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Gekommen, um wieder zu gehen

Wie viele Schüler schaffen nach Abschluss einer Hauptschule oder Neuen Mittelschule ihr erstes Jahr an einer höherbildenden Schule? Wir haben uns die Dropout-Quoten genauer angesehen, um Rückschlüsse auf das Bildungsniveau zu ziehen.

Daten
12.09.2018

Rund 24.000 Schüler wechseln jedes Jahr von einer Neuen Mittelschule (NMS) oder einer Hauptschule in eine höhere Schule (Oberstufengymnasium oder berufsbildende Schulen) mit Matura-Abschluss. Obwohl das Bildungsniveau von NMS und früheren Hauptschulen mittlerweile auf ähnlichem Niveau sein sollen wie AHS-Unterstufen, zeigen sich doch wesentliche Unterschiede. Das ergibt die Auswertung von exklusivem Zahlenmaterial der Statistik Austria, die eine relativ hohe Dropout-Quote nach der ersten Klasse aufweist.

NMS-Abgänger schneiden schlechter ab

So zeigt sich zusammenfassend, dass insgesamt einer von vier Schülern auf seinem Weg zur Matura schon in der ersten Klasse scheitert. Kommt er aus einer Neuen Mittelschule, ist das frühzeitige Ausscheiden sogar wahrscheinlicher als bei Hauptschulabgängern. Die Visualisierung zeigt den Bildungsweg von über 92.000 Schülern aus den vergangenen vier Jahren. Sie können zusätzlich Ihre Auswahl auf Schultypen (z.B. HAK oder HTL), Stadt oder Land, Schüler mit deutscher oder nichtdeutscher Muttersprache oder das Schuljahr erweitern.

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Während von 100 Hauptschülern 76 in die zweite Klasse aufsteigen, sind es bei Abgängern der Neuen Mittelschule nur 70. „Dass mehr Schüler in eine weiterführende Schule aufsteigen war eines der politischen NMS-Reformziele. Da zuerst eher Brennpunkt-Hauptschulen in Ballungsräumen in NMS umgewandelt wurden, handelt es sich um einen klassischen Selektionseffekt, wenn diese Schüler dann weniger häufig weiterkommen“, sagt Bildungsforscher Stefan Vogtenhuber vom Institut für Höhere Studien (IHS). Das heißt, wer eigentlich aufgrund seiner Leistungen nicht dort sein sollte, muss die Schule dann gezwungenermaßen wieder verlassen. Diese These bestätigen Erzählungen einer Lehrerin, die ihren Namen wie viele andere Gesprächspartner lieber nicht öffentlich nennen möchte.

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„Frust beim Umstieg“

„Es gibt eine große Diskrepanz zwischen den leistungsmäßigen Anforderungen einer Neuen Mittelschule und von weiterführenden höheren Schulen. Es fällt mir schon negativ auf, dass die Fehlergrenzen in den Neuen Mittelschulen so hoch sind und kaum Nicht genügend gegeben werden. Umso größer ist der Frust beim Umstieg in eine höhere Schule“, sagte eine Lehrerin an einer Handelsakademie in einer Bezirkshauptstadt. Die unterschiedlichen Aufstiegsquoten zwischen Stadt und Land sowie nach Alltagssprache der Schüler zeigt diese Grafik im Detail:

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Während also in Großstädten nur sechs von zehn Schülern in die nächste Klasse aufsteigen, sind es in ländlichen Gemeinden acht von zehn. Auch die Umgangssprache der Schüler ist ein großer Einflussfaktor: 58 von 100 Schülern, die im Alltag nicht Deutsch sprechen und davor eine Hauptschule besuchten, schaffen den Aufstieg in die zweite Klasse, aber 78 von 100 der deutschsprachigen Hauptschulkollegen.

Die höhere Ausfallsquote in Großstädten von NMS-Schülern und Hauptschülern hat mehrere Gründe:

  • Schlechtere Durchmischung:
    Während etwa in Wien zwei von drei 14-Jährigen eine Schule mit hoher sozialer Belastung besuchen, sind es in Österreich gesamt weniger als einer von sieben. Wer in der Großstadt gute Leistungen erbringt, geht häufiger in ein Gymnasium. In Wien verteilen sich die 10- bis 14-Jährigen etwa zu gleichen Teilen auf die AHS-Unterstufe und die Neue Mittelschule (2016/17, Statistik Austria Bildungsstatistik). Im ländlichen Raum besuchen hingegen drei von vier Schülern eine Neue Mittelschule, einer von vier eine AHS-Unterstufe. Schüler, die aus einer AHS-Unterstufe kommen, haben in der ersten Klasse einer Schule mit Matura-Abschluss seltener Probleme und steigen häufiger auf.
  • Mildere Benotung:
    Bildungsforscher Michael Bruneforth (Pädagogische Hochschule Tirol) verweist auf Forschung über mildere Benotung in der Stadt: „Schüler am Land bekamen schon vor der NMS-Umstellung schlechtere Noten trotz tendenziell besserer Leistungen. Damit sind größere Hürden zum Zugang zu einer AHS-Oberstufe oder Höheren Schule verbunden. Das ist ein großes Gerechtigkeitsproblem.“
  • Schnellere Verfügbarkeit:
    Weiterführende Schulen sind eher im städtischen Bereich zu finden. Damit verlängert sich für Schüler aus ländlichen Gemeinden der Weg zur Matura auch regional. Deshalb könnte eine Entscheidung am Bildungsweg tendenziell gegen eine Schule mit Matura-Abschluss getroffen werden, weil beispielsweise der Lehrplatz näher liegt.
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Schwieriges erstes HTL-Jahr

Beim Vergleich der Schultypen sticht die HTL hervor. Bei diesem Schultyp ist die Aufstiegsquote von Schülern, die eine andere Muttersprache als Deutsch haben, in der Großstadt nach dem ersten Schuljahr am niedrigsten.

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Weniger als jeder Zweite steigt auf. Das gilt für Abgänger aus der Hauptschule (51 Prozent nicht berechtigt) und Neuen Mittelschule (54 Prozent) in gleichem Maße. Auch auf dem Land und bei Schülern mit Deutsch als Muttersprache ist die HTL einer der Schultypen mit der höchsten Ausfallsquote im ersten Jahr. Eine Erklärung dafür wäre, dass viele der Polytechnischen Schule ausweichen möchten. Es ist oftmals also weniger ein Abbruch, vielmehr ein geplantes Abgehen. IHS-Forscher Stefan Vogtenhuber: „Wenn man es auf eine höhere Schule geschafft hat, steht einem eher die gewünschte Lehrstelle offen als nach einer Polytechnischen Schule. Deren Ruf ist bei Lehrbetrieben oft nicht gut.“

Pflichterfüllung an der HTL

Das bestätigt auch Bildungsforscher Michael Bruneforth: „Viele wollen die Polytechnische Schule vermeiden und melden sich für ihr letztes Pflichtschuljahr daher an einer Höheren Schule an. So überbrücken sie dann die Zeit bis zum Abschluss der 9-jährigen Pflichtschule. Manche bleiben dann, aber für viele ist der Schritt von der neunten auf die zehnte Schulstufe noch einmal ein Moment der Entscheidungsfindung.“ Zudem würden an der HTL im ersten Jahr leistungsschwächere Schüler und jene, die wenig technikaffin sind, stärker aussortiert.

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Mehr NMS-Aufsteiger in Matura-Schulen

Dieses Aussortieren trifft Abgänger der Neuen Mittelschule härter, weil von ihnen auch die Übertrittsquote insgesamt höher ist im Vergleich zur Hauptschule. Das gilt für Stadt und Land unabhängig von der zu Hause gesprochenen Sprache. In diesen Grafiken haben wir die unterschiedlichen Bildungswege der Schüler nach der Neuen Mittelschule und Hauptschule aufgeschlüsselt, über vier Schuljahre ab 2013/14.

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Dass danach aber weniger in die zweite Klasse aufsteigen, relativiert diese Erfolgsbilanz dann aber in jedem dieser Fälle. Und: Wie viele bei der Zentralmatura dann selbst scheitern, ist mit aktuellem Zahlenmaterial noch nicht zu beurteilen. 

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Das Rechercheteam

Danijel Beljan
Team Daten
Stefanie Braunisch
Team Recherche

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

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12.09.2018

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Folgende Artikel gehören zum Projekt 052 Neue Mittelschule

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