Das Wahlergebnis und seine Folgen, erklärt in 15 Grafiken

Woher kamen die Zugewinne der Volkspartei und der Grünen? Welche Wähler verließen SPÖ und FPÖ? Welche Koalitionsvarianten würden die Wähler befürworten?

Daten
30.09.2019

Eine Wählerwanderung wie zuletzt 2002: Die Nationalratswahl am Sonntag brachte große Verluste für die Freiheitlichen und die Sozialdemokraten sowie starke Zugewinne für Volkspartei und die Grünen. Nur nach dem FPÖ-Treffen in Knittelfeld – es kam zu einer parteiinternen Revolte, die das Ende der ersten Auflage der schwarz-blauen Koalition bedeutete – waren seit Beginn der Zweiten Republik mehr Wählerstimmen in Bewegung.

Wo liegt Ihre Gemeinde?

Die Volatilität hat zwei Hauptgründe: einerseits die freiheitlichen Skandale von Ibiza bis zur neuen Spesenaffäre sowie die Hochkonjunktur des Klimaschutzes als Wahlkampfthema, das die Grünen auf Kosten der SPÖ wieder in den Nationalrat hievte. Diese großen Wählerwanderungen sind in diesen beiden Grafiken für jede Gemeinde Österreichs ersichtlich. Geben Sie den Namen Ihrer Gemeinde ein, um die Verschiebungen zur Wahl 2017 zu sehen. Zudem sehen Sie, ob das Ergebnis der Parteien jeweils über bzw. unter einer durchschnittlichen Gemeinde liegt.

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Die Volkspartei holte mit 37,1 Prozent einen Rekord-Vorsprung zur zweitplatzierten Partei heraus und erhielt bei der Urnenwahl (ohne Briefwähler) in 98 Prozent aller Gemeinden ein besseres Ergebnis. Deshalb verschiebt sich die Verteilung der Stimmenanteile in dieser Visualisierung nach rechts. Konträr fällt das Ergebnis für die Freiheitlichen aus, die nur in einer einzelnen Gemeinde – Jungholz in Tirol (+0,4 %) – ein minimal besseres Ergebnis als bei der vorherigen Nationalratswahl erzielte. Der Verlust der Sozialdemokraten fällt moderater aus. 

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Wählerwanderung zu Grünen

Bei den Kleinparteien sind die Verschiebungen bei den Grünen am deutlichsten. 2017 hatte die Partei in der Mehrheit der Gemeinden weniger als vier Prozent der Stimmen. Durch das Plus von 10,2 Prozentpunkten auf 14 Prozent der Stimmen verschob sich der Schwerpunkt – zulasten der Partei JETZT – Liste Pilz.

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Die Verteilung der Wahlergebnisse lässt sich ebenso regional aufschlüsseln: Vor allem in ländlichen Gemeinden gewann Sebastian Kurz weitere Unterstützer. Das Minus der Freiheitlichen war in urbanen Regionen etwas niedriger als in ländlichen. Der Wiedereinzug der Grünen wiederum fußt hauptsächlich auf den Zugewinnen der Partei in den Städten. Dort hat sie ihren Stimmenanteil von 5 Prozent auf 18 Prozent mehr als verdreifacht. 

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Hinter diesen Verschiebungen stehen große Veränderungen der Wahlentscheidungen einzelner Bevölkerungsgruppen. Der Vergleich der Wahltagsbefragungen dieser Nationalratswahl mit jener aus dem Jahr 2017 zeigt, welche Gruppen besonders häufig die Lager gewechselt haben.

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Die Freiheitlichen haben gemäß der Wählerstromanalyse von SORA für den ORF mehr als eine halbe Million ihrer Stimmen der Wahl 2017 verloren. Rund die Hälfte davon stimmte diesen Sonntag für die Volkspartei von Sebastian Kurz (258.000 Personen), die andere Hälfte blieb ganz zu Hause (235.000). 

Jeder dritte Grün-Wähler kam von der SPÖ

Die verlorenen Stimmen der Sozialdemokraten sind bei den Grünen wiederzufinden. Rund 193.000 Stimmen – oder knapp jeder dritte Grün-Wähler dieser Wahl – waren 2017 noch auf dem Konto der SPÖ. Der Wiedereinzug ins Parlament basiert vor allem auf dem Zugewinnen bei Personen mit höherem Bildungsabschluss.

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Generationen- und Geschlechterkonflikte

Aus einer Gegenüberstellung der Wähleranteile der SPÖ gegenüber der ÖVP sowie der Grünen und der Freiheitlichen lässt sich ebenso ein Bild der Entwicklung der Gegenpole der österreichischen Politik zeichnen. Bei einem Geschlechtervergleich ist einerseits eine Wanderung von SPÖ zur ÖVP zu sehen. Bei den Nationalratswahlen 2006 und 2008 waren Frauen und Männer mehrheitlich im Lager der SPÖ. Auf der anderen Skala wird das veränderte Kräfteverhältnis zwischen Grünen und der FPÖ deutlich: Die Balance verschob sich von den Grünen, die noch 2006 bei Frauen stärker abschnitten hatten, hin zur FPÖ. 2019 erreichten die Grünen bei den Frauen wieder bessere Ergebnisse als die FPÖ – bei den Männern haben die Freiheitlichen weiterhin einen Vorsprung von etwa 10 Prozentpunkten.

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Auch zwischen Alt und Jung zeigen sich gravierende Unterschiede mit Nachteilen vor allem für die Sozialdemokraten. Die Wählergruppe der über 60-Jährigen nähert sich konstant der Volkspartei an. Seit der Übernahme der Volkspartei durch Sebastian Kurz erhielt die SPÖ in dieser Wählergruppe weniger Stimmen als ihr ehemaliger Koalitionspartner. Auf der Achse der Freiheitlichen und Grünen ist eine moderate Bewegung zu den Grünen zu sehen.

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Aber: Koalitionsfindung wird für jede Partei ein Minenfeld

Die Wähler wurden im Rahmen der Wahltagsbefragung gefragt, welche Parteien – außer der, die sie gewählt haben – ihrer Meinung nach in der nächsten Regierung vertreten sein sollen. Das Ergebnis: Keine der vier möglichen Koalitionen würde bei den Wählern aller betroffenen Parteien hoch im Kurs stehen. Am besten schneidet noch die Wiederholung von Türkis-Blau ab – bei dieser Variante wäre wenigstens ein Drittel der ÖVP-Wähler dafür, dass der bisherige Koalitionspartner wieder in der Regierung sitzt.

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Für die Koalitionsvariante Türkis-Grün, die bei Politologen und Journalisten am Wahlabend hoch im Kurs stand, müssten vor allem die Unterstützer von Sebastian Kurz überzeugt werden. Nur einer von fünf gab in der Wahltagsbefragung an, dass er die Grünen gerne in der Regierung sehen würde. 

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Methodik

Die Grafiken zu den Gemeinden und Wählerwanderungen beruhen auf den vorläufigen Endergebnissen aus 2017 und 2019 ohne Berücksichtigung der Briefwähler. Diese konnten nicht berücksichtigt werden, da sie nicht auf Gemeindeebene ausgezählt werden und so beispielsweise eine Aufteilung in urbane und ländliche Wähler nicht möglich ist.

Den weiteren Grafiken liegen die Wahltagsbefragungen von ORF/SORA/ISA zugrunde, für die in den Tagen vor der Wahl und am Wahltag etwa 1.200 Personen telefonisch befragt werden. Die Schwankungsbreite liegt bei Betrachtung aller Personen bei etwa 2,8 Prozent – wird aber größer, wenn nur Untergruppen berücksichtigt werden. Insbesondere bei den Auswertungen zum Wahlverhalten der jüngeren (bis 29) und älteren (60+) Wähler ist aufgrund der kleineren Stichprobe eine Schwankungsbreite von bis zu 8 Prozentpunkten möglich.

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30.09.2019

Das Rechercheteam

Danijel Beljan
Gerald Gartner

Gerald Gartner kuratiert, analysiert und visualisiert große Datenmengen zu politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Themen. Er lehrt an der Fachhochschule Wien. Davor war er für derStandard.at und NZZ.at in Wien tätig.

Konstantin Glinitzer
Markus „Fin“ Hametner

Markus Hametner hat Informatik studiert, baut seit 2011 Brücken zwischen Technologie und Journalismus und beschäftigt sich seit 2014 als Datenjournalist mit internationalen Datenrecherchen und interaktiven Visualisierungsformen. In seiner Freizeit betreibt er als Mitgründer des Forum Informationsfreiheit die Plattform FragDenStaat.at und trägt erfolgreich Rechtsstreite mit Behörden aus, die Auskünfte verweigern.

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