Bahn-Inspektoren: Warum ÖBBler immer noch die ÖBB prüfen dürfen

Elf Arbeitsinspektoren kümmern sich im Sozialministerium um die Bundesbahnen und deren Konkurrenten. Es sind ÖBB-Bedienstete, die ans Ministerium verborgt wurden – was aus Befangenheitsgründen nur ausnahmsweise erlaubt ist. Dennoch gibt es diese Regelung schon seit 24 Jahren. Einzementiert hat sie SPÖ-Minister Rudolf Hundstorfer – mit einem umstrittenen Bescheid, der Addendum vorliegt.  

03.07.2018
Artikel zum Anhören
  • Die ÖBB-Leiharbeiter fanden 2016 bei den ÖBB zumindest 75-mal weniger Übertretungen pro Kontrolle als bei Nicht-ÖBB-Betrieben
  • Die Zahl der Prüfungen und Beratungen liegt deutlich unter dem Durchschnitt
  • Pro Kopf kosten die ÖBB-Inspektoren das Verkehrsministerium 90.000 Euro im Jahr
  • Versuche, die Macht des „Verkehrsarbeitsinspektorats“ zu mindern, blieben erfolglos

Seit 1994 sind ÖBB-Mitarbeiter als Arbeitsinspektoren für den Eisenbahnbereich im Einsatz. Es handelt sich dabei um Leihkräfte, die von den Bundesbahnen dem jeweiligen Ministerium zur Verfügung gestellt werden. Ursprünglich war das Verkehrsministerium zuständig. 2012 kam es jedoch zu einer großen Veränderung. Das „Verkehrsarbeitsinspektorat“, wie es im Beamtendeutsch heißt, wechselte ins Sozialministerium.

icon-bubble

Top Kommentar

Die permanente Ausnahme von der Regel

Zu diesem Zeitpunkt war die Realität im österreichischen Eisenbahnsektor eine völlig andere als 1994. Den ÖBB war – zumindest auf einzelnen Strecken – bereits ernsthafte Konkurrenz erwachsen. Mögliches Befangenheitspotenzial bestand nicht mehr nur darin, dass verliehene ÖBBler den eigenen Konzern vielleicht nicht ganz so streng prüfen könnten. Nun stellte sich auch die Frage, ob sie bei privaten Mitbewerbern dieselben Maßstäbe anlegen würden.

icon-bubble

Top Kommentar

Diese Sorgen teilte Rudolf Hundstorfer offenbar nicht. Anstatt die Regelung zu beenden oder zumindest zu befristen, zementierte er sie ein. Am 13. Juni 2012 erließ der damalige Sozialminister einen vier Seiten langen Bescheid. Es ging um zwölf ÖBB-Mitarbeiter, die als Leih-Arbeitsinspektoren vom Verkehrsministerium übernommen wurden. Der Bescheid, der Addendum exklusiv vorliegt, macht zumindest drei Dinge deutlich: Es handelt sich eigentlich um eine Ausnahme. Nicht alle entscheidenden Punkte werden eindeutig geklärt. Und die Konstruktion steht rechtlich auf tönernen Füßen.

icon-bubble

Top Kommentar

Faksimile: Der vierseitige Bescheid des damaligen Ministers Rudolf Hundstorfer
Faksimile: Der vierseitige Bescheid des damaligen Ministers Rudolf Hundstorfer
Faksimile: Der vierseitige Bescheid des damaligen Ministers Rudolf Hundstorfer
Faksimile: Der vierseitige Bescheid des damaligen Ministers Rudolf Hundstorfer

Hundstorfer: „Alte Verträge übernommen“

Addendum hat bei Hundstorfer nachgefragt. Im Gespräch mit Addendum argumentiert der ehemalige Minister dahingehend, dass es ihm damals nur darum ging, die Arbeitsinspektorate in einer Hand zusammenzuführen, und man deshalb alle alten Verträge aus dem BMVIT – also dem Verkehrsministerium – übernommen habe. Man hätte keine anderen Mitarbeiter gehabt. Mehr könne er im Jahr 2018 nicht über Dinge, die im Jahr 2012 passiert sind, sagen.

icon-bubble

Top Kommentar

Eigentlich rechtlich nicht vorgesehen

Dabei gibt es über den bewussten Bescheid noch einiges zu sagen. Dass es alles andere als selbstverständlich ist, wenn ÖBBler die ÖBB prüfen, geht nämlich bereits aus der zweiten Seite hervor. Dort heißt es:

icon-bubble

Top Kommentar

Gemäß § 18 Abs. 3 letzter Satz ArbIG dürfen Arbeitsinspektionsorgane nicht in einem Arbeitsverhältnis stehen, das gemäß § 1 ArbIG in den Wirkungsbereich der Arbeitsinspektion fällt.

Um es – ohne Paragrafen – mit einer Analogie aus dem Volksmund zu formulieren: Der Hund darf nicht auf die Wurst aufpassen.

Dann kommt jedoch das große Aber:

icon-bubble

Top Kommentar

Gemäß § 18 Abs. 4 ArbIG kann der Bundesminister für Arbeit, Soziales und Konsumentenschutz im Interesse der Wahrnehmung des Arbeitnehmerschutzes unter Bedachtnahme auf dienstrechtliche Vorschriften im Einzelfall eine Ausnahme von den Vorschriften des Abs. 3 bewilligen.

Das bedeutet: Wenn sich sonst niemand mit der Bahn auskennt, muss man eben auf das Know-how der ÖBB zurückgreifen – wenn nötig, in zwölf Einzelfällen.

Was ist das Verkehrs-Arbeitsinspektorat eigentlich?

Das Kompetenzzentrum Verkehrsarbeitsinspektorat ist eine eigenständige Gruppe in der Sektion VII des Sozialministeriums und ist für Arbeitnehmerschutz im Verkehrswesen zuständig. Es existiert damit parallel zu den allgemeinen Arbeitsinspektoraten und ist im Gegensatz zu den allgemeinen Arbeitsinspektoraten nur für einige wenige Branchen im Verkehrswesen zuständig. Das Verkehrsarbeitsinspektorat ist in zwei weitere Gruppen unterteilt: Abteilung 11 (Schienenbahnen) und Abteilung 12 (Luftfahrt, Schifffahrt, Seilbahnen). Elf der zwölf von den ÖBB verliehenen Arbeitskräfte sind in der Abteilung 11 (Schienenbahnen) als Arbeitsinspektoren tätig. Der Großteil ihrer Tätigkeit betrifft die ÖBB (laut Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Neos etwa 80 Prozent).

Rechtfertigungsnotstand?

Ganz so klar scheint die gesetzliche Zulässigkeit für die Ausnahmeregelung in diesem Fall allerdings nicht zu sein. Im Bescheid wird ausführlich eine maßgebliche rechtliche Erläuterung zitiert, in der es um Arbeitsinspektionsärzte geht, die aber offenbar auch hier anwendbar ist:

icon-bubble

Top Kommentar

Die Anwendung der Ausnahmebestimmung muss also im Interesse der Einrichtung Arbeitsinspektion erfolgen, also insbesondere von dem Ziel getragen werden, den Wirkungsgrad der Arbeitsinspektion dadurch erhöhen zu können. Am Prinzip der vollkommenen Unabhängigkeit und Unparteilichkeit der Arbeitsinspektion darf sich hierdurch jedoch nichts ändern. Im Hinblick darauf wird der Arzt als Organ der Arbeitsinspektion nicht Amtshandlungen setzen können, die z. B. nur die Krankenanstalt betreffen, deren ärztlicher Leiter er ist oder in der er als unselbstständiger Arzt tätig ist.

Es reicht der Anschein

Ein Arzt darf nicht amtshandeln, wenn es nur sein eigenes Krankenhaus betrifft, ein ÖBBler aber schon, wenn es die ÖBB betrifft? Möglicherweise versucht man dieses Problem dadurch zu umgehen, dass die Leihkräfte aus drei verschiedenen ÖBB-Teilunternehmen stammen und nicht direkt in diesen eingesetzt werden. Selbst dann geht es freilich immer noch um den ÖBB-Konzern. Betont sei, dass das Gesetz nicht nur unmittelbare Einflussnahme auf die Arbeitsinspektoren verhindern will, sondern bereits jeden Anschein einer Befangenheit. In Hundstorfers Bescheid heißt es:

icon-bubble

Top Kommentar

Auch sollen Arbeitsinspektor/innen nicht in Gewissenskonflikte geraten, die Zweifel an einer gesetzmäßigen und objektiven Vorgangsweise aufkommen lassen.

Zahlen die ÖBB sogar noch etwas drauf?

Solche Zweifel könnten in erster Linie dann auftauchen, wenn es ums Geld geht. Die Regelung sieht vor, dass die Leih-Arbeitsinspektoren nicht etwa vom Ministerium bezahlt werden, sondern weiterhin von den ÖBB. Das Ministerium leistet dafür einen Kostenersatz an die Bundesbahnen. Die heikle Frage ist allerdings, ob das Ministerium dabei für alles aufkommt oder nur für einen Teil.

Im Bescheid steht, dass das Verkehrsministerium, das bis 2012 dafür verantwortlich war, „die für die ÖBB-Gesellschaften anfallenden Personalkosten (z. B. Gehalt) zu einem Großteil“ rückerstattete. Und es wird festgelegt, dass das Sozialministerium „ebenfalls die anfallenden Personalkosten grundsätzlich rückerstatten“ werde.

Gibt es einen Teil der Kosten, für den die ÖBB alleine aufkommen? Wie groß ist dieser? Profitieren die Bahnprüfer eventuell weiterhin von angenehmen Vergünstigungen wie der Mitarbeiter-Freifahrt? Sozialministerium und ÖBB ließen all diese Fragen unbeantwortet.

icon-bubble

Top Kommentar

Die Sozialministerin sieht kein Problem

Die neue Sozialministerin Beate Hartinger-Klein von der FPÖ ist – wie ihre SPÖ-Vorgänger – offenbar grundsätzlich mit der Regelung zufrieden. In der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage der Neos vom 23. Mai 2018 erklärte sie allgemein:

icon-bubble

Top Kommentar

Die in der Anfrage enthaltenen Befürchtungen, die Kontrollorgane könnten ihre ehemaligen Arbeitgeber in irgendeiner Weise bevorzugen („verschonen“), sind daher völlig unbegründet. Die ÖBB haben keinerlei Möglichkeit irgendeiner Einflussnahme. Gleichzeitig ist auch kein einziger Fall bekannt, in dem die ÖBB in irgendeiner Form eine Einflussnahme auf die Kontrollorgane auch nur versucht hätten. Es hat auch kein übernommenes Kontrollorgan jemals von der Arbeitsinspektion zu den ÖBB „zurückgewechselt“. Es bestehen somit keinerlei Interessenskonflikte und die Unparteilichkeit der Kontrollbehörde ist in keiner Weise in Gefahr. Die in der parlamentarischen Anfrage monierten „potenziellen Interessenskonflikte und korruptionsgefährdeten Situationen“ sind somit verlässlich ausgeschlossen.

Dem könnte man den „Verhaltenskodex zur Korruptionsprävention“ des Bundeskanzleramts entgegenhalten:

Ich bin nicht mehr objektiv, sondern befangen, wenn ich an eine Sache nicht mit voller Unvoreingenommenheit und Unparteilichkeit herantreten oder auch nur einen solchen Anschein erwecken könnte.

Die wortkarge Ministerin

Addendum ließ dem Büro von Hartinger-Klein einen umfangreichen Fragenkatalog zu zusätzlichen bzw. in der Anfragebeantwortung offen gebliebenen Aspekten zukommen. Die lapidare Antwort:

icon-bubble

Top Kommentar

Wir bitten um Verständnis, dass wir nicht näher auf Ihre doch sehr umfangreichen und detaillierten Fragen eingehen, da wir der Meinung sind, dass Frau Bundesministerin Mag. Beate Hartinger-Klein bei der Anfragebeantwortung bereits ausreichend und klar auf die parlamentarische Anfrage und den Fragen darin eingegangen ist.

Viele offene Fragen

Damit blieben freilich auch ganz zentrale Punkte offen, von denen im Mai noch keine Rede war, sondern die sich erst aus dem Addendum vorliegenden Bescheid ergeben. Dieser zeigt – wie beschrieben – die rechtliche Gratwanderung, die notwendig ist, um die fragwürdige Re­ge­lung überhaupt umsetzen zu können.
Daraus ergeben sich ganz grundsätzliche Fragen: Wie ist es möglich, dass eine Regelung, die dezidiert eine Ausnahme darstellt, 24 Jahre in Kraft sein kann? Weshalb wurden die Leih-Inspektoren nicht längst in den Bundesdienst übernommen? Und wenn das nicht möglich sein sollte: Weshalb wurden die Leihkräfte – ganz offensichtlich – nicht dazu genutzt, im Ministerium eigenes Personal zu schulen, das die ÖBB-Mitarbeiter ersetzen könnte?
Dass die Ausnahme nicht als Dauerlösung gedacht war, wird sogar in Hundstorfers Bescheid angedeutet. Hier ist immerhin zu lesen, dass die „Fachkompetenz“ der überlassenen ÖBB-Mitarbeiter „derzeit“  sonst nicht im Sozialministerium vorhanden sei und es deshalb „im Interesse der Wahrnehmung des Arbeitnehmerschutzes“ sei, „spruchgemäß zu entscheiden“.

icon-bubble

Top Kommentar

Nicht einmal ein Reförmchen

Nun, Änderungen in diesem Bereich scheinen politisch nicht leicht umsetzbar zu sein. Zumindest dann nicht, wenn man es sich mit der mächtigen Eisenbahnergewerkschaft nicht verscherzen möchte.

Zwischen 2013 und 2015 gab es, wie Addendum erfuhr, im Sozialministerium zarte Reformbestrebungen. Ein Teil des Verkehrsarbeitsinspektorats hätte demnach mit den anderen Arbeitsinspektoraten fusioniert werden sollen. Das – von den ÖBB-Leiharbeitern dominierte – Verkehrsarbeitsinspektorat wäre somit ein wenig in seiner Macht beschnitten worden.

Letztlich sollte aber nicht einmal das umgesetzt werden. Addendum-Informationen zufolge wurde an höchster Stelle interveniert. Ausgerechnet der Bahngewerkschafter und ÖBB-Betriebsratschef Roman Hebenstreit soll sich bei Hundstorfer massiv für den Beibehalt der bisherigen Regelung eingesetzt haben.

icon-bubble

Top Kommentar

Die Gewerkschaft und ihr Inspektorat

Diesbezügliche Fragen von Addendum ließen Hebenstreit, der seit Ende 2011 übrigens auch im Konzernaufsichtsrat der ÖBB sitzt, und Hundstorfer unbeantwortet. Allerdings machte der einflussreiche Gewerkschafter in der Vergangenheit auch öffentlich kein Hehl aus seinen Interessen. In einer Presseaussendung der Verkehrsgewerkschaft Vida vom 9. November 2015 ließ sich Hebenstreit folgendermaßen zitieren:

icon-bubble

Top Kommentar

Aus der Sicht der Gewerkschaft Vida ist es deshalb neben legistischen Initiativen erforderlich, dass sichergestellt wird, dass das Verkehrs-Arbeitsinspektorat als „Spezial-Behörde“ weiter erhalten wird. 

Seine Begeisterung für die Sonderstellung der Verkehrs-Arbeitsinspektoren begründete Hebenstreit damals so:

Die besonderen Rahmenbedingungen des „Systems Verkehr“ werden von einzelnen Betrieben immer wieder ausgereizt und es wird nach „kreativen Gestaltungen“ gesucht. Aus der Sicht der Gewerkschaft Vida bedarf es daher neben ergänzender Schutzbestimmungen für ArbeitnehmerInnen insbesondere auch SpezialistInnen innerhalb der Arbeitnehmerschutzbehörden, die die besonderen Rahmenbedingungen in der Verkehrsbranche auch kennen und den „schwarzen Schafen“ auf Augenhöhe begegnen können. 

Die Zahlen ergeben keine gute Optik

Tatsächlich konnte Hebenstreit die Reformbestrebungen im Keim ersticken. Wie sieht das nun aber in der Praxis aus, wenn die ÖBB-Leihinspektoren den „schwarzen Schafen“ auf Augenhöhe begegnen? Addendum hat sich die Beantwortung der parlamentarischen Anfrage von Ende Mai 2018 vorgenommen und mit den darin enthaltenen Zahlen einige Berechnungen angestellt. Berechnungen, deren Ergebnisse tief blicken lassen und vom Sozialministerium – aus welchen Gründen auch immer – völlig unkommentiert blieben.

icon-bubble

Top Kommentar

Über die Addendum-Berechnung

Fragen 11 und 12 der parlamentarischen Anfrage Nr. 587/JS zielen darauf ab, zu überprüfen, ob die Leiharbeitskräfte der ÖBB die ÖBB weniger streng prüfen als andere Unternehmen.

Die beiden Fragen wurden durch Bundesministerin Hartinger-Klein unvollständig (Frage 11) oder gleich gar nicht beantwortet (Frage 12). Man kann jedoch mit einer simplen Schlussrechnung die fehlenden Zahlen von einer anderen Stelle einsetzen. Der springende Punkt dabei ist, dass aus der Beantwortung hervorgeht, dass die Leiharbeiter im Jahr 2016 insgesamt 1.224 Übertretungen bei einem Nicht-ÖBB-Betrieb festgestellt haben. Die sich dadurch ergebenden Verhältnisse sind als untere Grenze zu verstehen.

Sollte der geneigte Leser selbst nachrechnen wollen, hier die entsprechenden Literaturstellen:

Seite 5:

„Im punktuell nachgefragten Jahr 2016 wurden vom Verkehrs-Arbeitsinspektorat insgesamt 1.370 Kontrollen durchgeführt und wurden dabei insgesamt 2.579 Übertretungen festgestellt. Davon wurden 962 Kontrollen von überlassenen Arbeitskräften der ÖBB durchgeführt. Etwa 80 Prozent dieser Kontrollen wurden bei Unternehmen der Österreichischen Bundesbahnen durchgeführt. Etwa die Hälfte der gesamten festgestellten Übertretungen wurde von überlassenen Arbeitskräften der ÖBB festgestellt.“

Seite 6:

„Bei der eintägigen Schwerpunktkontrolle mussten bei 37 kontrollierten Arbeitnehmer/innen insgesamt 1.224 Übertretungen von Arbeitszeitbestimmungen zur Anzeige gebracht werden, sodass in weiterer Folge ein Strafausmaß von mehr als einer Mio. Euro zu beantragen war.“

Tatsache ist, dass laut Ministerin Hartinger-Klein die ÖBB-Leiharbeiter im Verkehrsarbeitsinspektorat im Jahr 2016 bei ÖBB-Betrieben – im Durchschnitt – nur 0,1 Übertretungen pro Kontrolle fanden, bei Nicht-ÖBB-Betrieben waren es 6,4 Übertretungen. Werden die ÖBB weniger streng geprüft? Nicht zwingend. Vielleicht sind sie ja auch nur 75-mal braver bei der Einhaltung der Arbeitsvorschriften als andere Unternehmen. Ins Jahr 2016 fiel freilich auch der Fall eines – von der Bahngewerkschaft ungeliebten – privaten ÖBB-Speisewagenbetreibers, bei dem 1.224 Arbeitszeitübertretungen bemängelt wurden. Der Speisewagenbetreiber warf das Handtuch und wurde mittlerweile ersetzt.

icon-bubble

Top Kommentar

Sowohl was die Anzahl der Kontrollen als auch der Beratungen betrifft, hinken die Verkehrsarbeitsinspektoren ihren Kollegen aus den allgemeinen Arbeitsinspektoraten deutlich hinterher. Gehen es die ÖBB-Leiharbeiter eher gemütlich an? Warum Arbeitsinspektionen im Verkehrsbereich um ein Vielfaches aufwendiger sein sollten als in anderen Sektoren, scheint nicht nachvollziehbar. Das Sozialministerium schweigt auch zu dieser Berechnung.

icon-bubble

Top Kommentar

Eines zeigt sich deutlich: Eine unmittelbare Ersparnis für die Steuerzahler ergibt sich aus der fragwürdigen Leihkonstruktion nicht, ganz im Gegenteil. Seit 2012 verursachte die Regelung Mehrkosten von rund einer Million Euro. Pro Kopf kosten die ÖBB-Inspektoren das Ministerium pro Jahr im Durchschnitt 90.000 Euro. Ob das daraus resultierende Einkommen dem Qualifikationsniveau der Leihkräfte entspricht, blieb unbeantwortet. Detail am Rande: In den allgemeinen Arbeitsinspektoraten sind – wie zu hören ist – bis 2020 Einsparungen von rund 20 Planstellen vorgesehen, und das, obwohl das Verkehrsarbeitsinspektorat personell um einiges großzügiger ausgestattet ist.

icon-bubble

Top Kommentar

Die ÖBB sehen kein Problem

Betont sei, dass die Arbeitsinspektoren den ÖBB jedenfalls nicht alles durchgehen lassen. Dass beim ÖBB-Personenverkehr die sicherheitstechnischen Prüfberichte der Railjet-Türen nicht im Zug mitgeführt wurden, brachte vor einigen Jahren den verantwortlichen Vorständen ein Bußgeld von 29.000 Euro ein.

Addendum hat auch bei den ÖBB detailliert zu dem Leihkräftemodell nachgefragt. Ein Sprecher teilte mit:

icon-bubble

Top Kommentar

Wir bitten Sie um Verständnis, dass wir Musterverträge und individuelle vertragliche Regelungen generell nicht öffentlich kommentieren. Das gilt ebenso für die Ausbildung einzelner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der Schutz der personenbezogenen Daten unserer Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hat für uns oberste Priorität. 

Es ist richtig, dass einige Mitarbeiter der ÖBB im Rahmen von Arbeitskräfteüberlassungen tätig sind. Es handelt sich dabei in erster Linie um definitiv gestellte Kollegen (also beamtete Mitarbeiter), die als Fachexperten für (unbegrenzte, Anm.) Zeit überlassen werden. Für diesen Fall gibt es entsprechende Regelungen und Gesetze, an die sich die ÖBB selbstverständlich halten. 

Darüber hinaus beteiligen wir uns nicht am Schüren von Gerüchten. Fakt ist: Sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ÖBB sind jeden Tag mit vollem Einsatz im Job unterwegs und halten sich an alle Gesetze und Regelungen.

Ob die ÖBB weiterhin einen Teil der Kosten alleine tragen und andere Fragen, die mit Datenschutz eigentlich nichts zu tun haben, blieben auch hier unbeantwortet. Selbst nach 24 Jahren hat die Geheimniskrämerei um die ÖBB-Leihinspektoren also kein Ende. 

icon-bubble

Top Kommentar

Investigativ-Newsletter abonnieren

Wir veröffentlichen laufend Investigativ-Stücke zu Themen und Menschen aus Politik, Wirtschaft und Sport. Wenn Sie über neue Artikel informiert werden möchten, abonnieren Sie unseren Investigativ-Newsletter.

Newsletter-Anmeldung abschließen

Vielen Dank! Bitte bestätigen Sie die Newsletter-Anmeldung in Ihrer Mailbox.

Das ganze Paket

Sie wollen unsere Inhalte verbreiten? Wir stellen Ihnen diesen Artikel mit seinen Elementen zur Verfügung.
Paket downloaden
download_icons

Inhaltspaket downloaden

Dieser Artikel und seine Inhalte können übernommen und verbreitet werden. Folgende Bedingungen sind dabei zu beachten:

  • Addendum als Quelle zitieren
  • Backlink zum ursprünglichen Artikel auf addendum.org setzen
  • Inhalte können nicht ohne Absprache mit Addendum verändert werden
  • Wird der gesamte Artikel veröffentlicht, muss ein Zählpixel eingebaut werden, Instruktionen dazu finden Sie in unseren Nutzungsbedingungen
  • Weitere Bilder können auf Anfrage an [email protected] beantragt werden

Bitte beachten Sie die Nutzungsbedingungen zur Verwendung unserer Inhalte, welche Sie unter folgendem Link in ihrer aktuellen Form abrufen können: http://add.at/nbd

close

Vielen Dank!

Ihr Download ist nun bereit!

Addendum_a0028_News.zip
17 MB

Inhaltspaket anfordern

Das Rechercheteam

Max Thomasberger
Investigative Recherche

Max Thomasberger hat spät berufen Volkswirtschaftslehre studiert. Im früheren Leben war er Statistiker, Musiker, Tontechniker, IT-Spezialist und Erwachsenenbildner. Jetzt sammelt, analysiert und visualisiert er Daten für den allgemeinen Erkenntnisgewinn bei Addendum.

Stefan Melichar
Investigative Recherche

Stefan Melichar startete seine journalistische Laufbahn 2006 im Wirtschaftsressort der Wiener Zeitung. Von 2012 bis Ende 2017 war er als Investigativjournalist beim Magazin News tätig – zuletzt auch als Wirtschaftsressortleiter. Seit 2013 wirkt er regelmäßig an internationalen Investigativkooperationen wie „Offshore-Leaks“, „Swiss-Leaks“ und „Panama Papers“ mit.

x

Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Addendum ist nicht werbefinanziert und nutzt Cookies, um mehr über das Nutzerverhalten zu erfahren und so das Angebot zu verbessern.
Hier erfahren Sie mehr über Cookies und Datenschutz bei Addendum.