Jede Antwort führt nach Europa

Stephen Smiths Buch „Nach Europa!“ hat sich innerhalb kürzester Zeit zum Standardwerk entwickelt. Ein Gespräch über die Chancen und Risiken der großen Wanderung von Süd nach Nord.

Interview
28.12.2018

Der US-amerikanische Autor und Universitätsprofessor Stephen Smith, der unter anderen als Redakteur der französischen Tageszeitung Libération und als stellvertretender Chefredakteur des Auslandsbüros in Le Monde arbeitete, hat mit seinem Buch „Nach Europa” über die ökonomischen und demografischen Entwicklungen im subsaharischen Afrika weltweit eine Debatte ausgelöst. Addendum-Herausgeber Michael Fleischhacker hat mit Smith für unsere Zeitung ein ausführliches Interview geführt. Einen Auszug lesen Sie hier, das komplette Interview in unserer Addendum-Zeitung.

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Top Kommentar

Sie schreiben in Ihrem Buch, für die nächsten zwei Generationen werden gute Nachrichten für Afrika schlechte Nachrichten für Europa sein. Was meinen Sie damit?

Wir müssen uns von der Vorstellung lösen, dass die Ärmsten der Armen aus Afrika abwandern und, mithin, dass gute ökonomische Nachrichten aus Afrika bedeuten, dass mehr Einwohner auf ihrem Kontinent bleiben werden. Auf absehbare Zeit ist das nicht richtig. Um Afrika zu verlassen, braucht man 2.000–3.000 Euro, das ist das jährliche Durchschnittseinkommen in vielen subsaharischen Staaten, zum Teil sogar ein Mehrfaches davon. Von daher bedeuten die guten Nachrichten aus Afrika – und ich hoffe, dass wir über die nächsten 30 Jahre gute Nachrichten aus Afrika haben werden – zunächst einmal, dass mehr Menschen aufbrechen werden, um ihr Glück woanders zu suchen, weil sie das Geld haben, um auswandern zu können.

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Wir reden von Gebieten, in denen 40 Prozent der Bevölkerung jünger als 15 Jahre sind und 60 bis 80 Prozent jünger als 30 Jahre. Diese junge Bevölkerung wandert auf jeden Fall. Zunächst brechen sie aus ihren Dörfern auf.

Das stimmt – und man sollte sehen, dass das nicht nur ökonomische Gründe hat. Viele Anthropologen erzählen mir, dass die Jugendlichen aus den Dörfern weggehen, auch wenn man ihnen das anbietet, was sie hoffen, anderswo zu erwerben. Wenn man sie fragt, warum sie nicht hierbleiben, obwohl man ihnen das Motorrad, das sie sich in einer nigerianischen Plantage schwer erarbeiten müssten, bezahlen würde, dann sagen sie: „Das Abenteuer.“ Es geht also nicht nur um Geld. Bedenken Sie: Die Verstädterung Afrikas bedeutet, dass Menschen, die im Dorf wohnten und da gut überlebten, in die Städte gehen und dort in Slums leben. Die möchten einen Schnipsel von der Modernität abbekommen. Es ist wichtig für das Verständnis der Situation, dass man den afrikanischen Migranten nicht als Homo oeconomicus definiert. Man muss ihn als ganzen Menschen sehen, der weiß, dass etwas geschieht in der Welt, an dem er nicht teilhat – an dem er aber teilhaben will.

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Sehr oft vernachlässigt man die demografischen Grundlagen.

Ist das, was diese jungen Menschen in erster Linie suchen, Autonomie? Sie beschreiben in Ihrem Buch die Abwesenheit der Jugend – als Alterskategorie – in den traditionellen Gesellschaften. Man beginnt als Kind und ahmt nach, dann wird man per Initiation zum Erwachsenen, es gibt keinen Zwischenraum. Die Idee, dass man in einer solchen Zwischenphase Möglichkeiten auslotet und sich dann für eine entscheidet, existiert nicht.

Sie sprechen da etwas sehr Grundsätzliches an: Es gab im vorkolonialen Afrika – wie in anderen Gebieten der Welt, das ist kein afrikanisches Phänomen – nur „kleine“ und „große“ Menschen. Man hat nur unterschieden zwischen denen, die noch vor der Initiation standen und nicht an Entscheidungen teilnahmen, und denen nach der Initiation, das waren die „großen“ Menschen. Die Jugend gibt es in diesem Konzept nicht. Wir vergessen gern, dass die Alterskategorie „Jugend“ mit der Industrialisierung Europas zusammenhängt. Erst wenn die Arbeitsteilung so kompliziert wird, dass das mimetische Lernen, das Nachahmen, nicht mehr funktioniert, muss man einen Raum schaffen, in den man Jugendliche steckt – fast in eine Art Gefängnis oder Erziehungsgefängnisse wie, zum Beispiel, Universitäten – in denen Experten diese Jugendlichen ausbilden.

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Die älteren Männer bestimmen alles in dieser Gerontokratie. Und die jungen Leute wollen weg, um ihr eigenes Leben leben zu können.

Das bedeutet, dass junge Menschen, die im Grunde schon erwachsen sind und Familien gründen könnten, aufs Wartegleis abgestellt werden, damit sie über Jahre genug Fachkenntnisse erwerben, um hinterher zur Elite werden zu können. Diese Arbeitsteilung hat es im vorkolonialen Afrika nicht gegeben, und auch jetzt noch macht man in den Dörfern einen Unterschied zwischen „kleinen“ und „großen“ Menschen. Die älteren Männer bestimmen alles in dieser Gerontokratie. Und die jungen Leute wollen nicht nur weggehen, um besser zu essen oder besser zu wohnen. Sie wollen weg, um ihr eigenes Leben leben zu können. Diese Revolte verstehen die Demografen oft nicht, weil sie zu sehr auf die Zahlen und Wirtschaftsindikatoren fixiert sind. Das Wichtigste ist aber, zu verstehen, dass dieses Ausbrechen ein Ausbrechen aus einer Autoritätsstruktur ist – das führt vom Dorf in die Provinzstadt, von dort in die Hauptstadt, vielleicht weiter in eine regionale Metropole, und letztendlich ins Ausland.

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Wir denken, Afrika ist ein traditioneller Kontinent.
Im Gegenteil, das sind Pioniere.

Es herrscht also eine eklatante Altersasymmetrie. Ist die Auseinandersetzung zwischen den Jungen und Alten der afrikanische Grundkonflikt?

Ja, das ist der Grundkonflikt. Und als Reaktion auf diesen Generationskonflikt hat sich die Verstädterung in Afrika beschleunigt. Die Slumviertel von Großstädten wie Lagos, Abidjan, Nairobi, Kinshasa oder Johannesburg, egal: Dort kommen die jungen Menschen aus dem Dorf an. Sie haben kein Geld. Mehr als 90 Prozent derer, die in den Slumvierteln wohnen, sind jünger als 30 Jahre. Da gibt es keine Eltern, da gibt es keine Mentoren, da gibt es keine Menschen, die die alten Werte und Normen vermitteln. Wir denken, Afrika ist ein traditioneller Kontinent. Im Gegenteil, das sind Pioniere. Das sind Leute, die nur Pioniererfahrung haben. Das ist, wie wenn Sie eine Gruppe von Jugendlichen allein lassen und selbst herausfinden lassen, nach welchen Regeln sie leben können. Das sind die Afrikaner, die dann als Migranten bei uns ankommen – und das hat gute und schlechte Seiten. Sie sind sehr anpassungsfähig, sie sind sehr gewieft, aber sie sind auch nicht an Regeln gebunden, und das ist nicht unbedingt die beste Schule für bürgerliches Verhalten. Das sind aber keine Charakterzüge. Das ist ihr Umgang mit dem, was sie erfahren und erlebt haben. Und da ist die afrikanische Jugend auf sich allein gestellt.

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In den Megacities, wo sich die jungen Menschen ihr eigenes Leben erschaffen wie in einer Peter-Pan-artigen Nimmerland-Situation, entstehen gesellschaftliche Strukturen, die für uns schwer zu fassen sind. Aus unserer Sicht heißt das, dass nur Kriminelle kommen, und gesetzlos haben sie davor ja tatsächlich gelebt.

Ja, in gewisser Weise. Im Amerikanischen würde man das „street smartness“ nennen. Das sind Leute, für die es a priori keine anerkannten Regeln gibt, wo man alles erfinden muss und immer einen Weg finden kann. Das ist natürlich nicht der soziale Raum, in dem wir uns bewegen. Es fällt uns schwer zu verstehen, dass das Ungesetzliche ein Weg zur Modernität ist. Wo es keine Regeln gibt, werden Grenzen überschritten. Aber das ist natürlich keine Vorschule für ein Leben in einem europäischen Land. Wir sehen das als kriminell an. Aber wir sehen auch mit Bewunderung, wie diese Menschen Schwierigkeiten überwinden, die Sahara durchwandern, jahrelang in Nordafrika arbeiten, den guten Moment abwarten, wo sie vielleicht das Mittelmeer überqueren können, das vier, fünf Mal und auch ein sechstes Mal versuchen, bis es endlich klappt. Diese Zähigkeit, diese Resilienz, das sind ja auch gute Werte, je nachdem, in welchem Zusammenhang sie ins Spiel kommen. Das Wichtigste ist, dass diese Unterschiede nicht einfach übersehen werden. Die gesellschaftliche Arbeit, die von beiden Seiten nötig ist, um aus einem afrikanischen Migranten einen Nachbarn und vielleicht morgen einen Mitbürger zu machen, soll man nicht unterschätzen.

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Wenn Europa mehr geben kann als Geld, dann wollen auch Afrikaner, die nach Europa kommen, Europäer werden.

Sie reden von einer „Migrationsbegegnung“, die zwischen Europa und Afrika stattfinden wird. Und zwar zunehmend auf dem europäischen Kontinent. Sie schreiben in Ihrem Buch, dass das eigentlich eine Lose-lose-Situation sei. Warum?

Man spricht manchmal beschönigend von der „kolonialen Begegnung“ zwischen Europa und Afrika. Aber die Europäer sind nach Afrika gegangen, um Afrika zu erobern. Das war keine „Begegnung“. Die Migrationsbegegnung hat also einen kritischen Unterton. Für mich ist es ein Lose-lose, weil man nie darüber nachdenkt, dass Afrika so viel verliert. Natürlich gibt es nicht genug Arbeitsmöglichkeiten in Afrika. Aber die Lösung dieses Problems besteht nicht darin, dass die besten jungen Afrikaner, die Menschen, die am hartnäckigsten versuchen, erfolgreich und glücklich zu werden, ins Ausland gehen. Und das Geld, das zurückgeschickt wird und um das wir so viel Aufhebens machen, das ist wie Entwicklungshilfe, es sind Geschenke, keine Investitionen. Familien bauen sich davon Häuser, der Neid in den Städten und Dörfern wird größer, denn die anderen, denen niemand einfach Geld schickt, denken sich, sie können schuften wie sie wollen, sie werden es nie zu etwas bringen. Die Entwicklungshilfe hat Afrika nicht entwickelt, und diese Geldüberweisungen werden es auch nicht schaffen. Für Afrika ist das ein Verlust. Die Lösung der afrikanischen Probleme ist undenkbar ohne die dynamische Jugend Afrikas. Ohne sie wird es keine Wirtschaftsentwicklung und auch keine Demokratie in Afrika geben. Und genauso wenig werden wir Europäer unsere Unfähigkeit und/oder Unwilligkeit, unsere Bevölkerungsprobleme zu lösen, damit überwinden, dass wir einfach junge Afrikaner einführen, sozusagen importieren. Im Krieg hat man vom Kanonenfutter gesprochen, jetzt denkt man offenbar an „Rentenfutter“. Man glaubt, man kann junge Menschen einfach importieren, demografische Lücken füllen. Das kann man aber nicht. 

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Das gesamte Interview lesen Sie in unserer neuen Addendum-Zeitung. Hier erfahren Sie alles zu unserem Printprodukt und der Addendum-Mitgliedschaft:

Der Autor

Michael Fleischhacker
Herausgeber

ist seit einem Vierteljahrhundert Journalist. Stationen: „Kleine Zeitung“, „Der Standard“, „Die Presse“ (Chefredakteur 2004 bis 2012), NZZ.at. Seit 2014 Moderator des „Talk im Hangar-7“ auf ServusTV, Gründungsmitglied von QVV. Mehrere Buchveröffentlichungen, zuletzt „Die Zeitung. Ein Nachruf“ (2014).

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