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Ist die Neue Mittelschule gescheitert?

Der große ideologische Schulstreit zwischen Konservativen und Sozialdemokraten dreht sich seit jeher um die Frage, ob unser Schulsystem genug Raum für Bildungsmobilität lässt, ob also unsere Kinder ausreichend Chancen erhalten, den Bildungsabschluss ihrer Eltern zu übertreffen. Die Sozialdemokraten warfen und werfen den Konservativen vor, dass sie durch eine frühe Selektion die Gymnasien für die eigene Nachkommenschaft geschlossen halten und damit den Aufstieg der Proletarierkinder verhindern wollen, um die „eigene Brut“ vor Konkurrenz zu schützen.

Die Konservativen unterstellen den Sozialisten, wie sie sie noch immer nennen, dass sie durch ihre fixe Idee einer „Gemeinsamen Schule der Zehn bis zu 14-Jährigen“ und die damit verbundene Abschaffung des Gymnasiums einer Nivellierung nach unten das Wort reden. In der Gesamtschule, fürchten sie, würden alle nichts mehr lernen.

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Die beiden einschlägigen Kampfbegriffe lauten „Zwangstagsschule“ und „Gesamtschule“. Ganztägige Schulformen, die noch vor 20 Jahren von der ÖVP wütend bekämpft wurden, gelten heute als wesentliche Voraussetzung für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – also de facto für die Erwerbstätigkeit von Frauen –, und stehen weitgehend außer Streit. Selbst in der ÖVP sind jene, die verlangen, dass Schulkinder ab 13 Uhr von Muttern bekocht, bespielt und betreut werden, inzwischen eine krasse Minderheit.

Was die Gesamtschule betrifft, hat man aus dem „Kalten Krieg“ der früheren Jahre einen improvisierten Dauerfrieden gemacht: Es gibt sowohl das Gymnasium als auch die flächendeckende „Neue Mittelschule“, die ursprünglich dezidiert als Pilotprojekt für die gemeinsame Schule aller bis 14-Jährigen gedacht war und mit diesem Schuljahr die Hauptschule endgültig abgeschafft hat.

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Klingt ein wenig nach Hornberger Schießen und ist auch ein bisschen so. Denn die flächendeckende Einführung der Neuen Mittelschule, die nicht nur das Endziel Gesamtschule hatte, sondern auch dafür sorgen sollte, dass in den Unterstufen mehr Ressourcen, neue Methoden und mehr Kunst und Kultur zum Tragen kommen, war bei weitem nicht der Erfolg, den ihre politische Erfinderin, die seinerzeitige SPÖ-Bildungsministerin Claudia Schmied, angekündigt hat.02 Auch eine positive Auswirkung auf das Integrationsgeschehen hatte man sich von der NMS erwartet. Dass das eher nicht gelungen ist, zeigt das soeben in der Edition QVV erschienene Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer“ der Wiener NMS-Lehrerin Susanne Wiesinger.

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War die Einführung der Neuen Mittelschule nun ein Erfolg, hat sie nichts bewirkt, oder war sie ein Misserfolg? Unser Recherche-Team hat sich durch die – eher spärlich – vorhandenen Zahlen und Daten gewühlt03, mit etlichen Protagonisten des Bildungssystems auf unterschiedlichsten Ebenen gesprochen und sich die gesetzlichen Grundlagen des Systemwechsels noch einmal genau angesehen.

Am auffälligsten ist, wie in vielen anderen Themenbereichen der öffentlichen Verwaltung in Österreich, dass Transparenz und Evidenz nicht besonders groß geschrieben wurden und werden. Evaluierungsmaßnahmen sind Mangelware, und wenn sie schon mal durchgeführt werden, bleibt es zumeist bei Einträgen ins Handbuch des konsequenzenlosen Wissens. Es lassen sich viele interessante Aspekte der schulpolitischen Entwicklung herausarbeiten01, aber für eine abschließende Beantwortung der Frage, ob die Neue Mittelschule und ihre flächendeckende Einführung ein Erfolg sind oder nicht, fehlt es an Daten.

Was es gibt, finden Sie hier. Machen Sie sich selbst ein Bild. 

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