Wenn Rapid bei Sky Programm macht

Seit vielen Monaten schwelt ein Konflikt zwischen dem Fußballklub Rapid und dem Abosender Sky. Zuletzt wurde ein kritischer Beitrag über Problemfans gelöscht. Jetzt gibt es personelle Veränderungen.

29.11.2018

Montag dieser Woche fanden findige Medienjournalisten eine Mitteilung von Sky in ihrem Postfach. Inhalt: Uwe König wird mit Dezember Vice President Sports bei Sky Österreich und als Leiter aller Redaktionen die Verantwortung sämtlicher Kanäle und Plattformen übernehmen.

Das alleine wäre nicht einmal größeren Branchenmagazinen eine kleine Meldung wert. Hinter dieser Personalie aber verbirgt sich eine Geschichte, die viel darüber aussagt, wie Rapid mit seinem seit Jahren wachsenden Fan-Problem umgeht; wie der Rekordmeister auf kritische Berichterstattung reagiert; und wie ein Bezahlsender, der sich die Rechte an der österreichischen Fußballbundesliga pro Jahr 34 Millionen Euro kosten lässt, vor Rapid in die Knie geht.

icon-bubble

Top Kommentar

Die Platzstürmer aus dem Block West

Den Höhepunkt eines seit vielen Monaten schwelenden Konflikts zwischen Rapid und Sky markiert der Auftritt des Rapid-Präsidenten Michael Krammer in der Live-Diskussionssendung „Talk & Tore“ am 8. Oktober. Unmittelbar nach dem Wiener Derby, das für Rapid mit einer Heimpleite endete, waren sogenannte Fans auf das Spielfeld gestürmt, um – teilweise mit Schals und Sturmhauben vermummt – Austria-Fans im Gästesektor zu attackieren; selbst Rapid-Ordner wurden brutal niedergeschlagen.

icon-bubble

Top Kommentar

Diese Bilder waren Thema bei „Talk & Tore“. Krammer suchte sichtlich, das Thema herunterzuspielen und tat sich in der von Thomas Trukesitz moderierten Sendung schwer, klare und harte Worte zu finden. Obwohl zahlreiche Übeltäter aus dem Block West, auf dem im Rapid-Stadion traditionell die fanatischen Anhänger der Fangruppe „Ultras“ stehen, dank der Fernsehbilder deutlich identifiziert werden konnten, versprach der oberste Klubvertreter zwar „harte Konsequenzen“, meinte aber unter anderem auch: „Man muss nur immer aufpassen, damit man nicht jene erwischt, die nichts gemacht haben.“ Und: Es gebe bei den Platzstürmern aber „unterschiedliche Tätlichkeiten, die hier passiert sind. Manche sind hingelaufen und haben zugesehen. Und manche haben irgendetwas Richtung Sektor geworfen. Und manche haben Ordner angegriffen.“ Kurz: Es müsse schon Sanktionen geben, aber eben „unterschiedliche“, denn manche hätten schon auch Ordner angegriffen, aber „manche sind nur komisch mitgelaufen“.

icon-bubble

Top Kommentar

Michael Krammer

Rapid-Präsident

Der 58-jährige Manager steht seit November 2013 an der Spitze des österreichischen Fußball-Rekordmeisters. Bis 2012 war er CEO des Mobilfunkanbieters Orange, zuletzt baute er HoT mit auf. Wirtschaftlich stellte Krammer Rapid mit dem neuen Stadion auf neue Beine, sportlich lief es weniger gut: Seine Ära ist von zahlreichen Trainerwechseln geprägt. Am 26. November 2018 gab Krammer seinen Abschied als Rapid-Präsident im Jahr 2019 bekannt.

Ich bin nicht derjenige wie Krammer, Peschek, die mit den Ultras im Bett liegen.
Ex-Rapid-Sportchef Andreas Müller

Ein Naheverhältnis zu den „Ultras“ wird Michael Krammer in seiner gesamten Amtszeit nachgesagt. Ebenso Krammers operativem Manager Christoph Peschek, der bei Rapid als Geschäftsführer Wirtschaft fungiert. Besonders deutliche Worte fand dazu der ehemalige, von Krammer entfernte Rapid-Sportchef Andreas Müller, dessen Einschätzung zur fortwährenden Fan-Problematik in der Sky-Sendung vom 8. Oktober eingespielt wurde. Müller erklärte, sichtlich emotionalisiert:

„Ich hatte halt keine Rückendeckung. Ich meine, ich bin nicht derjenige wie Krammer, Peschek, die mit den Ultras im Bett liegen. Ich nicht. Muss ich ganz deutlich sagen. Und ich finde es fatal, wenn man bei allem Support, der herausragend ist, was aus dem Block West kommt, überragend, habe ich selten gesehen, aber daraus einen Anspruch abzuleiten, wir können mit in die Entscheidungen eingreifen bei einem Verein, das ist kompletter Wahnsinn.“

icon-bubble

Top Kommentar

Christoph Peschek

Rapid-Geschäftsführer

Der 35-jährige Ex-Politiker (SPÖ) wurde im November 2013 Vizepräsident des SK Rapid. Ein Jahr später legte er seine politischen Funktionen zurück, um mit Februar 2015 das Amt des Geschäftsführers Wirtschaft zu übernehmen. Als Geschäftsführer Sport fungiert beim Klub, der dank des neuen Stadions zuletzt einen Umsatz von 41,7 Millionen Euro (2,37 Millionen Euro Gewinn) verzeichnete, der Schweizer Fredy Bickel.

Der verschwundene Beitrag

Die Talk-Sendung stand tags darauf, ab dem 9. Oktober, traditionell in der Mediathek des Abosenders. Der eingespielte Beitrag über die Ära Krammer fand sich auf der Webplattform wieder. Bis zum 17. Oktober. Da war weder die Sendung noch der kritische Beitrag auf Sky-Plattformen auffindbar.

Wie kam es dazu?

Recherchen von Addendum ergaben, dass Michael Krammer eine Woche nach seinem in der Fußballszene vieldiskutierten TV-Auftritt mit der Sky-Österreich-Geschäftsführerin Christine Scheil zusammentraf. Hat Krammer dabei seinen Unmut über den faktenbasierten Einspielfilm geäußert und seinen Einfluss als Präsident des mitgliederstärksten Vereins geltend gemacht? Haben Krammer und Scheil besprochen, den Beitrag zumindest online verschwinden zu lassen?

Sky lässt dazu über den Kommunikationschef ausrichten: „Nein. Es gab keine Einflussnahme von Rapid. Das wäre ja ein Eingriff in unsere Programmhoheit.“

icon-bubble

Top Kommentar

Der Hintergrund

Das ist eine – höflich ausgedrückt – eigenwillige Sicht der Dinge, die sich nicht mit den Recherchen von Addendum deckt. Schon kurz nach der Sendung hatte sich Rapid-Geschäftsführer Peschek, den sein ehemaliger Geschäftsführerkollege Andreas Müller im Bett mit den Rapid-Ultras wähnt, bei einem hochrangigen Sky-Manager über den Beitrag samt Müller-Statement beschwert. Und zwar ausgerechnet bei Uwe König, der mit Dezember die Leitung aller Sportredaktionen bei Sky Österreich übernimmt. Und dem bei Sky nachgesagt wird, er habe intern im Sinne des Rapid-Managers Peschek argumentiert und den Beitrag ebenfalls für tendenziös befunden. Eine Woche später, nach dem Termin zwischen Rapid-Präsident und Sky-Chefin, waren Beitrag und Sendung verschwunden, wobei zumindest der Talk nach heftigen internen Diskussionen mit der Redaktion rund 24 Stunden später wieder aufrufbar war.

icon-bubble

Top Kommentar

Die disziplinierte Redaktion

Der Vorgang zeichnet nicht nur ein Bild von der Einflussnahme auf eine unabhängige Redaktion, er sagt auch viel über das Medienverständnis von Rapid und seinen beiden Spitzenrepräsentanten aus. Vor allem der aus der Wiener Sozialdemokratie emporgekommene Manager Christoph Peschek fiel in diesem Jahr wiederholt bei Bundesliga-Sitzungen mit Äußerungen auf, die in Zügen an das Medienverständniss eines Viktor Orbán erinnern. Aus einer Sitzung vom 19. Februar, an der Vertreter der Fußball-Bundesliga und von Sky teilnahmen, ist beispielsweise der Ausspruch überliefert, man müsse die Sky-Redaktion disziplinieren.

Rapid teilt dazu mit, es entspreche nicht „den Vorstellungen von Herrn Peschek, eine Redaktion zu disziplinieren“. Auch Herr Krammer habe keine Schritte gesetzt oder setzen lassen. Es sei auch „kein Druck auf Sky-Repräsentanten ausgeübt worden, sehr wohl aber kommuniziert, dass aus Sicht des SK Rapid der Beitrag in der Sendung zur bisherigen Amtszeit von Herrn Krammer nicht ausgewogen gestaltet ist“.

icon-bubble

Top Kommentar

Der Mediationstermin

Auch Rapid gesteht ein, dass es in der abgelaufenen Spielzeit immer wieder inhaltliche Diskussionen mit Sky gegeben habe. Addendum-Recherchen zufolge war Christoph Peschek unter anderem mit der – zwangsläufig – kritischen Berichterstattung über die vielen Verhaltensoriginellen unter den Rapid-Fans unzufrieden. Darüber hinaus soll er sich über Rapid-Legende Hans Krankl, der bei Sky seit mehr als einem Jahrzehnt als Experte tätig ist und den problematischen Umgang der Rapid-Führung mit einigen Ultras nicht nachvollziehen kann, wenig wohlwollend geäußert haben. Der Konflikt mündete gar in einem Mediationstermin, der am 17. April unter der Leitung von Bundesliga-Vorstand Christian Ebenbauer stattfand.

Im Allgemeinen erklärt Rapid dazu: „Dass der SK Rapid in der vergangenen TV-Vertrags-Periode – übrigens so wie einige andere Klubs – nicht immer mit der Berichterstattung glücklich war, ist bekannt. Kritische Berichterstattung ist immer legitim, gegen als polemisch empfundene hingegen muss es erlaubt sein, dies auch bei den Sender-Verantwortlichen zu deponieren.“ Und was Pescheks Kritik an Hans Krankl, dem Rapidler des Jahrhunderts, betrifft, lässt Geschäftsführer Peschek ausrichten, er sei nicht über ihn hergezogen.

Schon bald wird sich zeigen, wie es der neue Sky-Sportchef mit Rapid, den Rapid-Fans und der Redaktionsfreiheit hält. 

icon-bubble

Top Kommentar

Hinweis: Rapid ist in der Fußball-Bundesliga Konkurrent des FC Red Bull Salzburg, der von Red Bull gesponsert wird. Gründer Dietrich Mateschitz hat 2017 die gemeinnützige Quo Vadis Veritas Privatstiftung ins Leben gerufen. Addendum ist ein Produkt der Quo Vadis Veritas Privatstiftung.

Investigativ-Newsletter abonnieren

Korruption, Geldwäsche, Machtmissbrauch: Wenn Sie über neue Artikel informiert werden und Hintergründe zu unseren Recherchen erfahren möchten, abonnieren Sie unseren Investigativ-Newsletter:

Newsletter-Anmeldung abschließen

Vielen Dank! Bitte bestätigen Sie die Newsletter-Anmeldung in Ihrer Mailbox.

29.11.2018

Das Rechercheteam

Rainer Fleckl
Investigative Recherche

Rainer Fleckl will den Dingen auf den Grund gehen. Er hat Kommunikationswissenschaften studiert und startete seine ersten investigativen Recherchen im Sportressort des „Kurier“, dessen Leitung er 2008 übernahm. 2010 wurde er mit dem Aufbau einer Rechercheabteilung betraut. Vor seinem Engagement bei Quo Vadis Veritas war Fleckl als Bereichsleiter bei ServusTV und in der Chefredaktion von „News“ tätig.

Sebastian Reinhart
Investigative Recherche

Sebastian Reinhart hat Politikwissenschaft und Wirtschaftsrecht an der Universität Innsbruck studiert. Danach war er im Nationalrat als Referent für die Fachbereiche Finanzen, Budget, ESM und Europa verantwortlich. Seit dem Hypo-Untersuchungsausschuss sieht er Österreich mit anderen Augen.

x

Durch die Nutzung dieser Website stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Addendum ist nicht werbefinanziert und nutzt Cookies, um mehr über das Nutzerverhalten zu erfahren und so das Angebot zu verbessern.
Hier erfahren Sie mehr über Cookies und Datenschutz bei Addendum.