loading...
Islamophobie-Bericht: Denunziation mit EU-Geld?
11. Dezember 2019 News Lesezeit 3 min
Im Europäischen Islamophobie-Bericht werden seriöse Islamkritiker mit Rechtsradikalen in einen Topf geworfen. Die EU unterstützt den Bericht mit 126.951 Euro. In einem Offenen Brief an die EU-Kommission fordern zahlreiche Wissenschaftler ein Ende der finanziellen Förderung.
Bild: laPresse | EXPA

Horst Seehofer (CSU), Herbert Kickl (FPÖ), Matteo Salvini (Lega) Hand in Hand vereint. Mit diesem Foto der lächelnden (Ex-)Innenminister beginnt der kürzlich veröffentlichte „Europäische Islamophobie-Report“. Gefördert wird der Bericht durch das EU-Programm „Zivilgesellschaftlicher Dialog zwischen der EU und der Türkei“ mit 126.951 Euro. Empfänger der Gelder und Auftraggeber des Berichts ist das türkische SETA-Institut, das als Erdoğan-nahe gilt.

125 Seiten sind der Situation in Österreich gewidmet. Der Salzburger Politologe, Farid Hafez, Herausgeber des Berichts und Autor des Österreich-Kapitels, kommt dort zu dem Schluss, dass die „Entmenschlichung von MuslimInnen als zentrales Charakteristikum von anti-muslimischem Rassismus (…) im öffentlichen Sprechen noch deutlicher zutage getreten“ ist. Begründet wird dies unter anderem mit der Einführung von „islamophoben Gesetzen“, wie dem Kopftuchverbot in Kindergärten, oder antimuslimischen Schmierereien in der Öffentlichkeit.

0
Kommentare
Kommentieren
Farid Hafez
Politikwissenschaftler
Der Politikwissenschaftler ist seit 2016 Herausgeber des Europäischen Islamophobie-Berichts. Er lehrt an der Universität Salzburg.

Als „islamophob“ gilt in den Augen von Farid Hafez auch, wer sich für ein Kopftuchverbot an Schulen ausspricht, beim Österreichischen Integrationsfonds auftritt oder Bücher verfasst, die sich kritisch mit islamischen Einflüssen auseinandersetzen. Zu den im Bericht als „islamophob“ bezeichneten Personen gehören beispielsweise die liberale Berliner Imamin Seyran Ateş, der Theologe Mouhanad Khorchide, der sich seit Jahren für einen aufgeklärten Islam einsetzt, die Islamforscherin Susanne Schröter, der Historiker Heiko Heinisch, die Politologin Nina Scholz, die Lehrerin Susanne Wiesinger, der Soziologe Kenan Güngor und auch der ehemalige österreichischer Botschafter in Tunesien, Gerhard Weinberger, weil er ein kritisches Buch über den Koran verfasst hat.

0
Kommentare
Kommentieren

Die als „islamophob“ Bezeichneten fordern nun in einem Brief an die neue EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die Zusammenarbeit und finanzielle Förderung mit türkischen Organisationen einzustellen, die das Ziel verfolgen, „Bürgerinnen und Bürger Europas, die sich öffentlich und kritisch mit der türkischen Regierungspolitik und politisch-islamischen Strömungen in Europa beschäftigen, in regelmäßigen Denunziationsberichten öffentlich anzuprangern“.

0
Kommentare
Kommentieren

Die Unterzeichner kritisieren, dass verschiedene Persönlichkeiten völlig undifferenziert als „islamophobe“ Vertreter und Beförderer eines „antimuslimischen Rassismus“ dargestellt werden und in einen Topf mit Rechtsradikalen und Rassisten geworfen werden. Der Bericht verfolge das Ziel, „jede kritische öffentliche Beschäftigung mit dem Islam und islamistischen Strömungen hintanzuhalten, zu verhindern oder jedenfalls zu diskreditieren“.

Die für den „Islamophobie-Bericht“ verantwortliche SETA-Stiftung sehen sie als den verlängerten Arm des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan. Dieser gehe es nicht um einen zivilgesellschaftlichen Dialog mit Europa, sondern um die Verlautbarung der Regierungslinie und der öffentlichen Diffamierung von Gegnern. Der Sprecher von Erdoğan, der Theologe İbrahim Kalın, ist der Gründungsdirektor der SETA-Stiftung.

Zensur statt Debatte?

Dass die EU diese Stiftung und ihre Publikationen finanziell fördere, halten die Unterzeichner für demokratiepolitisch gefährlich. Den Versuch, jede kritische Auseinandersetzung mit dem (politischen) Islam als „islamophob“ zu diskreditieren und einen offenen Diskurs darüber zu verhindern, sehen sie als Zensur. Diese dürfe nicht länger mit europäischem Steuergeld gefördert werden.

Ein weiterer Vorwurf bezieht sich auf die mangelnde Wissenschaftlichkeit des Berichts. Der Islamophobie-Report sei weder eine quantitative noch eine qualitative Studie, da der Herausgeber weder die angewandten Methoden erläutert noch die Kriterien für die Auswahl der antimuslimischen Fälle definiert.

Addendum hätte von Farid Hafez, Herausgeber des Islamophobie-Berichts, gern erfahren, inwiefern dieser Bericht, wie von der EU vorgesehen, den zivilgesellschaftlichen Dialog fördert oder welche Kriterien er verwendet, um jemanden als „islamophob“ darzustellen. Unsere Anfrage blieb unbeantwortet. 

0
Kommentare
Kommentieren
loading...
Die Redaktion von Addendum hat mit 15. September 2020 ihren Betrieb eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch diese Website letztmalig aktualisiert. Hier finden Sie das vollständige Archiv unserer Rechercheprojekte.
Wir bitten um Ihr Verständnis, dass manche Funktionen auf manchen Endgeräten nicht mehr verfügbar sind.

Das Addendum-Team, September 2020