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„Es gibt sehr große Sorgen, wie es mit der Insel Lesbos weitergeht“

Bastian Jordan ist Olivenbauer auf Lesbos. Gemeinsam mit seinen Eltern und Großeltern baute er das Unternehmen vor 20 Jahren auf – heute arbeiten 100 Familien für ihn. Der 39-jährige Deutsche ist mit einer Griechin verheiratet und lebt wechselweise im Inselort Plomari und in Düsseldorf.

Interview
04.03.2020

Herr Jordan, Lesbos steht derzeit im Fokus der Öffentlichkeit. Am Sonntag hinderten Einheimische ein Flüchtlingsboot daran, im Hafen anzulegen, am Montag ist ein anderes Flüchtlingsboot kurz vor der Küste gekentert, ein sechsjähriges Mädchen ist dabei ertrunken. Wie haben Sie auf diese Nachrichten reagiert?

Das ist alles sehr traurig und bedrückt mich. Das, was da im Hafen passiert ist, repräsentiert nicht die Stimmung auf der Insel. Die Bürger von Lesbos sind über die letzten fünf Jahre hinweg immer sehr tolerant gegenüber den Flüchtlingen gewesen. Das schlägt nicht so schnell ins Gegenteil um. Die Leute, die das Boot vom Anlegen abgehalten und den Journalisten verprügelt haben, gehören zu irgendeiner kleinen Gruppe von Rechtsradikalen, die bisher nicht großartig in Erscheinung getreten ist. Es ist wirklich furchtbar, dass diese Bilder um die Welt gehen. Jetzt heißt es überall: „Die Menschen auf Lesbos sind alle rechts und gehen gegen Flüchtlinge vor.“ Das macht die ganze Arbeit, das vorbildliche Verhalten der letzten fünf Jahre kaputt. Es gibt auf der Insel keinen Rechtsruck. Die Menschen sind entsetzt, dass es zu diesem Vorfall gekommen ist.

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Sie sind offensichtlich überrascht von den Ereignissen. Wie haben Sie die Zeit seit dem Ausbruch der Flüchtlingskrise im Herbst 2015 auf der Insel erlebt?

Auf Lesbos sind schon immer Flüchtlinge angekommen, einfach aufgrund der geografischen Lage, der Nähe zum Nahen Osten. Das waren aber meistens nur einige Dutzend Menschen im Jahr. Schon 2012 haben wir dann eine Veränderung erlebt. Damals kamen etwa 500 bis 700 Flüchtlinge auf Lesbos an. Ein Priester hat als Reaktion darauf die Organisation „Angalia“ gegründet, das bedeutet auf deutsch Umarmung. Diese NGO hat sich um diese Menschen, die vor dem syrischen Bürgerkrieg geflüchtet sind, gekümmert. Das war schon ein deutlicher Anstieg der Flüchtlingszahlen, aber keine dramatische Situation. 2015 ist die Zahl der Flüchtlinge dann regelrecht explodiert. Mehr als eine Million Menschen sind auf Lesbos angekommen. Nur zum Vergleich: Die Insel hat 90.000 Einwohner – und trotzdem gab es keinerlei Ausschreitungen.

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Wie hat sich der Alltag durch die Flüchtlinge verändert?

Zunächst einmal gar nicht so drastisch. Die Flüchtlinge wurden im Camp Moria nördlich der Hauptstadt Mytilini gesammelt und von dort aus sehr rasch mit Schiffen ans Festland gebracht. Das hat man zwar mitbekommen, aber das wurde alles sehr schnell und effizient abgewickelt. Nach dem Erdoğan-Deal von 2016 ist die Zahl der Neuankünfte dann deutlich zurückgegangen, aber viele Flüchtlinge sind im Lager geblieben. Es ist eigentlich erstaunlich, dass die sich all die Jahre fast ausnahmslos ruhig verhalten haben, obwohl die Zustände im Lager immer schlechter wurden. Die wurden da nicht menschenwürdig untergebracht, sondern unter erbärmlichen Umständen gehalten. Man kann das nicht anders sagen.

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Also alles nicht so schlimm, wie von den Medien immer wieder vermittelt wurde?

Die Lage in den letzten fünf Jahren war trotz der Verzweiflung der Leute im Großen und Ganzen in Ordnung. Niemand fand die Situation gut, aber man ist irgendwie damit umgegangen. Die Einheimischen sind sehr tolerant, ich bin mir nicht sicher, ob das in Österreich oder Deutschland so funktioniert hätte. Vermutlich eher nicht. In den letzten Wochen im Februar 2020 hat sich die Situation dann allerdings deutlich verändert. Es sind plötzlich viel mehr Polizisten auf die Insel gekommen. Ich vermute dass diese, wie auch das harte Vorgehen an der Grenze am Evros durch Druck, oder zumindest in Abstimmung mit der EU geschehen und keinesfalls als eigenständige griechische Aktionen. Die neue Linie der im Sommer gewählten konservativen Regierung ist allerdings schon früher deutlich geworden, das erste Mal als Anfang September Flüchtlinge gegen die Zustände im Camp Moria demonstriert haben. Die Polizisten sind drastisch gegen die Demonstranten vorgegangen, mit Tränengas und Gummigeschossen, obwohl kleine Kinder unter den Demonstranten waren. Sowas hätte es vorher nicht gegeben.

Die Polizei geht aber nicht nur gegen die Migranten hart vor.

Das stimmt. Beim Generalstreik letzte Woche sind die Polizisten genauso hart gegen die einheimische Bevölkerung vorgegangen, die friedlich gegen die Errichtung des zweiten Lagers auf der Insel demonstriert haben. Das war für mich und für alle Insulaner ein absoluter Schock. Freunde von mir waren da mit ihren Kindern unterwegs, und die wurden beschossen.

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Die im Sommer gewählte konservative Regierung schlägt einen sehr viel härteren Kurs in der Migrationsfrage ein als die linke Vorgängerregierung. Ist dieses Umlenken nicht dringend notwendig?

Die Pläne der Regierung sehen vor, dass auf der Insel ein neues Lager für bis zu 8.000 Menschen öffnen soll. Noch einmal: Die Insel hat 90.000 Einwohner. Wie soll das funktionieren? Das gibt die Infrastruktur gar nicht her, niemand versteht diese Pläne. Besser wäre es, wenn die EU ein Versorgungszentrum einrichten würde und dann auch richtig auf der Insel investieren würde. Wenn ein neues Krankenhaus gebaut wird, Arbeitsplätze entstehen, dann würde das auch bei der Bevölkerung anders angenommen werden. Außerdem wollte die Regierung auch noch Grundbesitzer enteignen, um das Lager zu bauen. Da hörte es dann komplett auf bei den Leuten hier: Zuerst lasst ihr uns im Stich, dann wollt ihr ein neues Lager bauen und als Zugabe dann auch noch Enteignungen durchführen? Die Wut der Menschen hier richtet sich allein gegen die Regierung, nicht gegen die Migranten.

Was muss stattdessen passieren, um die Situation zu verbessern?

Es ist ganz klar: Es muss ein neues Lager gebaut werden, um die Flüchtlinge menschenwürdig unterzubringen. Aber da sollten auch die Leute hier vor Ort gefragt werden, wie das am besten funktioniert. Das geht jetzt von einem Extrem ins andere. In den letzten Jahren hat man das Chaos toleriert, und jetzt versucht die neue Regierung mit quasi-diktatorischen Methoden, dieses neue Lager durchzudrücken. Das ist die Wahrnehmung der Menschen. Es gibt kaum Informationen, ständig sind neue Gerüchte im Umlauf, das ist alles absolut unbefriedigend.

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Ursprünglich wurde hier von 80.000 Personen statt richtig 8.000 gesprochen. Der Fehler wurde korrigiert, der Artikel am 10. März um 12 Uhr aktualisiert. Wir bedanken uns für den Hinweis.

Viele Griechen, aber auch viele Österreicher und Deutsche sind der Meinung, dass ein Großteil der Menschen, die in die EU wollen, keine Flüchtlinge, sondern Wirtschaftsmigranten sind. Wie sehen Sie das?

Ich kann nur für Lesbos sprechen, aber wenn du siehst, unter welchen Bedingungen die Menschen hierher kommen, wenn du siehst, dass hier Leichen angeschwemmt werden, dann kann ich mir nicht vorstellen, dass die einfach nur hierher kommen, weil die ein besseres Leben wollen. Ich glaube, dass die meisten aus einer großen Not, vor Gewalt oder Krieg fliehen. Ich glaube, dass die sehr harten Reaktionen an der griechisch-türkischen Grenze auch auf den Druck der EU zurückzuführen sind. Flüchtlinge sollen abgeschreckt werden, sich überhaupt auf den Weg zu machen.

Hat Sie die Ankündigung Erdoğans, die „Tore zu öffnen“, überrascht?

Nein, eigentlich nicht. Dass der EU-Türkei-Deal überhaupt vier Jahre gehalten hat, ist aus meiner Sicht überraschend. Ich hab nie geglaubt, dass das Abkommen funktionieren kann, das ist keine dauerhafte Regelung, sondern eine Verschiebung der Probleme. Die EU hat es verschlafen, in der Zeit, die sie sich mit dem Deal erkauft hat, Lösungen zu finden.

Was wünschen Sie sich jetzt von der EU? Sollte sie nicht erneut mit Erdoğan verhandeln, damit die Grenzen schnellstmöglich wieder geschlossen werden?

Nein, meiner Meinung nach gilt hier der alte Grundsatz „Mit Erpressern verhandelt man nicht.“ Erdoğan spielt sein Spiel, er sieht, mit welchen innenpolitischen Problemen Griechenland oder auch Deutschland gerade zu kämpfen haben, und da hinein fällt seine Entscheidung, die Grenzen zu öffnen. Klar muss man der Türkei zugestehen, dass das Land auch mit sehr großen Problemen durch die Flüchtlingssituation zu kämpfen hat. Es ist auch richtig, dass wir der Türkei dabei helfen müssen, diese Probleme in den Griff zu bekommen. Aber nicht durch Erpressung.

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Kommen wir noch einmal zurück auf die Situation auf Lesbos. Welche Perspektiven gibt es für die Insel und ihre Bewohner?

Ich habe in den letzten Tagen und Wochen viel mit unseren Freunden gesprochen. Es gibt schon sehr große Sorgen, wie es mit der Insel weitergeht. Vor der Flüchtlingswelle von 2015 gab es jede Woche 27 Charterflieger, die auf der Insel gelandet sind. Davon sind heute noch genau zwei übrig. Das hat natürlich große Auswirkungen. Dabei würde kaum ein Tourist etwas von den Flüchtlingen mitbekommen, wenn er auf Lesbos Urlaub macht, denn in die Nähe des Camps kommt man normalerweise gar nicht. Die Touristen bleiben ausschließlich wegen der Berichterstattung aus, was ich verstehen kann, aber eigentlich könnte man toll Urlaub auf Lesbos machen. Die NGOs sorgen zwar für eine gute Auslastung in der Hauptstadt, aber das kann die Verluste nicht aufwiegen. Niemand kann sich im Moment vorstellen, dass auch nur ein Unternehmen eine größere Summe auf Lesbos investiert. Dazu ist die Situation hier zu unübersichtlich. Viele fragen sich, wie es für sie und ihre Kinder weitergeht, ob es noch Hoffnung auf Besserung gibt oder ob sie lieber auswandern sollen. In den letzten fünf Jahren ist kaum etwas passiert, wir haben das Gefühl, dass sich niemand wirklich für die Lage auf der Insel interessiert.

Am Dienstagabend wurde bekannt, dass im Camp Moria keine Flüchtlinge mehr aufgenommen werden sollen. Ist das eine gute Nachricht für die Insel?

Das kann ich so nicht eindeutig bejahen. Wenn die Menschen weitertransportiert werden aufs Festland und dort anständig untergebracht werden und die Asylanträge vernünftig bearbeitet werden, wäre es eine gute Nachricht. Sollten hingegen die Menschen einfach alle grundsätzlich abgeschoben werden, verstößt es meiner Meinung nach gegen geltendes EU-Recht und ist dann sicher keine gute Nachricht. 

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04.03.2020

Interview

Dennis Meyer

Dennis Meyer glaubt an die Macht der Bilder und des Wortes. Der Kulturwissenschaftler wurde also Fernsehjournalist. Nach Stationen beim ZDF und bei Spiegel TV zog der Hamburger nach Salzburg. Zunächst arbeitete er als freier Autor und Gestalter, dann in der Redaktion von „Talk im Hangar-7“. Jetzt widmet er sich Reportagen und Dokumentationen über Themen, die bewegen.

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