Game, Set, Match – für die Funktionäre

Während sich Tennis-Ass Dominic Thiem in der Weltspitze etablieren konnte, fallen österreichische Tennisfunktionäre immer wieder durch fragwürdige Finanzgeschäfte auf. Nach der Affäre um den Wiener Tennispräsidenten, der auf Verbandskosten einen Porsche pilotierte, sorgt nun ein Kreditdeal des ÖTV-Chefs für Irritationen. Ein Sittenbild, das die Frage aufwirft, ob Österreichs Sport ausreichend kontrolliert wird.

ÖTV-Präsident Robert Groß
31.01.2018

Es war ein ziemlich merkwürdiger Deal, der rund um den Jahreswechsel in österreichischen Tenniskreisen für Aufregung sorgte. Ein Deal, der einmal mehr die Frage aufwirft, wie in manchen großen Sportverbänden der Republik mit Geld umgegangen wird. Und der zeigt, wie sehr mitunter Kontrolle und Transparenz fehlen, wenn angesehene Spitzenfunktionäre mit großen Beträgen hantieren.

Im Zentrum der bemerkenswerten Angelegenheit steht niemand Geringerer als der Präsident des Österreichischen Tennisverbands, Robert Groß. Wie Recherchen von Addendum ergeben haben, nutzte Groß einen regionalen Topf für Jugend-Förderung, um ein umstrittenes Geldgeschäft abzuwickeln. Allem Anschein nach konnte er freihändig darüber verfügen – und tat das auch.

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Kredit per Kurzbrief

Bei dem Deal ging es insgesamt um rund 55.000 Euro. Im März 2016 hatten Groß und der damalige Präsident des Wiener Tennisverbands (WTV), Franz Sterba, eine „Leihgabe“ vereinbart. Demnach sollte der WTV dem Oberösterreichischen Tennisverband (OÖTV) 50.000 Euro borgen – und bis Ende 2017 inklusive satter Zinsen von 6,5 Prozent pro Jahr zurückerhalten. Das Magazin News berichtete knapp vor Weihnachten darüber.

Die hohen Zinsen sind nicht die einzige Auffälligkeit. Niedergeschrieben wurde die Vereinbarung nicht in Form eines Kreditvertrags, sondern als Brief von Groß an Sterba. Der entscheidende Teil war gerade einmal drei Sätze lang. Im Brief bezeichnete sich Groß als „Präsident des ÖTV“. Und obwohl das Geld ja für den OÖTV gedacht war, aus dem Groß ursprünglich stammt, sollte laut Brief der ÖTV das Geld zurückbezahlen.

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Der Brief des Präsidenten

Das steht im Schreiben vom 21. März 2016, das ÖTV-Präsident Robert Groß an den WTV – zu Handen von dessen Präsident Franz Sterba – richtete:

Betreff: Leihgabe an den OÖTV

Der WTV gibt eine Leihgabe in der Höhe von € 50.000,00 an den OÖTV zur Errichtung von 2 Sandplätzen im Damenleistungszentrum in Linz. Die Vereinbarung wurde zwischen dem Präsidenten des ÖTV Kons. Robert Groß und dem Präsidenten des WTV Dr. Franz Sterba getroffen. Der Betrag wird aus Mitteln des ÖTV bis 31.12.2017 rückgeführt.

Der Betrag wird auf das Konto des OÖTV überwiesen.

IBAN: AT 92…..
BIC: ASP…..

Mit freundlichen Grüßen,
OÖTV
(Unterschrift von Robert Groß)

(Handschriftlicher Vermerk: „Zinssatz 6,5 %“, neuerliche Unterschrift von Robert Groß)

Mehr als 5.000 Euro Zinsen

Gegenüber News hat Groß vor Weihnachten behauptet, in seinem Brief gäbe es einen „Tippfehler“. Nicht der ÖTV würde das Geld zurückbezahlen, sondern der OÖTV: „Zum Glück gibt es keinerlei finanzielle Konsequenzen, da der Oberösterreichische Tennisverband als Empfänger der 50.000 Euro die fällige Summe inklusive Verzinsung fristgerecht zurückbezahlen wird.“

Wie Addendum erfahren hat, wurde die „Leihgabe“ samt Zinsen tatsächlich um den Jahreswechsel herum zurückbezahlt. Insgesamt dürfte es sich um etwas mehr als 55.000 Euro gehandelt haben, wie sich rechnerisch aus dem Zinssatz ergibt.

„Alles von Groß gemacht“

Die Umstände sind allerdings spannend. Hans Sommer, Präsident des OÖTV, verwies am Telefon auf Groß: „Das ist alles von ihm gemacht worden.“ Im OÖTV sei man nicht eingebunden gewesen. „Von unserem Konto wurde es nicht überwiesen.“

Wie ist das möglich? Als Groß 2015 ÖTV-Präsident wurde, musste er den Chefposten beim OÖTV, den er bis dahin innegehabt hatte, an Sommer abgeben. Ein Präsident des Bundesverbandes kann nicht gleichzeitig einen Landesverband leiten. Groß rutschte in Oberösterreich auf das Amt des Vizepräsidenten zurück. Darf er als solcher tatsächlich eigenmächtig ein Geldgeschäft über 50.000 Euro vereinbaren? Und über welches Konto lief das Geld, wenn nicht über das des OÖTV?

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Nicht als Präsident, sondern als „Kassier“

Bereits am 2. Dezember 2017 hat Groß in einer Sitzung des ÖTV-Länderkuratoriums die Leihgabe angesprochen. Möglicherweise war ihm bewusst, dass das Thema bald publik werden könnte. Addendum-Informationen zufolge berichtete Groß den erstaunten Landespräsidenten nicht nur über die Leihgabe selbst. Er erzählte auch, er habe diesbezüglich als „Kassier des Jugendpools des OÖTV“ gehandelt. Tatsächlich entspricht die im Brief genannte Kontonummer jener, auf die Förderer der oberösterreichischen Tennis-Jugend ihre Beiträge einbezahlen können.

Jugendpool für Damenleistungszentrum

Einer älteren Internetseite zufolge soll der „Jugendpool“ Talente unter anderem durch Übernahme von Kostenanteilen und durch Gratiskurse fördern. Nun wurde der Topf offensichtlich dafür verwendet, die Finanzierung für ein „Damenleistungszentrum“ abzuwickeln und dafür einige tausend Euro Zinsen zu bezahlen – und das nicht etwa an ein Kreditinstitut, sondern im Rahmen eines Gentlemen’s Agreement an einen anderen Landesverband.

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Keine Auskunft

Addendum fragte bei Groß nach, ob es ihm als Kassier des OÖTV-Jugendpools zustand, derartige Geschäfte eigenmächtig durchzuführen, bzw. welche Gremien oder Funktionäre er wann in welcher Form informiert habe. Dies ließ der ÖTV-Präsident genauso unbeantwortet wie die Frage, ob er sich mit der Kassier-Funktion beim Jugendpool die Möglichkeit behalten habe, eigenmächtig über einen Geldtopf im Umfeld des OÖTV verfügen zu können.

„Ordnungsgemäß überwiesen“

Groß teilte lediglich mit: „Der Betrag wurde ordnungsgemäß und wie vereinbart an den WTV seitens des OÖTV Jugendpools überwiesen. Wenn es Ihnen Spaß macht, einen erfolgreichen ehrenamtlichen Funktionär abmontieren zu wollen, dann machen Sie es. Sie erweisen dem österreichischen Tennissport dadurch einen Bärendienst. Zu dem Thema ist nichts mehr zu sagen und ich habe mir nichts vorzuwerfen.“

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Potenzial für Interessenkonflikte

Tatsächlich ist zu dem Thema noch eine ganze Menge zu sagen. Etwa dass im Brief, in dem die Vereinbarung niedergeschrieben wurde, gerade nicht vom „Jugendpool“ die Rede ist. Warum Groß die Gremialbeschlüsse bzw. seine entsprechenden Befugnisse als Jugendpool-Kassier – sofern es diese gibt – nicht einfach offenlegen kann, scheint ebenfalls nicht schlüssig.

Ausgerechnet Franz Sterba

Besonders heikel ist jedoch die Tatsache, dass sein Vertragspartner bei der fragwürdigen Finanzierung ausgerechnet der damalige WTV-Präsident Sterba war. Einerseits wurden Sterba im ÖTV früher Ambitionen nachgesagt, Groß an der ÖTV-Spitze nachfolgen zu wollen. Eine 50.000-Euro-„Leihgabe“, von der offenbar sonst kaum jemand weiß, schreit geradezu nach einem Interessenkonflikt. Und andererseits steht Sterba mittlerweile selbst im Zentrum einer handfesten Affäre, was die Finanzgebarung beim WTV betrifft.

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Der Mann mit dem Verbands-Porsche

Gerade einmal zwei Monate nach der – damals nicht bekannten – Vereinbarung zwischen Groß und Sterba hatten mehrere Mitgliedsvereine Sterba und zwei weitere WTV-Funktionäre angezeigt. Ihnen wurden unter anderem „statutenwidrige Zahlungen“ vorgeworfen, für die „keinerlei Vorstandbeschlüsse gefasst worden seien“.

Besonders hoch gingen die Wogen, als bekannt wurde, dass der WTV vier Leasingautos – zumindest großteils – bezahlt hatte, die laut Anzeige von Sterbas Familie gefahren wurden. Zum privat genutzten Fuhrpark auf Verbandskosten gehörte auch ein Porsche 911.

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Eine Zeugin spricht

Die Staatsanwaltschaft Wien ermittelt. Eine WTV-Mitarbeiterin wurde als Zeugin unter Wahrheitspflicht befragt. Sie sagte aus: „Ich weiß, dass Dr. Sterba mit dem Porsche und mit dem Audi gefahren ist. Wer sonst noch die Autos benützt hat, weiß ich nicht.“ Ob es einen Beschluss gegeben habe, wisse sie nicht. „Ich habe mich darüber gewundert, dass der Wiener Tennisverband einen Porsche hat.“

Zur allgemeinen Finanzgebarung des WTV unter Sterba erklärte die Zeugin: „Es gibt zwei Kassabücher, nämlich Kassa WTV und Kassa Sterba. Das Kassabuch WTV habe ich geführt. Das Kassabuch Sterba hat Dr. Sterba geführt.“

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Fragwürdige Geldflüsse über 600.000 Euro

Laut News ortete ein nach Auffliegen der Affäre vom WTV in Auftrag gegebener Untersuchungsbericht einer Wirtschaftsprüferkanzlei eine „Sphärenvermischung“ zwischen Sterbas Privatvermögen und Finanzmitteln des WTV. Der Prüfbericht liegt auch der Staatsanwaltschaft vor. Einen Fehlbetrag von mehr als 160.000 Euro soll Sterba dem Verband ersetzt haben. Mittlerweile sollen allerdings fragwürdige Transaktionen im Ausmaß von insgesamt rund 600.000 Euro gefunden worden sein. Dies ergibt sich aus einem Mail, das Sterbas Nachfolger Mitte September 2017 an zahlreiche Schlüsselpersonen und Verbände des österreichischen Tennissports geschickt hat.

Sterba ist seit Anfang des Vorjahres nicht mehr Präsident des WTV. Er hat sämtliche Vorwürfe immer vehement bestritten. Gegenüber News erklärte er vor einigen Monaten, alles sei „korrekt und ausschließlich zum Nutzen des WTV abgelaufen“. Er sei 30 Jahre lang „immer zum Wohle des WTV mit großem Einsatz und ehrenamtlich unterwegs“ gewesen. „Es ist völlig absurd, mir vorzuwerfen, ich hätte einen ,Schaden‘ verursacht.“

Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Wien dauert noch an. Eine Sprecherin erklärte auf Anfrage von Addendum, man warte derzeit auf ein Gutachten. Offenbar haben die Ermittler eine eigene Expertise in Auftrag gegeben.

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Der Präsident tritt nicht mehr an

Zu den Vorwürfen gegen Sterba äußerte sich ÖTV-Präsident Groß im März 2017 übrigens folgendermaßen: „Es ist wichtig, diese möglichen Unregelmäßigkeiten ins rechte Licht zu rücken. Der ÖTV hat keinerlei Kontrolle oder Einsicht in die Finanzen der Landesverbände, die laut Statuten völlig autonom sind.“

Das stimmt wohl. Aber dass Sterba nicht allzu viel Wert auf Formalismen gelegt haben dürfte, selbst wenn es um 50.000 Euro ging, wusste Groß da wohl bereits aus eigener Erfahrung – wenn nicht als ÖTV-Präsident, dann als Jugendpool-Kassier.

Einige Tage, nachdem Addendum bei Groß bezüglich der „Leihgabe“ angefragt hatte, berichtete übrigens die Kronen Zeitung, dass der ÖTV-Präsident bei der bevorstehenden Wahl im März nicht erneut antreten werde. Welche Rolle der Deal mit Sterba dabei spielt, ist unklar. 

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31.01.2018

Das Rechercheteam

Stefan Melichar
Team Investigative Recherche

Stefan Melichar startete seine journalistische Laufbahn 2006 im Wirtschaftsressort der Wiener Zeitung. Von 2012 bis Ende 2017 war er als Investigativjournalist beim Magazin News tätig – zuletzt auch als Wirtschaftsressortleiter. Seit 2013 wirkt er regelmäßig an internationalen Investigativkooperationen wie „Offshore-Leaks“, „Swiss-Leaks“ und „Panama Papers“ mit.

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