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Stadt, Land, Schulabbruch

Einer von zwölf Jugendlichen beendet in Österreich seinen Bildungsweg früh. Dieser Anteil stagniert seit Jahren. Mit der im vergangenen Jahr eingeführten Ausbildungspflicht sollte es jetzt zu einer Trendwende kommen.

Daten
11.09.2018
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Von drei Prozent im Bezirk Tamsweg bis 22 Prozent in Baden: Der Anteil der Jugendlichen mit frühem Ausbildungsabbruch unterscheidet sich in Österreich regional sehr stark. Das geht aus einer langfristigen Analyse der Statistik Austria zum Stichtag Oktober 2015 hervor. Nach dem niederösterreichischen Baden reihen sich zwei Wiener Bezirke im Spitzenfeld der Schulabbrecher ein: Alsergrund und Landstraße mit 22 bzw. 21 Prozent.

Innerhalb Wiens pendelte die Quote zum Teil erheblich: In Liesing etwa gibt es acht Prozent Schulabbrecher, damit liegt der 23. Wiener Gemeindebezirk im österreichischen Bundesdurchschnitt. Am niedrigsten ist der Anteil österreichweit im Bezirk Wels-Land mit 2,9 Prozent – überhaupt ist der Anteil in Oberösterreich tendenziell niedriger. Wie sich der Anteil in Ihrem Bezirk entwickelt hat, sehen Sie in dieser Grafik:

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Dort ist wie auch in Baden ein Zusammenhang mit Jugendlichen, die sich zum Stichtag in Asylzentren befanden, wahrscheinlich. 

Was sind FABA?

Frühe Ausbildungsabbrecher (FABA) sind Personen, die sich nicht mehr in Ausbildung befinden. Sie verfügen über keinen Abschluss über die Pflichtschule hinaus. Auch Jugendliche, die ihre Lehre abgebrochen haben oder die Abschlussprüfung nicht erfolgreich abgeschlossen haben, sind enthalten. Asylwerber, die zum Stichtag noch nicht ins reguläre Schulsystem eingestiegen sind, erhöhen statistisch gesehen die FABA-Quote.

Ausgewertet wird die Anzahl der Schulabbrecher mithilfe der sogenannten FABA-Quote. Sie ist eine Annäherung an ein niedriges Qualifikationsniveau, allerdings nicht vollkommen treffsicher. Sie umfasst beispielsweise Jugendliche, die keinen positiven Hauptschulabschluss erlangen konnten, aber auch jene, die auf dem Weg zur Matura die Ausbildung von sich aus abgebrochen haben und noch keine neue begonnen haben.

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Weniger Bildung, höheres Risiko für Arbeitslosigkeit

Diese Jugendlichen sind in mehrerer Hinsicht gefährdet: Ihr Risiko für Arbeitslosigkeit ist laut Nationalem Bildungsbericht höher, ihre Jobs können – weil wenig wissensintensiv – tendenziell leichter ausgelagert werden, und sie sind eher von sozialer Ausgrenzung bedroht. Weil die Nullerjahre zu den geburtenschwächeren Jahren gezählt haben, wäre auch aus demografischer Sicht das Vermindern früher Bildungsabbrüche ratsam.

Obwohl Faktoren wie Migration oder Arbeitsmarktentwicklung nicht garantiert berechnet werden können, sind bestimmte Trends aus den vorhandenen Daten ersichtlich. So gab es beispielsweise in 26 Bezirken in den Jahren zwischen 2009 und 2015 einen signifikanten Trend hin zu einem niedrigeren Anteil von Schulabbrechern. In 13 Bezirken gab es tendenziell mehr frühe Ausbildungsabbrecher.

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Ursachen für Schulabbruch

Wer sind diese 15- bis 17-jährigen Schüler? Die markantesten Risikofaktoren gehen auf das Elternhaus zurück: Sind Vater und/oder Mutter arbeitslos, kaum qualifiziert oder im Ausland geboren, steigt die Wahrscheinlichkeit, zum Schulabbrecher zu werden. Sind die Eltern arbeitslos, brechen im Vergleich zu Schülern mit arbeitenden Eltern etwas mehr als dreimal so viele Schüler ihre Ausbildung ab.

Der Unterschied zwischen Eltern mit akademischem Abschluss und Eltern mit niedrigem Bildungsstand ist in etwa gleich groß. Zusätzlich spielen auch Faktoren wie die Klassengröße oder die Anzahl der Sonderschulen in einem Bezirk in die Quote hinein. Hohe Schülerzahlen erhöhen auch die Anzahl der Abbrecher, und da in Sonderschulen besonders wenige Schüler einen Abschluss erreichen, erhöhen mehr Sonderschulen pro Bezirk auch die Quote der Abbrecher.

Gleichzeitig erlauben auch die vorhandenen Informationen über Schulabbrecher Rückschlüsse auf deren sozioökonomischen Status und damit auf einzelne Faktoren, in denen Ursachen für das Ausbildungsende gesucht werden können. So spielt wie oben auf der Karte ersichtlich die Erschlossenheit einer Region einen Faktor. In städtischen Gebieten zählt etwas mehr als ein Zehntel aller 15- bis 24-Jährigen zu den Schulabbrechern, in ländlichen Gebieten sind es nur halb so viele.

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Keine detaillierten Daten

Theoretisch wäre es auch möglich, die Anteile früher Ausbildungsabbrecher für jede Neue Mittelschule oder Hauptschule in Österreich zu berechnen – über die Bildungsdokumentation stünden die Daten zur Verfügung.Michael Bruneforth hat die Zahlen für den Nationalen Bildungsbericht 2015 ausgewertet. Der Bildungsforscher der Pädagogischen Hochschule Tirol berichtet von einzelnen Standorten mit einer Abbrecher-Quote von über 50 Prozent in Wien und rät: „Diese Zahlen werden aktuell nicht an die Direktoren der Schule rückgemeldet oder überhaupt regelmäßig ausgewertet. Das sollte verändert werden.“ Eine breitere, Diskussion im Schulwesen wäre geboten, doch werden die Daten der Schulstatistik zu selten für die Schulentwicklung nutzbar gemacht.

Problemschulen und Schulabbruch

Eine genaue Aufschlüsselung der Schulen mit besonders hohen Schulabbruchraten würde zudem dazu führen, dass Eltern ihre Kinder in andere Schulen schicken würden. Politisch wäre dies sicher nicht gerne gesehen, da es bisherigen Studien zufolge die Anzahl der Abbrecher in diesen Schulen weiter erhöhen würde. So stellte beispielsweise die OECD 2012 fest, dass benachteiligte Schulen die sozioökonomisch nachteiligen Ausgangsbedingungen von Schülern verstärken und deren Wahrscheinlichkeit eines Schulabbruchs alleine durch den Besuch einer benachteiligten Schule verstärkt wird. Im internationalen Vergleich hat Österreich in diesem Bereich sogar das Potenzial, überdurchschnittlich viel herauszuholen. Unter anderem, weil es unter benachteiligten und kaum benachteiligten Schülern kaum Durchmischung gibt.

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Neue Mittelschule als Lösungsansatz?

Ebendieses Problem der Durchmischung sollte die Neue Mittelschule angehen und mehr soziales Gefälle innerhalb einzelner Schulen ermöglichen. Dieser Aspekt sollte mehr Chancengleichheit herstellen, doch bisherige Evaluierungen zeigen hier nur bedingt Erfolge02. Da die Neue Mittelschule erst mit dem Schuljahr 2018/19 zur Gänze flächendeckend umgesetzt ist, fassen FABA-Untersuchungen Neue Mittelschulen und Hauptschulen zusammen. Laut Bildungsbericht 2015 besuchte jeder vierte frühe Bildungsabbrecher davor eine Neue Mittelschule oder Hauptschule.

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Allerdings entsteht diese Zahl nicht aus einem Durchschnitt aller Neuen Mittelschulen und Hauptschulen, sondern ist ungleich zwischen diesen verteilt. So hat knapp über ein Fünftel dieser Schulen eine FABA-Quote von über 25 Prozent. Daraus ist ersichtlich, dass es Problemschulen gibt, in denen besonders viele Schüler ihre Ausbildung nicht beenden. Ersichtlich ist das auch, weil in fünf Prozent aller Schüler von Haupt- und Neuen Mittelschulen weniger als die Hälfte der Schüler einen Oberstufenabschluss erreicht.

Große Bundesländerunterschiede

Detaillierte Ursachenforschungen mit genauen Aufschlüsselungen sind dazu nicht vorhanden, entscheidend dürften allerdings Mathematikleistungen, der Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund – und häufig in Folge mangelnden Sprachkenntnissen – sowie der Sozialstatus sein. Besonders in der Auswertung der Mathematikleistungen gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern. In Nieder- und Oberösterreich sind sie besonders hoch, im Gegenzug zeigen viele der Schulen mit besseren Ergebnissen niedrigere FABA-Quoten.

Der Besuch einer Haupt- oder Neuen Mittelschule wirkt sich allerdings nicht nur in der Schulabbruchstatistik der Pflichtformen aus, sondern auch in Oberstufenformen. Auch dort brechen weniger Schüler nach der AHS-Unterstufe ab als Schüler aus Hauptschulen oder Neuen Mittelschulen.

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der auf Bildungs- und Berufsstatus der Eltern zurückzuführen ist

Ein (Bildungs-)Leben nach dem Schulabbruch

Ein Schulabbruch bedeutet allerdings nicht unbedingt ein Ende des Bildungswegs. Im Oktober 2015 hatten 21.097 Jugendliche ihre Ausbildung früh abgebrochen. Das ist etwa jeder zwölfte 15- bis 17-Jährige. Eine spezielle Verlaufsanalyse der Statistik Austria erlaubt es, den Weg der Abbrecher nachzuzeichnen. Aus dieser Statistik geht hervor, dass mehr als die Hälfte (57 Prozent) auch eineinhalb Jahre später keiner Ausbildung nachgingen. Zurück in eine Bildungslaufbahn hat es etwa jeder Fünfte (22 Prozent) geschafft. Einen Job hatte jeder Elfte (9 Prozent) – mehr waren allerdings beim Arbeitsmarktservice als arbeitssuchend oder in einer Schulung (12 Prozent) gemeldet.

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Das soll durch die Ausbildungspflicht geändert werden. Sie ist der Nachfolger der Bildungsgarantie und gilt für alle Schüler, die seit dem Schuljahr 2016/17 einen Pflichtschulabschluss gemacht haben oder machen werden – mit dem Ziel, dass Jugendliche nicht mit einem Pflichtschulabschluss ohne weiterführende Ausbildung auf den Arbeitsmarkt entlassen werden, da diese für ihr gesamtes Leben ein erhöhtes Arbeitslosigkeitsrisiko haben. So müssen Jugendliche in Zukunft bis zumindest zu ihrem 18. Geburtstag eine weiterführende Ausbildung absolvieren. Schulabbrüche müssen künftig gemeldet werden, beginnt ein Jugendlicher innerhalb von vier Monaten keine andere Ausbildung, fragt das Amt nach, warum. Verweigern Jugendliche oder Eltern dann zumindest eine Berufsorientierungsberatung oder eine weitere Ausbildung, kann es auch zu Strafen kommen.

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Ausbildungspflicht gegen Arbeitslosigkeit

Da es die Ausbildungspflicht abgesehen von den Strafen schon seit einem Jahr gibt, sind auch schon erste Erkenntnisse verfügbar. So geht man davon aus, jetzt auch Jugendliche zu erreichen, die möglicherweise am Schulbesuch gehindert worden waren oder minderqualifiziert auf dem Arbeitsmarkt gelandet sind. Die Meldepflicht vereinfacht dabei den Zugang zu Schulabbrechern, sie können so einfacher in das Bildungssystem zurückgeholt werden.

Beim Arbeitsmarktservice wird allerdings kritisiert, dass Schulen sich nicht ausreichend mit Rückholaktionen um ihre Schüler bemühen. Gleichzeitig beraten Mitarbeiter des AMS mittlerweile regelmäßig potenzielle Schulabbrecher schon in der Schule. So soll einerseits das Risiko eines Schulabbruchs verhindert werden, sollte dieser aber unumgänglich sein, werden rechtzeitig Alternativen angeboten. Auch nach einem Schulabbruch ist die Beratung einer der Kernaspekte der Ausbildungspflicht. Denn wenn Schulabbrecher viele unterschiedliche Ausbildungen anfangen und wieder abbrechen, erhöht es ebenso das Risiko, wieder in der Arbeitslosigkeit zu enden.

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Gegen Orientierungslosigkeit

Werden Berufsbilder schon früh in der Schule vermittelt, fällt es Jugendlichen leichter, sich einen konkreten Arbeitsalltag vorzustellen. Auch ohne Entscheidung für eine spätere Karriere helfen diese Maßnahmen, Jugendliche in der Schule zu behalten, da realistischere Vorbilder und Ziele vorhanden sind.

Allerdings muss die Berufsorientierung in der Schule gut umgesetzt werden, nur dann wird das Interesse von Jugendlichen geweckt. So nutzen eher Jugendliche, die sich bereits im Unterricht ausführlich mit ihrer Zukunft auseinandersetzten, private Orientierungsangebote. Diejenigen, die in der Schule nur schlecht informiert wurden, verzichten darauf und haben später eine höhere Wahrscheinlichkeit, die Schule abzubrechen. Dagegen hilft bisher hauptsächlich eine personalisierte Beratung.

Insgesamt soll die Ausbildungspflicht Schulabbrecher wenn nicht in eine andere Schule, über das AMS in eine Lehre oder andere Ausbildung bringen. Eindeutige Auswirkungen wird sie aber besonders in einem Bereich haben: der Statistik. Denn die 57 Prozent, die nicht erfasst sind, dürfte es dank der Meldepflicht dann nicht mehr geben. 

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11.09.2018

Das Rechercheteam

Stefanie Braunisch
Team Recherche

Stefanie Braunisch ist neugierig. Während des Journalismusstudiums an der FH Wien hat sie begonnen, im Kulturbereich journalistische Erfahrungen zu sammeln, dann hat die Neugierde doch gewonnen. In Folge hat sie zwei Jahre bei Dossier gearbeitet und versucht, alles mögliche über den Staat, Funktionsweisen und vor allem Steuergeldverschwendung herauszufinden. Jetzt ist sie investigativ für Addendum unterwegs.

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

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