Geeint durch den Feind: Die unfreiwillige Allianz zwischen Kurden und Syrern

Im Dezember reiste Addendum-Reporter Georg Gassauer in den Nordosten Syriens, um zu recherchieren, wie die junge Allianz zwischen Kurden und Syrern funktioniert und welche Auswirkungen die türkische Operation „Friedensquelle“ auf potenzielle Migrationsströme nach Österreich haben kann.

16.01.2020
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Aleppo, 17. Dezember, 5 Uhr morgens: Noch nicht einmal die Gebetsrufe des Muezzins hallen durch die engen Gassen von Aleppo, als ich aufstehe. Doch meine Begleiter vom syrischen Informationsministerium wollen so früh wie möglich in die kurdische Selbstverwaltungsregion fahren, um vor Einbruch der Dunkelheit wieder zurück in Aleppo zu sein. Im Vergleich zu meiner letzten Reise nach Syrien47, im Dezember 2018, ist die Regierung noch vorsichtiger geworden, was die Bewegungsfreiheit ausländischer Journalisten in Aleppo betrifft.

Aleppo hat sich in den vergangenen zwölf Monaten stark verändert. Der Smog liegt wie eine Dunstglocke über der Stadt. Trotz der Kälte ist die Morgenluft bereits vom Dieselgestank erfüllt. Der Verkehr hat deutlich zugenommen, und die Autos, die sich durch die Straßen stauen, sind nicht gerade die neuesten Modelle. Außerdem wird ein Großteil des Stroms immer noch von riesigen Dieselgeneratoren erzeugt, die hier und da an den Straßenecken stehen. Wegen der europäischen und US-amerikanischen Sanktionen, die seit 2012 gelten, sind die meisten von ihnen zu horrenden Preisen über den Libanon ins Land geschmuggelt worden.

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Wirtschaft am Boden

Geschätzt zwei Millionen Menschen leben zurzeit in Aleppo. Menschen, die mit Energie und Wasser versorgt werden müssen. Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge aus der Region Idleb in die Stadt. Trotz offizieller Waffenruhe gibt es in Idleb immer wieder schwere Kampfhandlungen zwischen Rebellen und den Regierungstruppen. In Aleppo selbst ist der Bürgerkrieg zumindest vorerst Geschichte, die Wirtschaft und Nahversorgung aber liegen nach wie vor am Boden. Beinahe täglich kommt es zu Stromausfällen.

Gemeinsam mit Vertretern der syrischen Regierung breche ich auf in Richtung Nordosten. Im Rahmen eines größeren Addendum-Projekts über die Entwicklung neuer Migrationsströme nach Österreich und Europa versuche ich herauszufinden, wie sich das Leben im Zuge der türkischen Operation „Friedensquelle” verändert hat. Insbesondere interessiert mich, wie die syrische Bevölkerung auf beiden Seiten der „Sicherheitszone“ mit der neuen Bedrohung umgeht, und welche sogenannten Push-Faktoren, also mögliche Fluchtursachen, dadurch entstanden sind.

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Die Sicherheitszone und die Flüchtlingsfrage

Einer der Gründe für den türkischen Einmarsch im Oktober liegt in der Flüchtlingsproblematik. Die türkische Regierung will einen Großteil der 3,8 Millionen Syrer, die derzeit in der Türkei Schutz suchen, in der neu entstandenen „Sicherheitszone“ ansiedeln. Sie warnte die europäischen Staaten, sich mit Kritik zurückzuhalten. Die Türkei, so Präsident Erdoğan, habe keine andere Wahl, denn der soziale und wirtschaftliche Druck durch die Flüchtlinge sei zu hoch, die Alternative zur Sicherheitszone wäre, die „Schleusen“ nach Europa zu öffnen. Tatsächlich fiel die Kritik der Europäer an der völkerrechtswidrigen Offensive eher verhalten aus.

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Zusammen mit einem Regierungsvertreter, einem Wachtmeister der syrischen Armee und dem Fahrer Abu-Hasheen (Name geändert) sitze ich in einem alten Taxi. Unser Ziel ist die Stadt Ain Issa, die direkt am Rande der sogenannten Sicherheitszone liegt. Für die Syrer ist es die Front zum von den Türken besetzen Gebiet.

Abu-Hasheen ist 55 Jahre alt. Bevor Syrien international isoliert wurde, arbeitete er jahrelang als Fernfahrer. In meist hoffnungslos überladenen Lastwagen fuhr er quer durch den Nahen Osten, oft auch nach Russland. Voller Stolz erzählt er mir, dass er die Distanz von Aleppo bis Sankt Petersburg in weniger als sieben Tage geschafft hat. Abu-Hasheen umfährt routiniert Schlaglöcher, scherzt mit den syrischen Soldaten an den zahlreichen Checkpoints und schafft es mit Charme und ein bisschen Schmiergeld, die Sicherheitskontrollen abzukürzen und uns rasch ins von den „Syrischen Demokratischen Kräften“ (SDF) kontrollierte Autonomiegebiet zu bringen.

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Tief verwurzeltes Misstrauen

Nahe Arima halten wir vor dem ersten kurdischen Checkpoint. Hier gibt es kein Geplauder, keinen Handschlag. Die von amerikanischen Soldaten ausgebildeten SDF-Milizionäre sind uns nicht gerade freundlich gesonnen. Wir müssen lange auf unseren Passierschein warten. Auf dem Grenzposten weht eine brandneue syrische Flagge – direkt gegenüber einer ausgefransten und verblichenen der SDF. Die Stimmung in diesem Niemandsland ist angespannt.

Bis vor kurzem war hier die unüberschreitbare inoffizielle Grenze zwischen der kurdischen Selbstverwaltungsregion und dem syrischen Staat. Auch heute sind der syrische Wachtmeister, der Bürokrat aus Damaskus und der Journalist aus Österreich keine gern gesehenen Gäste. Die noch junge Allianz zwischen den nach Selbstbestimmung strebenden Kurden und der syrischen Regierung gleicht eher einer Zwangsehe als einer auf Freiwilligkeit beruhenden Partnerschaft. Beiderseits herrscht tief verwurzeltes Misstrauen.

Zu diesem Zeitpunkt ist es gerade einmal zwei Monate her, dass US-Präsident Donald Trump die Kurden im Regen stehen ließ, indem er den Abzug der rund tausend amerikanischen Soldaten befahl. Das dadurch entstandene Machtvakuum nutzte der türkische Präsident Erdoğan aus, um in einer Blitzoperation den Norden des Landes zu besetzen. Anstatt seine weitreichenden Autonomiebestrebungen weiterzuverfolgen, muss sich das Selbstverwaltungsgebiet nun wieder in den syrischen Staat eingliedern. Während die Regierung in Damaskus auf die Einheit Syriens pocht, weigert sich die SDF bisher beharrlich, ihre in den vergangenen vier Jahren gewonnene Autonomie einfach so aufzugeben. Die Explosivität dieses Konfliktherds könnte sich in den kommenden Monaten und Jahren noch zeigen.

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Rückzug der USA

Am 7. Oktober 2019 hatte Donald Trump überraschend den Rückzug der amerikanischen Truppen aus dem kurdischen Autonomiegebiet Rojava im Norden Syriens angeordnet und die kurdisch dominierten „Syrischen Demokratischen Kräfte“ (SDF) in eine Allianz mit der syrischen Regierung getrieben. Die Türkei nutzte das entstandene Machtvakuum für ihre Offensive „Friedensquelle“ und marschierte ins syrische Staatsgebiet ein. Offiziell als Akt der Selbstverteidigung vor terroristischen Bedrohungen durch PKK-Kämpfer ließ Präsident Erdoğan eine sogenannte Sicherheitszone errichten. Die Kurden fürchten eine erneute türkische Offensive über die Grenzen dieser „Sicherheitszone“ hinaus.

Aufschwung in der Kurdenregion

Nach einer Dreiviertelstunde öffnen die kurdischen Grenzsoldaten endlich den Schlagbaum und es geht weiter. Zwei nagelneue Toyota-Geländewagen eskortieren uns durchs Autonomiegebiet in Richtung Osten. Auf der Schnellstraße M4, die von Aleppo bis ins irakische Mossul führt, fahren wir nach Ain Issa, die Grenze zur türkischen „Sicherheitszone“. Hinter der Stadt beginnt die 120 Kilometer breite Demarkationslinie, auf die sich der türkische Präsident Erdoğan und Russlands Präsident Wladimir Putin am 22. Oktober 2019 beim Gipfeltreffen in Sotschi verständigt haben.

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Trotz aller Differenzen herrscht zwischen der kurdischen Eskorte und meinen syrischen Begleitern Einigkeit darüber, dass die Strecke nach Ain Issa möglichst rasch zurückgelegt werden soll. Mit 150 Stundenkilometern rasen wir über die Schnellstraße. Denn trotz der offiziellen Waffenruhe kommt es in der Region immer noch zu Kampfhandlungen zwischen türkisch unterstützten Milizionären einerseits sowie syrischen und kurdischen Truppen andererseits. Abu-Hasheen ist angespannt und konzentriert, er raucht eine Zigarette nach der anderen.

Während unserer Fahrt durch die Selbstverwaltungszone wird schnell klar, warum die SDF eine militärische Konfrontation mit der Türkei möglichst vermeiden wollen. Im Gegensatz zum kargen Umland von Aleppo sind die Böden fruchtbar, die kleinen Dörfer sind vom Krieg verschont geblieben, sogar die Straßen sind intakt. Städte wie Manbidsch und Kobanê haben in den vergangenen Jahren trotz der Angst vor einer türkischen Offensive einen wirtschaftlichen Aufschwung und Bauboom erlebt: Wohnhäuser, Schulen und Moscheen schießen wie die Schwammerl aus dem Boden.

Nach dem Rückzug der amerikanischen Schutzmacht hat die Führung des Autonomiegebiets schnell erkannt, dass sie im Falle eines Krieges mit der Türkei nur verlieren kann. Eine Woche nach dem Abzug der Amerikaner nahm die SDF das Bündnisangebot der syrischen Regierung an. Binnen Stunden verlegte das syrische Militär Truppen nach Manbidsch und Kobanê, wenige Tage später auch nach Ain Issa.

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Angst vor IS-Kämpfern

Je näher wir Ain Issa kommen, desto angespannter wird die Stimmung im Auto. Der syrische Wachtmeister versteckt seinen Armee-Ausweis, der sonst so gesprächige Regierungsvertreter ist auffallend ruhig. Er erzählt mir, dass in der Region immer noch Schläferzellen des Islamischen Staats existieren. Immer wieder käme es hier zu Hinterhalten, außerdem spreche es sich oft schnell herum, wenn ein westlicher Journalist in der Region ist. Das Klicken der Gebetsketten meiner Begleiter wird schneller und schneller.

An einem verrosteten Stacheldrahtzaun kommt unser Konvoi zum Stehen. Wir haben das Flüchtlingslager von Ain Issa erreicht. Bis zu 12.900 Menschen haben hier bis vor kurzem gelebt, darunter viele ehemalige IS-Kämpfer und deren Familien. Jetzt ist das Camp verlassen. Abgesehen vom Flattern der Zeltplanen herrscht eine fast schon gespenstische Stille.

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Ich habe seit 2015 viele Flüchtlingslager vor allem in Griechenland und auf dem Balkan gesehen, die meisten von ihnen waren hoffnungslos überfüllt. Nun stehe ich zum ersten Mal am Rande eines menschenleeren Lagers, als sich ein junger kurdischer Soldat nähert und mir erklärt, wie die IS-Kämpfer die Wirrungen nach dem Angriff der Türken nutzten, um sich aus dem abgeschlossenen Teil des Lagers zu befreien und zu flüchten. Wenige Tage später seien sie zurückgekehrt und hätten ihre Frauen und Kinder befreit, während die kurdischen Truppen in Kampfhandlungen mit den Türken verwickelt waren und die Bewachung des Lagers aufgeben mussten.

Wo die geflüchteten Kämpfer sich jetzt aufhalten, weiß niemand genau. Es wird vermutet, dass sie Unterschlupf bei Sympathisanten gefunden haben oder ins Ausland geflohen sind. Ob einige von ihnen womöglich sogar nach Europa gekommen sind, ist unklar. Fest steht: Quellen im Verteidigungsministerium zufolge hat sich durch die Operation „Friedensquelle“ die Terrorgefahr auch in Österreich erhöht.

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Kaum noch Blutkonserven

Im Stadtzentrum von Ain Issa sehe ich, wie Einheiten der syrischen Armee und der SDF zur nur einen Kilometer entfernten Front fahren. Auf ihren Toyota-Pickups befinden sich Aufbauten mit russischen Maschinengewehren. Wir fahren zum Krankenhaus. Dort treffe ich auf erschöpfte Krankenschwestern. Eine von ihnen ist die 22-jährige Leyla (Name geändert).

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Neben ihr liegt ein Mann auf dem Krankenbett, der von Granatsplittern getroffen wurde. Leyla hat ihn erstversorgt, für die Operation muss er ins eine Stunde entfernte Raqqa gebracht werden. Sie erklärt mir, dass die Medikamente und Blutkonserven zur Neige gehen und sie sich kaum noch um die Behandlung der Patienten kümmern können. Es gebe wenig Unterstützung, weder von den Syrern noch aus dem Westen. Leyla wirkt nicht verzweifelt, sie klagt an.

Ich frage sie, woher sie kommt. Ihre Antwort „Kobanê“ wird in der Übersetzung vom Begleiter der syrischen Regierung sofort korrigiert: zu „Ain al-Arab“, dem offiziellen syrischen Namen der Stadt. Die politische und kulturelle Kluft zwischen Syrern und Kurden tritt durch ein einziges Wort schlagartig zutage. Leyla wirft ihm einen unsicheren Blick zu, schaut dann wieder mich an und wiederholt leise, aber doch bestimmt: „Kobanê“, den Namen der überwiegend von Kurden bewohnten Stadt, die monatelang von IS-Kämpfern belagert worden war, bis Kämpfer der Kurden Anfang 2015 die Islamisten in die Flucht schlugen.

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Eine Gedenktafel für kurdische Kämpfer in der Stadt Kobanê – in der Mitte oben ist der in der Türkei inhaftierte PKK-Führer Abdullah Öcalan zu sehen.

Es beginnt bereits zu dämmern, als wir uns auf den Rückweg machen. Erneut gibt Fahrer Abu-Hasheen Vollgas. Auf der Bundesstraße M4 nach Aleppo überholen wir eine Fahrzeugkolonne nach der anderen. Die meisten Insassen sind Frauen und Kinder, die aus dem Frontgebiet in Flüchtlingslager im Süden Syriens gebracht werden. Seit dem Einmarsch der Türken sind schon mehr als 100.000 Menschen aus der Region geflohen. Sie zählen jetzt zu den 5,6 Millionen Binnenflüchtlingen im Land. Wie viele von ihnen im Land bleiben und wie viele versuchen werden, nach Europa zu gelangen, hängt davon ab, wie sich die Lage im Norden des Landes entwickelt. Eine erneute Eskalation würde auch für Europa neue Herausforderungen bedeuten. 

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Der Artikel wurde am 16. Jänner um 10:05 Uhr aktualisiert.

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16.01.2020

Der Autor

Georg Gassauer

Georg Gassauer ist Gründer der Research Associates Potemkin & Harmattan und bereist im Zuge seiner Recherchen die Länder Libanon, Jordanien, Türkei, Griechenland, Italien, Australien und den Balkan. Das Unternehmen fokussiert primär auf politische und ethnographische Forschung, basierend auf Langzeitanalysen vor Ort. Zuvor absolvierte er die Diplomatische Akademie in Wien und schloss das Studium der Internationalen Beziehungen an der University of Exeter, England, ab. Danach arbeitete er bei der OSZE. Gassauer wuchs in Syrien, Algerien, Katar und Nigeria auf.

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