„Physische und psychische Gewalt“: Niederösterreich schließt Betreuungsverein für Jugendliche

Die „Therapeutischen Gemeinschaften“ stehen seit Monaten unter Aufsicht, weil Minderjährige misshandelt worden sein sollen. Jetzt hat das Land ihnen die Bewilligung entzogen – und alle Jugendlichen abgeholt.

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08.03.2018
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Im Grunde ist es für uns gelaufen“, schreibt die Pressesprecherin der „Therapeutischen Gemeinschaften“ in einer Stellungnahme an Addendum – sehr wahrscheinlich wird der Verein, der an drei Standorten in Niederösterreich zuletzt mit 90 Mitarbeitern im Auftrag des Landes rund 20 Kinder und Jugendliche betreut hat, nächste Woche Insolvenz anmelden. „Das alles mit Rechtsmitteln zu bekämpfen, erfordert finanzielle Mittel, die wir nicht haben“, so die Sprecherin.

„Das alles“ meint konkret drei Bescheide des Landes Niederösterreich, die dem Verein am Mittwoch um sieben Uhr früh zugestellt worden sind – nur Minuten, bevor Polizisten, Psychologen und andere Beamte des Landes in Ebenfurth, Sitzendorf an der Schmida und in Jaidhof auftauchten, um die betreuten Minderjährigen abzuholen.

In den Bescheiden, die Addendum vorliegen, wird vor allem argumentiert, dass die Betreuung durch den Verein „nicht mehr dem Kindswohl entspricht“, Kinder und Jugendliche seien „psychischer und physischer Gewalt“ ausgesetzt gewesen. Darüber hinaus sei ungeeignetes Personal eingesetzt worden – und der Betreuungsschlüssel habe auch nicht gepasst.

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Aus den Bescheiden des Landes Niederösterreich zur Schließung der „Therapeutischen Gemeinschaften“.

Sonderkommission ermittelte

Diese Erkenntnisse sind das Ergebnis eines Berichts einer vom zuständigen Landesrat Franz Schnabl eingesetzten Sonderkommission, die in den vergangenen Monaten Missbrauchsvorwürfen in den Therapeutischen Gemeinschaften nachgegangen ist.

Der Verein, der nun vor dem Ende jahrzehntelanger Betreuungsarbeit steht, kritisiert, er habe keine Gelegenheit gehabt, zu dem Bericht Stellung zu nehmen. Die Bescheide seien nun „ohne jegliches Beweisverfahren ergangen“, in einer „Nacht und Nebel“-Aktion sei das Wohl der Kinder und Jugendlichen völlig außer Acht gelassen worden.

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In einer Pressemitteilung kritisiert TG-Geschäftsführer Hermann Radler außerdem noch die Unvereinbarkeit in der Besetzung der Rechtsanwältin Simone Metz als unabhängige Leitung der Sonderkommission des Landes: „Nachweisbar hat Frau Dr. Metz bis zur ihrer Ernennung die rechtlichen Interessen von Herrn Thomas Laggner vertreten. Herr Laggner war Hauptbeteiligter bei den Anschuldigungen gegen die TG. Erst mit Übernahme der Funktion in der Sonderkommission hat Frau Dr. Metz dieses Mandat zurückgelegt. Uns liegt ein Schreiben vor, das beweist, dass Frau Dr. Metz noch am 29.11.2017 die Interessen von Herrn Laggner vertreten hat.“ In einer aktuellen Pressekonferenz erklärt Metz auf Nachfrage: „Die Namen meiner Klienten unterliegen der anwaltlichen Schweigepflicht.“ Sie versicherte, die Kommission habe ihre Aufgabe objektiv und unabhängig wahrgenommen.

Die Staatsanwaltschaft ermittelt weiter. Addendum hat die Situation in den Therapeutischen Gemeinschaften in der Reportage „Ausgeliefert – Jugendliche in Wohneinrichtungen“ im Jänner nachgezeichnet:

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