Die meisten Wechselwähler sind Wiener

Die Nationalratswahlen 2002 und 2019 brachten starke Verschiebungen im Stimmverhalten der Österreicher. Ein Überblick, wo sich das Wahlverhalten am stärksten verändert hat.

02.10.2019
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Massive Verluste für die Freiheitlichen – starke Zugewinne für die Volkspartei und die Grünen. Die deutlichen Verschiebungen im Wahlverhalten machen die Nationalratswahl 2019 zur Wahl mit der zweithöchsten Nettovolatilität in der Geschichte der Zweiten Republik – nur bei der Wahl 2002 gab es stärkere Veränderungen in den Parteianteilen. Und auch damals spielte die FPÖ eine entscheidende Rolle.

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Immer mehr volatile Wähler

Beide Wahlen liegen somit im langfristigen Trend, der sich seit 1945 beobachten lässt. Ab Mitte der 1950er Jahre und bis in die späten 1980er Jahre waren Nationalratswahlen von einer geringen Volatilität geprägt. Das bedeutet, dass sich die Anteile der einzelnen Parteien nur wenig zwischen den Wahlen änderten. War die Volatilität bei der Wahl 1949 aufgrund des erstmaligen Antritts des VdU noch recht stark ausgeprägt, gab es im „Goldenen Zeitalter“ der Volksparteien ÖVP und SPÖ nur wenig Bewegung zwischen den Wahlen. Das Wahlverhalten war in diesem Zeitraum äußerst stabil.

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Seit den 1990er Jahren lässt sich jedoch ein Anstieg in der Volatilität beobachten: Die Prozentwerte der Parteien veränderten sich nun deutlich stärker zwischen zwei Wahlen. Dafür war ab Ende der 1980er vor allem der Aufstieg der FPÖ und der Grünen maßgeblich – das Wahlverhalten kam mit diesen Parteien zunehmend in Bewegung.

Durch die erfolgreiche Kandidatur von weiteren Parteien (LIF, Neos, Team Stronach) bzw. durch Abspaltungen von bestehenden Parteien (BZÖ, Liste Pilz) kam es seit der Jahrtausendwende regelmäßig zu noch deutlicheren Änderungen in den Parteianteilen – was zum Teil jedoch darauf zurückzuführen ist, dass einige dieser neuen Parteien bei der folgenden Wahl wieder Verluste einfuhren. Deutlich wird somit, dass die ehemals starke Bindung der österreichischen Wählerschaft an einzelne Parteien nachgelassen hat und das Wahlverhalten dadurch volatiler wurde.

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Unter Volatilität versteht man das Ausmaß an Veränderungen der Parteianteile zwischen zwei Wahlen. Je höher die Volatilität, desto stärker haben sich die Parteianteile verändert. In der Politikwissenschaft wird Volatilität mittels des Pederson-Index gemessen. Dieser summiert die absoluten Veränderungen jeder Partei zwischen zwei Wahlen und dividiert diesen Wert durch zwei. Dieser Index nimmt den Wert 0 an, wenn keine Partei Stimmen gewonnen oder verloren hat, und den Wert 100, wenn alle Parteien alle ihre Stimmen verlieren.

Volatilität ist ein Wiener Phänomen

Die Nationalratswahl 2019 sticht dennoch aus diesem langfristigen Trend hervor. Aufgrund der klaren Verluste von FPÖ und SPÖ sowie der deutlichen Gewinne der Grünen und der Volkspartei klettert der Volatilitätsindex für diese Wahl auf knapp 20 Punkte – und ist damit noch höher als 2017, als durch die Verluste der Grünen und die Gewinne der FPÖ und ÖVP ebenfalls eine hohe Volatilität zu beobachten war.

Dabei gibt es jedoch bedeutsame regionale Unterschiede. Insbesondere in den größeren Städten und deren umliegenden Bezirken ist die Nettovolatilität höher als im restlichen Österreich. In Innsbruck beträgt die Volatilität 22,68 Punkte, was auf die starken Gewinne der Grünen (+17 Prozentpunkte) und Verluste der SPÖ (–11 Prozentpunkte) zurückzuführen ist. Die Verluste der FPÖ halten sich in Innsbruck mit –7,7 Prozentpunkten in Grenzen. In Salzburg und Graz kam es verglichen mit der Nationalratswahl 2017 ebenfalls zu umfassenden Veränderungen in den Stimmenanteilen. Und auch da ist die hohe Volatilität auf das Comeback der Grünen zurückzuführen.

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Volatilität ist dennoch ein Wiener Phänomen. Von den zehn Bezirken mit der stärksten Nettovolatilität sind neun Wiener Gemeindebezirke. Spitzenreiter ist dabei Wien-Neubau mit einer Nettovolatilität von fast 30 Punkten, gefolgt von Mariahilf, der Josefstadt und Alsergrund – und somit alles Bezirke, in denen es zu einer Austauschbewegung der Wählerstimmen hin zu den Grünen gekommen ist.

2019 ist dabei jedoch kein Ausreißer: Bei allen Wahlen seit 1994 waren es zumeist die Wiener Bezirke, in denen sich das Stimmverhalten am stärksten verändert hat. In den großen Wiener Flächenbezirken – 2017 waren diese Bezirke freiheitliche Hochburgen – haben sich die Parteianteile klar verändert, wenn auch etwas schwächer als in den Bezirken im Westen Wiens.

In den ländlichen Regionen ist das Wahlverhalten weniger volatil; das gilt sowohl für 2019 als auch die früheren Nationalratswahlen. Die geringste Veränderung gab es 2019 beispielsweise im Bezirk Oberpullendorf im Burgenland, was auch das Bundesland mit der geringsten Volatilität ist. Generell ist die Volatilität 2019 immer dort geringer, wo weder Grüne noch die FPÖ Hochburgen haben.

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2002 und 2019 – zwei Rekordwahlen

In den Jahren 2002 und 2019 waren demnach besonders viele Wähler in Bewegung, wenngleich aus teilweise unterschiedlichen Gründen: 2002 konzentrierten sich nach der ersten Regierungsbeteiligung der FPÖ Verluste und Gewinne auf die Freiheitlichen sowie die Volkspartei. 2019 setzt sich die Volatilität jedoch aus Zugewinnen und Verlusten für linke als auch rechte Parteien zusammen. Das regionale Muster der Volatilität war heuer daher anders als noch 2002.

2002 war Wien zwar ebenfalls das Bundesland mit den stärksten Veränderungen in den Parteienanteilen, die Veränderungen in den westlichen Bezirken Wiens waren jedoch schwächer als 2019 – ein Umstand, der auf das Comeback der Grünen zurückzuführen ist. Im Unterschied dazu war die Absetzbewegung von der FPÖ in den Flächenbezirken Wiens 2002 stärker ausgeprägt. 2019 gab es außerdem stärkere Veränderungen in Teilen Ober- und Niederösterreichs sowie in Kärnten, was auch daran liegt, dass die FPÖ von 2002 in anderen Regionen stark war als die FPÖ von 2019 – und daher auch in unterschiedlichen Regionen mehr zu verlieren hatte.

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Methodik

Die Grafik zur Volatilität auf Bundesebene seit 1945 beruht auf den offiziellen Endergebnissen aller Nationalratswahlen seit 1945. Für 2019 wurde das vorläufige Ergebnis inklusive Briefwählerstimmen berücksichtigt. Die Volatilität wurde dabei für alle Parteien berechnet, die seit 1945 zumindest einmal im Nationalrat vertreten waren bzw. sind. Für Parteien, die nach 1945 in den Nationalrat eingezogen sind, wurde der Stimmenanteil bei der vorangegangenen Wahl auf 0 gesetzt, um die Veränderung hin zu dieser Partei in den Index aufnehmen zu können.

Für die Grafiken auf Bezirksebene wurden alle Bezirksergebnisse seit 1994 verwendet, die auf wahldatenbank.at zur Verfügung gestellt wurden.

 

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02.10.2019

Das Rechercheteam

Konstantin Glinitzer
Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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