Über eine Melange zum Treffpunktleiter:
Wie ich von Identitären rekrutiert wurde

Seit der Spende des Christchurch-Attentäters an den Identitären-Chef Martin Sellner ist es in der rechten Szene ruhiger geworden. Doch die Rekrutierung der nächsten Generation Rechtsextremer läuft. Wer die „richtige“ Einstellung hat, steigt schnell auf. Ein Selbstversuch.

12.01.2020

Es ist ein Freitag im November, kurz nach 11 Uhr, als ich das Alser Cafe im 8. Bezirk betrete. „Sitze wenn du reinkommst rechts“, schreibt mir Philipp Huemer noch Minuten zuvor, und ich muss schmunzeln. Der Sprecher der Identitären Bewegung Österreich (IBÖ) hatte mein rechtes Twitter-Alter-Ego „Johannes“ Anfang der Woche kontaktiert:

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Durch ein paar Likes, Retweets und ideologisch passende Kommentare wurde die rechte Szene auf Twitter auf mich aufmerksam. Es war mein Einstieg ins rechte Milieu. Mittlerweile zählt Johannes unter anderem bekannte Rechte wie Martin Sellner zu seinen Followern.

Huemer trägt eine Trainingsjacke von Ellesse, eine Casio Sportuhr und einen stolzen, dicken Schnurrbart. Er kommt gerade von einer Baustelle. Die IBÖ renoviert seit ungefähr zwei Jahren ein Haus in Wien, welches in Zukunft als Gemeinschaftszentrum dienen soll.

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Im rechten Lager ist es ruhiger

Seit mehreren Wochen recherchiere ich in verschiedenen Onlinemilieus der deutschsprachigen neurechten Szene. Ich klicke mich täglich durch unzählige Videos, Tweets, Chatgruppen und Onlineartikel der neuen „freien“ Medienhäuser wie Info-Direkt und höre mir an, was Influencer der rechten Szene zu sagen haben. Was auffällt: Nachdem bekannt wurde, dass der Christchurch-Attentäter an den Identitären-Chef Martin Sellner spendete und öffentlich über ein Verbot der Gruppierung diskutiert wurde, ist es im rechten Lager ruhiger geworden.

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„Bis zur Unberührbarkeit kontaminiert“

Auf der Suche nach den von rechten verwendeten Kommunikationstools wie „Discord“, sowie den Foren auf „4chan“, im Internet bekannt als quasi gesetzlose Zone, werde ich enttäuscht. Weder finden öffentliche Treffen statt noch existiert der Discord Server der Trollfabrik Reconquista Germanica, die in der Vergangenheit immer wieder durch Hassangriffe für Aufsehen gesorgt hatte. Meine Beobachtungen werden von Identitären-Sprecher Huemer bestätigt. Die Reconquista Germanica hat sich aufgelöst, nachdem der Verfassungsschutz auf sie aufmerksam wurde, die Identitäre Bewegung Deutschland wird von Götz Kubitschek, Gründer des „Instituts für Staatspolitik“ und selbst eine zentrale Figur der Neuen Rechten, für „bis zur Unberührbarkeit kontaminiert“ erklärt, und die Identitäre Bewegung Österreich durchläuft einen Prozess der Dezentralisierung und Regionalisierung. Und sie kämpft mit den Folgen des Christchurch-Attentats.

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Finanzierung wird zum Problem

Seit dem terroristischen Attentat auf zwei Moscheen in Neuseeland im März 2019 und der Spende des Attentäters an IBÖ-Chef Sellner ist es für die Gruppierung durch zahlreiche Kontensperrungen von den meisten Finanzinstituten und Online-Anbietern wie PayPal oder Patreon schwer geworden, an Geld zu kommen. Entsprechend niedergeschlagen gibt sich Philipp Huemer, der als bezahlter Sprecher der IBÖ seinen Lebensunterhalt eine Zeit lang unter anderem damit verdiente, die Finanzierung durch Spendensammlung von größeren und kleineren Unterstützern sicherzustellen. Es sei schwer, Geld zu sammeln, wenn man mit Kryptowährung arbeiten müsse und generell keine Bankverbindung bereitstellen könne. Die einzig verfügbare Verbindung ginge noch über eine ungarische Bank. Die Tatsache, dass nach einer Kontosperrung das Geld jedes Mal erst nach einer gewissen Zeit wieder verfügbar sei, mache die Aufgabe zunehmend unausführbar.

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Aufbau der nächsten Identitären-Generation

Das derzeitige politische Klima erlaube es zusätzlich nicht, effektiven Aktivismus zu betreiben, wie es im Nachhall der Flüchtlingskrise möglich war. „Wir sind damals auf einer Welle geritten, die es heute nicht mehr gibt“, sagt Huemer. „Jetzt geht es für mich vor allem darum, Strukturen aufzubauen und Vorarbeit zu leisten für die nächste Generation identitärer Aktivisten.“ Gemeint ist damit auch die neu gegründete Bürgerbewegung „Die Österreicher – DO5“.

Als Huemer mit 18 Jahren zu den Identitären stieß, mussten er und seine Mitstreiter jegliche Hilfen selbst aufbauen und erwerben. Für die nächste „Welle“ soll dies schon bereitstehen. Die Identitären in Wien haben ein Semesterprogramm für junge Menschen unter 30. Es werden wöchentlich aufbauende Schulungen angeboten, welche allerdings nicht für Quereinsteiger gedacht sind. In diesem Durchgang seien es knapp 15 Teilnehmer, im letzten Semester waren es Huemer zufolge doppelt so viele.

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Ich habe auch nichts Persönliches gegen Einwanderer, manchmal beneide ich sie sogar um ihr Gemeinschaftsleben.

Boxen neben Tschetschenen

Huemer hätte mich auch zum sonntäglichen Boxtraining eingeladen. Denn körperliche Ertüchtigung und Kampfsport haben hohe Priorität. Er selbst betätigt sich schon jahrelang als Boxer und trainiert seine Muskeln in einem Wiener Fitnessstudio, neben Jugendlichen mit Migrationshintergrund. „Ich habe auch nichts Persönliches gegen Einwanderer, manchmal beneide ich sie sogar um ihr Gemeinschaftsleben. Die Österreicher in meinem Studio sind isoliert, die Tschetschenen trainieren gemeinsam. Es geht ums System.“ Wir sind beim Thema angelangt – dem Großen Austausch.

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Der „Große Austausch“ ist eine Verschwörungstheorie der Neuen Rechten. Die Theorie besagt, dass „weiße“, „europäische“ und „einheimische“ Volksgruppen auf kultureller und ethnischer Ebene gezielt durch Migration und das schnellere Bevölkerungswachstum von Minderheiten ausgetauscht und somit „fremd im eigenen Land“ gemacht werden. Die Argumentation stützt sich häufig auf zweifelhafte Demografieprognosen und monokausale Erklärungen für komplexe Probleme von Integration und Migration. Für die Verbreitung der Theorie wird in verschiedenem Maß auf ein Krisennarrativ zu den Themen „Verschwörung“, „Dystopie“, „Existenzbedrohung“, „Unreinheit“ und „Apokalypse“ gesetzt. Krisennarrative wirken im Kern von Extremismus; sie befeuern den Prozess der Selbstidentifikation mit der „Eigengruppe“ und verbinden die Probleme dieser mit der Existenz der „Fremdgruppe“.

Inhaltliche Arbeit statt Demos

Um glaubwürdig zu wirken, hatte ich mir in den Tagen vor dem Treffen eine klare ideologische Position überlegt. Als angeblicher Gegner des konzentrierten Großkapitals und radikalen Individualismus bezweifele ich, ob der Sozialstaat in einer „durchmischten“ Gesellschaft wegen fehlender Solidarität die nötige Schlagkraft entwickeln kann, um sich den Grauen des Kapitalismus zu widersetzen, und imstande ist, eine degenerierende „Marktgesellschaft“ vor sich selbst zu retten. Meine zurechtgelegte ideologische Überzeugung hält und stößt auf klare Zustimmung.

Kulturkritik der Moderne, wie sie oft in neomarxistischen Kreisen auftaucht, findet auch durch rechte französische Publizisten wie Alain de Benoist in neurechtem Gedankengut großen Anklang. Huemer selbst plant, sich durch einen Podcast oder Videoblog öffentlich mit neurechten Inhalten auseinanderzusetzen. Inhaltliche und strukturelle Arbeit sollen in Zeiten von unvorteilhaftem politischem Klima vorgezogen werden.

Mein Wissen über Kulturkritik scheint zu überzeugen. Ich werde prompt eingeladen, bei einem Identitären-Treffen selbst einen Vortrag zu halten, lehne aber lächelnd ab. Ich sei noch nicht so weit. Huemer nickt. Einige andere anonyme Twittertrolle wie Johannes, die er kontaktiert hatte, lehnten seine Einladung zu einem ersten persönlichen Treffen schon ab. Der Rekrutierungsversuch von mir, oder besser gesagt Johannes, war also keine Ausnahme. Im Gegensatz zu früher werden Gemeinschaftsabende mit Vorträgen, Diskussionen und Filmvorstellungen nun abseits der Öffentlichkeit organisiert. Es gibt Bier und Club-Mate um zwei Euro.

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Bürgertreffpunktleiter der neuen Rechtsbewegung

Die Aktivisten der Identitären erweitern ihr Netzwerk an Organisationen, auch um möglichst breit die „neue Generation“, wie sie es nennen, zu rekrutieren und aufzubauen. Martin Sellner baut an seiner Mitmachbewegung „Die Österreicher DO5“, Huemer ist neben den geschwächten Identitären in Wien mit seiner neu gegründeten akademischen Verbindung „Eisen zu Wien“ beschäftigt. Der Personalmangel scheint groß zu sein. Mit relativ wenig Aufwand und ohne Skepsis schaffe ich es mit meiner Fake-Identität als Johannes, Einblicke und Einladungen zu bekommen. Zuletzt war es eine Offerte zu einem Vortrag mit dem Titel „Unser Ursprung: Archäogenetik Europas“.

Im Rahmen dieser Einblicke stoße ich auch auf den Kommunikationskanal von Martin Sellners neuem Projekt „DO5“, einige Monate bevor die neue Bewegung an die Öffentlichkeit geht. Eine einfache Nachricht genügt, um zum Bürgertreffpunktleiter aufzusteigen: „hey martin, bitte füge mich zur landesgruppe wien hinzu! LG danke!“

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Wenige Tage, bevor der Onlineauftritt der „Österreicher“ freigeschaltet wird, nehme ich an der wohl finalen Koordinierungsrunde rund um Martin Sellner teil. Als ich jedoch dem Sprachkanal beitrete, höre ich nach wenigen Sekunden „Wer ist Johannes Z?“. Unglücklicherweise funktioniert mein Mikrofon nicht und ich kann mich der Gruppe nicht schnell genug vorstellen. Kurzerhand wird beschlossen, auf einen geschlossenen Kanal der Bundesleitung zu wechseln. „Nichts gegen dich Johannes, aber wir müssen noch Sachen bezüglich der Website besprechen, ohne dass jeder mithören kann.“ Hiermit endet mein Zugang zur Führungsebene. Zu einem intensiveren Engagement in der neurechten Szene war ich als „Johannes“ nicht bereit. Auch um meine wahre Identität zu schützen. 

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12.01.2020

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