Tiroler Wahlkampf: Was von den Facebook-Seiten verschwindet

In den Wochen vor der am kommenden Sonntag stattfindenden Landtagswahl in Tirol sind fast 1.200 Kommentare von den Facebook-Auftritten der Parteien und Spitzenkandidaten verschwunden. Darunter waren unliebsame Meinungen, kritische Fragen und unsachliche Kritik.

Daten
23.02.2018

„Kurz vor der Wahl aus einem fünfjährigen Dornröschenschlaf erwacht?“
„So wird mein Stimmzettel bestimmt nicht ausschauen.“
„Warum neue SPÖ? War die alte so schlecht?“
„Was ischn so schlimm, schließlich sagt er doch nur dass nazis draußen bleiben sollen, wieso fühlts ihr euch doch alle angesprochen? Versteh des nit.“

Kritische Kommentare wie diese haben auf den Facebook-Seiten der Parteien und Spitzenkandidaten für den Tiroler Landtag keinen Bestand. In einer vierwöchigen Datenrecherche hat Addendum 1.160 Kommentare identifiziert, die von den Social-Media-Auftritten der Volkspartei, Sozialdemokraten, Freiheitlichen und der Grünen wieder verschwanden. Insgesamt hätten Facebook-Nutzer 11.042 Kommentare gesendet – fast jeder zehnte Kommentar wurde entfernt (mehr zur Methodik).

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Addendum hat die Facebook-Seiten von Volkspartei, Sozialdemokraten, Freiheitlichen und Grünen aus Tirol sowie deren Spitzenkandidaten im Zeitraum 24. Jänner bis inklusive 20. Februar vier Wochen lang computergestützt im Zehn-Minuten-Takt überprüft und alle neu hinzugekommenen Kommentare in einer Datenbank gespeichert. Fehlte beim nächsten Besuch des Programms ein Kommentar, der vorher in der Datenbank war, wurde er als entfernt erkannt. Hinter diesem Verschwinden können drei Ursachen stehen: Der Nutzer hat den Kommentar selbst entfernt, Facebook hat den Kommentar entfernt, oder die Moderatoren der Seite haben den Kommentar verborgen. Der letztere Fall ist der wahrscheinlichste, wenn die Art der Kommentare berücksichtigt wird: Es handelt sich in den meisten Fällen um Kritik an Partei und Person. Beleidigungen sind die Ausnahme. Dieses Muster haben auch Recherchen des Standard gezeigt. Facebook-Nutzer, die gefragt wurden, ob sie ihren Kommentar selbst entfernt hatten, verneinten dies. Diese Nutzer für die Daten zur Tiroler Wahl zu kontaktieren, ist nicht mehr möglich, denn Facebook hat seine Programmier-Schnittstelle verändert. Informationen über einzelne Nutzer können nicht mehr automatisiert ausgelesen werden. Ein Kontaktieren wird dadurch verhindert.

9,5 Prozent

aller Kommentare auf den Seiten der Spitzenkandidaten und Parteien der Tiroler Landtagswahl wurden entfernt.

Wie kommt es dazu? Die Wahlkampfteams der Parteien und Spitzenkandidaten möchten eine Debatte in ihrem Sinn. Rechtfertigung für den Eingriff von offizieller Seite ist, dass die entfernten Kommentare einer „sachlichen Debatte“ nicht zuträglich waren. Dieser Bogen lässt sich – wie an den Beispielen eingangs erkennbar ist – dehnen. In den gespeicherten verschwundenen Kommentaren finden sich unliebsame Meinungen, kritische Fragen und unpassende politische Positionen ebenso wie unsachliche Unterstellungen, Anschuldigungen und Beschimpfungen. Dabei unterscheidet sich die Anzahl gelöschter Postings von Seite zu Seite und von Partei zu Partei stark.

Spitzenreiter FPÖ

Die Freiheitlichen haben mit Markus Abwerzger den Spitzenkandidaten mit den meisten „Gefällt mir“-Angaben. Seine über 39.000 Fans und polarisierende Beiträge führen dazu, dass er mehr als dreimal so viel Interaktion in Form von Kommentaren mit Facebook-Nutzern hat wie die Parteiseiten von SPÖ, ÖVP und Grünen zusammen.

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Der Löschanteil reicht damit also von 7 Prozent bei der Volkspartei bis zu 14 Prozent bei der SPÖ. Die Grünen und die Freiheitlichen liegen beide bei 8 bzw. 9 Prozent. Über den Löschanteil hinaus ist der Inhalt der entfernten Kommentare relevant. Das Entfernen von hasserfüllten, rassistischen oder antisemitischen Inhalten ist leichter zu rechtfertigen als das Löschen von kritischen Bemerkungen zu politischen Positionen. Deshalb hat Addendum eine Kategorisierung der 1.160 verschwundenen Kommentare vorgenommen. Sie zeigt, dass 29 bis 44 Prozent der Kommentare als gewöhnliche Kritik zu werten wären. Für eine solche Bewertung muss der Kommentar beispielsweise ein inhaltliches Argument aufweisen und/oder darf nicht überwiegend beleidigend sein.

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Das legt die Schlussfolgerung nahe, dass die Parteien das Meinungsklima auf ihrer Seite in eine für sie positive Richtung beeinflussen. Wer die Facebook-Seiten besucht, soll sie in seiner Postion bestärkt wieder verlassen und nicht eine überwiegende Zahl kritischer Stimmen sehen. Aber: Ein systematisches Unterdrücken aller kritischen Kommentare ist auf keiner der beobachteten Seiten erkennbar. Überall finden sich auch Widersprüche zur jeweiligen Parteilinie.

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Facebook als Beiwagen

Die Auslegung der gewünschten Diskussionskultur ist über weite Strecken eine Interpretationsfrage. Da bei keiner Partei die Auftritte von einer Einzelperson hauptamtlich moderiert werden, sind einheitliche Richtlinien schwer umsetzbar. So sagt etwa Christofer Ranzmaier, Landesparteisekretär der Tiroler Freiheitlichen: „Wenn ich spätabends nach der Arbeit heimkomme und nebenbei die Seite zu moderieren habe, dann kann es schon sein, dass manches verborgen wird, was nicht unbedingt sein müsste.“ So könnte das etwa bei diesem Beitrag mit den meisten gelöschten Kommentaren gewesen sein.

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Ein Wirt aus Sölden verhängte über Vizekanzler Heinz-Christian Strache und Infrastrukturminister Norbert Hofer ein Zutrittsverbot. In Kommentaren gegenüber Tageszeitungen sagte der Betreiber danach, dass es sich um eine „satirische Aktion“ eines Mitarbeiters gehandelt habe. Zur Kritik des Tiroler FP-Spitzenkandidaten an dieser Aktion sind etwa 390 Kommentare vorhanden. Dem stehen 270 entfernte Kommentare gegenüber. In vielen davon fordern Nutzer ein, dass sich der Wirt seine Gäste selbst aussuchen dürfen solle, oder hinterfragen, was an einem Lokalverbot für Nationalsozialisten (ungeachtet des Bilds der FP-Funktionäre) schlimm wäre. Dieser Beitrag war der Auftakt für die drei debattenstärksten Themen im Tiroler Facebook-Wahlkampf.

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Neben dem diskutierten Lokalverbot gehen auch die beiden anderen Höhepunkte auf Beiträge der Freiheitlichen zurück. Die meisten Kommentare gab es rund um einen ORF-Tirol-Beitrag, in dem die Reaktion von FP-Spitzenkandidat Markus Abwerzger auf antisemitische Äußerungen bei Erstausstrahlung nicht zu sehen war.

Meine Presseaussendung zum ORF Skandal in Tirol. Ich bin wirklich einiges gewöhnt, als Politiker soll/muss man eine…

Gepostet von Markus Abwerzger am Samstag, 10. Februar 2018

Zudem sei ein Wahlplakat im FPÖ-Design, auf dem ein Kind mit den Worten „Augen auf, Brenner zu – endlich echter GRENZSCHUTZ“ untertitelt ist, eine Fälschung von „Linken“.

ACHTUNG erneute MANIPULATION! Dieses Plakat geistert gerade in den Sozialen Medien herum und wurde auch in Innsbruck…

Gepostet von Markus Abwerzger am Freitag, 16. Februar 2018

Für die Freiheitlichen hat Facebook im Vergleich zum politischen Mitbewerb einen hohen Stellenwert: „Neben dem direkten Kontakt auf der Straße ist das unser wichtigster Kanal, um ungefiltert und kostengünstig unsere Botschaften zu verbreiten“, sagt Tirols FP-Landesparteisekretär Ranzmaier.

Trolle für den Mitbewerb

Im Gegensatz dazu sehen die politischen Kontrahenten die Anhänger des rechten Lagers als Hauptstörfaktor auf ihren Seiten. Von der Tiroler Volkspartei heißt es etwa, dass „wortgleiche Kommentare verteilt auf allen Kanälen geteilt werden“, die sie deshalb als Spam einordne und lösche. Einen ähnlichen Ton schlägt die Tiroler SPÖ an. Es gebe „viele unsachliche Kommentare von Fake Accounts, die aus dem rechten Lager kommen“, sagt etwa Pressesprecher David Kranebitter. Auffallend bei SPÖ und FPÖ ist der hohe Anteil an gelöschten Kommentaren, bei denen sich Nutzer gegenseitig kritisieren. Das geht auf zum Teil lange Gesprächsfäden zurück, die früher oder später mit Untergriffen, Unterstellungen und Beleidigungen enden.

Automatisierte Moderation

Während die SPÖ alle ihre Kommentare im Nachhinein begutachtet, greifen die Freiheitlichen schon vorher ein. Sie haben einen Filter aktiviert, der Kommentare mit Schimpfwörtern vorher abfängt, außerdem wird eine Liste von Wörtern hochgeladen, die nicht enthalten sein dürfen. Im Nachhinein schaltet das Social-Media-Team der FPÖ unbedenkliche Beiträge dann wieder frei. Diese Maßnahme sei ergriffen worden, weil die Staatsanwaltschaft einmal gegen Spitzenkandidat Abwerzger Ermittlungen eingeleitet habe (sie wurden später wieder eingestellt). Es ging dabei um sogenannte Hasspostings auf seiner Seite.

Weil sich nun Nutzer auf seiner Seite an einer Stelle über vermeintlich zu Unrecht zurückgehaltene Kommentare beschwerten, rechtfertigte Abwerzger selbst das Vorgehen so: „Ich habe auf der Seite zu meiner Sicherheit und auch zur Sicherheit von manchen Postern einen Filter einbauen müssen, der bei bestimmten Wörtern das gesamte Kommentar blockiert. Geht leider nicht anders, die Linken zeigen alles sofort an. Lg.“ Und löschte den Kommentar danach wieder. 

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Methodik im Detail

Wie funktioniert diese computergestützte Analyse?
Über eine Schnittstelle von Facebook fragen wir alle zehn Minuten ab, welche Kommentare auf der Facebook-Fanpage vorhanden sind. Verschwindet ein Kommentar, wird er als entfernt markiert. Das geschieht für alle Kommentare, die vier Tage auf der Facebook-Seite sichtbar sind. Nach diesem Zeitablauf gehen wir davon aus, dass das Posting dauerhaft auf der Seite bleibt.

Was sind die Schwächen der automatisierten Erfassung der Kommentare?
Nicht enthalten sind Postings, die Sticker enthalten. Löscht Facebook, der User oder das Administratoren-Team der Seite den Kommentar innerhalb von maximal zehn Minuten, erkennt das Programm den Kommentar nicht – insofern fließt er nicht in die Analyse mit ein. Am 14. Februar gab es für mehrere Stunden Probleme mit der automatisierten Abfrage. An diesem Tag gilt das Zehn-Minuten-Zeitfenster nicht.

Kategorisierung der entfernten Kommentare
Kritik:

  • Jemand sagt, dass er nicht den Kandidaten oder die Partei wählen wird
  • Unterschiedliche Auffassungen zu einer politischen Position, Beispiel dritte Piste für den Flughafen
  • Links zu kritischen Artikeln
  • Der Kommentar enthält keine Beleidigungen
  • Kritik an der Art des Wahlkampfs
  • Kritik an Positionen der zugehörigen Bundespartei
  • Infragestellen von politischen Positionen
  • Einfordern von Antworten auf politische Positionen
  • Enthält ein erkennbares inhaltliches Argument
  • Fürsprache für andere Partei

Unsachliche Kritik

  • Zynismus und beleidigende Kritik, die sich Politiker „gefallen lassen“ müssten
  • Verunglimpfungen der Person
  • Enthält kein inhaltliches Argument

Kritik aneinander

  • Streit und Diskurs zwischen Facebook-Nutzern
  • Kann zynisch, ironisch, untergriffig sein
  • Kommentar richtet sich nicht in erster Linie als Botschaft an den Seitenbetreiber

Beleidigungen/Hass

  • Kritik, die mit Schimpfwörtern geäußert wird
  • Beleidigung und Beschimpfung überwiegt ein etwaiges vages Argument
  • Haltlose, diffamierende Vorwürfe

Allgemeines

  • Keine erkennbare Kritik an Person/Partei selbst
  • Kann Schimpfwörter enthalten
  • Kein Zusammenhang zu Wahlkampf, Partei oder Kandidat
  • Völlig Themenfremdes
  • Fürsprache für die Partei des Seitenbetreibers
  • Spam

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23.02.2018

Das Rechercheteam

Gerald Gartner
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Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner
Team Daten

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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