Wahl in Salzburg: Jeder sechste Facebook-Kommentar verschwindet

Über 2.100 Kommentare sind von den Facebook-Seiten der Spitzenpolitiker und Parteien vor der Salzburger Landtagswahl entfernt worden. Wir haben sie gespeichert und ausgewertet.

Daten
19.04.2018

Marlene Svazek, Walter Steidl, Sepp Schellhorn und Astrid Rössler verbindet in Wahlkampfzeiten wenig. Wenn es sich aber um kritische Stimmen auf ihren Facebook-Seiten handelt, dann sind sich die Spitzenkandidaten für die Salzburger Landtagswahl einig: Zu viele sollen es nicht sein.

In den vergangenen zwei Monaten sind von den Facebook-Auftritten 2.120 Kommentare wieder verschwunden (Methodik). Bei Amtsinhaber Wilfried Haslauer und seiner Volkspartei war es seltener der Fall als bei seinen Herausforderern – es gab dort auch vergleichsweise wenige Beiträge von Nutzern. Unangefochten bei Fan- und Kommentarzahl, ist  FPÖ-Kandidatin Marlene Svazek.

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Addendum hat die Facebook-Seiten von Volkspartei, Sozialdemokraten, Freiheitlichen, NEOS und Grünen aus Salzburg sowie deren Spitzenkandidaten im Zeitraum 22. Februar bis inklusive 17. April fast zwei Monate lang computergestützt im Zehn-Minuten-Takt überprüft und alle neu hinzugekommenen Kommentare in einer Datenbank gespeichert. Fehlte beim nächsten Besuch des Programms ein Kommentar, der vorher in der Datenbank war, wurde er als entfernt erkannt. Hinter diesem Verschwinden können drei Ursachen stehen: Der Nutzer hat den Kommentar selbst entfernt, Facebook hat den Kommentar entfernt, oder die Moderatoren der Seite haben den Kommentar verborgen. Der letztere Fall ist der wahrscheinlichste, wenn die Art der Kommentare berücksichtigt wird: Es handelt sich in den meisten Fällen um Kritik an Partei und Person. Beleidigungen sind die Ausnahme. Dieses Muster haben auch Recherchen des Standard gezeigt. Facebook-Nutzer, die gefragt wurden, ob sie ihren Kommentar selbst entfernt hatten, verneinten dies. Diese Nutzer für die Daten zur Salzburger Wahl zu kontaktieren, ist nicht mehr möglich, denn Facebook hat seine Programmier-Schnittstelle verändert. Informationen über einzelne Nutzer können nicht mehr automatisiert ausgelesen werden. Ein Kontaktieren wird dadurch verhindert.

Auf den Seiten, die mindestens 500 Kommentare erhalten haben, pendelt der Anteil verschwundener Kommentare zwischen 16 Prozent bei Marlene Svazek (FP) und Astrid Rössler (Grüne) und Walter Steidl mit 22 Prozent.

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Bei Wilfried Haslauer ist die Fallzahl mit 16 entfernten Kommentaren zu klein. Zudem gab es auf den Seiten von Karl Schnell und seiner FPS zu wenige Kommentare. Die vier aktivsten Facebook-Seiten haben wir jedoch detaillierter untersucht. Für die Profile von

haben wir die Beiträge mit den meisten Kommentaren und mit den meisten entfernten Kommentaren gesucht. Außerdem haben wir die entfernten Kommentare in Kategorien wie „Kritik” und „Beleidigung” eingeteilt. Allgemein ist festzuhalten, dass überall auch Beiträge gegen die politische Linie der jeweiligen Politiker zu lesen sind. Ein systematisches Entfernen ist also nicht gegeben. Am häufigsten hat das Social-Media-Team der blauen Spitzenkandidaten eingegriffen.

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Marlene Svazek, FPÖ

„Marlene mag man eben“, hieß der Wahlslogan der Freiheitlichen zu Beginn ihrer Kampagne. „Marlene muss man mögen“ heißt er jetzt. Hintergrund: Der Süßwarenhersteller Manner sah seine Markenrechte verletzt. Viele Nutzer warfen das Svazek auf ihrer Facebook-Seite auch vor. Eine Vielzahl dieser Stimmen verschwand wieder. „Diese Kommentare haben unterstellt, dass wir wissentlich Recht gebrochen hätten – was nicht der Fall ist. Deshalb haben wir diese Kommentare entfernt“, sagte FP-Pressesprecher Dom Kamper.

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Mehrere Wahlkampf-Autos der FP…-GeneralsekretŠärin Marlene Svazek waren mit dem Manner-Schriftzug unterwegs. Vielen Facebook-Nutzern schmeckte das nicht.

Dass es auf der Seite mit fast 47.000 Anhängern zum Löschen von unliebsamen Stimmen kommt, nennt Pressesprecher Dom Kamper „vorausschauende Konfliktvermeidung“.

Viele hasserfüllte Kommentare bei Svazek

„Manche schütten nur Öl ins Feuer. Wenn es auf der Seite nur Tiraden und Ideologie zu lesen geben würde, dann kämen die Leute nicht mehr auf die Seite.“ Der Anteil hasserfüllter, beleidigender Kommentare ist auf der Seite von Marlene Svazek am höchsten (16 Prozent). Kamper führt das darauf zurück, dass sich „viele anonym fühlen“, oder auch auf gefälschte Profile. Dabei setzt die FPÖ schon einen automatischen Filter ein, der bei Schimpfwörtern den Kommentar nicht veröffentlicht. Keine andere Partei im Salzburger Facebook-Wahlkampf nutzt diese Möglichkeit.

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Astrid Rössler, Grüne

„Vereinzelt kommt es vor, dass wir Kommentare löschen oder User sperren müssen“, das sagte Astrid Rössler im Interview mit Salzburg24 zu ihrem Umgang mit Hetze auf Facebook. „Vereinzelt“ heißt für die vergangenen zwei Monate 447-mal. Vor allem das Wahlplakat mit der Aufschrift „Ich bin keine Politikerin“ sorgte für Diskussionen. Meinungen, die Landeshauptmann-Stellvertreterin solle sich zu ihrem Beruf bekennen, Politiker-Bashing sei etwas für Populisten, und hämische Beiträge („Das wissen wir schon.“) dominierten in den entfernten Kommentaren.

Provozierendes Wahlkampfplakat

„Wir wollten die Diskussion mit unserem kleinen Budget anregen. Das ist auch gelungen. Durch das Bewerben des Beitrags kriegen wir dann auch Kommentare von Menschen außerhalb unserer üblichen Fans. Es kann passieren, dass wir einen Kommentar zu viel entfernen. Unser Team ist nicht groß, wir sind nicht ohne Makel“, sagte Kommunikationsleiterin Elisabeth Schmidt zum Vorgehen.

Chemtrails und Nockstein

Zudem seien manche der eigentlich unverfänglichen, aber trotzdem entfernten Kommentare im Kontext zu betrachten, so Schmidt: „Manche Kommentatoren schreiben zu ihrem Lieblingsthema zu jedem Posting – vollkommen unabhängig davon, was wir in einem Posting thematisieren. Wir lassen uns von den ewig gleichen Personen mit den ewig gleichen Themen nicht die Diskussion zerstören. Deshalb verbergen wir diese Kommentare. Sonst würden andere nicht mehr kommentieren.“ Beispiele dafür sind „Chemtrails-Verfechter“ und Gegner der 380-KV-Freileitung über den Nockstein im Flachgau. Bei Letzterem wurde ein Antrag zum Einrichten eines Schutzgebietes von Volkspartei und Grünen abgelehnt.

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Sepp Schellhorn, NEOS

Bei NEOS-Spitzenkandidat Sepp Schellhorn finden sich in den entfernten Postings kritische Stimmen beispielsweise zu …

  • einem Video, in dem er sagt, dass man dem „Nazi-Scheiß“ rund um die Causa Landbauer nur mehr den Finger zeigen könne
  • seinen Abwesenheiten bei Sitzungen des Nationalrats. In der Tat waren seit Beginn der türkis-blauen Legislaturperiode nur Wolfgang Katzian und Christian Kern (beide SPÖ) bei Abstimmungen häufiger abwesend, wie aus Daten des Politometers von Addendum hervorgeht. Zudem wird kritisiert, dass er nur als Landesrat in der Regierung seinen Job als Abgeordneter aufgeben würde statt auch als Klubobmann zur Verfügung zu stehen.
  • an der Sprache im Wahlkampf („Geht ned, gibt’s ned“, „Geh leck“) und seinem Auftreten in manchen Videobotschaften
  • einem Video, das er während einer Autofahrt aufnahm („schlechtes Vorbild“)
  • einer abgesagten Podiumsdiskussion der Landesschülervertretung. Schellhorn hinterfragte die Rechtfertigungen für die Absage, die Gegenseite sagte, dass es zu wenige Anmeldungen gegeben habe.

Bei der Bewertung von Kommentaren greift das Social-Media-Team demnach schon vor der strafrechtlich relevanten Grenze ein: „Davor gibt es einen Raum, in dem sich User – zumeist dieselben – sehr auffällig, ausschließlich negativ und auch destruktiv verhalten. In so einem Fall blenden wir die betreffenden Beiträge aus“, sagt NEOS-Kampagnenmanager Julian Steiner. Bei der Salzburger Parteiseite war das nie notwendig – allerdings gab es dort auch nur 57 Kommentare.

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Walter Steidl, SPÖ

Von den Herausforderern Wilfried Haslauers hat Walter Steidl am meisten Aufholbedarf, wenn Erfolg in der Anzahl von Kommentaren gemessen werden soll. Mit 22 Prozent entfernten Kommentaren haben die Sozialdemokraten zwar den höchsten Anteil entfernter Postings, allerdings ist auch die Zahl der abgegebenen Kommentare insgesamt kleiner. Aber: Bei den entfernten Kommentaren handelt es sich überwiegend um kritische Stimmen, die unserer Einschätzung nach nicht gerechtfertigt entfernt wurden.

„Manches war überzogen“

„Es gibt manche Menschen, die mit Argumenten und Antworten nicht zu überzeugen sind und auf einer Schuld der SPÖ an allem bestehen. Da mache ich mir mein Leben ein wenig leichter, wenn einer gar nicht mehr aufhört. Bei manchen Kommentaren würde ich jetzt sagen, dass die eigentlich nicht giftig waren und das Entfernen überzogen war“, sagt Sprecher und Seitenbetreuer Christian Gredler dazu.

Einen ähnlich hohen Anteil von entfernten kritischen Kommentaren – darunter haben wir Kommentare mit erkennbarem Sachargument bzw. keinem Schimpfwort eingeordnet (mehr siehe Methodik) – hat NEOS-Spitzenkandidat Sepp Schellhorn.

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Der geringste Anteil entfernter sachlicher Kritik ist bei Marlene Svazek zu beobachten. Das kann an einem liberaleren Umgang mit kritischen Stimmen liegen oder aber am eingesetzten Filter, der vor Veröffentlichung des Kommentars eingreift. Außerdem könnten laute Kritiker auf der Liste gesperrter User landen und damit ausgeschlossen werden. Auffallend ist auch der hohe Anteil hasserfüllter und beleidigender Beiträge bei der FPÖ-Kandidatin. Üblicherweise kommt diese Art von Postings auf den Seiten der Grünen am häufigsten vor. Das haben Analysen von Addendum vor den Landtagswahlen in Niederösterreich, Kärnten und Tirol gezeigt. Beim Anteil entfernter Kommentare insgesamt sticht Salzburg im Bundesländer-Vergleich nicht hervor: In Niederösterreich und Tirol wurden seltener Kommentare entfernt, in Kärnten häufiger. 

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Methodik im Detail

Wie funktioniert diese computergestützte Analyse?
Über eine Schnittstelle von Facebook fragen wir alle zehn Minuten ab, welche Kommentare auf der Facebook-Fanpage vorhanden sind. Verschwindet ein Kommentar, wird er als entfernt markiert. Das geschieht bei allen Kommentaren, die vier Tage auf der Facebook-Seite sichtbar sind. Nach diesem Zeitablauf gehen wir davon aus, dass das Posting dauerhaft auf der Seite bleibt.

Was sind die Schwächen der automatisierten Erfassung der Kommentare?
Nicht enthalten sind Postings, die Sticker enthalten. Löscht Facebook, der User oder das Administratoren-Team der Seite den Kommentar innerhalb von maximal zehn Minuten, erkennt das Programm den Kommentar nicht – insofern fließt er nicht in die Analyse mit ein.

Kategorisierung der entfernten Kommentare
Kritik:

  • Jemand sagt, dass er nicht den Kandidaten oder die Partei wählen wird
  • Unterschiedliche Auffassungen zu einer politischen Position, Beispiel dritte Piste für den Flughafen
  • Links zu kritischen Artikeln
  • Der Kommentar enthält keine Beleidigungen
  • Kritik an der Art des Wahlkampfs
  • Kritik an Positionen der zugehörigen Bundespartei
  • Infragestellen von politischen Positionen
  • Einfordern von Antworten auf politische Positionen
  • Enthält ein erkennbares inhaltliches Argument
  • Fürsprache für andere Partei

Unsachliche Kritik

  • Zynismus und beleidigende Kritik, die sich Politiker „gefallen lassen“ müssten
  • Verunglimpfungen der Person
  • Enthält kein inhaltliches Argument

Kritik aneinander

  • Streit und Diskurs zwischen Facebook-Nutzern
  • Kann zynisch, ironisch, untergriffig sein
  • Kommentar richtet sich nicht in erster Linie als Botschaft an den Seitenbetreiber

Beleidigungen/Hass

  • Kritik, die mit Schimpfwörtern geäußert wird
  • Beleidigung und Beschimpfung überwiegt ein etwaiges vages Argument
  • Haltlose, diffamierende Vorwürfe

Allgemeines

  • Keine erkennbare Kritik an Person/Partei selbst
  • Kann Schimpfwörter enthalten
  • Kein Zusammenhang zu Wahlkampf, Partei oder Kandidat
  • Völlig Themenfremdes
  • Fürsprache für die Partei des Seitenbetreibers
  • Spam
19.04.2018

Das Rechercheteam

Gerald Gartner
Team Daten

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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