrauchs eines Elfjährigen verurteilt.

Doch schon zuvor gab es Warnungen von Klerikern aus dem Stift. Einige thematisierten bereits in den 1980er-Jahren das auffällige Verhalten V.s gegenüber Kindern und Jugendlichen. Der damalige Novizenmeister Backovsky sei darüber in Kenntnis gesetzt worden. Dieser bestreitet das jedoch.

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Die Vorwürfe gegen Backovsky im Detail:

Der ehemalige deutsche Novize Paul Weiß erinnert sich im Gespräch mit Addendum an einen Vorfall aus dem Jahr 1988, als Dominik V. in dessen Novizenzimmer versucht haben soll, den damals 22-jährigen Peter R. zu vergewaltigen. Das sei am nächsten Tag im Stift Tagesgespräch gewesen. Eine ehemalige Reinigungskraft des Stiftes bestätigt, ebenfalls von dem Zwischenfall erfahren zu haben. Auch der mittlerweile verstorbene Chorherr Gregor Doxat hat mit Sicherheit davon gewusst. Er hatte den 22-Jährigen aus dem Zimmer befreit. Der damalige Novizenmeister hat das nicht mitbekommen? Bei zwei weiteren versuchten sexuellen Handlungen an Buben durch Dominik V. war Weiß Augenzeuge. „Man hat Backovsky einiges erzählt über die Vorfälle, aber er hat das ignoriert.“ Der damals für die Novizen zuständige Backovsky habe die Anschuldigungen mit „Stimmt nicht!“ abgetan und die Diskussion abgewürgt. Die schriftliche Antwort des Stiftes: „Aus heutiger Sicht lässt sich der Gehalt dieser Gerüchte nicht hinreichend nachvollziehen oder erhärten.“

Pfarrer U. war in den 1980er Jahren ebenfalls Novize im Stift Klosterneuburg. Im Sommer 1988 habe er „aus der Nebenwohnung lustvolles Stöhnen“ vernommen. Er ging in den Hof, das Schlafzimmerfenster von Dominik V. stand offen. „Die Geräusche ließen keinen Zweifel über die sich im Inneren abspielenden Vorgänge aufkommen.“ Novize U. holte seinen Kollegen P., um einen zweiten Ohrenzeugen zu haben. P., mittlerweile ebenfalls Pfarrer, bestätigt Addendum gegenüber die Wahrnehmung seines Kollegen. Dominik V. habe an diesem Abend Geschlechtsverkehr mit einem Freund aus Deutschland gehabt, der zu dieser Zeit im Stift auf Besuch weilte. Für einen Stiftsangehörigen mag es nicht ziemlich sein, homosexuellen Neigungen mit Gleichaltrigen zu frönen, strafbar ist es jedoch nicht. Was an diesem Fall interessant ist, ist die angebliche Reaktion des damaligen Novizenmeisters und jetzigen Propstes auf die pikante Causa. Novize U. hat den Vorfall dem damaligen Propst Koberger gemeldet. „Der war außer sich.“ Backovsky sei bei dem Gespräch dabei gewesen und habe auch den zweiten Zeugen P. zur Befragung mit Koberger gebracht. „Ich habe den Vorfall bestätigt“, sagt P. zu Addendum. Dann passierte – nichts. „Es ist Backovsky offenbar gelungen, den alten Herrn Prälat (Propst Koberger, Anm.) zu beschwichtigen, und uns als Verleumder darzustellen“, sagt Pfarrer U. Das Stift in einer schriftlichen Stellungnahme: „Propst Backovsky bestreitet die Schilderung.“

Ein ehemaliger Studienkollege von Dominik V. besuchte diesen in Klosterneuburg. Er war erstaunt, dass dieser in seinem Zimmer „betrunkene Ministranten“ auf seinem Schoß sitzen hatte. Die Rüge seines Ex-Kollegen habe V. ignoriert. Für den Deutschen ist es klar: „Dass der Novizenmeister von diesen Situationen nichts gehört hat, ist unwahrscheinlich.“ Das Stift dazu: „Ganz grundsätzlich bestreitet Propst Backovsky seinerzeit über hinreichend eindeutige Hinweise verfügt zu haben.“

Am 28. August 1991 stand die „Ewige Profess“ des Dominik V. an, also die Aufnahme in den Orden der Augustiner-Chorherren auf Lebenszeit. Kurz davor soll einer der Chorherren die pädophile Veranlagung des Kandidaten V. thematisiert haben. Es nützte nichts. Dominik V. erhielt die „Ewige Profess“, die dauerhafte Aufnahme in den Orden der Augustiner-Chorherren. Alle anderen deutschen und österreichischen Novizen hatten das Stift hingegen verlassen müssen. Als Begründung galt deren „konservative Haltung“. Einzig der stets im Missbrauchsverdacht stehende Dominik wurde Chorherr.

Zwei Jahre später erlangte Dominik V. – er hatte in Wien studiert, später in St. Pölten und Heiligenkreuz – seinen Magister der Theologie. Die Diplomarbeit widmete er

„Meinem Novizenmeister und Kleriker-Direktor

Bernhard Backovsky

Kanonikus des Stiftes Klosterneuburg“.

Kurz darauf, am 2. Oktober 1993, kam es zu den sexuellen Übergriffen an dem Ministranten durch Dominik V.

Er wurde unter Druck gesetzt, den Orden zu verlassen, um einer Anzeige zu entgehen. Es dauerte nahezu eineinhalb Jahre, bis sein Ausschluss bindend war. Damit wäre das Stift sämtlicher finanzieller Verpflichtungen für ihn entledigt gewesen.

Dann allerdings wurde Bernhard Backovsky im Dezember 1995 zum 66. Propst der Augustiner-Chorherren Klosterneuburg gewählt. Am 14. Jänner 1996 verlieh ihm Kardinal Christoph Schönborn die Benediktion – die Weihe zum Abt.

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Wohnung und Weihe

Ab 1996 war Dominik V. in einer Wohnung des Stiftes in Wien-Döbling gemeldet, also zu einem Zeitpunkt, als ihm das Stift angeblich keine Unterstützung mehr gewährte. Im selben Jahr erfolgte seine dubiose Weihe in Rumänien: am 30. Juni zum Diakon und bereits am 1. Juli zum Priester. Eine der Darsteller in dem Spiel ist der aus Rumänien stammende Pfarrer M., der in V.s Weihe involviert gewesen sein soll. Im Zuge der Erstellung des Erkenntnisberichts fragte die Erzdiözese Wien auf Bitten des Stiftes im Jahr 2018 bei Pfarrer M. nach. Michael Prüller, Sprecher von Kardinal Schönborn zu Addendum: „Im Gesprächsprotokoll steht jedenfalls tatsächlich, dass laut M. nicht Propst Backovsky die Weihe vermittelt habe. Dass aber der Bischof von Oradea von V.s Missbrauch gewusst habe, ihm aber, wie damals leider oft gedacht wurde, nach einer Probezeit eine zweite Chance gewähren wollte und ihn zum Priester geweiht habe.“ M. verweigerte ein Gespräch mit Addendum.

Ganz anders berichtet der pensionierte Pfarrer Michael Imlau. Er war selbst einst Novize im Stift und gehörte zu jenen „konservativen Deutschen“, die die Chorherren Ende der 1980er Jahre verlassen mussten. Er erinnert sich, Dominik V. auf dessen Bitte hin im Sommer 1996 zum „rumänischen Generalvikar“ begleitet zu haben. Gemeint war Pfarrer M., der zu dieser Zeit zwei Pfarren in Niederösterreich leitete. „Als Dominik am Klo war, hat mich M. angesprochen. ,Bitte sagen Sie ihm (Dominik, Anm.), er solle nie wieder kommen. Wir haben mit ihm nach der Priesterweihe nichts mehr zu tun. Das war mit Propst Backovsky so abgesprochen. Er soll zu Propst Bernhard gehen.‘“ Stiftssprecher Walter Hanzmann widerspricht dieser Darstellung. Offenbar konnte das Stift mittlerweile mehrmals Kontakt zu M. herstellen. Dieser sagte laut Hanzmann, erst er würde eidesstattlich erklären, dass es dieses Gespräch nie gegeben hätte. Nachdem auch Imlau bereit ist, seine Aussage unter Eid zu wiederholen, fällt die letzte Stellungnahme des Stiftes zu M. anders aus.: „M. bestätigt den angesprochenen Besuch.“ Er könne sich aber an keine zweite Person erinnern. Zudem bestreite er, „jemals behauptet zu haben, dass Propst Backovsky sich für eine Priesterweihe verwendet habe und gab in diesem Zusammenhang den Namen einer anderen bereits verstorbenen Person aus dem Stift als möglichen Initiator an.“ Hierbei dürfte es sich um den damaligen Stiftsdechanten Michael Schmidt handeln.

Einigen ehemaligen Novizen scheint es höchst fraglich, dass ein Mann, der nicht einmal der rumänischen griechisch-katholischen Kirche angehört, im Eilverfahren in Rumänien zum Priester geweiht wird. Sie vermuten, dass Backovsky ihm dabei geholfen habe. Gerhard Heifer, einer der ehemaligen Klosterneuburger Deutschen: „V. hätte ja schon viel früher, 1994 oder 1995 geweiht werden können. Möglich wurde das anscheinend erst, als Backovsky 1996 Propst wurde.“ Der Propst bestreitet dies vehement.

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Der Brief, den es nie gegeben haben soll

Wenn, wie es das Stift behauptet, Propst Backovsky mit der Weihe V.s zum Priester nichts zu tun hatte, dann dürfte es das Schreiben aus dem Jahr 1997 nie gegeben haben, von dem der deutsche Pfarrer Ewald Scherr berichtet: „Ich habe vom Propst Backovsky ein handschriftliches Schreiben bekommen, in dem man mir mitteilt, dass der ehemalige Mitbruder inzwischen zum Priester geweiht worden ist und er mich gebeten hatte, ich möchte mich in meiner Diözese für ihn einsetzen, ob er nicht da eine Anstellung bekommt.“ Scherr gehört ebenfalls zu jenen, die 1989 wegen „Konservativismus“ das Stift verlassen mussten. Das Stift bestreitet diese Ausführungen. Den Brief habe es nie gegeben. Hier der Haken: Pfarrer Scherr hat den Brief im Lauf der letzten 22 Jahre verloren oder weggeschmissen, wie er eingesteht.

Aber es gibt jemanden, der sagt, den Brief 1997 mit eigenen Augen gesehen zu haben. Pfarrer Michael Imlau, der einst mit V. bei dem rumänischen Pfarrer auf Besuch war. „Auf dieser handschriftlichen Klappkarte bittet Propst Backovsky: ,Lieber Ewald, du erinnerst dich sicher an unseren Mitbruder, der einen so schweren Weg hinter sich hat, heute bitte ich dich, ihn doch in deiner Pfarrei möglicherweise zu beschäftigen, anzustellen, um zu erreichen, dass er in deiner Diözese, da ja auch er ein Deutscher ist, eine Anstellung findet’“, sagt Imlau. Laut Scherr sei in dem Schreiben mit keinem Wort der Missbrauch eines Ministranten durch V. erwähnt gewesen.

Davon, dass es einen Zeugen gibt, der den Brief, der laut Stift nie existiert hat, gelesen haben will, steht kein Wort im Erkenntnisbericht des Stiftes, obwohl die Behauptung Imlaus den Experten bekannt gewesen sein muss. „Gemäß Propst Backovsky habe er kein solches Schreiben versendet“, heißt es in dem Bericht.

Dominik V. war dann 1997 tatsächlich drei Wochen bei Scherr zu Gast, ohne allerdings eine Anstellung als Pfarrer zu finden.

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Propst Bernhard Backovsky war bislang zu keiner persönlichen Aussage gegenüber Addendum bereit. Über seinen Pressesprecher wies er alle Vorwürfe zurück. 

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Das Rechercheteam

Georg Hönigsberger
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Georg Hönigsberger deckte 2011 die Missstände im Kinderheim Wilhelminenberg auf und verfasste über 200 Artikel über systematische Gewalt und Missbrauch in Kinderheimen. Berufliche Stationen: Chef vom Dienst und Redakteur bei ServusTV (2015), Investigativ-Journalist, Redakteur und stv. Leiter (NÖ-Redaktion) beim Kurier (1999–2015), Redakteur der NÖN (1992–1999). Autor des Standardwerks „Verwaltete Kindheit“ (2013).

Paul Poet
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Paul Poet ist international renommierter Dokumentarist, Journalist, Regisseur, Autor und Medienwissenschaftler. Sein erster Langfilm AUSLÄNDER RAUS! SCHLINGENSIEFS CONTAINER wurde 2013 durch die Biennale Istanbul neben Namen wie Godard und Buñuel in einen Kanon des politischen Kinos gewählt und am MoMA New York geehrt. Sein Spezialgebiet sind Randgruppen, Rebellen und soziale Tabuzonen, die er bereits für SpiegelTV, arte, ZDF, ORF, ATV uvm porträtierte.

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