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Bulgarien: Ruhe an der türkischen Grenze

Das EU-Mitglied Bulgarien hat eine 270 Kilometer lange Grenze mit der Türkei. Die Regierungschefs beider Länder verbindet eine lange Freundschaft. Einer der Gründe dafür, dass es hier bislang ruhig ist. Ein Lokalaugenschein unseres Reporters Johannes Perterer.

03.03.2020

Im Gegensatz zum griechischen Grenzübergang Kastanies ist es im 20 Kilometer Luftlinie entfernten Kapitan Andreevo komplett ruhig. Hier, am bulgarisch-türkischen Grenzübergang fahren Autos und LKWs aus und ein, es ist ein Tag wie jeder andere. Weit und breit ist kein Flüchtling zu sehen. Bulgarien hat entlang der 270 Kilometer langen Grenze mit der Türkei bislang keine außerordentlichen Maßnahmen treffen müssen.

EU-Schengen-Raum als Ziel

Dass es hier so ruhig ist, während in Griechenland Ausnahmezustand herrscht, ist kein Zufall. Zum einen kann der türkische Präsident Erdoğan mehr Druck auf die EU ausüben, wenn er Migranten nach Griechenland schickt, denn Bulgarien gehört trotz EU-Mitgliedschaft nicht zum Schengen-Raum. Deshalb ist es als Migrationsziel deutlich weniger attraktiv. Zum anderen verbindet den bulgarischen Ministerpräsidenten Bojko Borrisow eine gute Freundschaft mit Erdoğan. Die beiden kennen sich noch aus den Zeiten, als Erdoğan Bürgermeister von Istanbul und Borissow Stadtoberhaupt von Sofia war. Diese Männerfreundschaft spielt eine wichtige Rolle. Am Montag trafen die beiden in Ankara zusammen, um unter anderem über das Flüchtlingsthema zu sprechen.

In der Flüchtlingskrise 2015 und Anfang 2016 galt Bulgarien eher als Transitland. Die meisten Flüchtlinge aus Krisengebieten wollten in dem ärmsten EU-Land nicht lange bleiben. Die Auslastung der provisorischen Aufnahmezentren für Flüchtlinge in Bulgarien sowie der Lager, in denen sie danach untergebracht werden, liegt nach Einschätzung der Internationalen Organisation für Migration (IOM) nahezu bei null.

„2015 war ein Wahnsinn”, sagt ein bulgarischer LKW-Fahrer, der an der wohl letzten Tankstelle Europas einen Espresso trinkt. „Diese Ruhe ist unbezahlbar.”

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„Keine illegale Migration zulassen“

Daran soll sich nach dem Willen der Regierung auch nichts ändern: Bulgariens Verteidigungsminister und Vizeregierungschef Krassimir Karakatschanow hatte am Sonntag gesagt, Politik des Landes müsse es sein, keine illegal eintreffenden Migranten zuzulassen. Die meisten Menschen in Kapitan Andreevo sind froh darüber, dass sich in Bulgarien eine Lage wie 2015 bislang nicht wiederholt. Damals sind zum Teil hunderte Menschen am Tag durch das Dorf gerannt, sagt der 29-jährige Hristo, der in einem Casino im Nachbardorf arbeitet. Das sei eine extrem unangenehme Situation gewesen. „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, es ist einfach ein Versagen der Politik. Bulgarien hat aus 2015 gelernt, viele europäische Länder anscheinend nicht. Sie lassen sich von Erdoğan erpressen.”

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Hristo

Ähnlich sieht das die 36-jährige Kellnerin Iglika. Sie sagt „Ich finde es toll, dass Borrisov (bulgarischer Ministerpräsident, Anm.) dafür sorgt, dass die Grenzen geschützt werden. Wir Bulgaren sollten uns da einfach raushalten.”

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Iglika

Der 25-jährige Arbeitslose Stefan sagt, er habe 2015 vielen Migranten dabei geholfen, weiter nach Europa zu kommen. „Als die Balkanroute geschlossen wurde, kamen immer mehr Leute bei uns durch das Land. Aber jetzt ist alles anders. Ich glaube, es würde in Bulgarien einen zu großen Aufschrei geben, wenn so etwas noch einmal passiert.”

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Stefan

 

Der Autor

Johannes Perterer
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